Covid-19-Pan­de­mie:

Schüt­zen wir unse­re Leben, nicht ihre Profite!

ERKLÄRUNG DES BÜROS DER VIERTEN INTERNATIONALE

(Büro der Vier­ten Inter­na­tio­na­le, 17. März 2020)

 

Die Coro­na­vi­rus-Pan­de­mie ist ein Pro­blem der öffent­li­chen Gesund­heit dra­ma­ti­schen Aus­ma­ßes; die Aus­brei­tung des Virus wird gewal­ti­ges Leid her­vor­ru­fen. Bereits jetzt ste­hen in West­eu­ro­pa die Gesund­heits­sys­te­me kurz vor dem Zusam­men­bruch. Wenn die Pan­de­mie mas­siv die Län­der des Südens erreicht, deren bereits schwa­ches oder sehr zer­brech­li­ches öffent­li­ches Gesund­heits­sys­tem durch 40 Jah­re neo­li­be­ra­ler Poli­tik schreck­lich beschä­digt wur­de, wird es zu vie­len Todes­fäl­len kommen.

Schon heu­te ist sie die schwers­te Pan­de­mie seit einem Jahr­hun­dert. Die Zahl der Todes­fäl­le durch die soge­nann­te Spa­ni­sche Grip­pe von 1918-1919 ist nach wie vor schwer abzu­schät­zen, war jedoch ganz beträcht­lich und traf vor allem jun­ge Erwach­se­ne. Ihre Schwe­re erklär­te sich ins­be­son­de­re dadurch, dass sie unmit­tel­bar auf den Ers­ten Welt­krieg folg­te.  Die rasche Aus­wei­tung der Covid-19-Pan­de­mie lässt sich ins­be­son­de­re durch die von der neo­li­be­ra­len Ord­nung ver­ur­sach­te Schwä­chung der Wider­stands­kräf­te in der Bevöl­ke­rung und die Zunah­me pre­kä­rer Ver­hält­nis­se vor dem Hin­ter­grund der gewal­ti­gen Aus­deh­nung des inter­na­tio­na­len Han­dels durch die kapi­ta­lis­ti­sche Glo­ba­li­sie­rung erklä­ren, durch die all­ge­mei­ne Kom­mer­zia­li­sie­rung und das Pri­mat des Profitgesetzes.

Das neue Coro­na­vi­rus wur­de im Novem­ber 2019 in Chi­na ent­deckt. Ärz­tin­nen und Ärz­te oder Wissenschaftler*innen, die ver­such­ten, Alarm zu schla­gen, wur­den anfangs unter­drückt und zum Schwei­gen gebracht.  Wenn die KPCh sofort reagiert hät­te, wäre die Gefahr einer Epi­de­mie mög­li­cher­wei­se im Keim erstickt worden.

Die Poli­tik des Leug­nens der Gefahr ist kei­ne Beson­der­heit des chi­ne­si­schen Regimes. Donald Trump in den USA mach­te sich über die­ses „aus­län­di­sche Virus“ lus­tig. Als Bra­si­li­en bereits von der Pan­de­mie erfasst war, erklär­te Jair Bol­so­na­ro, dass „das Ver­bot von Fuß­ball­spie­len Hys­te­rie“ sei und setz­te sich über Geset­ze und Richt­li­ni­en der Gesund­heits­be­hör­den hin­weg, um an einer Demons­tra­ti­on gegen die Jus­tiz und das Par­la­ment teil­zu­neh­men. Boris John­son im Ver­ei­nig­ten König­reich befür­wor­te­te zunächst eine „Her­denim­mu­ni­sie­rung“ (Die Epi­de­mie soll an ihre inne­ren Gren­zen, wenn etwa 70 % der Bevöl­ke­rung infi­ziert sind). Er war gezwun­gen, die­ses rück­sichts­lo­se und gefähr­li­che Vor­ge­hen zu ändern. Die bel­gi­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin Sophie Wil­mès stell­te sich gegen­über jeder War­nung taub. Die fran­zö­si­sche Prä­si­dent­schaft hat die stra­te­gi­schen Reser­ven (Schutz­aus­rüs­tung und -pro­duk­te usw.) nicht auf­ge­füllt, als die ers­ten Fäl­le im Janu­ar 2020 auf­tra­ten. Die Regie­run­gen der weni­ger betrof­fe­nen Län­der Ost­eu­ro­pas ler­nen nicht aus der Gesund­heits­kri­se im west­li­chen Teil des Kon­ti­nents. Die Euro­päi­sche Uni­on war nicht in der Lage, auch nur die grund­le­gends­te Soli­da­ri­tät mit dem am stärks­ten betrof­fe­nen Ita­li­en zu orga­ni­sie­ren, obwohl im Land nicht ein­mal Schutz­mas­ken pro­du­ziert wer­den … Der Haupt­grund für die­se Ver­zö­ge­rung liegt dar­in, dass die Regie­run­gen die Wirt­schafts­tä­tig­keit und den Waren­ver­kehr nicht gefähr­den und nur ein Min­dest­maß an Res­sour­cen für den Schutz der Bevöl­ke­rung bereit­stel­len wol­len. Der Wil­le, die Spar­po­li­tik im Rah­men der Offen­si­ve des Kapi­tals gegen die abhän­gig Beschäf­tig­ten fort­zu­set­zen, und das Gespenst der Rezes­si­on waren stär­ker als der zur Erhal­tung der Gesund­heit der Menschen.

