Die Unab­hän­gig­keit der Ukrai­ne, 
ges­tern und heute*

Hel­mut Dahmer

Antikriegs-Kundgebung in Mannheim, 26. Februar 2022 (Foto: helmut-roos@web.de).

Anti­kriegs-Kund­ge­bung in Mann­heim, 26. Febru­ar 2022 (Foto: helmut-roos@web.de).

I

(1) Die Ukrai­ne war und ist, wie der Name sagt und ein Blick in den his­to­ri­schen Atlas oder auf die heu­ti­ge Land­kar­te bestä­tigt, ein Grenzland.

Von Mol­da­wi­en im Süd­wes­ten bis Russ­land im Osten und Süd­os­ten hat die heu­ti­ge Repu­blik Ukrai­ne, nach Russ­land der zweit­größ­te euro­päi­sche Flä­chen­staat, gemein­sa­me Gren­zen mit sie­ben Staa­ten (außer den genann­ten sind das Rumä­ni­en, Ungarn, die Slo­wa­kei, Polen und Weiß­russ­land). Die Bevöl­ke­rungs­mehr­heit stel­len – bei einer Gesamt­be­völ­ke­rung von 52 Mil­lio­nen – eth­ni­sche Ukrai­ner mit knapp 38 Mil­lio­nen, die größ­te Min­der­heit bil­den etwa 8 Mil­lio­nen eth­ni­sche Rus­sen. Es gibt etwa 100 wei­te­re eth­ni­sche Min­der­hei­ten, und auf der Krim­halb­in­sel machen die (aus der Depor­ta­ti­on nach Usbe­ki­stan zurück­ge­kehr­ten) Tata­ren gegen­wär­tig etwa 12 Pro­zent der dor­ti­gen Bevöl­ke­rung aus.

Antikriegs-Kundgebung in Mannheim, 26. Februar 2022 (Foto: helmut-roos@web.de).

Anti­kriegs-Kund­ge­bung in Mann­heim, 26. Febru­ar 2022 (Foto: helmut-roos@web.de).

Kers­tin Jobst1 nennt die Ukrai­ne eine „kom­ple­xe poly­eth­ni­sche Kon­takt­zo­ne“. Zwei Drit­tel der Ukrai­ner beherr­schen Rus­sisch als Mut­ter- oder als Zweit­spra­che, „rei­nes“ Ukrai­nisch wird vor allem in der West­ukrai­ne gespro­chen, die meis­ten Ukrai­ner bedie­nen sich einer Ukrai­nisch-Rus­si­schen Mischsprache.

In den ver­gan­ge­nen tau­send Jah­ren gab es auf dem heu­ti­gen ukrai­ni­schen Ter­ri­to­ri­um nur sel­ten selb­stän­di­ge staat­li­che Gebil­de: Das vom 10. bis zum 13. Jahr­hun­dert bestehen­de Kie­wer Reich – die Rus, auf die sich der rus­si­sche wie der ukrai­ni­sche Natio­nal­staat als auf ihren Ursprung beru­fen – geriet zunächst unter mon­go­li­sche, dann unter litaui­sche und pol­ni­sche Herr­schaft und wur­de infol­ge der pol­ni­schen Tei­lun­gen (1772, 1793 und 1895) Russ­land zuge­schla­gen, wäh­rend der klei­ne­re, west­li­che Teil zu Öster­reich gehör­te. Der in der zwei­ten Hälf­te des 17. Jahr­hun­derts gebil­de­te kosa­ki­sche „Het­man­staat“ unter­stand im lan­gen 19. Jahr­hun­dert dem Zaren­reich. Ver­schie­de­ne Ver­su­che, nach 1917 eine unab­hän­gi­ge ukrai­ni­sche Repu­blik zu bil­den, schei­ter­ten; die 1919 pro­kla­mier­te Ukrai­ni­sche Sowjet­re­pu­blik wur­de 1922 der UdSSR ein­ge­glie­dert. 1939 und 1945 ent­stand durch Gebiets­er­wei­te­run­gen das heu­ti­ge ukrai­ni­sche Staats­ge­biet, das 1954 noch um die Halb­in­sel Krim erwei­tert wur­de und 1991, nach dem Zusam­men­bruch der UdSSR, end­lich die Unab­hän­gig­keit erlangte.

(2) Die heu­ti­ge Ukrai­ne hat mehr als ande­re Gesell­schaf­ten an der unbe­wäl­tig­ten Erb­schaft des bar­ba­ri­schen 20. Jahr­hun­derts zu tragen.

