Cuba Libre in Havan­na

Die Wie­der­ent­de­ckung Trotz­kis auf Kuba

 

Hel­mut Dah­mer, Wien 18.06.2019

Im Zusam­men­hang mit dem 100. Jah­res­tag der Grün­dung der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le (im März 1919) plan­ten das Juan Mari­nel­lo Cuban Insti­tu­te of Cul­tu­ral Rese­arch und das Phi­lo­so­phi­sche Insti­tut der Uni­ver­si­tät Havan­na in Zusam­men­ar­beit mit dem Trotz­ki-Muse­um in Coya­can (Mexi­ko) – der Casa Museo León Trot­s­ky1 bzw. dem Insti­tu­to del Derecho de Asi­lo – und dem Karl Marx Cen­ter for Socia­list Stu­dies (eben­falls in Mexi­co City) einen nicht-öffent­li­chen Inter­na­tio­na­len aka­de­mi­schen Kon­gress zu Leben und Werk Leo Trotz­kis, der dann infol­ge „büro­kra­ti­scher Pro­ble­me“ auf Anfang Mai ver­scho­ben wer­den muss­te.

Die Reak­tio­nen auf die Ankün­di­gung einer Trotz­ki-Kon­fe­renz auf Kuba (durch ver­schie­de­ne sozia­lis­ti­sche Mit­tei­lungs­blät­ter) fie­len unter­schied­lich aus. Man­che Lese­rIn­nen die­ser Nach­richt reagier­ten mit ungläu­bi­gem Stau­nen, ande­re frag­ten „Wo sonst?“

Natalia Sedowa und Leo Trotzki in Mexico 1938 (Bild: Socialist Action)

Nata­lia Sedo­wa und Leo Trotz­ki in Mexi­co 1938 (Bild: Socia­list Action)

Ungläu­bi­ges Stau­nen
Kuba ringt seit 120 Jah­ren um sei­ne Unab­hän­gig­keit. Ende des 19. Jahr­hun­derts inter­ve­nier­ten die USA nach einer Rei­he von Auf­stän­den gegen die spa­ni­sche Kolo­ni­al­herr­schaft und hiel­ten seit­dem die for­mell unab­hän­gi­ge Repu­blik fak­tisch in Abhän­gig­keit – poli­tisch-mili­tä­risch mit Hil­fe ihres Inter­ven­ti­ons­rechts, ihres Stütz­punkts Guan­tá­na­mo und der Unter­stüt­zung wech­seln­der kuba­ni­scher Prä­si­den­ten, öko­no­misch durch eine Abnah­me-Garan­tie für die Pro­duk­te der Zucker-Mono­kul­tur.

Die 1925 gegrün­de­te Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Kubas geriet als­bald in den Sog des sta­li­nis­ti­schen Lagers, kol­la­bo­rier­te auch mit den jewei­li­gen Regi­men und fir­mier­te seit 1944 als „Sozia­lis­ti­sche Volks­par­tei“. Fidel Cas­tros Unter­neh­men, mit ein paar Dut­zend Gefolgs­leu­ten einen – durch Mas­sen-streiks unter­stütz­ten – Gue­ril­la­krieg gegen die Armee des Dik­ta­tors Batis­ta zu füh­ren, stand sie zunächst ableh­nend („Aben­teu­rer­tum“), dann abwar­tend gegen­über.

Der unge­heu­re Schat­ten des Sta­li­nis­mus2 lag (und liegt noch immer) über vie­len Ver­su­chen, aus dem Bann­kreis der kapi­ta­lis­ti­schen Welt­wirt­schaft aus­zu­bre­chen.