Trotz der schnel­len Fort­schrit­te in der medi­zi­ni­schen und wis­sen­schaft­li­chen For­schung ist es noch zu früh, um die Ent­wick­lung des SARS-CoV-2-Virus vor­her­zu­sa­gen: Wird es auf den Beginn der wär­me­ren Jah­res­zeit auf der Nord­halb­ku­gel reagie­ren und wird die Krank­heit zurück­ge­hen? Wird es mutie­ren und wenn ja, wird es an Viru­lenz gewin­nen oder ver­lie­ren? Aus­ge­hend von Chi­na erfolg­te die Aus­brei­tung der Krank­heit auf einer Ost-West-Ach­se (Iran, Euro­pa und die Ver­ei­nig­ten Staa­ten), wo die Bedin­gun­gen güns­tig waren. Doch jetzt ist das Virus auch im Süden ange­kom­men, wo es sich ver­viel­fa­chen könn­te, zum Bei­spiel beim nächs­ten Jah­res­zei­ten­wech­sel, um dann mit Macht in den Nor­den zurück­zu­keh­ren. Die Ent­wick­lung eines Impf­stoffs wird Zeit benö­ti­gen. Es wäre unver­ant­wort­lich zu erwar­ten, die Covid-19-Krank­heit wür­de sich in kur­zer Zeit von selbst erledigen.

Das Virus ver­brei­tet sich sehr schnell. Das Ver­hält­nis der nach­ge­wie­se­nen Infek­ti­ons­fäl­le zur tat­säch­li­chen Anzahl der Betrof­fe­nen ist man­gels rou­ti­ne­mä­ßi­ger Scree­ning-Tests nicht bekannt, aber die Gefähr­lich­keit ist erwie­sen. Die Sterb­lich­keit der Krank­heit kann von Land zu Land schwan­ken. Sie soll in 80 % der Fäl­le gut­ar­tig und in 20 % schwer­wie­gend ‒ dar­un­ter 5 % sehr schwer­wie­gend ‒ und in etwa 2 % der Fäl­le töd­lich sein. Älte­re oder Kran­ke sind nicht die ein­zi­gen, die ernst­haft gefähr­det sind. Dort, wo die Epi­de­mie explo­diert, benö­ti­gen auch zuneh­mend jün­ge­re Men­schen eine Intensivbehandlung.

Die eta­blier­ten Medi­en und Regie­run­gen kon­zen­trie­ren sich auf die Unter­schie­de in der Sterb­lich­keits­ra­te nach Alter, ach­ten jedoch sorg­fäl­tig dar­auf, nicht auf Klas­sen­un­ter­schie­de auf­merk­sam zu machen und wie sich die Sterb­lich­keit in Fol­ge der Coro­na­vi­rus-Pan­de­mie je nach Ein­kom­men und Ver­mö­gen unter­schied­lich ver­teilt. Qua­ran­tä­ne oder der Zugang zur Inten­siv­pfle­ge für 70jährige unter­schei­den sich stark danach, ob man reich oder arm ist.

