Unter­neh­mens­ver­käu­fe - Was tun?

Ein Gespräch mit Betriebsräten

 

Wenn Kapi­ta­lis­tIn­nen Unter­neh­men ver­kau­fen, Arbeits­plät­ze ver­nich­ten oder unse­re Lebens- und Arbeits­be­din­gun­gen angrei­fen, dann hilft nur die gemein­sa­me Gegen­wehr von unten (sie­he hier­zu Avan­ti² Nr. 57 von Mai 2019). Wir haben mit Betriebs­rats­mit­glie­dern aus drei Che­mie- und Metall­be­trie­ben über ihre Situa­ti­on, ihre Befürch­tun­gen und Hoff­nun­gen gesprochen.*

Aktive Mittagspause bei Bopp & Reuther und bei VAG auf dem Waldhof, 15. Mai 2019 (Foto: helmut-roos@web.de)

Akti­ve Mit­tags­pau­se bei Bopp & Reu­ther und bei VAG auf dem Wald­hof, 15. Mai 2019 (Foto: helmut-roos@web.de)

Wie sieht die der­zei­ti­ge Ent­wick­lung im Unter­neh­men aus?

Cla­ra: Wir wur­den bereits ver­kauft. Der­zeit soll uns eine neue „Unter­neh­mens­kul­tur“ ein­ge­impft wer­den. Gleich­zei­tig begin­nen Umstruk­tu­rie­run­gen: Ver­wal­tung, IT-Abtei­lung, Ein­kauf, Mar­ke­ting usw. sol­len in die jewei­li­gen Struk­tu­ren des Käu­fer­kon­zerns „inte­griert“ wer­den. Das wird ziem­lich sicher Arbeits­plät­ze bei uns ver­nich­ten. Ein wei­te­res Pro­blem ist, dass unser Betrieb jetzt vom Kon­zern „fern­ge­steu­ert“ wird. Das ent­schei­den­de Manage­ment sitzt nicht mehr an unse­rem Stand­ort. Die Unter­neh­mens­ver­tre­ter, mit denen wir ver­han­deln, haben nur noch gerin­ge, vom Kon­zern vor­ge­ge­be­ne Spielräume.
Kevin: Wir hat­ten die letz­ten Mona­te die Befürch­tung, dass ein Ver­kauf bevor­steht. Aktu­el­le scheint der Ver­kauf vom Tisch. Viel­mehr will man das Unter­neh­men „opti­mie­ren“. Auf allen Ebe­nen will man die Effi­zi­enz und damit den Pro­fit zu stei­gern. Viel­leicht um einen höhe­ren Ver­kaufs­preis zu erzie­len. Wir wis­sen es nicht.
Hei­ko: Wir wur­den vor Jah­ren zer­schla­gen und ver­kauft. Der ver­blie­be­ne Rest erfuhr und erfährt immer wie­der neue Umstruk­tu­rie­run­gen und Ver­än­de­run­gen. Der­zeit herrscht eine trü­ge­ri­sche Ruhe. Auch in den ver­kauf­ten Unter­neh­mens­tei­len gibt es kei­ne Ruhe mehr. Viel­mehr ist ein per­ma­nen­ter Opti­mie­rungs- und Wei­ter­ver­kaufs­druck zu spüren.

Was sind Eure per­sön­li­chen Befürchtungen?

Cla­ra: Im schlimms­ten Fall eine Schlie­ßung des Stand­or­tes, aber auf jeden Fall den Ver­lust von vie­len Arbeitsplätzen.
Kevin: Im Rah­men der Umstruk­tu­rie­rung Per­so­nal­ab­bau und Ent­las­sun­gen und danach viel­leicht doch ein Verkauf.
Hei­ko: Der Arbeits­druck wird wohl wei­ter gestei­gert wer­den. Unklar ist immer noch, wel­che stra­te­gi­sche Aus­rich­tung die Kon­zern­lei­tung für das Unter­neh­men plant. Des­halb ist bis­her auch über­haupt nicht erkenn­bar, wel­che Rol­le unser Stand­ort in Zukunft spie­len wird und was mit uns Beschäf­tig­ten pas­sie­ren soll.

Nimmt die Beleg­schaft die Ver­än­de­run­gen wahr?

Cla­ra: Obwohl eine gewis­se Anspan­nung und Unsi­cher­heit spür­bar ist, herrscht ins­ge­samt eine abwar­ten­de Ruhe.
Kevin: Die meis­ten Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen glau­ben nicht so recht, dass Ver­schlech­te­run­gen auf uns zukom­men werden.
Hei­ko: Der­zeit herrscht bei uns Ruhe. Aber die Fol­ge der Maß­nah­men der letz­ten Jah­re ist Unsi­cher­heit bezüg­lich der Zukunft und Unzu­frie­den­heit über gestei­ger­ten Arbeits­druck sowie das ver­schlech­ter­te Betriebsklima.

Was tut der Betriebs­rat ange­sichts der Entwicklung?

Cla­ra: Der Betriebs­rat ist in sei­ner gro­ßen Mehr­heit mit der Situa­ti­on überfordert.
Kevin: Der Betriebs­rat ver­sucht, die Beleg­schaft über die dro­hen­den Gefah­ren auf­zu­klä­ren. Aber so rich­tig will man ihm nicht glauben.