Noch immer glau­ben vie­le Anti­ka­pi­ta­lis­tIn­nen an den Mythos vom „Sozia­lis­mus in einem Land“ (oder in einem Block), an die „Lösung“ wider­strei­ten­der gesell­schaft­li­cher Inter­es­sen durch Mas­sen­ter­ror und an die von Sta­lin und sei­nen Ideo­lo­gen jahr­zehn­te­lang pro­pa­gier­ten Geschichts­le­gen­den. Das galt auch für die Füh­rung der fide­lis­ti­schen Gue­ril­la­trup­pe, der es in der zwei­ten Hälf­te der fünf­zi­ger Jah­re gelang, die Armee des Dik­ta­tors Ful­gen­cio Batis­ta zu besie­gen und ihn aus dem Land zu jagen. Für Fidel und sei­nen Bru­der Raoul wie für ihren berühm­ten Kampf­ge­fähr­ten Ché Gue­va­ra galt damals der 1953 ver­stor­be­ne Sta­lin, des­sen Ent­zau­be­rung auf den Par­tei­ta­gen der sowje­ti­schen KP von 1956 und 1961 bereits begon­nen hat­te, noch immer als eine Auto­ri­tät und die Sowjet­uni­on als ein nach­ah­mens­wer­tes sozia­lis­ti­sches Mus­ter­land. Trotz­ki und die IV. Inter­na­tio­na­le hin­ge­gen hiel­ten sie, Sta­lins 1938 ver­öf­fent­lich­tem Meis­ter­werk der Geschichts­fäl­schung – dem Kur­zen Lehr­gang der Geschich­te der KPdSU – ent­spre­chend, für Kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re, ihre Theo­rien für gefähr­li­che Ket­ze­rei­en. Das bedeu­te­te auch, dass sie weder den Cha­rak­ter der (spät-)stalinistischen Sowjet­uni­on, ihrer Schutz­macht, noch die Risi­ken, die ihr eige­nes revo­lu­tio­nä­res Pro­jekt bedroh­ten, zurei­chend ver­stan­den.3

Drei Teilnehmer der Konferenz in Havanna, rechts Helmut Dahmer (Foto: Privat)

Drei Teil­neh­mer der Kon­fe­renz in Havan­na, rechts Hel­mut Dah­mer (Foto: Pri­vat)

Dar­an änder­te sich auch nichts, als kuba­ni­sche Trotz­kis­ten sich früh­zei­tig der Gue­ril­la anschlos­sen.4 Iro­ni­scher­wei­se schlu­gen die fide­lis­ti­schen Natio­nal­re­vo­lu­tio­när­eIn­nen, die sich auf Mar­tí und Marx (oder Sta­lin) berie­fen, Trotz­kis (1906 ver­öf­fent­lich­te, 1929 erwei­ter­te) Theo­rie der Per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on aber gar nicht kann­ten, innen- wie außen­po­li­tisch einen Kurs ein, der dem einst von Trotz­ki pro­gnos­ti­zier­ten Über­gang natio­na­ler Unab­hän­gig­keits­be­we­gun­gen in sozia­lis­ti­sche zu ent­spre­chen schien. Innen­po­li­tisch ver­staat­lich­ten sie kuba­nisch-ame­ri­ka­ni­sches Pri­vat­ei­gen­tum und plan­ten nicht nur eine Diver­si­fi­zie­rung der Land­wirt­schaft, son­dern auch eine umfas­sen­de Indus­tria­li­sie­rung des Lan­des. Außen­po­li­tisch ver­such­ten sie, ihre anti-impe­ria­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on inter­na­tio­nal zu ver­brei­ten. Ché Gue­va­ra setz­te sein Leben ein, um – jeweils nur mit ein paar Dut­zend Kampf­ge­fähr­ten – nach kuba­ni­schem Mus­ter zuerst (1965) im Kon­go, dann (1966/67) in Boli­vi­en, durch küh­ne Gue­ril­la-Aktio­nen Mas­sen­auf­stän­de anzu­sto­ßen.5