Es gibt in der Bevöl­ke­rung kei­ne Anti­kör­per gegen das neue Coro­na­vi­rus. Die Behand­lung von Schwer­kran­ken ist schwie­rig und erfor­dert moderns­te Aus­rüs­tung und geschul­tes, kom­pe­ten­tes medi­zi­ni­sches Per­so­nal. Wo dies fehlt ‒ oder wenn das Kran­ken­haus­sys­tem über­for­dert ist ‒ ster­ben vie­le Patient*innen, die heil­bar wären, und es wer­den noch mehr ster­ben. Wenn kei­ne dras­ti­schen Maß­nah­men ergrif­fen wer­den und 4 Mil­li­ar­den Men­schen infi­ziert sind, wer­den 80 Mil­lio­nen Men­schen sterben.

Die Covid-19-Pan­de­mie soll­te daher von allen fort­schritt­li­chen kämp­fe­ri­schen Netz­wer­ken, ein­schließ­lich unse­rer Orga­ni­sa­tio­nen, sehr ernst genom­men wer­den. Über­all dort, wo sich die Epi­de­mie ent­wi­ckelt, müs­sen sehr ent­schlos­se­ne Maß­nah­men ergrif­fen wer­den, um sie ein­zu­däm­men und die Bevöl­ke­rung zu schüt­zen. Dies muss Prio­ri­tät vor dem Funk­tio­nie­ren der kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaft haben. Über­all müs­sen die Leh­ren aus den zuerst betrof­fe­nen Län­dern gezo­gen wer­den, um sich auf eine mög­li­che Ent­wick­lung vor­zu­be­rei­ten. Die Regie­run­gen müs­sen zu wirk­li­chen Vor­sor­ge­maß­nah­men gezwun­gen werden.

Star­ke Vorsorgepläne
In den meis­ten betrof­fe­nen Län­dern ver­wal­ten die Regie­run­gen wegen feh­len­der Vor­sor­ge nur den Man­gel und machen manch­mal aus der Not eine Tugend. Wo es sie gibt, müs­sen die Vor­sor­ge­plä­ne gestärkt und dort, wo es sie es nicht gibt, über­haupt auf­ge­stellt werden.

Die­se Plä­ne müs­sen auf die Umstruk­tu­rie­rung des Gesund­heits­sys­tems als Gan­zes und die Mobi­li­sie­rung aller not­wen­di­gen Res­sour­cen im Fal­le einer Epi­de­mie vor­be­rei­ten, ins­be­son­de­re auf eine sofor­ti­ge Auf­sto­ckung des Per­so­nals der Gesund­heits­diens­te, die heu­te schon stark unter­be­setzt sind.

Den Kran­ken­häu­sern wur­den immer wie­der die Bud­gets gekürzt, sie wur­den geschwächt oder sogar pri­va­ti­siert, obwohl sie eine der Säu­len im Kampf gegen eine Epi­de­mie sind, bei der es auf Inten­siv­pfle­ge ankommt. Pri­va­te Pfle­ge­diens­te und die Her­stel­lung von Arz­nei­mit­teln und medi­zi­ni­schen Gerä­ten müs­sen unter öffent­li­cher und sozia­ler Kon­trol­le requi­riert wer­den. Die Regie­rung des spa­ni­schen Staats hat den Schritt unter­nom­men, pri­va­te Kran­ken­haus­bet­ten zu requirieren.

Stra­te­gi­sche Bestän­de an Schutz­klei­dung, Des­in­fek­ti­ons­mit­teln und Test­sät­zen müs­sen sicher­ge­stellt wer­den und zwar vor­ran­gig für die Beschäf­tig­ten im Gesund­heits­be­reich und ande­ren unver­zicht­ba­ren Diens­ten sowie für die am stärks­ten gefähr­de­ten Sek­to­ren der Bevölkerung.

Zu den Vor­sor­ge­plä­nen gehört auch die medi­zi­ni­sche und wis­sen­schaft­li­che For­schung. Aber auch hier wur­den wegen Vor­ga­ben der Spar­po­li­tik die For­schungs­mit­tel redu­ziert oder gekürzt, ins­be­son­de­re für Coro­na­vi­ren. Alle pri­va­ten Unter­neh­men in die­sem Bereich müs­sen unter öffent­li­cher und sozia­ler Kon­trol­le ver­staat­licht werden.

