Betriebs­rä­te - Zahn­los, erschöpft oder mit har­tem Kern?

 

H.N.

Für die Gewerk­schafts­ap­pa­ra­te sind sie wich­ti­ge Stüt­zen im Betrieb oder unkon­trol­lier­ba­re Unru­he­stif­ter. Für die Kapi­ta­lis­ten und ihre Mana­ger sind sie nütz­li­che Werk­zeu­ge oder ärger­li­che Hin­der­nis­se. Für die Beleg­schaf­ten sind sie kon­se­quen­te Inter­es­sen­ver­tre­te­rIn­nen oder Hand­la­ger der Bos­se.

Viel­leicht ist das alles zu grob geschnitzt und zu sehr schwarz-weiß gemalt. Aber in der betrieb­li­chen Wirk­lich­keit muss sich jedes Betriebs­rats­mit­glied immer wie­der die Fra­ge stel­len: Auf wel­cher Sei­te ste­he ich? Unbe­dingt soll­te es auch eine ande­re ele­men­ta­re Über­le­gung anstel­len: Wie hal­te ich ein jah­re- oder gar jahr­zehn­te­lan­ges Enga­ge­ment durch – ohne mich zu ver­bie­gen und ohne kaputt zu gehen?

1. Mai 2018 - Kundgebung am Marktplatz. (Foto: Avanti²)

1. Mai 2018 - Kund­ge­bung am Markt­platz. (Foto: Avan­ti²)

Dik­ta­tur der Zah­len“

Die Jagd nach stän­dig höhe­ren Pro­fi­ten wird durch die „Dik­ta­tur der Zah­len“ sys­te­ma­ti­siert und ver­ste­tigt. Dar­aus resul­tie­ren zum einen per­ma­nen­te „Kos­ten­sen­kun­gen“ zu Las­ten der Beschäf­tig­ten. Zum ande­ren gibt es immer neue Ver­fei­ne­run­gen des „Man­ge­ments of Chan­ge“ (MOC – Manage­ment der Ver­än­de­rung). Es zieht eine end­lo­se Ket­te von „Restruk­tu­rie­run­gen“ nach sich.

Ein wirk­li­cher Teu­fels­kreis ver­stärkt den Kon­kur­renz­kampf in und zwi­schen den Beleg­schaf­ten und führt zu ihrer Spal­tung und Ent­so­li­da­ri­sie­rung. Zudem ver­ur­sacht er wach­sen­de Ver­un­si­che­rung und – vor allem zuneh­men­de psy­chi­sche – Belas­tun­gen bei den Beschäf­tig­ten. In der Fol­ge neh­men arbeits­be­ding­te Erkran­kun­gen stän­dig wei­ter zu.

An Betriebs­rä­ten (BR) gehen all die­se Ent­wick­lun­gen nicht spur­los vor­bei. Ganz im Gegen­teil. Wie durch ein Brenn­glas gebün­delt spie­gelt sich das betrieb­lich erzeug­te Cha­os in ihren Struk­tu­ren und ihrer jewei­li­gen Per­son wider.

Um die­sem Druck stand­hal­ten zu kön­nen, ist eine gute, pra­xis­taug­li­che Qua­li­fi­zie­rung und Orga­ni­sie­rung erfor­der­lich. Im Betrieb, in der Gewerk­schaft und in der Gesell­schaft.

Wor­auf auf­bau­en?

Wir kön­nen ganz grund­le­gend auf unse­rer jeweils eige­nen Kraft, unse­rem indi­vi­du­el­len Wis­sen und unse­ren per­sön­li­chen Erfah­run­gen auf­bau­en. Gemein­sam und im kon­struk­ti­ven, soli­da­ri­schen Aus­tausch mit unse­ren Kol­le­gIn­nen kön­nen wir die­ses Poten­zi­al ver­viel­fa­chen. Beson­de­re Bedeu­tung hat hier­bei die Schaf­fung und Fes­ti­gung von akti­ven Struk­tu­ren im Betrieb, in der Gewerk­schaft und in der Gesell­schaft.

10 Vor­schlä­ge

Fol­gen­de zehn, aus vie­len Erfah­run­gen sich erge­ben­den Vor­schlä­ge kön­nen uns wei­ter­hel­fen:
1. Wir müs­sen die Balan­ce Arbeit-Leben stän­dig im Auge behal­ten.
2. Eine struk­tu­rier­te Orga­ni­sa­ti­on der BR-Arbeit mit über­prüf­ba­ren Schwer­punkt­set­zun­gen (Agie­ren statt Reagie­ren) ist unab­ding­bar.
3. Zen­tral ist dabei der kon­ti­nu­ier­li­che Auf­bau und die Ent­wick­lung eines har­ten, wider­stands­fä­hi­gen Kerns im Betriebs­rat.
4. Eine geplan­te poli­ti­sche, recht­li­che und fach­spe­zi­fi­sche Schu­lung ist zwin­gend erfor­der­lich (Ver­ste­hen von Stra­te­gie und Tak­tik, Zeit­ma­nage­ment, Rhe­to­rik, Kom­mu­ni­ka­ti­on, Ver­hand­lungs­tech­ni­ken, EDV-Kennt­nis­se …).
5. Ohne die Kennt­nis der Fir­ma, der Bran­che und des Wirt­schafts­sys­tems wird ein Betriebs­rat im Dun­keln tap­pen.
6. Glaub­wür­dig­keit und ein sys­te­ma­ti­sches Vor­ge­hen sind wesent­li­che Vor­aus­set­zun­gen, um die Ver­an­ke­rung des Betriebs­rats in der Beleg­schaft auf- und aus­zu­bau­en.
7. Ein poli­ti­sches Orga­ni­zing der Beleg­schaft schafft ein fes­tes Fun­da­ment für die BR-Arbeit.
8. Geziel­te Nach­wuchs­för­de­rung und die sys­te­ma­ti­sche Suche von Unter­stüt­ze­rIn­nen ermög­li­chen die lang­fris­ti­ge Siche­rung der Inter­es­sen­ver­tre­tung.
9. Zen­tra­les Ziel all die­ser Vor­ha­ben ist es, die Akti­ons- und Mobi­li­sie­rungs­fä­hig­keit der Beleg­schaft im Betrieb zu ent­wi­ckeln und so unse­re Gegen­macht zu stär­ken.
10. Zudem sind wir gut bera­ten, über­be­trieb­li­che Netz­wer­ke in den Gewerk­schaf­ten und dar­über hin­aus zu unter­stüt­zen.

Nie dür­fen wir ver­ges­sen: „Allein machen sie Dich ein!“ Und: „Nur gemein­sam sind wir stark!

Aus Avan­ti² Rhein-Neckar Febru­ar 2019
 
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