Mit den bal­ti­schen Staa­ten, Polen und Weiß­russ­land gehör­te sie zu den – von Timo­thy Sny­der so genann­ten – „bloo­d­lands“ oder „kil­ling fiel­ds“, in denen die bei­den gro­ßen Men­schen­fres­ser-Regime des vori­gen Jahr­hun­derts, das deut­sche und das rus­si­sche, die die­se Län­der unter­ein­an­der auf­teil­ten und abwech- selnd besetzt hiel­ten, ihre ent­setz­li­chen Unta­ten ver­rich­te­ten, die etwa 14 Mil­lio­nen zivi­le Opfer for­der­ten.2

Die dama­li­gen Ukrai­ner, in ihrer Mehr­heit Bau­ern, wur­den im Gefol­ge der Zwangs­kol­lek­ti­vie­rung Opfer der ihr in den Jah­ren 1932/33 fol­gen­den Hun­gers­not, die von der Mos­kau­er Füh­rung zur Bre­chung des bäu­er­li­chen und natio­na­len Wider- stands ein­ge­setzt wur­de, des soge­nann­ten „Holo­do­mor“.3 Die poli­tisch akti­ve Schicht fiel, soweit sie sich nicht in den Dienst der sta­li­nis­ti­schen Repres­si­on und Pro­pa­gan­da stell­te, dem gro-ßen sta­li­nis­ti­schen Ter­ror in der zwei­ten Hälf­te der drei­ßi­ger Jah­re zum Opfer, den Isaac Deut­scher als einen „poli­ti­schen Geno­zid“ cha­rak­te­ri­siert hat.4

1941 hiel­ten nicht weni­ge Ukrai­ner die deut­schen Trup­pen für „Befrei­er“; natio­na­lis­ti­sche Grup­pen hoff­ten, eine neue staat­li­che Unab­hän­gig­keit durch Kol­la­bo­ra­ti­on zu erkau­fen. Den vie­len ukrai­ni­schen Hel­fers­hel­fern bei der Aus­rot­tung der ukrai­ni­schen (und euro­päi­schen) Juden­heit bei den Pogro­men und Mas­sen­er­schie­ßun­gen unter dem deut­schen Besat­zungs­re­gime – u. a. das ent­setz­li­che Mas­sa­ker an den Kie­wer Juden in der Schlucht von „Babi Jar“ – und im NS-Ver­nich­tungs­krieg gegen die Sowjet­uni­on (man erin­ne­re sich der berüch­tig­ten ukrai­ni­schen SS-Ver­bän­de) stan­den aber zah­len­mä­ßig viel­leicht noch mehr ukrai­ni­sche Par­ti­sa­nen und Rot­ar­mis­ten gegen­über, die gegen die zurück­wei­chen­den deut­schen Trup­pen kämpf­ten. (Zu erwäh­nen ist in die­sem Zusam­men­hang auch, dass natio­na­lis­ti­sche ukrai­ni­sche Par­ti­sa­nen noch bis in die fünf­zi­ger Jah­re der sowje­ti­schen Okku­pa­ti­on erbit­ter­ten Wider­stand entgegensetzten.)

Das Gebiet der heu­ti­gen Ukrai­ne war wäh­rend der gan­zen Epo­che der Mas­sen­mor­de sowohl das Zen­trum der sta­li­nis­ti­schen wie der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Mord­kam­pa­gnen“, schreibt Timo­thy Sny­der.5 „Etwa 3,5 Mil­lio­nen Men­schen fie­len den sta­li­nis­ti­schen Mord­maß­nah­men zwi­schen 1933 und 1938 zum Opfer und wei­te­re 3,5 Mil­lio­nen deut­schen Mord­maß­nah­men zwi­schen 1941 und 1944. Noch ein­mal rund drei Mil­lio­nen Ukrai­ner fie­len im Kampf oder star­ben infol­ge des Krieges.“

(3) Die Geschich­te, die ja in hohem Maße eine Geschich­te der Unta­ten, also eine Mord­ge­schich­te ist, wird, eth­no­zen­tri­schen Inter­es­sen ent­spre­chend, sti­li­siert: teils beschö­nigt, teils verleugnet.

Antikriegs-Kundgebung in Mannheim, 26. Februar 2022 (Foto: helmut-roos@web.de).

Anti­kriegs-Kund­ge­bung in Mann­heim, 26. Febru­ar 2022 (Foto: helmut-roos@web.de).

So ent­ste­hen Legen­den, die mit Zäh­nen und Klau­en gegen Ver­su­che, sie einer Rea­li­täts­prü­fung zu unter­zie­hen, ver­tei­digt wer­den. Die noch immer nach­wir­ken­de spät­sta­li­nis­ti­sche Geschichts­le­gen­de leug­ne­te oder beschö­nig­te den Holo­do­mor, ver­schwieg den Mas­sen­ter­ror der drei­ßi­ger Jah­re, ver­hehl­te die gehei­men Abma­chun­gen über die Auf­tei­lung Ost­eu­ro­pas im Molo­tow-Rib­ben­trop-Pakt (von 1939), die Depor­ta­tio­nen aus den besetz­ten Gebie­ten und den Mas­sen­mord an pol­ni­schen Offi­zie­ren in Katyn; sie igno­rier­te den Holo­caust. Von dem Vier­tel­jahr­hun­dert Sta­lin­scher Herr­schaft blieb im (von der KPdSU geschaf­fe­nen) Mythos als Decker­in­ne­rung nur der Sieg über den Faschis­mus im „Gro­ßen Vater­län­di­schen Krieg“ übrig.