Süd­ko­rea hat gezeigt, wie nütz­lich mas­sen­haf­te Scree­ning-Tests sind, um die Dyna­mik der Epi­de­mie zu ver­ste­hen und so früh wie mög­lich ein­zu­grei­fen. Die Haus­halts­zwän­ge haben jedoch dazu geführt, dass die Bestän­de die­ser Tests nicht auf dem neu­es­ten Stand gehal­ten wur­den, wenn sie denn über­haupt exis­tier­ten, was zu dra­ma­ti­schen Situa­tio­nen führ­te. In einer Situa­ti­on des Man­gels müs­sen die Schutz­mit­tel vor­ran­gig für das Gesund­heits­per­so­nal (auf der Arbeit und für zu Hau­se) reser­viert wer­den und selbst dann wird es für die­se Men­schen mög­li­cher­wei­se nicht reichen.

Die Lebens­be­din­gun­gen müs­sen durch die Aus­set­zung der Zah­lun­gen für Mie­te, Hypo­the­ken­zah­lun­gen und Ver­sor­gungs­leis­tun­gen gesi­chert wer­den. Es muss einen sofor­ti­gen Stopp aller Zwangs­räu­mun­gen geben, es müs­sen Not­un­ter­künf­te mit allen not­wen­di­gen Ein­rich­tun­gen für Obdach­lo­se ein­ge­rich­tet und leer­ste­hen­de Woh­nun­gen requi­riert wer­den, um Men­schen nicht in gesund­heits­schäd­li­chen Gebäu­den zurück­zu­las­sen. Wer auf der Stra­ße lebt, kann sich nicht selbst iso­lie­ren oder in Qua­ran­tä­ne begeben.

Die bevor­ste­hen­de wirt­schaft­li­che und sozia­le Kri­se, die durch die Pan­de­mie aus­ge­löst, aber durch die Anhäu­fung von Pro­ble­men in der kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaft ver­ur­sacht wur­de, darf nicht Anlass für eine wei­te­re Kon­zen­tra­ti­on von Reich­tum und die Zer­stö­rung sozia­ler Rech­te sein. Dem­ge­gen­über müs­sen pro­gres­si­ve Kräf­te auf Lösun­gen drän­gen, die auf der Umver­tei­lung von Res­sour­cen basie­ren und auf das Gemein­wohl aus­ge­rich­tet sind.

Ange­sichts der explo­die­ren­den Epi­de­mie muss­ten sehr stren­ge Maß­nah­men ergrif­fen wer­den, um sozia­le Kon­tak­te und Rei­sen zu begren­zen, was die Wirt­schafts­tä­tig­keit dras­tisch ver­rin­gert. Die Plä­ne müs­sen daher mas­si­ve Hil­fe für die Bevöl­ke­rung beinhal­ten, um wei­te­re Ver­ar­mung zu ver­hin­dern und sicher­zu­stel­len, dass nie­mand in Zei­ten der Gesund­heits­kri­se mit­tel­los bleibt. Dies muss sowohl für Lohn­ab­hän­gi­ge wie auch Solo- und Schein­selb­stän­di­ge gel­ten. Die durch die Ein­schrän­kun­gen ver­ur­sach­ten Kos­ten müs­sen durch eine Erhö­hung der Steu­ern auf Pro­fi­te und Unter­neh­mens­ge­win­ne sowie auf die gro­ßen Ver­mö­gen getra­gen werden.

Die ent­schei­den­de Bedeu­tung der sozia­len Selbstorganisation
Wir müs­sen von den Behör­den ver­lan­gen, dass sie alle not­wen­di­gen Maß­nah­men ergrei­fen, um die Gesund­heit und das sozia­le Wohl­erge­hen der Bevöl­ke­rung zu schüt­zen, aber nichts wäre gefähr­li­cher, als sich allein dar­auf zu ver­las­sen. Die unab­hän­gi­ge Mobi­li­sie­rung gesell­schaft­li­cher Akteu­re ist unverzichtbar.

Die Arbeiter*innenbewegung muss für die Ein­stel­lung aller unnö­ti­gen Pro­duk­ti­on und Trans­por­te kämp­fen, um sicher­zu­stel­len, dass die höchst­mög­li­chen Bedin­gun­gen für den Gesund­heits­schutz an den unver­zicht­ba­ren Arbeits­plät­zen ein­ge­hal­ten wer­den und dass die Ein­kom­men und Ver­trä­ge der Arbeiter*innen im Fal­le von Arbeits­lo­sig­keit oder Kurz­ar­beit erhal­ten blei­ben. Es hat bereits Streiks gege­ben, die die Still­le­gung von Arbeits­plät­zen für ver­zicht­ba­re Pro­duk­ti­on wie z. B. Autos for­dern, bei­spiels­wei­se bei Mer­ce­des Benz in Vito­ria im Bas­ken­land. Andern­orts sind Beschäf­tig­te in unver­zicht­ba­ren Diens­ten, etwa in Kran­ken­häu­sern in Frank­reich oder bei der Müll­ab­fuhr in Schott­land, aktiv gewor­den, um bes­se­re Sicher­heits­be­din­gun­gen zu fordern.

