Lim­bur­ger­hof, Rhein-Neckar, Deutschland:

Die Wür­de des Men­schen ist antastbar?

 

H.N.

Stell’ Dir vor, als „links” bezeich­ne­te Ran­da­le­trup­pen wür­den seit Mona­ten men­schen­ver­ach­ten­de Het­ze betrei­ben. Stell’ Dir fer­ner vor, die­se Figu­ren wür­den hun­der­te von Brand­an­schlä­gen orga­ni­sie­ren, sie wür­den Men­schen jagen, belei­di­gen, ein­schüch­tern, angrei­fen, ver­let­zen und ermorden.

Was wäre dann in die­ser Repu­blik los? Natür­lich eine Medi­en­kam­pa­gne 7/24 auf allen Kanä­len gegen „links”, den „lin­ken Ter­ror” und sei­ne Sym­pa­thi­san­tIn­nen. Poli­ti­ke­rI­nen wären ohne zu Zögern an die Tat­or­te gereist und wür­den nicht schwei­gen, bedau­er­li­che „Ein­zel­fäl­le” klein­re­den oder beschönigen. 
Sie wür­den den staat­li­chen Kampf gegen „den Ter­ror” ohne Gna­de orga­ni­sie­ren und mit radi­ka­len  Regie­runs­gerklä­run­gen gegen die Brand­stif­ter gar­nie­ren. Es wür­de mas­si­ve wei­te­re Ein­schrän­kun­gen der demo­kra­ti­schen Rech­te geben. Viel­leicht wür­den sogar die “Not­stands­ge­set­ze” aus der Schub­la­de gezo­gen. Auf jeden Fall gäbe es flä­chen­de­ckend Haus­durch­su­chun­gen, Fest­nah­men und Organsia­ti­ons­ver­bo­te. Wir wür­den Zeu­gen rück­sichts­lo­ser Poli­zei­ein­sät­ze, die mit allen erdenk­ba­ren Mit­teln die Brand­stif­ter aus­schal­ten würden.
Und was pas­siert jetzt von staat­li­cher Sei­te gegen das hem­mungs­lo­se Trei­ben von Nazis und Ras­sis­tIn­nen? Nach lan­gem Zögern und Koket­tie­ren mit Pegi­da & Co. sym­bo­li­sche und medi­en­wirk­sa­me Besu­che an Tat­or­ten und mehr oder weni­ger kla­re Wor­te gegen die rech­te Gewalt.

Gleich­zei­tig aber haben Debat­ten über die wei­te­re Zer­stö­rung des Grund­rechts auf Asyl Hoch­kon­junk­tur. „Siche­re” Her­kunfts­staa­ten, Aus­sor­tie­ren der „Wirt­schafts­s­flücht­lin­ge”, schnel­le­res Abschie­ben, Unter­brin­gung in Zelt­la­gern, Kür­zung des Taschen­gel­des - das sind nur eini­ge der Schlag­wor­te von Regie­rungs­ver­tre­te­rIn­nen. Die­se Sprü­che wer­den ger­ne und vie­läl­tig in zahl­rei­chen Medi­en wie­der­ge­käut, auch wenn mitt­ler­wei­le die Kam­pa­gne gegen „Dun­kel­deutsch­land“ an Fahrt auf­ge­nom­men hat.
Wo bleibt die Ach­tung vor dem bür­ger­li­chen Grund­ge­setz bei die­sen Herr­schaf­ten? Nach den Ver­bre­chen der Nazi-Dik­ta­tur wur­de der Arti­kel 1 bewußt so for­mu­liert: „Die Wür­de des Men­schen ist unantastbar.”

Nein zu Aus­gren­zung, Faschis­mus und Rassismus!

