Das Beispiel Alstom Power Mannheim (Teil I)
F. B.
Vor 20 Jahren, im Frühjahr 2005, sahen sich die Kolleginnen und Kollegen von Alstom Power Mannheim erneut mit Abbauplänen der Konzernleitung konfrontiert. Diese wollte mit fadenscheinigen Begrün- dungen rund 900 Stellen streichen.

Alstom-Demo gegen Abbau in Mannheim, 25. April 2005. (Foto: Helmut Roos.)
Ganze Bereiche sollten geschlossen werden, obwohl sie maßgeblich zu den Gewinnen von Alstom beigetragen hatten und mit ihren Kompetenzen im gesamten Konzern einmalig waren. Andere Abteilungen sollten derart dezimiert werden, dass ihre weitere Existenz in Frage gestellt war.
Der Betriebsrat fürchtete zurecht, dass dies die vorletzte Stufe vor der Schließung des über 100 Jahre alten Betriebs sein sollte.
Im Mannheimer Werk arbeiteten damals rund 2.000 Menschen, zwei Drittel in den Büros und ein Drittel in der Fabrik. Hier wurden Turbinen und Generatoren für nichtnukleare Kraftwerke geplant und produziert.
Da für Betriebsrat und IG Metall-Vertrauenskörper Aufgeben keine Option war, suchten sie nach Möglichkeiten des gemeinsamen Widerstands.
Widerstand statt Resignation
Nachdem die Pläne der Pariser Konzernleitung Ende März 2005 bekannt geworden waren, forderte der Betriebsrat das örtliche Management in einer Betriebsversammlung auf, Stellung zu beziehen. Als keine Antworten seitens der Geschäftsleitung kamen, wurde die Versammlung unterbrochen.
In einer Wochenendklausur hatte die IGM-Vertrauenskörperleitung intensiv über das weitere Vorgehen beraten. Sie beschloss einmütig, eine in dieser Länge selbst im Käfertaler Werk noch nie gesehene Betriebsversammlung vorzubereiten.
In den darauffolgenden Tagen und Wochen informierten die IGM-Betriebsräte alle Abteilungen während der Arbeitszeit ausführlich über den Ernst der Lage. Sie motivierten die dort arbeitenden Kolleginnen und Kollegen, sich aktiv auf die Fortführung der unterbrochenen Betriebsversammlung vorzubereiten.
Vom 25. bis zum 29. April 2005 wurde die Betriebsversammlung fortgesetzt. In einer mit Plakaten und Transparenten geschmückten Werkshalle widerlegte eine große Anzahl von Be- schäftigten in Dutzenden von Redebeiträgen alle „Argumente“ der Konzernleitung. Sie zeigten den fast 2.000 Anwesenden nicht nur, wer den Laden am Laufen hielt, sondern welche konkrete Bedeutung ihre jeweilige Arbeit für das Unternehmen hatte.
Die unglaublich solidarische Stimmung wurde durch viele gemeinsame Aktionen während der Dauer der Versammlung noch gestärkt. Belegschaft, IGM-Vertrauenskörper und Betriebsrat zeigten eine bisher nicht erreichte Geschlossenheit und Kampfbereitschaft. Fünf Tage lang kontrollierten sie weitgehend das Geschehen im Betrieb.
„Résistance - unsere Chance!“
Am Montag, dem ersten Tag der Fortsetzung der Betriebsversammlung, fanden örtliche Solidaritätsaktionen der anderen deutschen Alstom-Power-Belegschaften statt. Am Dienstag und Mittwoch folgten Arbeitsunterbrechungen der Alstom-Beschäftigten im spanischen Staat und in Italien.
Der Konzernleitung musste spätestens jetzt klar geworden sein, dass das Mannheimer Motto „Résistance – unsere Chance!“ ernst zu nehmen war.
Am Donnerstag, dem vierten Tag, verließen die örtlichen Vorstände und ihr Anhang begleitet von Buhrufen und Pfiffen der Belegschaft die Betriebsversammlung. Angeblich wegen wichtiger Termine, in Wirklichkeit, um die Legitimität der Versammlung infrage zu stellen.
Am Ende jedes Tages beteiligten sich jeweils etwa 1.500 Kolleginnen und Kollegen an lautstarken Protestmärschen vom Käfertaler Werk aus in die Stadt. Höhepunkt war sicherlich die fünfte Demonstration für den Erhalt aller Arbeits- und Ausbildungsplätze, an der sich insgesamt 3.000 Menschen beteiligten: Alstom-Kolleginnen und -Kollegen sowie ihre Familienangehöri- gen einschließlich einer großen Anzahl von Kindern aber auch Delegationen anderer Betriebe.
Am darauffolgenden Sonntag, dem 1. Mai, demonstrierten zum sechsten Mal in sieben Tagen große Teile der Belegschaft. Etwa 2.000 Alstom-Beschäftigte und ihre Familien prägten am 1. Mai die DGB-Demonstration und die anschließende Kundgebung in Mannheim. Darüber berichtete sogar die Tagesschau. (Teil II folgt in Avanti² Nr. 129.)