In der 1991 unab­hän­gig gewor­de­nen Ukrai­ne ist eine rea­lis­ti­sche Revi­si­on der sowje­ti­schen Geschichts­le­gen­de, die bis 1991 für alle vor­ma­li­gen Satel­li­ten­staa­ten ver­bind­lich war, von non­kon­for­men His­to­ri­kern (vor allem im Hin­blick auf die gro­ße Hun­gers­not der Jah­re 1932/33) ins Werk gesetzt wor­den. Aber die­se Revi­si­on ist noch längst nicht all­ge­mein zu Bewusst­sein gekom­men. Was gesche­hen ist, aber nicht bewusst wird, wird zum Spuk. Über den „kil­ling fiel­ds“ der Ukrai­ne – wie über denen Polens, Weiß­russ­lands und Russ­lands – suchen die Geis­ter der ermor­de­ten Mil­lio­nen die gegen­wär­tig Leben­den heim.

Nach­dem von Sta­lins Natio­nal­bol­sche­wis­mus nur der Natio­na­lis­mus übrig­ge­blie­ben ist (Lenin sprach von „groß­rus­si­schem Chau­vi­nis­mus“), von der Sowjet­uni­on nur das Pro­jekt einer „eura­si­schen Uni­on“, gras­siert bei rechts­ex­tre­men para­mi­li­tä­ri­schen Schlä­ger­trupps in Russ­land wie in der Ukrai­ne die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Aggres­sor. Die Mar­gi­na­li­sier­ten suchen ihre Ohn­macht zu kom­pen­sie­ren, indem sie (in Mos­kau oder in Kiew) noch ein­mal als SA und SS auf­tre­ten. Ost­ukrai­ner, die sich an der Mos­kau­er Bericht­erstat­tung ori­en­tie­ren, wäh­nen, es gel­te aber­mals, die „Faschis­ten“ zurück­zu­schla­gen, von denen sie behaup­ten, sie hiel­ten Kiew besetzt und woll­ten auf Sta­li­no-Donezk vor­rü­cken. Man­che „Lin­ke“ in Deutsch­land und Öster­reich tun es ihnen gleich oder sehen in den Beleg­schaf­ten, die der Olig­arch Ach­me­tow als Ord­nungs­trup­pe ein­setzt, ein Erwa­chen der Arbeiterklasse.

(4) Nach der Auf­lö­sung der Sowjet­uni­on voll­zog sich auch in der unab­hän­gig gewor­de­nen Ukrai­ne die Umwand­lung des Staats­ei­gen­tums in Privateigentum.

Die poli­tisch herr­schen­de Nomen­kla­tu­ra ver­wan­del­te sich in eine kapi­ta­lis­ti­sche Klas­se, deren poli­tisch-öko­no­mi­sche Füh­rung seit­her die soge­nann­ten „Olig­ar­chen“ stellen.
Als „Korn­kam­mer“, schwer­indus­tri­el­les Zen­trum (Don­bas) und Kreuz­punkt der Han­dels- und Ener­gie­strö­me von Nord nach Süd und von West nach Ost war und ist die Ukrai­ne für ihre Nach­bar­staa­ten und für die Macht­blö­cke, denen die­se ange­hö­ren, eben­so von Inter­es­se wie als Einflusszone.

Wur­de im 20. Jahr­hun­dert vor allem mili­tä­risch um die Ukrai­ne gekämpft, so ist seit der Erlan­gung staat­li­cher Unab­hän­gig­keit zwi­schen West und Ost – im Rah­men des „Gleich­ge­wichts des Schre­ckens“, näm­lich eines mög­li­chen Kriegs mit ato­ma­ren Waf­fen – ein Tau­zie­hen um Han­dels­vor­tei­le und poli­tisch-mili­tä­ri­schen Ein­fluss im Gan­ge. Der Reich­tum des Lan­des an frucht­ba­ren Böden und Boden­schät­zen lockt – wie im vori­gen Jahr­hun­dert – die kon­kur­rie­ren­den Groß­mäch­te zur Inter­ven­ti­on. Bei­de Sei­ten, die EU (und die Ver­ei­nig­ten Staa­ten) auf der einen, Russ­land auf der ande­ren Sei­te, ver­su­chen mit Bera­tern und Agen­ten, mit Geld und Waf­fen­lie­fe­run­gen, Ein­fluss auf die ukrai­ni­sche Poli­tik zu nehmen.

Da die ukrai­ni­sche Wirt­schaft seit der Erlan­gung der Unab­hän­gig­keit – beson­ders im Gefol­ge der Wirt­schafts­kri­se von 2008 – den Lebens­stan­dard der Mehr­heit nicht fühl­bar ver­bes­sert hat und auch deren Mög­lich­kei­ten zu demo­kra­ti­scher Betei­li­gung und Eli­ten­kon­trol­le sich nicht eben ver­mehrt haben, ten­diert – in Erman­ge­lung einer wirk­li­chen inne­ru­krai­ni­schen Alter­na­ti­ve – ein Teil der akti­ven Bevöl­ke­rung im Osten zum Wie­der­an­schluss an Russ­land, ein Teil der akti­ven Bevöl­ke­rung im Wes­ten zu einem Wirt­schafts­ver­bund mit der EU.