Treffen des überbetrieblichen Solidaritätskomitees vor dem GE-Werk in Mannheim, 06. Oktober 2016 (Foto: privat)

Tref­fen des über­be­trieb­li­chen Soli­da­ri­täts­ko­mi­tees vor dem GE-Werk in Mann­heim, 06. Okto­ber 2016 (Foto: privat)

Wel­che Hal­tung hat Eure Gewerkschaft?

Cla­ra: Die Ver­ant­wort­li­chen set­zen auf ver­trau­ens­vol­le Zusam­men­ar­beit und wol­len die Ver­än­de­run­gen nicht ver­hin­dern, son­dern mit­ge­stal­ten. Dies wird zwar von unse­ren Ver­trau­ens­leu­ten zum Teil anders gese­hen, aber sie sind nicht wirk­lich in der Lage zu eigen­stän­di­ger Akti­on. Die VL haben mit einer Unter­schrif­ten­lis­te eine Stand­ort­si­che­rungs­ver­ein­ba­rung gefor­dert, aber mehr war bis­lang nicht drin.
Kevin: Unse­re Gewerk­schaft lässt uns schlicht­weg hängen.

Gibt es unab­hän­gi­ge Initia­ti­ven zur Gegen­wehr sei­tens Eurer KollegInnen?

Cla­ra: Nein. Bis auf die erwähn­te Unter­schrif­ten­samm­lung gibt es kei­ne Eigeninitiative.
Kevin: Nein. Aber wir haben bis­her auch nicht ver­sucht, ent­spre­chen­de Initia­ti­ven zu starten.
Hei­ko: Es gab sol­che Initia­ti­ven. Aber inzwi­schen sitzt der Frust so tief, dass es schwie­rig ist, die ehe­mals Akti­ven wie­der zu reaktivieren.

Gibt es bei Euch einen „kämp­fe­ri­schen Kern“ von Akti­ven, der den Wider­stand organisiert?

Cla­ra: Es gibt einen klei­nen Kreis, der im Betriebs­rat und im Ver­trau­ens­leu­te­kör­per arbei­tet. Aber von einem wirk­li­chen sta­bi­len Kern sind wir noch ein ziem­li­ches Stück entfernt.
Kevin: Es gibt einen Kern, der im Betriebs­rat aktiv ist und der ver­sucht, sei­ne Arbeit zu dis­ku­tie­ren und zu koor­di­nie­ren. Die­ser Kern ist für uns alle extrem wich­tig. Wir ste­hen ja im Dau­er­kon­flikt mit dem Unter­neh­men und teil­wei­se auch mit unse­rer Gewerk­schaft. Ohne die­sen Kern hät­te wir viel weni­ger Wir­kung, und ehr­li­cher­wei­se wür­de ich das alles ohne die­sen Kern nicht durchhalten.
Hei­ko: Naja, es gibt schon einen orga­ni­sie­ren­den Kern im Betriebs­rat. Aber mei­ner Mei­nung nach fehlt ihm eine kla­re poli­ti­sche Ori­en­tie­rung, um dau­er­haft wirk­sam sein zu können.

Orga­ni­siert Ihr Öffent­lich­keit? Habt Ihr Kon­takt zu Medi­en und PolitikerInnen?

Cla­ra: Nein. Dafür haben wir bis­lang nicht die Not­wen­dig­keit gesehen.
Kevin: So ist es auch bei uns.
Hei­ko: Das haben wir im Ver­lauf der Zer­schla­gung gemacht. Aber letzt­end­lich konn­ten wir damit nichts auf­hal­ten. Jedoch glau­ben wir, dass damit der Druck auf die Unter­neh­mens­lei­tung erhöht wer­den konn­te und wir bes­se­re Bedin­gun­gen aus­han­deln konnten.

Seid Ihr über­be­trieb­lich ver­netzt mit ande­ren Beleg­schaf­ten und Betriebsräten?

Cla­ra: Ja, zum Teil. Aber es reicht nicht aus und führt nicht zu gemein­sa­men Aktio­nen. Was fehlt sind über­be­trieb­li­che gewerk­schaft­li­che Aktionen.
Kevin: Wir drei sind ja zusam­men in den­sel­ben Komi­tees. Aber mehr ist zur­zeit nicht. Die Gewerk­schaf­ten blei­ben bei schö­nen Reden und ver­ba­len Soli­da­ri­täts­er­klä­run­gen stehen.

Wel­che Mög­lich­kei­ten seht Ihr?

Kevin: Viel­leicht gelingt es uns, die Beleg­schaft zu mobi­li­sie­ren. Dann hät­ten wir die Chan­ce, einen Teil der Ver­schlech­te­run­gen abzu­weh­ren. Zumin­dest wäre es mög­lich, neue Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen in der Gewerk­schaft zu orga­ni­sie­ren und von der Not­wen­dig­keit gemein­sa­mer Gegen­wehr zu über­zeu­gen. Das wäre ein wich­ti­ger Schritt und wir könn­ten so wenigs­tens die Ver­trau­ens­leu­te und den Betriebs­rat stär­ken. Und wir wären damit bei den nächs­ten Angrif­fen bes­ser aufgestellt.
Hei­ko: Wir müs­sen erst­mal den Betriebs­rat und die Ver­trau­ens­leu­te reor­ga­ni­sie­ren. Vor­her sehe ich kei­ne Mög­lich­keit dau­er­haf­ter und erfolg­rei­cher Gegenwehr.

* [Die Fra­gen stell­te U.D., die Namen der Gesprächs­teil­neh­me­rIn­nen wur­den aus Daten­schutz­grün­den geändert.]

Aus Avan­ti² Rhein-Neckar Juni 2019
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