15 Jah­re Als­tom­Chor – Was nun? Ein Gespräch mit Bernd Köh­ler

Fan­gen wir mit dem Ende an. Du kannst auf 15 Jah­re beson­ders enga­gier­te Arbeit mit dem Chor zurück­bli­cken. Das wur­de mit dem sehr gelun­ge­nen Fest­kon­zert Ende Okto­ber gebüh­rend gefei­ert. Was hat da bei Dir über­wo­gen: Erleich­te­rung oder Weh­mut?
Weder noch. Das waren 15 erfüll­te Jah­re, ich den­ke für alle Betei­lig­ten. Für mich war es eine unglaub­li­che Erfah­rung, von Pro­be zu Pro­be immer mehr erle­ben zu kön­nen, wel­che Wir­kung das gemein­sa­me Sin­gen, das offe­ne Debat­tie­ren und die locke­re Stim­mung auf uns alle hat­te. Das war den Ein­satz wirk­lich wert. Auch ich hat­te die­ses Pro­jekt ja frei gewählt, es war mei­ne Idee, bei der Prä­sen­ta­ti­on des Résis­tance-Lie­des die spon­ta­ne For­de­rung ein­zu­brin­gen, dass die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen die­ses Lied, ihr Lied, auch sel­ber sin­gen soll­ten. Kei­ner hät­te damals je gedacht, dass aus die­sem kratz­stim­mi­gen und etwas ver­le­ge­nen Hau­fen ein selbst­be­wuss­ter und spä­ter auch wohl­klin­gen­der Chor wer­den soll­te – und ein Freun­des­kreis dazu.

Du hast schon frü­her ein­mal ange­merkt, dass im Sep­tem­ber 2003 eine der­art lan­ge Exis­tenz des Chors kaum vor­stell­bar war, zumal sich anfangs im Betrieb – von einer win­zi­gen Min­der­heit abge­se­hen – die Begeis­te­rung in sehr engen Gren­zen hielt. Wie konn­te dann aber eine solch sta­bi­le Basis und letzt­lich auch spür­ba­re Aner­ken­nung für die­ses Pro­jekt ent­ste­hen?
Dadurch, dass der Anspruch für den Chor, die Fra­ge, was wol­len wir und was kön­nen wir, immer sehr nied­rig gehal­ten wur­de. Ich ver­stand den Chor immer und vor­ran­gig als ein gewerk­schafts­po­li­ti­sches Kampf­in­stru­ment.

Bernd Köhler beim Festkonzert 15 Jahre AlstomChor in Mannheim, 27. Oktober 2018 (Foto: helmut-roos@web.de)

Bernd Köh­ler beim Fest­kon­zert 15 Jah­re Als­tom­Chor in Mann­heim, 27. Okto­ber 2018 (Foto: helmut-roos@web.de)

Die Begehr­lich­kei­ten, bes­ser oder har­mo­ni­scher Sin­gen zu wol­len, konn­ten sich also lang­sam ent­wi­ckeln, lang­sam wach­sen. Es wur­den kei­ne zu hohen künst­le­ri­schen Anfor­de­run­gen hin­ein­ge­presst. Jede und jeder konn­te sich mit den eige­nen per­sön­li­chen Fähig­kei­ten ein­brin­gen – zunächst gesang­lich, spä­ter sogar instru­men­tal. Das war für mich nicht immer ein­fach, war aber auch ein Teil der Erdung, die ich durch die­ses Pro­jekt erfah­ren habe. Qua­li­tät nicht nur als for­ma­le Grö­ße zu sehen, son­dern auch die mensch­li­che Kom­po­nen­te wahr­zu­neh­men, die klei­nen Ent­wick­lun­gen, wie zum Bei­spiel Men­schen in dem Chor­ge­bil­de per­sön­lich wuch­sen, mit der Zeit gelös­ter und frei­er san­gen und sich auch sonst mehr ein­brach­ten.