Schon in der „oran­ge­nen Revo­lu­ti­on“ (in den Jah­ren 2004/05) zeich­ne­te sich ab, dass der West-Ost-Inter­es­sen-Kon­flikt in Ver­bin­dung mit zen­tri­fu­ga­len Kräf­ten in der Ukrai­ne selbst zu einer Zer­reiß­pro­be für die Repu­blik wer­den könn­te. Die Dnjepr-Linie, die die lan­ge Zeit habs­bur­gisch oder pol­nisch gepräg­te West­ukrai­ne kul­tu­rell von der rus­sisch domi­nier­ten Ost­ukrai­ne trennt, erwie­se sich dann als Soll­bruch­stel­le. Die seit eh und je bestehen­de sprach­li­che und reli­giö­se Dif­fe­renz zwi­schen den Ukrai­nern des Wes­tens und Ostens könn­te, der dis­pro­por­tio­na­len nar­ziss­ti­schen Reak­ti­on auf klei­ne Unter­schie­de der Lebens­füh­rung (Freud6) ent­spre­chend, zum Motiv für eine neu­er­li­che Tei­lung der Ukrai­ne werden.

(5) Durch ein Refe­ren­dum unter rus­sisch-mili­tä­ri­scher Kon­trol­le wur­de die „Heim­ho­lung“ oder Anne­xi­on der (zuletzt im Zwei­ten Welt­krieg hef­tig umkämpf­ten) Halb­in­sel Krim im März 2014 (im Rah­men von Putins Pro­jekt der „Samm­lung der rus­si­schen Erde“) gestützt.

Danach kam es in den letz­ten Mona­ten in der Ost­ukraine zu Kämp­fen zwi­schen para­mi­li­tä­risch orga­ni­sier­ten (und wahr-schein­lich durch rus­si­sche Kämp­fer und Waf­fen ver­stärk­ten) Sezes­sio­nis­ten und Trup­pen der Kie­wer Regie­rung, die seit­her etwa 400 Tote gefor­dert haben. Die Stadt­re­pu­bli­ken Donezk und Lug­ansk haben sich jüngst (einen Gebiets­na­men aus dem 18. Jahr­hun­dert über­neh­mend) zur Repu­blik „Neu­russ­land“ zusammengeschlossen.

Soweit die­se Ereig­nis­se in Deutsch­land und Öster­reich Beach­tung fin­den, fällt auf, dass – wie in Zei­ten des Kal­ten Krie­ges – jeder­mann sogleich für die eine oder ande­re Sei­te Par­tei nimmt. Die Moti­ve der Par­tei­nah­me für die Putin-Regie­rung und die ost­ukrai­ni­schen Auto­no­mis­ten-Sezes­sio­nis­ten oder für die Kie­wer Regie­rung – bezie­hungs­wei­se für die Adop­ti­on der in West oder Ost pro­pa­gier­ten Deu­tung des Kon­flikts – sind in der Regel eben­so unklar wie die Kri­te­ri­en, anhand deren der Kon­flikt beur­teilt wird. Auch deut­sche (und öster­rei­chi­sche) Beur­tei­ler der aktu­el­len Vor­gän­ge in der Ukrai­ne legen sie zunächst im Rah­men älte­rer Inter­pre­ta­tio­nen und (russo­phi­ler oder russo­pho­ber) Optio­nen aus.

Nicht weni­ge der „Putin-Ver­ste­her“ sehen in Putins (kapi­ta­lis­ti­schem) Russ­land den Nach­fol­ge­staat der (nicht-kapi­ta­lis­ti­schen) Sowjet­uni­on und mei­nen die ter­ri­to­ria­len Inter­es­sen Russ­lands gegen die „impe­ria­lis­ti­sche Ein­krei­sung“ durch EU und NATO ver­tei­di­gen zu müs­sen. Sie inter­pre­tie­ren die poli­ti­schen Ereig­nis­se aus­schließ­lich als natio­nal­staat­li­che oder Block-Kon­flik­te und igno­rie­ren die Inter­es­sen unor­ga­ni­sier­ter Bevöl­ke­rungs­mehr­hei­ten und (eth­ni­scher) Min­der­hei­ten, also die Inter­es­sen sozia­ler Klas­sen und Schich­ten inner­halb der Natio­nal­staa­ten und Blöcke.

Dar­um ver­kann­ten sie auch den demo­kra­ti­schen Cha­rak­ter der Maj­dan-Pro­tes­te gegen den (pro­rus­si­schen) Prä­si­den­ten Janu­ko­witsch im Herbst 2013 und im Früh­jahr 2014 und ver­wech­sel­ten die­se zwei­te Wel­le des Mas­sen­pro­tests (nach der „oran­ge­nen Revo­lu­ti­on“ von 2004) gegen den poli­tisch-öko­no­mi­schen Sta­tus quo mit einem „Hit­ler­putsch“ – näm­lich mit den Aktio­nen der mili­tan­ten neo­fa­schis­ti­schen Grup­pen, die die Pro­test­be­we­gung zu kid­nap­pen such­ten, aber, wie die nach­fol­gen­den Wah­len zeig­ten, in der Bevöl­ke­rung kaum Rück­halt fanden.

*

Zu einer Lösung der total ver­fah­re­nen Situa­ti­on kann nur ein dau­er­haf­ter Waf­fen­still­stand füh­ren, und des­halb soll­ten wir Front machen gegen die Säbel­rass­ler auf bei­den Seiten.

