Betriebs­ar­beit in Zei­ten der „Coro­na-Pan­de­mie“

Ein Gespräch mit Betriebs­rä­tin­nen und Betriebs­rä­ten (Teil II)*

 

Im April 2020 spra­chen wir das ers­te Mal mit Kolleg*innen aus Che­mie-, Metall- und Spe­di­ti­ons­un­ter­neh­men über die betrieb­li­chen Aus­wir­kun­gen der Pan­de­mie. Im Novem­ber 2020, mit­ten in der zwei­ten Pan­de­mie-Wel­le, frag­ten wir erneut nach.

Hat in „Eurem“ Unter­neh­men der Arbeits- und Gesund­heits­schutz seit der 1. Pan­de­mie­wel­le einen ande­ren Stel­len­wert bekommen?
Kevin: Ver­än­dert hat sich etwas. Aber nicht zum Posi­ti­ven. Die Geschäfts­lei­tung nimmt die Pan­de­mie schon ernst. Wir wer­den als Betriebs­rat auch ein­be­zo­gen. Aber wie gesagt, wir wol­len einen ganz­heit­li­chen Arbeits- und Gesund­heits­schutz. Und da reagie­ren unse­re Her­ren all­er­gisch. Schließ­lich wol­len die allei­ne ent­schei­den. Wir stö­ren da nur. Inso­fern haben sich die Angrif­fe auf uns verschärft.

Betriebsversammlung in Corona-Zeiten, Bombardier Mannheim, 16. Juli 2020 (Foto: helmut-roos@web.de)

Betriebs­ver­samm­lung in Coro­na-Zei­ten, Bom­bar­dier Mann­heim, 16. Juli 2020 (Foto: helmut-roos@web.de)

Cla­ra: Der Gesund­heits­schutz hat eine grö­ße­re Bedeu­tung als vor Coro­na. Wir haben bei uns zum Glück kei­ne Ver­hält­nis­se wie in Schlacht­fa­bri­ken oder im Groß­ver­sand. Aber wir machen uns da nichts vor. Es geht dar­um, die Pro­duk­ti­on und den Gewinn sicher­zu­stel­len. Unab­hän­gig von Coro­na müss­te beim Arbeits­schutz viel mehr getan wer­den. Auch vom Betriebsrat.

Hei­ko: Bei uns ist die Ent­wick­lung ähn­lich wie bei Kevin. Im Grun­de ver­sucht die Stand­ort­lei­tung uns mür­be zu machen. Das heißt, wir wer­den immer wie­der mit neu­en und teil­wei­se sinn­lo­sen Din­gen beschäf­tigt. Oder es wird mal wie­der unse­re Mit­be­stim­mung nicht beach­tet. Das kos­tet Zeit, Kraft und Ner­ven. Das alles hat mit Coro­na ja nicht aufgehört.

Haben sich die Arbeits­be­din­gun­gen im Ver­lauf der Pan­de­mie ver­än­dert?
Cla­ra: Die Mehr­heit der Ange­stell­ten arbei­tet wie­der ver­mehrt im „Home-Office“. Dazu gibt es inzwi­schen auch eine ganz erträg­li­che Betriebs­ver­ein­ba­rung. Im Arbei­ter­be­reich ist „Home-Office“ ja nicht mög­lich. Dort wer­den die Hygie­ne-Maß­nah­men meis­tens ein­ge­hal­ten. Aus Angst, nicht weil man sie gut fin­det. Schließ­lich bringt die­ses Kon­zept mehr Auf­wand und Belas­tung, z. B. wegen der Hand­hy­gie­ne, dem Abstands­ge­bot, Lüf­ten, Mas­ken­pflicht. Aber die Arbeits­men­ge wur­de nicht verringert.

Kevin: Das ist typisch. So etwas ken­ne ich auch. Die Kolleg*innen sol­len auf alles ach­ten. Das kos­tet Zeit. Sie sol­len Mas­ken tra­gen. Gera­de bei kör­per­li­cher Arbeit ist das wirk­lich belas­tend. Belas­tend waren sol­che Arbei­ten auch frü­her. Aber jetzt sol­len die ja den gan­zen Tag zusätz­lich die Mas­ken tra­gen. Die Takt­zei­ten und die Arbeits­men­ge blei­ben aber unver­än­dert. Ein belieb­tes „Argu­ment“ der Vor­ge­setz­ten ist, dass alle froh sein könn­ten, Arbeit zu haben. Es gibt eini­ge Kolleg*innen, die es auch so sehen und uns sagen, wir sol­len den „Ball flach halten“.

Tom: Bei uns gibt es kei­ne neu­en Rege­lun­gen. Aber der Druck ist mehr gewor­den. Wir sind so knapp besetzt, dass jeder Per­so­nal­aus­fall sofort spür­bar ist. Auch wenn wir kei­ne „offi­zi­el­len“ Coro­na-Fäl­le hat­ten, so gab es doch ver­mehrt Krank­heits­fäl­le im letz­ten Halb­jahr. Da waren sicher auch Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen dabei, die gera­de wäh­rend der ers­ten Wel­le nicht wuss­ten, wohin mit dem Kind.

