Iran – Inter­na­tio­na­lis­mus statt Imperialismus?

Gespräch mit einem aus dem Iran stam­men­den Genossen

 

A. N.

Seit dem 29.12.2025 gin­gen die Men­schen im Iran – wie­der ein­mal – mas­sen­haft auf die Stra­ße. Nach zehn Tagen begann das isla­mis­ti­sche Regime so bru­tal gegen die Pro­tes­te vor­zu­ge­hen, wie seit den 1980er Jah­ren nicht mehr. Man geht mitt­ler­wei­le von 30.000 bis 40.000 getö­te­ten Men­schen aus. Hun­dert­tau­sen­de wur­den inhaf­tiert, eine ver­gleich­ba­re Anzahl an Men­schen verletzt.

Protest in Straßburg gegen die Massaker in Iran, 17. Januar 2026. (Foto: Phototèque Rouge/Alexandre.)

Pro­test in Straß­burg gegen die Mas­sa­ker in Iran, 17. Janu­ar 2026. (Foto: Pho­to­tèque Rouge/Alexandre.)

Wir haben mit unse­rem Genos­sen Hassan Maar­fi Poor gespro­chen, der den Iran auf­grund poli­ti­scher Ver­fol­gung 2007 ver­las­sen hat und seit 2010 in Deutsch­land lebt.

Woher nah­men die Men­schen auch dies­mal wie­der die Kraft, nach­dem die Pro­tes­te der letz­ten Jah­re jedes Mal blu­tig nie­der­ge­schla­gen wurden?

Die Pro­tes­te zei­gen, dass mit den Bewe­gun­gen seit 2017 kei­ne wirk­li­chen Ver­bes­se­run­gen erzielt wur­den. Im Gegen­teil: Trotz klei­ner Locke­run­gen in Bezug auf das Hijab-Gebot, wur­de die staat­li­che Repres­si­on fort­ge­setzt. Die öko­no­mi­sche Lebens­la­ge der Bevöl­ke­rung hat sich in den letz­ten Jah­ren mas­siv ver­schlech­tert auf­grund einer mas­si­ven Infla­ti­on. Wenn die Men­schen sich kein Brot zum Satt­wer­den mehr leis­ten kön­nen, haben sie nichts mehr zu verlieren.

Aus wel­chen gesell­schaft­li­chen Grup­pen waren die Pro­tes­te dies­mal zusam­men­ge­setzt? Und was waren ihre Ziele?

Dies­mal ging der Pro­test von den Baza­ri (Markt­händ­lern) aus, die in einer Kri­se der Über­pro­duk­ti­on und Unter­kon­sump­ti­on ihre Exis­tenz bedroht sahen. Damit hat­ten sich auch die ursprüng­lich treus­ten Unter­stüt­zer Kho­mei­nis gegen die­ses Regime gekehrt. Schnell schlos­sen sich ins­be­son­de­re die ärms­ten Schich­ten der arbei­ten­den Klas­se an, in der Hoff­nung dies­mal end­lich das Regime stür­zen zu können.

Die gan­ze Gesell­schaft ist von tie­fer Ver­zweif­lung erfasst und dadurch bereit, ihre Hoff­nung in jedes noch so illu­so­ri­sche Ver­spre­chen zu legen. Lin­ke und sozia­lis­ti­sche Per­spek­ti­ven wur­den von Mon­ar­chis­ten und Isla­mis­ten seit Jahr­zehn­ten durch grau­sa­me Ver­fol­gung ver­nich­tet, die Köp­fe der Bewe­gung und vie­le Akti­ve sys­te­ma­tisch aus­ge­löscht. Dadurch waren vie­le emp­fäng­lich für die Bestre­bun­gen der Mon­ar­chis­ten, die ihre media­le und öko­no­mi­sche Macht nut­zen, um an Ein­fluss in der Ge- sell­schaft zu gewin­nen. Mit Gramsci gespro­chen: „Die alte Welt liegt im Ster­ben, die neue ist noch nicht gebo­ren: Es ist die Zeit der Monster.“

Wie­so ging das Regime dies­mal noch bru­ta­ler vor als bei vori­gen Protesten?

Die bru­ta­le Gewalt muss als ein ver­zwei­fel­ter Ver­such des Regimes ver­stan­den wer­den, sei­ne Macht zu hal­ten. Die Pro­tes­te haben gezeigt, dass die Unter­stüt­zung aus der Bevöl­ke­rung mitt­ler­wei­le ver­schwin­dend gering ist. Zudem for­miert sich mit den Mon­ar­chis­ten eine Macht, die sich der Unter­stüt­zung der USA und Isra­els brüs­tet. Sie haben die Men­schen auf­ge­for­dert, auf die Stra­ße zu gehen, da Trump schon bald Hil­fe schi­cken wür­de. Damit haben sie das Blut­bad wei­ter befeuert.

Wie wirkt sich die­se Erfah­rung auf die Men­schen im Iran und im Exil aus?

Nach dem Mas­sa­ker an der Bevöl­ke­rung sind die meis­ten Men­schen in einem Schock­zu­stand in tie­fer Melan­cho­lie und Depres­si­on. Vie­le Men­schen schaf­fen es kaum, ihr Haus zu verlassen.

Ande­rer­seits hat das Mas­sa­ker gezeigt, dass jeg­li­che Hoff­nung in eine Refor­mie­rung des Regimes eine Illu­si­on war, da es im Kern nie sei­nen faschis­ti­schen Cha­rak­ter auf­ge­ge­ben hat.

Wel­che Per­spek­ti­ven siehst du für die Bevöl­ke­rung im Iran, ins­be­son­de­re für die arbei­ten­de Klasse?

Die aktu­el­le Situa­ti­on ist sehr gefähr­lich, nicht nur wegen des isla­mis­ti­schen Regimes, son­dern auch wegen der feh­len­den Alter­na­ti­ven. Die Mon­ar­chis­ten wis­sen die­se Situa­ti­on für sich aus­zu­nut­zen. Wer dabei ihr Haupt­feind ist, haben sie klar in Wor­te gefasst: Es sind die lin­ken Kräf­te, die sie nach ihrer her­bei­ge­träum­ten Macht­über­nah­me kon­se­quent ver­nich­ten wollen.

Die ein­zi­ge Regi­on, in der noch eine lin­ke Kul­tur vor­herrscht, ist Kur­di­stan. Hier sehe ich die letz­te Chan­ce für die lin­ken Kräf­te aus dem gesam­ten Iran sich zusam­men­zu­schlie­ßen und eine letz­te Ver­tei­di­gungs­ein­heit gegen die isla­mis­ti­schen und mon­ar­chis­ti­schen Olig­ar­chen und Schma­rot­zer zu bil­den. Hier muss eine anti­fa­schis­ti­sche und anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Ein­heit ent­ste­hen, die für die arbei­ten­de Klas­se im gesam­ten Iran als Vor­bild auftritt.

Aus Avan­ti² Rhein-Neckar Febru­ar 2026
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