Loka­le Orga­ni­sa­tio­nen spie­len auf vie­len Ebe­nen eine wesent­li­che Rol­le. Sie tra­gen dazu bei, die Iso­la­ti­on zu durch­bre­chen, in der sich die Men­schen befin­den kön­nen, ins­be­son­de­re Frau­en, die oft gezwun­gen sind, in Zei­ten von Aus­gangs­sper­ren einen noch höhe­ren Anteil von Haus- und Kin­der­be­treu­ungs­auf­ga­ben zu über­neh­men. Durch die Bekämp­fung von Ras­sis­mus, Frem­den­feind­lich­keit und LGBT+-Phobie kön­nen sie sicher­stel­len, dass Pre­kä­re, Migrant*innen (beson­ders sol­che ohne Papie­re) und dis­kri­mi­nier­te Min­der­hei­ten nicht von dem Schutz aus­ge­schlos­sen wer­den, auf den sie Anspruch haben. Sie kön­nen Frau­en hel­fen, für die die Aus­gangs­sper­re einen töd­li­chen Ein­schluss mit einem gewalt­tä­ti­gen Ehe­part­ner bedeu­tet. Sie kön­nen dafür sor­gen, dass täg­li­che Ges­ten des Abstand­hal­tens respek­tiert werden.

In vie­len ver­schie­de­nen Län­dern, etwa in Groß­bri­tan­ni­en, in den Nie­der­lan­den und in Frank­reich, gibt es Basis­or­ga­ni­sa­tio­nen auf der Ebe­ne eines Vier­tels oder eines Wohn­blocks, die Hil­fe für die anbie­ten, die sie benö­ti­gen (älte­re Men­schen, Behin­der­te, Men­schen in Qua­ran­tä­ne), und ‒ nicht sel­ten zum ers­ten Mal ‒ Kon­tak­te her­stel­len. In Ita­li­en haben sich neben der prak­ti­schen Hil­fe Gemein­schaf­ten zusam­men­ge­schlos­sen, um die sozia­le Iso­la­ti­on zu durch­bre­chen und Soli­da­ri­tät durch Mas­sen­sin­gen von ihren Bal­ko­nen aus zu zeigen.

Sozia­le Bewe­gun­gen müs­sen sich auf unab­hän­gi­ges medi­zi­ni­sches und wis­sen­schaft­li­ches Fach­wis­sen stüt­zen kön­nen, um zu wis­sen, wel­che Maß­nah­men wirk­sam und unver­zicht­bar sind, und sie müs­sen den inter­na­tio­na­len Aus­tausch för­dern. Ärzt*innen und Forscher*innen sind auf­ge­ru­fen, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Schließ­lich ist die Selbst­ak­ti­vi­tät der sozia­len Bewe­gung eine uner­setz­li­che demo­kra­ti­sche Garan­tie. Der Auto­ri­ta­ris­mus der Mäch­ti­gen kann in Zei­ten gesund­heit­li­chen Not­stands im Namen der Effi­zi­enz gestärkt wer­den. Die brei­test­mög­li­che Mobi­li­sie­rungs­ein­heits­front muss sich die­sem herr­schen­den Trend entgegensetzen.

Eine glo­ba­le Kri­se der kapi­ta­lis­ti­schen Gesellschaft
Eine Pan­de­mie ist ein wich­ti­ger Test für eine Gesell­schaft. Die Situa­ti­on in der nord­ita­lie­ni­schen Lom­bar­dei ist ein dra­ma­ti­sches Bei­spiel dafür, was mit der herr­schen­den Ord­nung geschieht. Die Lom­bar­dei ist eine der reichs­ten Regio­nen Euro­pas mit einem der bes­ten Kran­ken­haus­sys­te­me. Die­ses wur­de jedoch durch die neo­li­be­ra­le Poli­tik geschwächt. Es wird jetzt von der Flut schwer­kran­ker Patient*innen über­schwemmt, bis zu dem Punkt, dass die Ver­ei­ni­gung der Anästhesist*innen in der Reani­ma­ti­on dazu auf­ge­for­dert hat, die Patient*innen zu sor­tie­ren und nur die­je­ni­gen mit der höchs­ten Lebens­er­war­tung zu behan­deln, wobei die ande­ren ster­ben müssen.

