Raue Zei­ten: Anpas­sung oder Gegen­wehr?“

G. G.

Unter die­sem Arbeits­ti­tel fand Anfang März 2020 ein wei­te­res Betriebs- und Gewerk­schafts­se­mi­nar der ISO Rhein-Neckar statt.

Drei The­men stan­den im Mit­tel­punkt der Refe­ra­te und Dis­kus­sio­nen: Wie haben sich die gesell­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen geän­dert? Wel­che Zie­le ver­fol­gen wir? Wie kön­nen wir in Betrieb und Gewerk­schaft die not­wen­di­ge Gegen­wehr orga­ni­sie­ren?

In wel­chen Zei­ten leben wir?
Um die heu­ti­ge Situa­ti­on ver­ste­hen zu kön­nen, muss die Ent­wick­lung der letz­ten Jahr­zehn­te betrach­tet wer­den. Dar­um wur­de im ein­lei­ten­den Refe­rat ein his­to­ri­scher Bogen vom Ende der men­schen­ver­ach­ten­den Nazi-Dik­ta­tur und des mör­de­ri­schen II. Welt­krie­ges bis heu­te gespannt.

GE-Aktionstag in Bexbach, 12. Dezember 2016 (Foto: helmut-roos@web.de)

GE-Akti­ons­tag in Bex­bach, 12. Dezem­ber 2016 (Foto: helmut-roos@web.de)

Nach 1945 war das kapi­ta­lis­ti­sche Welt­sys­tem poli­tisch-mora­lisch geschwächt. Sei­ne geo­po­li­ti­schen Ein­fluss­zo­nen schrumpf­ten. Aber der Kapi­ta­lis­mus wur­de nicht besei­tigt. Im Gegen­teil, die pro­ka­pi­ta­lis­ti­schen Kräf­te konn­ten eine erfolg­rei­che Gegen­be­we­gung star­ten.

Spä­tes­tens am 11. Sep­tem­ber 1973 wur­de dies durch den CIA-gesteu­er­ten Mili­tär­putsch in Chi­le mit blu­ti­ger Bru­ta­li­tät deut­lich. Die Put­schis­ten zer­schlu­gen die Orga­ni- satio­nen der Arbei­te­rIn­nen­klas­se. Zehn­tau­sen­de Men­schen fie­len Fol­ter und Mord zum Opfer. Sozia­le Errun­gen­schaf­ten und poli­ti­sche Frei­hei­ten wur­den ein­ge­schränkt oder besei­tigt.

Damit begann der Sie­ges­zug des „Neo­li­be­ra­lis­mus“. Sei­ne Ideen, Zie­le und Mit­tel sind bis heu­te unver­än­dert geblie­ben: Die Pro­fi­te sol­len durch mas­si­ve Angrif­fe auf die Orga­ni­sa­tio­nen, die poli­ti­schen Rech­te, das Klas­sen­be­wusst­sein sowie die Arbeits- und Lebens­be­din­gun­gen der arbei­ten­den Klas­se gestei­gert wer­den.

Beglei­tet und abge­si­chert wird die­se Offen­si­ve durch eine umfas­sen­de ideo­lo­gi­sche Dau­er­be­rie­se­lung auf allen betrieb­li­chen und gesell­schaft­li­chen Ebe­nen.

Wel­che Zie­le in der Betriebs- und Gewerk­schafts­ar­beit?
Im zwei­ten Semi­nar­teil ging es um wesent­li­che Zie­le unse­rer Arbeit.

Dabei wur­den fol­gen­de Punk­te dis­ku­tiert: Der Umbau von Wirt­schaft und Pro­duk­ti­on zum Schutz von Kli­ma und Umwelt, Arbeits­zeit­ver­kür­zung bei vol­lem Per­so­nal- und Lohn­aus­gleich gegen Arbeits­ver­dich­tung und Ent­las­sun­gen, Besei­ti­gung von Leih­ar­beit und pre­kä­rer Beschäf­ti­gung, kon­se­quen­te Umset­zung des betrieb­li­chen Arbeits- und Gesund­heits­schut­zes, Real­lohn­er­hö­hun­gen, men­schen­wür­di­ge Min­dest­löh­ne und Ren­ten, kei­ne Pri­va­ti­sie­rung öffent­li­cher Diens­te sowie der Daseins­für­sor­ge und nicht zuletzt inter­na­tio­na­le Soli­da­ri­tät und Orga­ni­sie­rung.