Krie­ge, poli­ti­sche Unter­drü­ckung und sozia­le Ver­elen­dung fal­len nicht vom Him­mel. Sie wer­den von den Pro­fi­teu­ren des Kapi­ta­lis­mus orga­ni­siert - auch durch die zuneh­men­den deut­schen Waf­fen­ex­por­te und die deut­sche Groß­macht­po­li­tik. Die EU und nicht zuletzt auch die Gro­Ko sind poli­tisch mit­ver­ant­wort­lich für die Flucht­ur­sa­chen in Süd­ost­eu­ro­pa, Nord­afri­ka und dem Nahen Osten. 
Das Mit­tel­meer ist nach wie vor ein Mas­sen­grab für Flücht­lin­ge. Die­ser Skan­dal wird nicht mit der Ver­sen­kung von Schlep­per­boo­ten durch die Bun­des­ma­ri­ne been­det. Viel­mehr ist die Bekämp­fung der Flucht­ur­sa­chen (Krie­ge, Unter­drü­ckung und Ver­elen­dung) drin­gend erfor­der­lich. Doch weder die EU noch die Bun­des­re­gie­rung han­deln in die­sem Sinne. 
Das ‚Pro­blem‘ sind nicht Flücht­lin­ge und Migran­tIn­nen, son­dern Ras­sis­mus und Dis­kri­mi­nie­rung. Die Aus­höh­lung des Rechts auf Asyl und restrik­ti­ve Ein­wan­de­rungs­ge­set­ze trei­ben Flücht­lin­ge und Migran­tIn­nen in die Ille­ga­li­tät. Das macht sie leich­ter angreif- und damit für die moder­nen Skla­ven­hal­ter ausbeutbar.

War­um sind Flücht­lin­ge nicht gleich­be­rech­tigt? Die Gleich­heit der Rech­te wür­de schnell hel­fen, ihre Dis­kri­mi­nie­rung zu bekämp­fen. Sie brau­chen das Recht auf Bestim­mung des Auf­ent­halts- und Wohn­or­tes. Die Lega­li­sie­rung der „Ille­ga­len” ist eben­so erfor­der­lich wie ein neu­es Staats­bür­ger­recht, das nicht an die Natio­na­li­tät gekop­pelt ist, son­dern das akti­ve und pas­si­ve Wahl­recht allen Ein­woh­ne­rIn­nen bei allen Wah­len zubil­ligt. Des­halb sind wir für die vol­le poli­ti­sche, sozia­le und recht­li­che Gleich­stel­lung aller Menschen! 
Zudem muss der sozia­len Dem­ago­gie der Neo-Nazis der Boden ent­zo­gen wer­den. Nicht die Flücht­lin­ge sind schuld an zuneh­men­der Armut in die­sem rei­chen Deutsch­land. Es ist die Agen­da-Poli­tik des Kapi­tals und der herr­schen­den Krei­se. Poli­ti­ke­rIn­nen trei­ben hier­zu­lan­de mit Hartz IV, zuneh­mend pre­kä­rer Beschäf­ti­gung und Ren­ten­kür­zun­gen Mil­lio­nen in Existensznöte. 

Was tun?

Wir sind der Mei­nung, dass Neo­fa­schis­mus, Nazi-Hools, Isla­mis­mus und Ras­sis­mus nicht per Dekret aus der Welt zu schaf­fen sind. Wir ver­trau­en kei­nem Staats­ap­pa­rat, der auf dem rech­ten Auge blind ist. Des­sen Spit­zel nach wie vor in den faschis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen ver­an­kert sind, und der die Total­über­wa­chung immer wei­ter vorantreibt. 
Zum Glück gibt es tau­sen­de Men­schen, die sich soli­da­risch um Flücht­lin­ge küm­mern. Hun­dert­tau­sen­de sind zudem mobi­li­sier­bar gegen Frem­den­feind­lich­keit. Aber wir brau­chen jetzt mehr denn je die gemein­sa­me, orga­ni­siert wir­ken­de Kraft von Anti­fa­schis­tIn­nen und AntirassistInnen. 
Wir benö­ti­gen eine brei­te außer­par­la­men­ta­ri­sche und inter­na­tio­na­lis­ti­sche Bewe­gung für die kon­se­quen­te Ver­tei­di­gung der Men­schen­wür­de sowie der poli­ti­schen und sozia­len Men­schen­rech­te gegen brau­nen und staat­li­chen Ras­sis­mus. In Lim­bur­ger­hof, Rhein-Neckar und überall.

aus der Rhein-Neckar Bei­la­ge zur Avan­ti 236, Sep­tem­ber 2015
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