Je stär­ker unter ame­ri­ka­ni­schem Druck die Abhän­gig­keit von der Sowjet­re­gie­rung wur­de, die, wie zuvor die USA, in Kuba vor allem einen Zucker­lie­fe­ran­ten und einen mili­tä­ri­schen Stütz­punkt sah, des­to stär­ker wur­de in den sech­zi­ger Jah­ren auch die poli­ti­sche und „kul­tu­rel­le“ Anpas­sung an „sowje­ti­sche“ Stan­dards.6 Der beden­ken­lo­sen Wie­der­grün­dung, Neu­grün­dung oder Über­nah­me der KP Kubas als Staats­par­tei im Jahr 1965 – ihr gehö­ren gegen­wär­tig über 800.000 Mit­glie­der an – kor­re­spon­dier­te die Ein­rich­tung eines Sperr­gür­tels gegen­über der inter­na­tio­na­len, anti- sta­li­nis­tisch-mar­xis­ti­schen Dis­kus­si­on.7 Künst­le­rIn­nen, die auf ihre Auto­no­mie poch­ten, wur­den eben­so ver­folgt wie sexu­el­le „Dis­si­den­tIn­nen“. Die klei­ne Grup­pe der Trotz­kis­tIn­nen (50 oder 60 Akti­ve) lan­de­te schließ­lich im Gefäng­nis.8

Wo sonst?
Vor die­sem Hin­ter­grund erscheint der nicht-öffent­li­che Aka­de­mi­sche Kon­gress zu Leben und Werk Trotz­kis vom 6. bis 8. Mai die­ses Jah­res als ein poli­ti­sches Wun­der. 60 Jah­re nach dem Sieg über Batis­ta und der staats­o­zia­lis­ti­schen Trans­for­ma­ti­on von Wirt­schaft und Gesell­schaft Kubas, nach ver­geb­li­chen Ver­su­chen, durch die Unter­stüt­zung von Befrei­ungs­be­we­gun­gen in Afri­ka und Süd­ame­ri­ka Bun­des­ge­nos­sen zu gewin­nen, nach unaus­ge­setz­ten Ver­su­chen wech­seln­der US-Regie­run­gen, das nach-revo­lu­tio­nä­re kuba­ni­sche Regime, wenn nicht zu stür­zen, dann doch zu stran­gu­lie­ren, hält sich der nicht­ka­pi­ta­lis­ti­sche Insel­staat noch immer. Der wesent­li­che Grund dafür ist, dass er sich auf die Loya­li­tät der Bevöl­ke­rungs­mehr­heit stüt­zen kann, der er Woh­nung und Arbeit, kos­ten­lo­se Aus­bil­dung und medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung garan­tiert.9 Treib­stoff und ein Groß­teil der Lebens­mit­tel müs­sen impor­tiert (und gegen­wär­tig auch wie­der ratio­niert) wer­den; die einst­mals präch­ti­ge Alt­stadt Havan­nas prä­sen­tiert sich heu­te teil­wei­se als eine Rui­nen­stadt; es man­gelt an vie­len ele­men­ta­ren Gütern (wie etwa Hygie­ne­mit­teln), die für zah­lungs­kräf­ti­ge Kon­su­men­tIn­nen in ver­gleich­ba­ren Dritt­welt-Staa­ten, die nicht jahr­zehn­te­lan­gen Blo­cka­den aus­ge­setzt waren, selbst­ver­ständ­lich sind.

Havan­na wirkt ent­mi­li­ta­ri­siert. Die Mas­sen­de­mons­tra­ti­on, zu der sich am 1. Mai 2019 um 7 Uhr früh auf dem Revo­lu­ti­ons­platz eine Mil­li­on Men­schen unter der Losung „Ein­heit, Kom­pro­miss, Sieg!“ ver­sam­mel­ten, glich einem Volks­fest. Es gab kei­ne Waf­fen­schau, und die teil­neh­men­den, unter­schied­lich uni­for­mier­ten Grup­pen von Poli­zis­tIn­nen gin­gen in der Mas­sen­de­mons­tra­ti­on auf. Gegen­wär­tig gibt es prak­tisch kei­nen Per­so­nen­kult. Ché Gue­va­ra frei­lich ist (wie auch inter­na­tio­nal) längst zu einem Mythos gewor­den (und gemacht wor­den), zu einem oft besun­ge­nen Volks­hel­den, der die revo­lu­tio­nä­ren Tra­di­tio­nen Kubas ver­kör­pert.