Sol­che Zie­le sind mit einer Stra­te­gie der Sozi­al­part­ner­schaft, wie sie von den Gewerk­schafts­füh­run­gen ver­folgt wird, nicht zu errei­chen. Denn die­se Stra­te­gie leug­net − wenn auch nicht in Wor­ten, so doch in der Pra­xis − den grund­le­gen­den Inter­es­sen-Gegen­satz zwi­schen Kapi­tal und Arbeit. Sie ord­net in der Regel die Inter­es­sen der Arbei­te­rIn­nen­klas­se den Pro­fit­in­ter­es­sen des Kapi­tals unter.

Dage­gen soll­ten wir für eine klas­sen­kämp­fe­ri­sche Poli­tik ein­tre­ten. Eine Poli­tik, die sich aus­schließ­lich an den Inter­es­sen der arbei­ten­den Klas­se ori­en­tiert. Die­se Ori­en­tie­rung wird unwei­ger­lich zu einem schar­fen Kon­flikt mit dem sozi­al­part­ner­schaft­li­chen Gewerk­schafts­ap­pa­rat füh­ren. Daher müs­sen wir unse­re poli­ti­sche Arbeit mit dem Kampf für die Demo­kra­ti­sie­rung der Gewerk­schaf­ten und dem Recht auf Orga­ni­sie­rung klas­sen­kämp­fe­ri­scher Strö­mun­gen ver­bin­den.

Wie kön­nen wir die Gegen­wehr orga­ni­sie­ren?
Es sind immer noch Weni­ge, die im Betrieb eine aus­schließ­lich an den Beleg­schafts­in­ter­es­sen ori­en­tier­te Gegen­wehr orga­ni­sie­ren. Nicht sel­ten wer­den wider­stän­di­ge Kol­le­gIn­nen auch inner­halb von Gewerk­schaf­ten, Ver­trau­ens­leu­te­struk­tu­ren und Betriebs­rä­ten ange­grif­fen und zie­hen sich ent­mu­tigt und ent­täuscht zurück.

Um Wider­stand zu orga­ni­sie­ren, müs­sen wir uns im Betrieb eine kämp­fe­ri­sche Basis schaf­fen. Am Anfang wird dies oft­mals bedeu­ten, mit ein, zwei oder drei Kol­le­gIn­nen eine klei­ne Grup­pe (einen akti­ven Kern) auf­zu­bau­en. Schon in die­ser Pha­se ist es not­wen­dig, sich auch über­be­trieb­lich zu ver­net­zen. Bei­des hilft, uns zu stär­ken, zu schüt­zen und zu stüt­zen.

Eine zen­tra­le Stel­lung in unse­rer Arbeit muss die Basis­ori­en­tie­rung ein­neh­men. Nur im direk­ten und regel­mä­ßi­gen Aus­tausch mit unse­ren Kol­le­gIn­nen ist es mög­lich, eine erfolg­rei­che prak­ti­sche Arbeit zu ent­wi­ckeln. Nur so las­sen sich Soli­da­ri­tät und Wider­stand über­zeu­gend ent­wi­ckeln und neue Mit­strei­te­rIn­nen fin­den.

Fazit
In der Abschluss­run­de wur­den Refe­ra­te und Dis­kus­si­on von den Teil­neh­men­den als sehr posi­ti­ver Impuls für die wei­te­re prak­ti­sche Arbeit bewer­tet. Damit Men­schen in wir­ren und rau­en Zei­ten poli­tisch über­le­ben kön­nen, braucht es Wis­sen und Soli­da­ri­tät. Unser Semi­nar hat dazu einen klei­nen Bei­trag geleis­tet.

Aus Avan­ti² Rhein-Neckar April 2020
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