Das hört sich alles so an, als wenn Hygie­ne-Maß­nah­men ohne Ein­be­zie­hung der Beleg­schaft, ohne Betriebs­rat und ohne Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung ange­ord­net wer­den. Stimmt das?
Kevin: Die Beleg­schaft wur­de kaum ein­ge­bun­den. Der Betriebs­rat wird bei der Bera­tung der Maß­nah­men ein­be­zo­gen, aber eine Gefähr­dungs­ana­ly­se wird nicht durch­ge­führt. Wir strei­ten seit Jah­ren mit dem Unter­neh­men um die Umset­zung einer ganz­heit­li­chen Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung. Die­ser Kon­flikt hat sich eher verschärft.

Folgen „moderner“ Konzerpolitik in Mannheim-Käfertal (Foto: Privat)

Fol­gen „moder­ner“ Kon­zer­po­li­tik in Mann­heim-Käfer­tal (Foto: Privat)

Cla­ra: Wir wer­den zwar ein­be­zo­gen, aber immer wie­der ver­su­chen Vor­ge­setz­te, eigen­mäch­tig Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Auch der Kon­takt von Betriebs­rat zur Beleg­schaft hat in den letz­ten Mona­ten gelit­ten. Zu weni­ge Betriebs­rä­te las­sen sich in den Abtei­lun­gen bli­cken. Wir von der Min­der­heit haben auch zu spät die Initia­ti­ve ergrif­fen. Auch die Mög­lich­keit von Online-Tref­fen wur­de nicht aus­rei­chend genutzt. Damit fan­gen wir jetzt erst an. Inso­fern sind die meis­ten Maß­nah­men tat­säch­lich von oben nach unten erlas­sen worden.

Tom: Auch wenn ich mich wie­der­ho­le. Wir müs­sen meis­tens das anneh­men, was uns im Ent­leih­be­trieb vor­ge­setzt wird. Da haben wir kei­ner­lei Mit­be­stim­mung. Gegen­wehr ist unter sol­chen Bedin­gun­gen ganz schwer zu organisieren.

Hei­ko: Bei den Coro­na-Maß­nah­men ver­sucht das Manage­ment den Betriebs­rat ein­zu­bin­den. In Wahr­heit sol­len wir nur abni­cken, was die „Exper­ten“ uns vor­set­zen. Wir hal­ten da eigent­lich ganz gut dage­gen, aber es ist schwie­rig, das durch­zu­ste­hen. Und es ist noch schwie­ri­ger, die Kolleg*innen zu bewe­gen. Wir ver­su­chen ein­zel­ne Maß­nah­men mit den Beschäf­tig­ten zu bespre­chen, aber das gelingt uns nur in Abtei­lun­gen, in denen wir eine star­ke Posi­ti­on haben.

Wur­de im Zusam­men­hang mit der Erstel­lung des Hygie­nekon­zepts eine Ver­rin­ge­rung der Arbeits­men­ge und des Arbeits­tem­pos gefordert?
Hei­ko: Das war bei uns kein Thema.

Cla­ra: Die Arbeits­men­ge ist ein regel­mä­ßi­ges The­ma. Aber es gab dazu kei­ne kon­kre­te Forderung.

Kevin: Das war kei­ne offi­zi­el­le For­de­rung von uns. Wir for­dern die Leu­te auf, „ange­passt“ zu arbei­ten und die Vor­schrif­ten genau ein­zu­hal­ten, auch die umständ­li­chen. Das wür­de die Men­ge auto­ma­tisch redu­zie­ren. Aber am Band in der Fer­ti­gung ist das nicht mög­lich. Wer dort arbei­tet hat die „A-Kar­te“. Und wir schaf­fen es nicht, bei die­sem The­ma einen Fuß in die Tür zu bekommen.

Und wie reagie­ren die Kolleg*innen auf die Hygienemaßnahmen?
Tom: Bei uns wer­den die Regeln ein­ge­hal­ten. Vor allem aus Angst vor Ent­las­sung. Wir wer­den als „Dienst­leis­ter“ in ver­schie­de­nen Indus­trie­be­trie­ben ein­ge­setzt. Da bist du ein­fach auf die dor­ti­ge „Sicher­heits­kul­tur“ ange­wie­sen. Du weißt letzt­end­lich, dass du „nur“ Beschäf­tig­ter zwei­ter oder drit­ter Klas­se bist. Da heißt es oft „Maul hal­ten“ und „Zäh­ne zusam­men­bei­ßen“. Da stellst du die Regeln nicht in Fra­ge. Die All­tags­er­fah­rung ist, wer bestellt und bezahlt, der bestimmt. Du bist schon froh, die Arbeit zu behal­ten und wenn die „neu­en“ Kol­le­gen sich dir gegen­über fair verhalten.