Falls es ein Waf­fen­still­stand ermög­licht, Refe­ren­den und Neu­wah­len in Kiew und Donezk unter inter­na­tio­na­ler Kon­trol­le abzu­hal­ten, um die aktu­el­len Inter­es­sen der Bevöl­ke­rungs­mehr­heit und der Min­der­hei­ten in der Ost- und in der West­ukrai­ne in Erfah­rung zu brin­gen, hin­ge die Zukunft des Lan­des nicht mehr nur von den Olig­ar­chen, den bewaff­ne­ten Grup­pen und den Groß­mäch­ten (EU, USA und Rus­si­sche Föde­ra­ti­on) ab. Die Chan­cen für die Auf­recht­erhal­tung eines unab­hän­gi­gen ukrai­ni­schen Gesamt­staats (West, Ost, Krim) schwin­den, je län­ger die krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen andau­ern und je mehr Zivi­lis­ten und Bewaff­ne­te in der Ost­ukrai­ne ster­ben. So steht am Ende viel­leicht die Auf­tei­lung des Lan­des in ein Pro­tek­to­rat mit West­an­bin­dung und eines mit Ost­an­bin­dung, wäh­rend die „heim­ge­hol­te“ Halb­in­sel Krim der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on zuge­schla­gen wird.

II

Dem groß­rus­si­schen Chau­vi­nis­mus erkläre 
ich den Kampf auf Leben und Tod.“
(W. I. Lenin, 1922)7

Gegen­wär­tig, sie­ben­ein­halb Jah­re spä­ter, sieht es so aus, als wer­de die Ukrai­ne zer­rie­ben zwi­schen den tek­to­ni­schen Plat­ten des Wes­tens (der USA und ihrer Ver­bün­de­ten) auf der einen, Russ­lands und sei­ner Ver­bün­de­ten auf der ande­ren Sei­te, nach­dem bereits Tei­le der Ost­ukrai­ne und die Halb­in­sel Krim an Russ­land gefal­len sind.

Antikriegs-Kundgebung in Mannheim, 26. Februar 2022 (Foto: helmut-roos@web.de).

Anti­kriegs-Kund­ge­bung in Mann­heim, 26. Febru­ar 2022 (Foto: helmut-roos@web.de).

Die Sou­ve­rä­ni­tät der Ukrai­ne war 1994 im „Buda­pes­ter Memo­ran­dum“ – von den Groß­mäch­ten (USA, Groß­bri­tan­ni­en, Russ­land) als Kom­pen­sa­ti­on für die Abga­be (bzw. Ver­nich­tung) der dort sta­tio­nier­ten Atom­waf­fen-Trä­ger­ra­ke­ten garan­tiert wor­den.8

Wie zu Zei­ten der Sowjet­uni­on sind die höchst ent­wi­ckel­ten west­li­chen Wirt­schafts­sys­te­me mit ihren (parlamentarisch-)demokratischen oder auto­ri­tä­ren staat­li­chen Über­bau­ten den auto­ri­tä­ren Regi­men des vor­ma­li­gen Ost­blocks – was Arbeits­pro- duk­ti­vi­tät, Rüs­tungs­aus­ga­ben, Pro-Kopf-Ein­kom­men, Lebens­er­war­tung, Kon­sum­chan­cen und Mei­nungs­frei­heit angeht – über­le­gen. Dar­um ver­su­chen Mil­lio­nen von Kriegs-, Armuts- und Ver­fol­gungs­flücht­lin­gen (auch die Hun­dert­tau­sen­de, die die Ukrai­ne jetzt ver­zwei­felt ver­las­sen), in irgend­ei­ne der west­li­chen Wohl­stands­oa­sen zu gelan­gen. Die Kreml­füh­run­gen reagier­ten sei­ner­zeit auf dies Gefäl­le mit Abschot­tung, Ter­ror im Inne­ren und (ato­ma­rer) Abschre­ckung gegen­über den west­li­chen Impe­ria­lis­men. Ihr Nim­bus beruh­te auf dem plan­mä­ßi­gen Ein­satz der ver­staat­lich­ten Pro­duk­ti­ons­mit­tel, der – für einen ent­setz­li­chen Preis, näm­lich 15 bis 35 Mil­lio­nen Men­schen­op­fer in Frie­dens­zei­ten – eine Indus­tria­li­sie­rung des Lan­des und den Sieg über Hit­lers Inva­si­ons­ar­me­en ermög­lich­te (der 27 Mil­lio­nen sowje­ti­sche Kriegs­to­te kos­te­te). Die Sowjet­uni­on schien lan­ge Zeit das Modell eines alter­na­ti­ven, nicht-kapi­ta­lis­ti­schen Ent­wick­lungs­pfads zu repräsentieren.

Nach letz­ten Ver­su­chen, durch Refor­men von oben das Sys­tem der büro­kra­ti­schen Kom­man­do­wirt­schaft zu ret­ten (Kon­sum­stei­ge­rung, Glas­nost und Pere­stroi­ka) kol­la­bier­te das Ein-Par­tei-Regime – unter dem Druck des Wett­rüs­tens – Anfang der neun­zi­ger Jah­re; die Par­tei-Nomen­kla­tu­ra eig­ne­te sich (ohne auf nen­nens­wer­ten Wider­stand zu tref­fen) das Staats­ei­gen­tum an und ver­wan­del­te sich in eine neue Bour­geois-Klas­se (die der – inzwi­schen als „Ter­ro­rist“ ver­fem­te – Kor­rup­ti­ons- bekämp­fer Nawal­ny, der im Straf­la­ger gera­de sei­nem zwei­ten Pseu­do-Pro­zess ent­ge­gen­sieht, kur­zer­hand eine „Die­bes­ban­de“ nennt). Die der Sowjet­uni­on ein­ver­leib­ten Satel­li­ten­län­der ergrif­fen die Flucht – wie am Ende des Ers­ten Welt­kriegs, als die unter­drück­ten Natio­nen dem zaris­ti­schen „Völ­ker­ge­fäng­nis“ zu ent­kom­men such­ten – und ver­selb­stän­dig­ten sich als unab­hän­gi­ge, teils west­lich ori­en­tier­te Nationalstaaten.