Dies ist kei­ne Situa­ti­on ver­gleich­bar etwa einem Ers­te Hil­fe-Ein­satz nach einem Unfall mit meh­re­ren Opfern, wenn ent­schie­den wer­den muss, wer zuerst behan­delt wer­den soll, son­dern es ist ein Sys­tem­ver­sa­gen, das mit einer ande­ren Gesund­heits­po­li­tik hät­te ver­mie­den wer­den kön­nen. In Frie­dens­zei­ten füh­ren die bekann­ten Kür­zun­gen dazu, dass man zur Kriegs­me­di­zin greift, bei der man es auf­gibt, alle zu ret­ten! Dies ist ein schreck­li­cher Zusam­men­bruch der Soli­da­ri­tät, der in einer der wirt­schaft­lich und im Gesund­heits­sek­tor am wei­tes­ten ent­wi­ckel­ten Regio­nen der Welt statt­fin­det ‒ und der mor­gen anders­wo in Euro­pa statt­fin­den kann.

Eine kla­re Ver­ur­tei­lung der herr­schen­den kapi­ta­lis­ti­schen Ordnung
Die Fra­ge ist nicht, ob sich die Covid-19-Pan­de­mie mor­gen „nor­ma­li­sie­ren“ wird, son­dern auf Kos­ten von wie vie­len Todes­fäl­len, von wie viel sozia­len Ver­wer­fun­gen. Dies ist eine immer wie­der­keh­ren­de Fra­ge, da wir in einer Zeit der Rück­kehr gro­ßer Epi­de­mien (SARS, AIDS, H1N1, Zika, Ebo­la …) leben. Der chro­ni­sche Zustand der Gesund­heits­kri­se ist heu­te ver­bun­den mit der glo­ba­len öko­lo­gi­schen Kri­se (die glo­ba­le Erwär­mung ist eine ihrer Facet­ten), dem per­ma­nen­ten Kriegs­zu­stand, der Insta­bi­li­tät der neo­li­be­ra­len Glo­ba­li­sie­rung und der Finan­zia­li­sie­rung des Kapi­tals, der Schul­den­kri­se, der Zunah­me von Pre­ka­ri­tät und dem Zer­fall des sozia­len Gefü­ges, der Aus­brei­tung zuneh­mend auto­ri­tä­rer Regime, Dis­kri­mi­nie­rung, Ras­sis­mus und Fremdenfeindlichkeit …

Die Bekämp­fung der Gesund­heits­kri­se erfor­dert kon­kret die Bekämp­fung der Dik­ta­tur von trans­na­tio­na­len und phar­ma­zeu­ti­schen Inter­es­sen­ver­bän­den oder etwa der Agrar­in­dus­trie durch den Wider­stand der bäu­er­li­chen Agrar­öko­lo­gie und Agrar­forst­wirt­schaft, der die Wie­der­her­stel­lung aus­ba­lan­cier­ter Öko­sys­te­me ermög­licht. Sie erfor­dert eine Stadt­re­form, um den unge­sun­den Mega­städ­ten ein Ende zu set­zen. Sie erfor­dert all­ge­mein der Logik des Pro­fits die der kos­ten­lo­sen Pfle­ge ent­ge­gen­zu­set­zen: Jede kran­ke Per­son muss unab­hän­gig von ihrem sozia­len Sta­tus kos­ten­los behan­delt werden …

Unse­re Leben sind mehr wert als ihre Profite.
Öko­so­zia­lis­mus ist die Alter­na­ti­ve zu die­ser glo­ba­len Kri­se der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft. Die Ant­wort auf die Gesund­heits­kri­se soll­te eine Mobi­li­sie­rung gemein­sam mit den ande­ren Berei­chen des Kampfs sein, um die­se Alter­na­ti­ve zu errei­chen. Eine sol­che Kon­ver­genz von öko­so­zia­lis­ti­schen und femi­nis­ti­schen Kämp­fen der Arbeiter*innen muss das Ziel haben, das kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem, das uns und den Pla­ne­ten tötet, los­zu­wer­den und eine neue Gesell­schaft aufzubauen.


Exe­ku­tiv­bü­ro der Vier­ten Inter­na­tio­na­le, 17. März 2020

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