Das war schon ein Ham­mer und hat sich bei Auf­trit­ten durch Authen­ti­zi­tät und locke­re Direkt­heit ver­mit­telt. Das ste­tig zu son­die­ren und ent­spre­chend zu för­dern, war auch für mich eine neue Her­aus­for­de­rung, über der ich nicht sel­ten sogar mei­ne Tex­te oder Melo­dien ver­gaß. Die Leu­te aus dem Chor wis­sen, was ich mei­ne [lacht].

Hat sich Dein Blick auf die kapi­ta­lis­ti­sche Arbeits­welt durch die Kon­tak­te mit den Als­to­me­rIn­nen ver­än­dert?
Na ja, durch die kon­kre­te Erfah­rung mit der Poli­tik der Kapi­tal­sei­te, die vor allem durch per­ma­nent geschür­te Unsi­cher­heit und Unru­he geprägt war, hat sich auch mein Blick wei­ter geschärft. Es ist ein Unter­schied, ob du das gefil­tert aus den Medi­en ent­nimmst oder ob du das haut­nah durch den Kon­takt mit den Betrof­fe­nen erfährst.

Manch­mal war die ers­te Vier­tel­stun­de der Chor­pro­be geprägt von einer kon­tro­ver­sen Debat­te rund um die­se The­men – und das obwohl die meis­ten aus dem akti­ven betrieb­li­chen Kern kamen, also die­se Dis­kus­sio­nen schon genug führ­ten. Viel­leicht, dass durch das locke­re Umfeld der Chor­pro­be ein ande­rer Blick, auch eine ande­re Offen­heit mög­lich war, sogar her­aus­ge­for­dert wur­de. Für mich waren die Chor­pro­ben und noch mehr die Auf­trit­te bei stim­mungs­ge­la­de­nen Betriebs­ver­samm­lun­gen oder in besetz­ten Betrie­ben ech­te Bil­dungs­ver­an­stal­tun­gen, die ich jedem sozi­al enga­gier­ten Künst­ler wün­sche.

Der Als­tom­Chor ist für vie­le Aus­druck einer glaub­wür­di­gen Ver­bin­dung von Musik und betrieb­li­chem Wider­stand. Seit Mit­te 2014 ist die Résis­tance im Betrieb und dann ab Ende 2016 auch die Gegen­wehr mas­siv geschwächt wor­den. Was hat das für Dich und Dei­ne Arbeit mit dem Chor bedeu­tet?
Die Ver­un­si­che­rung durch die zer­set­zen­de Metho­dik und Psy­chotak­tik des neu­en Eigen­tü­mers GE kam natür­lich auch im Chor an, waren doch die meis­ten akti­ve Betriebs­rä­te oder Ver­trau­ens­leu­te. Die Leich­tig­keit und Frech­heit der ers­ten Jah­re, als wir getra­gen von einem erfolg­rei­chen Kampf ganz selbst­ver­ständ­lich in der Mit­tags­pau­se im Betrieb unse­re Lie­der prob­ten, auch wenn oben drü­ber gera­de die Geschäfts­lei­tung tag­te, wich einer zuneh­men­den Ver­un­si­che­rung. Der Rück­zug von selbst­be­wuss­ten klas­sen­kämp­fe­ri­schen Posi­tio­nen war auch im Chor spür­bar. Plötz­lich prob­ten wir außer­halb des Betriebs, nach der Arbeit. Auf­trit­te auf der eige­nen Betriebs­ver­samm­lung wur­den immer sel­te­ner. Um die­se Auf­trit­te wur­de auch nicht mehr gerun­gen, weil die Schwe­re der Aus­ein­an­der­set­zung, in der es um Sein oder Nicht­sein ging, alles über­deck­te.

