2017: Jubel­jahr für Mar­tin Luther?

 

Manu­el Kell­ner 

Bildnis Martin Luthers von Lucas Cranach dem Älteren, 1529. Foto: Wikimedia Commons, Gemeinfrei.

Bild­nis Mar­tin Luthers von Lucas Cra­nach dem Älte­ren, 1529.

Seit dem 31. Okto­ber 2016 lau­fen in Deutsch­land ein gan­zes Jahr lang Fei­er­lich­kei­ten zum 500. Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um. Der Refor­ma­tor Mar­tin Luther soll am 31. Okto­ber 1517 sei­ne 95 The­sen gegen den Ablass­han­del an die Tür der Wit­ten­ber­ger Schloss­kir­che ange­schla­gen haben.
Die Bun­des­re­gie­rung steu­ert zum guten Gelin­gen unmit­tel­bar 41 Mil­lio­nen Euro bei. Hin­zu kom­men vie­le Mil­lio­nen vom Land Sach­sen-Anhalt und vom Bund für die Denk­mal­pfle­ge. Wie passt das zur vor­geb­li­chen Tren­nung von Kir­che und Staat? Wir wer­den sehen, wie­viel Steu­er­gel­der 2018 zum 200. Geburts­tag von Karl Marx flie­ßen wer­den.

Geg­ner der auf­stän­di­schen Bau­ern …


Mar­tin Luther eig­net sich nicht zur gefei­er­ten Licht­ge­stalt. Im Jahr 1525 hat­te er nicht nur die auf­stän­di­schen Bau­ern ver­ur­teilt. Er hat­te viel­mehr die Obrig­keit dazu auf­ge­for­dert, sie zu „zer­schmei­ßen, zu wür­gen und ste­chen, heim­lich und öffent­lich, wer da kann, gleich als wenn man einen tol­len Hund tot­schla­gen muss.“
Die bäu­er­li­che Bevöl­ke­rung war von der Ver­schlech­te­rung ihrer Lage bedrängt. Die Refor­ma­ti­on mit ihrer Paro­le der „Frei­heit“ (von Rom), ihrer Kri­tik an einer selbst­süch­ti­gen Pries­ter­schaft und am betrü­ge­ri­schen Ablass­han­del („wenn das Geld im Kas­ten klingt, die See­le aus dem Fege­feu­er springt“) mach­te die­sen aus­ge­beu­te­ten und unter­drück­ten Men­schen Hoff­nung. Mar­tin Luther wur­de ihnen gegen­über zum Ver­rä­ter.

und Tho­mas Münt­zers
Statt Luther soll­te Tho­mas Münt­zer geehrt wer­den, der den auf­stän­di­schen Bau­ern treu geblie­ben war bis in den Tod. Tho­mas Münt­zers Pre­dig­ten nah­men Moti­ve des christ­li­chen Glau­bens auf. Er nann­te die feu­da­len Grund­her­ren und die mit ihnen ver­bün­de­ten Pfaf­fen gott­los. Die Bau­ern frag­ten denn auch: „Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edel­mann?“
Reli­gio­si­tät im Sin­ne Münt­zers war nicht die Ver­trös­tung auf ein bes­se­res Leben im Jen­seits, son­dern die Ver­wirk­li­chung des Gebots der Nächs­ten­lie­be durch soli­da­ri­sches Han­deln im Dies­seits.

Luther als Het­zer
Berüch­tigt ist die Het­ze Luthers gegen „Tür­ken“, „Hexen“ und Juden. Sein 1543 erschie­ne­nes Buch „Von den Juden und ihren Lügen“ ist kürz­lich vom Ali­bri-Ver­lag in moder­nem Deutsch neu her­aus­ge­bracht wor­den. Da kann man nach­le­sen, wie Luther emp­foh­len hat, die Juden zu ent­eig­nen, zu miss­han­deln und lezt­lich umzu­brin­gen.
Furcht­bar, was der evan­ge­li­sche Lan­des­bi­schof und „Deut­sche Christ“ Mar­tin Sas­se Ende 1938 zum Juden­po­grom, der „Reichs­kris­tall­nacht“, von sich gege­ben hat­te:
„Am 10. Novem­ber 1938, an Luthers Geburts­tag, bren­nen in Deutsch­land die Syn­ago­gen. Vom deut­schen Volk wird … die Macht der Juden auf wirt­schaft­li­chem Gebiet im neu­en Deutsch­land end­gül­tig gebro­chen und damit der gott­ge­seg­ne­te Kampf des Füh­rers zur völ­li­gen Befrei­ung unse­res Vol­kes gekrönt. In die­ser Stun­de muss die Stim­me des Man­nes gehört wer­den … der getrie­ben von sei­nem Gewis­sen, getrie­ben von den Erfah­run­gen und der Wirk­lich­keit, der größ­te Anti­se­mit sei­ner Zeit gewor­den ist, der War­ner sei­nes Vol­kes wider die Juden.“
Gegen frü­he Auf­klä­rer der Refor­ma­ti­ons­zeit nann­te Luther die Ver­nunft „des Teu­fels Hure“ und berief sich gegen den Astro­no­men Koper­ni­kus auf Bibel­stel­len um zu „bewei­sen“, dass die Son­ne sich um die Erde dreht. Die pro­tes­tan­ti­schen Kir­chen sind auf­ge­for­dert, sich end­lich von die­sen erz­re­ak­tio­nä­ren Sei­ten Mar­tin Luthers klar zu distan­zie­ren.

Wich­ti­ge Anknüp­fungs­punk­te
Gleich­wohl ent­hält Luthers Theo­lo­gie wich­ti­ge Anknüp­fungs­punk­te für spä­te­re reli­gi­ons­kri­ti­sche Auf­klä­rung. „Wenn Gott allein für sich im Him­mel säße wie ein Klotz, so wäre er nicht Gott“, lehr­te er. Nur ein Gott, der den Men­schen nützt, ist für ihn wirk­lich Gott. Jesus Chris­tus als der mensch­ge­wor­de­ne Gott, der sich für die Men­schen auf­op­fert, ist daher aus sei­ner Sicht der eigent­li­che Gott der Chris­ten. Die Men­schen sind nach Luther der Gna­de Got­tes aus­ge­lie­fert, fin­den aber im Got­tes­sohn Trost.
In einer sei­ner Tisch­re­den sag­te Luther: „Einen Gott haben und ihn ehren gehö­ren zusam­men wie Mann und Weib im Ehe­stand, kei­nes kann ohn‘ das ande­re sein.“ Der Phi­lo­soph Lud­wig Feu­er­bach hat die Fra­ge gestellt, wer hier von wem abhän­gig ist, die Anbe­ten­den von Gott oder Gott von den Anbe­ten­den?
Mar­tin Luther woll­te die Inhal­te der Bibel wie der pro­tes­tan­ti­schen Kult­hand­lun­gen dem nor­ma­len Volk zugäng­lich machen. Daher rüh­ren sei­ne Ver­diens­te um die Ent­wick­lung der deut­schen Spra­che.

aus der Rhein-Neckar Bei­la­ge zur Avan­ti Febru­ar 2017
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