Konferenz-Plakat (Bild: Gemeinfrei)

Kon­fe­renz-Pla­kat (Bild: Gemein­frei)

Nach dem Kol­laps der Sowjet­uni­on zu Beginn der 1990er Jah­re, mit der 85 Pro­zent des kuba­ni­schen Außen­han­dels abge­wi­ckelt wor­den waren, und nach Natur­ka­ta­stro­phen Mit­te der Neun­zi­ger sah die Regie­rung sich zu einer Revi­si­on der Plan­wirt­schaft genö­tigt. Zögernd wur­de klei­nes Pri­vat­ei­gen­tum im Be-reich des Ser­vice-Sek­tors zuge­stan­den und 2019 auch in der Ver­fas­sung legi­ti­miert. Zudem wur­den Inves­ti­ti­ons-Mög­lich­kei­ten für aus­län­di­sches Kapi­tal und für Joint-Ven­tures etwa im Hotel­ge­wer­be eröff­net. Der Tou­ris­mus – mit gegen­wär­tig 5 Mil­lio­nen Besu­che­rIn­nen pro Jahr – wur­de ange­kur­belt und eine Par­al­lel­wäh­rung (CUC) für Tou­ris­tIn­nen ein­ge­führt.10 Die „klei­nen“ Pri­vat­wirt­schaf­ten, die sich all­mäh­lich zu „mitt­le­ren“ ent­wi­ckeln, die Über­wei­sun­gen wohl­ha­ben­der Kuba­ne­rIn­nen aus Miami, die jähr­lich etwa den staat­li­chen Ein­nah­men aus der Tou­ris­mus-Bran­che ent­spre­chen, und die Eta­blie­rung einer spe­zi­el­len Kon­sum-Welt für Tou­ris­tIn­nen haben zur Repro­duk­ti­on jener For­men sozia­ler Ungleich­heit geführt, die die Revo­lu­tio­nä­rIn­nen vor sech­zig Jah­ren besei­ti­gen woll­ten.11

Die „Alte Gar­de“ der kuba­ni­schen Revo­lu­tio­nä­rIn­nen zieht sich zurück. Der Par­tei­mar­xis­mus ver­blasst, weil er weder zur Gegen­warts­ana­ly­se bei­trägt, noch poli­ti­sche Per­spek­ti­ven eröff­net. Die links­na­tio­na­lis­tisch-pseu­do­so­zia­lis­ti­schen Regime in Latein­ame­ri­ka – die poten­ti­el­len Ver­bün­de­ten Boli­vi­en, Vene­zue­la und Nica­ra­gua – kämp­fen mit größ­ten Schwie­rig­kei­ten. Die Trump-Regie­rung ver­sucht mit aller Macht, sie zu eli­mi­nie­ren.

Von der jun­gen Genera­ti­on heißt es in einem der von Héc­tor Puen­te Sier­ra jüngst geführ­ten Inter­views: „Geht es um die Betei­li­gung an poli­ti­schen Debat­ten, stößt man auf feh­len­des Enga­ge­ment. Sie sind apa­thisch und fürch­ten die Fol­gen, wenn sie ihre Mei­nung offen kund­tun. Die meis­ten jun­gen Kuba­ner ver­fol­gen die poli­ti­schen Ereig­nis­se nicht. Sie sind [der Poli­tik] ent­frem­det, ent­ideo­lo­gi­siert.“12

Plenum Trotzki-Konferenz in Havanna (Foto: Ideas de Izquierda, Mexico)

Ple­num Trotz­ki-Kon­fe­renz in Havan­na (Foto: Ide­as de Izquier­da, Mexi­co)

Unter die­sen Umstän­den beginnt eine Min­der­heit von jun­gen Intel­lek­tu­el­len die Suche nach einem zurei­chen­den Ver­ständ­nis der aktu­el­len kuba­ni­schen wie der inter­na­tio­na­len Situa­ti­on. Das Milieu die­ser Suche bil­den natür­lich – wie einst in Ber­ke­ley, Paris und Frank­furt – die auf Refle­xi­on aus­ge­leg­ten, poten­ti­ell „unru­hi­gen“ Fakul­tä­ten – vor allem die Insti­tu­te für Phi­lo­so­phie und Sozio­lo­gie.