Mit den ver­blie­be­nen Nach­bar­län­dern ging Russ­land 1991 eine Föde­ra­ti­on (die „Gemein­schaft Unab­hän­gi­ger Staa­ten“) ein, in der die neu­rei­chen „Olig­ar­chen“ den Ton angaben.

Sie bedurf­ten eines staat­li­chen Schlich­ters im Kampf um die pro­fi­ta­bels­ten Stü­cke des vor­ma­li­gen „Volks­ei­gen­tums“ und eines Macht­zen­trums zum Schutz ihres Eigen­tums gegen­über der eigen­tums­lo­sen Bevöl­ke­rungs­mehr­heit und den west­li­chen Imperialismen.

Dazu bot sich die Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­ti­on der Sta­lin­schen Geheim­po­li­zei, der FSB an, der die aus pri­va­ten und staat­li­chen Groß­un­ter­neh­men gemisch­te, noch immer vor­wie­gend extrak­ti­ve Wirt­schaft kon­trol­liert und per­so­nell seit mehr als zwei Jahr­zehn­ten durch den frü­he­ren KGB-Offi­zier Putin reprä­sen­tiert wird. Des­sen Regime beruht ideo­lo­gisch zum einen auf der Ver­leug­nung der sta­li­nis­ti­schen Schre­ckens­zeit, zum andern auf der Fei­er von Russ­lands Ruhm und Grö­ße. Russ­land ist die Hoch­burg der (ver­ord­ne­ten) kol­lek­ti­ven Amne­sie9, die vor allem die Zeit des Hoch-Sta­li­nis­mus (die Ära der rie­si­gen Zwangs­ar­beits­la­ger und der Mas­sen­er­schie­ßun­gen) betrifft.

Doch ruft das heu­ti­ge poli­ti­sche Regime mit den Mor­den an „Dis­si­den­ten“ (Polit­kow­ska­ja, Nem­zow …) und „Abtrün­ni­gen“ (wie Lit­wi­nen­ko), mit den Mär­chen­er­zäh­lun­gen über die Ver­gan­gen­heit und den Phan­ta­sien über die „west­li­che“ Welt die ver­dräng­te Ver­gan­gen­heit stets wie­der zurück. Der rea­len Rück­stän­dig­keit des Lan­des soll durch den Rück­ge­winn ver­lo­re­ner Pro­vin­zen des Zaren- und Sta­lin­reichs abge­hol­fen, dem Ver­lust von inter­na­tio­na­lem Pres­ti­ge und Ein­fluss durch die Errich­tung von Mili­tär­stütz­punk­ten in ande­ren Län­dern (nach dem Vor­bild der USA), die Stüt­zung des Luka­schen­ko- und des Assad-Regimes und die Ent­sen­dung von Söld­ner­trup­pen nach Afri­ka begeg­net werden.

Und damit sind wir wie­der bei der Inva­si­on in die (west­lich ori­en­tier­te) Ukrai­ne, die sich für das Putin-Regime viel­leicht als eben­so ver­häng­nis­voll erwei­sen wird wie 1979 der Ver­such Bre­schnews (und sei­ner Nach­fol­ger bis zum Rück­zug 1989), Afgha­ni­stan unter sowje­ti­sche Kon­trol­le zu brin­gen, für das spät­sta­li­nis­ti­sche Regime. Die Restau­ra­ti­ons­krie­ge gegen Tsche­tsche­ni­en und Geor­gi­en, die Inter­ven­tio­nen in Bela­rus und Kasach­stan fol­gen der­sel­ben Logik wie die Nie­der­schla­gung der antis­ta­li­nis­ti­schen Revol­ten in Ost­deutsch­land (1953), in Ungarn (1956) und in der Tsche­cho­slo­wa­kei (1968) oder die Unter­drü­ckung der pol­ni­schen Soli­dar­ność-Bewe­gung (1981). Es ging und geht stets um Kon­trol­le, nicht nur um die mili­tä­ri­sche Siche­rung des ter­ri­to­ria­len Bestands und um die Erwei­te­rung von Ein­fluss­zo­nen, son­dern vor allem dar­um, ein Über­grei­fen der Unab­hän­gig­keits- und Selbst­ver­wal­tungs-Bestre­bun­gen in den Peri­phe­rie-Staa­ten („Satel­li­ten“) auf das Zen­trum, Russ­land, im Keim zu ersticken.

In die­sem Zusam­men­hang ist eine his­to­ri­sche Epi­so­de aus den ers­ten Jah­ren der bol­sche­wis­ti­schen Herr­schaft von Interesse.

