Am Ran­de der Gesell­schaft

Teil II: Der Regen und die Angst im Nacken

Teil I erschien in Avan­ti² Nr. 23/24 von Juli/August 2016.

R.G.

Solidarität mit Bombardier Mannheim 17.03.2016. Foto: helmut-ross@web.de

Soli­da­ri­tät mit Bom­bar­dier Mann­heim 17.03.2016. Foto: helmut-ross@web.de

Mit der Zeit stieg mein Selbst­be­wußt­sein. Ich bekam sehr posi­ti­ve Rück­mel­dun­gen sei­tens der Pati­en­tIn­nen und der Kol­le­gen. Mensch beden­ke: Ich hat­te die Tätig­keit einer 24-jäh­ri­gen Kol­le­gin über­nom­men, die das Hand­tuch geschmis­sen hat­te. Sie hat­t­te dem Druck nicht mehr stand­hal­ten kön­nen.
Da sie sehr beliebt war, muß­te ich mich erst bewei­sen, was mir rela­tiv schnell gelang. Vie­le der Pati­en­tIn­nen gaben mir viel Trink­geld und Aner­ken­nung. Die­ses stärk­te mich enorm. Ich bekam ein neu­es Lebens­ge­fühl.
Es kam nicht sel­ten vor, dass Kol­le­gen­In­nen Pati­en­tIn­nen gegen­über Feh­ler gemacht hat­ten. Die­se woll­ten dann jene The­ra­peu­tIn­nen nicht mehr wei­ter haben. Dann muß­te ich die Koh­len aus dem Feu­er holen.

Haus­be­su­che bei Regen­wet­ter
Solan­ge das Wet­ter gut war, konn­te ich mit dem Rad mei­ne Haus­be­su­che pro­blem­los durch­füh­ren. Aber was war, wenn schlech­tes Wet­ter herrsch­te?
An einem Tag reg­ne­te es in Strö­men. Mei­ne Haus­be­su­che lagen sehr weit aus­ein­an­der. Unter­wegs fluch­te ich, dach­te an die Skla­ven in Katar. Bei den Pati­en­tIn­nen kam ich trie­fend nass an. Sie schau­ten mich erstaunt an und frag­ten, ob wir denn kein Auto hät­ten und ich so hier arbei­ten wol­le. Ich sol­le auf den Tep­pich auf­pas­sen und so wei­ter.
Ich war stink­sauer auf den Laden. Ich rief sofort von der Pra­xis aus die Che­fin an und beschwer­te mich. Eine tol­le Ant­wort war die Fol­ge: Kau­fe Dir einen Regen­schutz für das Rad­fah­ren.
Ich kauf­te mir also Regen­klei­dung beim Aldi, aber bezahlt bekam ich sie nie. Als ich die Kol­le­gIn­nen dar­auf ansprach, sag­ten sie mir, dass sie alle auch das selbst bezahlt hät­ten.
So ent­stand bei mir die Idee: Wir müs­sen uns soli­da­ri­sie­ren! Trotz der Angst, den Job zu ver­lie­ren und wie­der in die Hartz IV-Schei­ße rein­zu­fal­len!

Die all­ge­gen­wär­ti­ge Angst
Die­se Angst war bei uns allen all­gen­wär­tig. Sie war immer da. Selbst, wenn du alles gut gemacht hast und wenn es kei­ner­lei Anlaß gab, - sobald die Che­fin da war, tauch­ten wir alle ab. Ihre Brül­le­rei war unbe­schreib­lich. Manch­mal brüll­te ich zurück. Dann war Ruhe.
Der größ­te Ham­mer war, dass sie mir ein­mal sag­te, sie wol­le mich nicht ver­lie­ren. Sie bzw. ihre Steu­er­be­ra­te­rin, die auch auf Mini­job-Basis arbei­tet, hät­te es ver­säumt, einen Antrag zu stel­len. Wobei ging es bei die­sem Antrag? Wenn ein Unter­neh­mer einen Lang­zeit­ar­beits­lo­sen ein­stellt, bekommt er vom Staat 70 Pro­zent Zuschuss zum Lohn. Sie hät­te dann für mich nur 30 Pro­zent zah­len müs­sen. Da ich eine Schwer­be­hin­de­rung von 100 Pro­zent hät­te, so ihre Argu­men­ta­ti­on, könn­te ich doch einen Antrag an das Job­cen­ter stel­len. Ich sol­le sagen, dass ich mei­ne Schwer­be­hin­de­rung bei der Bewer­bung aus Angst ver­schwie­gen hät­te.
Gesagt, getan. Doch das Arbeits­amt lehn­te mei­nen Antrag ab. Die Begrün­dung war, dass der Antrag vor dem Unter­schrei­ben des Arbeits­ver­tra­ges gestellt wer­den müs­se.

Eine neue Atta­cke 
Es dau­er­te nicht lan­ge, bis die nächs­te Atta­cke kam. Ja - sie wuß­te schon, was Stra­te­gie und Tak­tik ist. Ich sol­le mich doch arbeits­los mel­den, einen Monat bei ihr schwarz arbei­ten, und dann wür­de sie mich wie­der anmel­den. Die­sen Deal lehn­te ich kate­go­risch ab. Das Arbeits­amt ist ist nun ja auch nicht auf den Kopf gefal­len. Wäre ich dar­auf ein­ge­gan­gen und erwischt wor­den, wäre die Fol­ge eine 3-mona­ti­ge Sper­re gewe­sen.
Der Druck wur­de immer grö­ßer, mei­ne Arbeits­zeit immer länger.In einem nor­ma­lem Monat arbei­te­te ich fast 200 Stun­den, ohne die Über­zeit als Mehr­ar­beit ange­rech­net zu bekom­men.
Wenn ich frü­her in unse­ren Zei­tun­gen über sol­che The­men etwas gele­sen hat­te, dach­te ich nur, wie kann mensch sich so etwas gefal­len las­sen.
Wenn ich mor­gens zur Arbeit gefah­ren bin, erleb­te ich, wie die Paket­aus­fah­rer von Her­mes, DHL oder UPS schon früh am Tag abso­lut im Stress waren. Mir taten sie immer leid, aber bei mir war es ja auch nicht anders.

Der Traum vom Gene­ral­streik
Mir ging mor­gens immer ein Bild durch den Kopf. Ich habe ein­mal einen Film über den gro­ßen Bel­gi­schen Gene­ral­streik von 1960/61 gese­hen. Da stand alles still, die Stras­sen­bahn fuhr nicht mehr, es ging nichts mehr. Ich dach­te dann immer, was für eine star­ke Kraft wir doch sein kön­nen.

Fort­set­zung folgt.

aus der Rhein-Neckar Bei­la­ge zur Avan­ti 247, Sep­tem­ber 2016
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