Cla­ra: Bei uns reagie­ren sie sehr unter­schied­lich. Die­je­ni­gen, die im „Home­of­fice“ sind, haben dabei das gerin­ge­re Pro­blem. Die­je­ni­gen, die kein „Home­of­fice“ machen kön­nen, also in der Pro­duk­ti­on, in der Instand­hal­tung oder in der Logis­tik, sind manch­mal stink­sauer. Sie haben das Gefühl, dass sie benach­tei­ligt wer­den und ihre Gesund­heit nicht wirk­lich inter­es­siert. Eini­ge kri­ti­sie­ren des­we­gen nicht die Vor­ge­setz­ten, son­dern den Betriebsrat.

Kevin: Hin­zu kommt, dass vie­le Kolleg*innen froh sind, dass der Laden läuft und der Arbeits­platz im Moment noch sicher ist. Dafür sind sie zu vie­len Zuge­ständ­nis­sen bereit. Die täg­li­chen Berich­te über die Pan­de­mie und die Wirt­schafts­kri­se haben das Gefühl von Ohn­macht und Angst verstärkt.

Wie bewer­tet Ihr die letz­ten Mona­te und was sind Eure unmit­tel­ba­ren Ziele?
Cla­ra: Die Pro­ble­me sind durch Coro­na nicht weni­ger, son­dern deut­li­cher gewor­den. Wirt­schaft­lich steht das Unter­neh­men noch gut da. Aber wir sind wei­ter mit der Umstruk­tu­rie­rung im Kon­zern kon­fron­tiert. Wir arbei­ten wei­ter dar­an, bei der nächs­ten Wahl die Mehr­heit zu erhal­ten. Wir ver­su­chen, unse­re Kolleg*innen davon zu über­zeu­gen, dass nicht jam­mern hilft, son­dern Enga­ge­ment. Im Moment ste­hen unse­re Chan­cen ganz gut.

Tom: Bei uns ist die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung unsi­che­rer gewor­den. Logis­tik ist eben davon betrof­fen, wie vie­le Waren durch die Welt bewegt wer­den. Über Sinn und Unsinn spre­chen wir da jetzt nicht. Wenn Pro­duk­tio­nen ein­ge­schränkt wer­den und die Wirt­schafts­leis­tung schrumpft, dann sind wir natür­lich direkt betrof­fen. Aus gewerk­schaft­li­cher Sicht wäre sicher­lich auch bei uns mehr drin. Das sieht man an den Kolleg*innen von Ama­zon. Aber davon sind wir noch weit entfernt.

Kevin: Bei uns ist die Ent­wick­lung eher frus­trie­rend. Ein Teil der Kolleg*innen duckt sich weg und die per­ma­nen­ten Angrif­fe des Unter­neh­mens set­zen uns zu. Wir haben uns halt viel zu sehr vom Unter­neh­men trei­ben las­sen und unse­re eige­nen Zie­le aus den Augen ver­lo­ren. Es ist uns nicht aus­rei­chend gelun­gen, unse­re eige­nen Zie­le zu ver­fol­gen und den Kon­takt zu den Beschäf­tig­ten zu hal­ten. Gera­de weil der Druck des Unter­neh­mens auf uns mas­siv zunimmt, wäre das extrem wich­tig gewe­sen. Wir ver­su­chen jetzt, unse­re Posi­ti­on wie­der zu stär­ken. Mit einer kla­ren Stra­te­gie des Betriebs­ra­tes und einer regel­mä­ßi­gen Anspra­che und Infor­ma­ti­on der Belegschaft.

Hei­ko: In den letz­ten Mona­ten hat sich nichts Grund­le­gen­des geän­dert. Die Pro­ble­me, die wir vor Coro­na hat­ten, die haben wir immer noch. Der Kon­zern „opti­miert“ wei­ter. Die Arbeits­be­las­tung steigt. Die Unge­wiss­heit über die Zukunft wächst. Wir ste­hen im Betriebs­rat und bei den Ver­trau­ens­leu­ten mit­ten in einem Genera­tio­nen­wech­sel. Wir haben es noch nicht geschafft, uns zu ver­jün­gen und zu reak­ti­vie­ren. Vor allem beim Kon­takt mit der Beleg­schaft ist noch reich­lich Luft nach oben. Wenn wir da nicht bes­ser wer­den, dann könn­te das zu einer wei­te­ren Schwä­chung des Betriebs­ra­tes und der gewerk­schaft­li­chen Struk­tur im Betrieb führen.

* [Das Gespräch fand Ende Novem­ber 2020 statt. Die Namen wur­den zum Schutz der Teil­neh­men­den geän­dert. Die Fra­gen stell­te U. D. Teil I ist in Avan­ti² Nr. 76, Dezem­ber 2020 erschienen.]
Aus Avan­ti² Rhein-Neckar Janu­ar 2021
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