Antikriegs-Kundgebung in Mannheim, 26. Februar 2022 (Foto: helmut-roos@web.de).

Anti­kriegs-Kund­ge­bung in Mann­heim, 26. Febru­ar 2022 (Foto: helmut-roos@web.de).

Beim Zusam­men­schluss der ver­schie­de­nen natio­na­len Teil­re­pu­bli­ken unter kom­mu­nis­ti­scher Füh­rung in einer Föde­ra­ti­on oder Uni­on kam es 1922 zu einem Kon­flikt zwi­schen den auf Auto­no­mie und Gleich­be­rech­ti­gung bedach­ten geor­gi­schen (ukrai­ni­schen, belo­rus­si­schen und trans­kau­ka­si­schen) Par­tei­füh­rern, die von Lenin und Trotz­ki ver­tei­digt wur­den, und den Zen­tra­lis­ten Sta­lin, Dser­schin­ski und Ordschonikidse.

Lenin, der als einer der ers­ten Bol­sche­wis­ten das Rück­läu­fig­wer­den der Revo­lu­ti­on (die „ther­mi­do­ria­ni­sche“ Ten­denz) spür­te, führ­te sei­nen „letz­ten Kampf“ gegen die Büro­kra­ti­sie­rung des Par­tei- und Staats­ap­pa­rats10, die Auf­ga­be des Außen­han­dels­mo­no­pols und das Igno­rie­ren der Dif­fe­renz zwi­schen dem Natio­na­lis­mus unter­drück­ter und unter­drü­cken­der Natio­nen.11 100 Jah­re vor Putin schrieb er: „Unter die­sen Umstän­den ist es ganz natür­lich, daß sich die Frei­heit des Aus­tritts aus der Uni­on, mit der wir uns recht­fer­ti­gen, als ein wert­lo­ser Fet­zen Papier her­aus­stel­len wird, der völ­lig unge­eig­net ist, die nicht­rus­si­schen Ein­woh­ner Ruß­lands vor der Inva­si­on jenes ech­ten Rus­sen zu schüt­zen, des groß­rus­si­schen Chau­vi­nis­ten, ja im Grun­de Schur­ken und Gewalt­tä­ters, wie es der typi­sche rus­si­sche Büro­krat ist.“12

Die Welt von heu­te ist eine ande­re: Die Sowjet­uni­on ist Geschich­te, und Russ­land ist eine ordi­nä­re impe­ria­lis­ti­sche Macht. Doch der Sta­li­nist im Kreml ist eine Reinkar­na­ti­on jenes „Ders­hi­mor­da“, der Halt’s Maul- und Hau drauf-Figur Niko­lai Gogols, mit dem Lenin sei­ner­zeit die Hyper-Zen­tra­lis­ten sei­ner Par­tei ver­glich. Und die­ser „Ders­hi­mor­da“ hat, wie sein Gegen­stück Trump in den USA, die Hand am Abzug der Nukle­ar­waf­fen, was ein­mal mehr deut­lich macht, dass die bestehen­de Gesell­schaft und ihre Staa­ten der Atom­ener­gie nicht gewach­sen sind.

Lenin war Inter­na­tio­na­list, und er ahn­te, dass der Kampf unter­drück­ter Natio­nen um ihre Auto­no­mie noch lan­ge wäh­ren wür­de. 1922 ging es um Sub­or­di­na­ti­ons- und Auto­no­mie-Ansprü­che im Ver­hält­nis von sozia­lis­tisch ori­en­tier­ten Repu­bli­ken, und Trotz­ki plä­dier­te noch 1939, im Jahr des Kriegs­aus­bruchs und im Hin­blick auf den Hit­ler-Sta­lin-Pakt, für die Unab­hän­gig­keit der (sozia­lis­ti­schen) Ukrai­ne gegen­über der (sta­li­ni­sier­ten) Sowjet­uni­on und legi­ti­mier­te deren mög­li­che Sepa­ra­ti­on.13 Heu­te geht es um das Ver­hält­nis impe­ria­lis­ti­scher Groß­mäch­te zu den von ihnen kon­trol­lier­ten und kolo­ni­sier­ten Natio­nen und Min­der­hei­ten oder zu öko­no­misch und mili­tä­risch schwä­che­ren Nationalstaaten.

Dar­um tre­ten wir ein für die Unab­hän­gig­keit der Ukrai­ne, soli­da­ri­sie­ren uns mit dem ukrai­ni­schen Wider­stand und den Anti-Kriegs-Demons­tran­ten in Mos­kau, in ande­ren rus­si­schen Städ­ten und in aller Welt, appel­lie­ren an die rus­si­sche Bevöl­ke­rung, Putin in den Arm zu fal­len, Neu­wah­len zu erzwin­gen und ihn abzusetzen.