Das war nicht mehr das Betriebs­rats­bü­ro als bedin­gungs­lo­se Kampf­zen­tra­le, das mich 2003 zu mei­nem eben­so bedin­gungs­lo­sen Enga­ge­ment moti­viert hat­te. So dach­te ich schon vor eini­gen Jah­ren dar­an, mich aus dem Pro­jekt wie­der zurück­zu­zie­hen. Aber ich woll­te die, die mir zu Freun­din­nen und Freun­den gewor­den waren, in die­ser Pha­se nicht im Stich las­sen. Nun nach­dem die Schlacht, die lei­der kei­ne wur­de, ver­lo­ren ist, die meis­ten Chor­leu­te auch zu den über 1.000 Ent­las­se­nen gehö­ren und nicht mehr im Betrieb sind, hat sich auch das Pro­jekt Als­tom­Chor selbst auf­ge­kün­digt, müss­te durch ein ganz nor­ma­les Chor­pro­jekt ersetzt wer­den. Das war aber nie mein Ding oder Anlie­gen. Des­halb bin ich froh, dass wir noch das wun­der­ba­re 15 Jah­re-Fest geschafft haben und somit alle eine fri­sche Erin­ne­rung an etwas Gro­ßes und Ein­zig­ar­ti­ges mit­neh­men kön­nen.

Wel­che Bilanz ziehst Du für Dich aus 15 Jah­ren Als­tom­Chor, und was sind Dei­ne musi­ka­li­schen Plä­ne für die Zukunft?
Die Arbeit mit dem Chor hat­te mich vor 15 Jah­ren wie­der in die Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung zurück kata­pul­tiert. Die Erfah­rung, dass die arbei­ten­de Klas­se auch wir­kungs­mäch­tig sein kann, kei­ne pure Theo­rie ist, hät­te ich ohne mein Enga­ge­ment mit dem Chor nicht machen kön­nen. Aber auch nicht die Erfah­rung, wie schnell das Gan­ze insta­bil wer­den kann. Wie wich­tig also gewerk­schaft­li­che Bil­dung und das Ent­wi­ckeln einer Hal­tung wären, um dem wach­sen­den Druck und der Raf­fi­nes­se der Gegen­sei­te auch stand­hal­ten zu kön­nen.

Das alles ist schon in vie­le wei­ter­ge­hen­de Kul­tur­pro­jek­te ein­ge­flos­sen, den „Karl-Marx-Umzug” im Mai die­ses Jah­res zum Bei­spiel, das gemein­sa­me Sin­gen auf der 1. Mai-Demons­tra­ti­on an dem sich ein ansehn­li­cher Sän­ge­rIn­nen-Hau­fen betei­lig­te oder die mul­ti­me­dia­le Kul­tur-Ver­an­stal­tung zu den Bau­ern­krie­gen und dem Kon­flikt zwi­schen Luther und Münt­zer im letz­ten Jahr – um nur eini­ge nahe­lie­gen­de zu nen­nen. Alles übri­gens Akti­vi­tä­ten, die von der ört­li­chen IG Metall unter­stützt wur­den, was nicht hoch genug zu bewer­ten ist.

Die Ver­fei­ne­rung der poli­ti­schen Musik von ewo2, dem klei­nen elek­tro­ni­schen welt­or­ches­ter, steht auf der kul­tu­rel­len Agen­da des kom­men­den Jah­res genau­so ganz oben wie die Her­aus­ga­be eines Buches mit einer Aus­wahl mei­ner Songs, Tex­te und Gedich­te von 1967 bis heu­te, inklu­si­ve einer Tour im Herbst 2019 unter dem Titel „Bernd Köh­ler singt Schlauch”, womit ich in die­sen ver­fah­re­nen Zei­ten auch wie­der an rebel­li­sche­re Tra­di­tio­nen erin­nern will, als ich unter die­sem Spitz­na­men in den poli­ti­schen Bewe­gun­gen nach den 60er Jah­ren unter­wegs war. Wer eine Ver­an­stal­tung mit dem Pro­gramm machen möch­te, soll sich bit­te mel­den bei: bk@ewo2.de.

Finale des Festkonzerts 15 Jahre AlstomChor in Mannheim, 27. Oktober 2018 (Foto:helmut-roos@web.de)

Fina­le des Fest­kon­zerts 15 Jah­re Als­tom­Chor in Mann­heim, 27. Okto­ber 2018 (Foto:helmut-roos@web.de)

[Die Fra­gen stell­te W.A., 30.10.2018.]

Aus Avan­ti² Rhein-Neckar Novem­ber 2018
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