Fuß­no­ten
1 Kers­tin S. Jobst, Geschich­te der Ukrai­ne, Stutt­gart (Reclam) 2010, S. 50.
2 Timo­thy Sny­der (2010), Bloo­d­lands, Euro­pa zwi­schen Hit­ler und Sta­lin, Mün­chen (dtv) 2014, S. 419. Vgl. dazu auch Con­quest, Robert (1986), Ern­te des Todes, Sta­lins Ho locaust in der Ukrai­ne 1929-1933 [The Har­vest of Sor­row, Soviet Collec­ti­viz­a­ti­on and the Ter­ror-Fami­ne], Mün­chen (Lan­gen Mül­ler) 1988.
3 „Die sowje­ti­sche [Ukrai­ne] durch­litt in der Zwi­schen­kriegs­zeit zwei ver­hee­ren­de Hun­gers­nö­te mit meh­re­ren Mil­lio­nen Toten, denen im Zwei­ten Welt­krieg unter der deut­schen Besat­zung eine drit­te und in der unmit­tel­ba­ren Nach­kriegs­zeit (1946/47) eine vier­te fol­gen soll­te.“ Jobst, a. a. O., S. 187.
4 Isaac Deut­scher, Trotz­ki, Bd. III. Stutt­gart (Kohl­ham­mer) 1963, Kap. 5, S. 388 f.
5 Sny­der, a. a. O. (Anm. 2), S. 405.
6 Sig­mund Freud knüpf­te (1918) an eine Bemer­kung von V. Craw­ley an, wonach jedes Indi­vi­du­um sich durch ein „taboo of per­so­nal iso­la­ti­on“ von den ande­ren abson­dert. „Gera­de die klei­nen Unter­schie­de bei sons­ti­ger Ähn­lich­keit [begrün­den] die Gefüh­le von Fremd­heit und Feind­se­lig­keit zwi­schen ihnen […]. Es wäre ver­lo­ckend, die­ser Idee nach­zu­ge­hen und aus die­sem ‚Nar­ziß­mus der klei­nen Unter­schie­de‘ die Feind­se­lig­keit abzu­lei­ten, die wir in allen mensch­li­chen Bezie­hun­gen erfolg­reich gegen die Gefüh­le von Zusam­men­ge­hö­rig­keit strei­ten und das Gebot der all­ge­mei­nen Men­schen­lie­be über­wäl­ti­gen sehen.“ Freud, „Das Tabu der Vir­gini­tät“, in: Gesam­mel­te­Wer­ke, Bd. XII, Frank­furt (Fischer) 1966, S. 169.
7 Lenin, „Notiz für das Polit­bü­ro über den Kampf gegen den Gross­macht­chau­vi­nis­mus“ (6.10.1922), in: Wer­ke, Band 33; Ber­lin (Dietz) 1963, S. 358 und S. 506 Fn. 80).
8 Das „Buda­pes­ter Memo­ran­dum“ wur­de am 5.12.1994 von den USA, Groß­bri­tan­ni­en und Russ­land unterzeichnet.
9 Mit­ten im Krieg gegen die Ukrai­ne ließ Putin (am 28.2.2022) „Memo­ri­al“, die (inter­na­tio­na­le) Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on, die seit 1989 an der Exhu­mie­rung der ver­schüt­te­ten rus­si­schen Geschich­te des 20. Jahr­hun­derts arbei­tet, verbieten.
10 „Man sagt, die Ein­heit des Appa­rats sei nötig gewe­sen. Woher stam­men die­se Behaup­tun­gen? Doch wohl von dem­sel­ben rus­si­schen Appa­rat, den wir […] vom Zaris­mus über­nom­men und nur ganz leicht mit Sowjet­öl gesalbt haben.“ Lenin,„Zur Fra­ge der Natio­na­li­tä­ten oder der ‚Auto­no­mi­sie­rung‘“ (30.12.1922), in: Lenin, Wer­ke, Band 36, Ber­lin (Dietz) 1962, S. 590 f.
11 Vgl. dazu Lewin, Mos­hé (1967), Lenins letz­ter Kampf, Ham­burg (Hoff­mann und Cam­pe) 1970.
12 Lenin, a. a. O. (Anm. 10).
13 „Gekreu­zigt zwi­schen vier Staa­ten, ist die Ukrai­ne heu­te in die glei­che Situa­ti­on gera­ten wie [frü­her] Polen […]. Die ukrai­ni­sche Fra­ge wird in aller­nächs­ter Zukunft * eine gewal­ti­ge Rol­le im Leben Euro­pas spie­len […]“, schrieb er 1939, und setz­te – im Hin­blick auf den Holo­do­mor und die Ter­ror­jah­re – hin­zu: „Nir­gend­wo haben Un ter­drü­ckung, Säu­be­run­gen, Repres­sa­li­en und über­haupt alle For­men des büro­kra­ti­schen Row­dy­tums der­art mör­de­ri­sche Aus­ma­ße ange­nom­men wie im Kampf gegen das macht­vol­le, tief­ver­wur­zel­te Stre­ben der ukrai­ni­schen Mas­sen nach mehr Frei­heit und Unab­hän­gig­keit.“ Leo Trotz­ki, „Die ukrai­ni­sche Fra­ge“ (22.4.1939), in: Schrif­ten, Band 1.2, Ham­burg (Rasch und Röh­ring) 1988, Text 50, S. 1169 f. und S. 1173. Vgl. dazu ebd. auch die Tex­te 56, 57 und 60.

* [Der ers­te Teil die­ses Arti­kels wur­de bereits am 19.8. und am 27.9.2014 geschrie­ben, der zwei­te am 1.3.2022.]

Aus Theo­rie­bei­la­ge Avan­ti² Rhein-Neckar April 2022
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