Hat­te Isaac Deut­schers gro­ße Trotz­ki-Bio­gra­phie vor sechs Jahr­zehn­ten der Genera­ti­on von 1968 die Augen für Alter­na­ti­ven zum Sta­li­nis­mus geöff­net, so hat auf Kuba der vor 10 Jah­ren erschie­ne­ne Roman von Leo­nar­do Padu­ra – Der Mann, der die Hun­de lieb­te – eine Bre­sche ins Eis der herr­schen­den poli­ti­schen Ideo­lo­gie geschla­gen.13 Der 36-jäh­ri­ge Frank Gar­cía Hernán­des, der an einer Dis­ser­ta­ti­on über Trotz­ki arbei­tet und den Kon­gress in Havan­na orga­ni­sier­te, berich­tet, dass sich 2016 in der Uni­ver­si­tät von San­ta Cla­ra ein stu­den­ti­scher Dis­kus­si­ons­kreis gebil­det hat – das „Kuba­ni­sche Kom­mu­nis­ti­sche Forum“ –, das drin­gend um die Zusen­dung von Zeit­schrif­ten und Büchern „von Theo­re­ti­kern wie Dani­el Ben­saïd, Pierre Broué, Isaac Deut­scher, Ernest Man­del, Vic­tor Ser­ge, Alex Cal­li­ni­cos, Cor­ne­li­us Cas­to­ria­dis, Alan Woods, Tariq Ali, Micha­el Löwy […] bit­tet.“ „Sie brau­chen drin­gend Theo­rie!“14 Und sie wer­den nun auch Trotz­ki, den Ver­tei­di­ger der Arbei­ter­de­mo­kra­tie, für sich und ihre kuba­ni­sche Gegen­wart wie­der­ent­de­cken.

Nach der blo­ßen Ankün­di­gung eines („aka­de­mi­schen“) Trotz­ki-Kon­gres­ses in ein paar sozia­lis­ti­schen Mit­tei­lungs­blät­tern gin­gen bei den Ver­an­stal­te­rIn­nen an die 200 Teil­nah­me-Anträ­ge und 51 Vor­trags­tex­te ein. Auch das ist ein Poli­ti­kum!15

Schließ­lich wur­den 30 Refe­ren­tIn­nen aus­ge­wählt, die im gast­ge­ben­den mexi­ka­ni­schen Kul­tur-Insti­tut, dem Museo de Bení­to Juá­rez, einem Publi­kum von 80-100 Höre­rIn­nen, dar­un­ter auch eini­gen kuba­ni­schen Stu­den­tIn­nen, an drei Tagen in dich­ter Fol­ge die Ergeb­nis­se ihrer Stu­di­en vor­tru­gen. Die Zeit reich­te nicht für Dis­kus­sio­nen der ver­schie­de­nen Tex­te und Posi­tio­nen, wohl aber gab es zu ein­zel­nen The­men höchst inter­es­san­te spon­ta­ne Inter­ven­tio­nen. Die Refe­ren­tIn­nen und Höre­rIn­nen, poli­tisch Akti­ve, Vete­ra­nen und „Gelehr­te der Bewe­gung“ (A. Labrio­la) im Alter von 30 bis zu 80 Jah­ren gehör­ten ver­schie­de­nen, zumeist trotz­kis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen an – nicht nur aus Nord- und Süd­ame­ri­ka, son­dern auch aus Bel­gi­en, Frank­reich, Öster­reich und der Tür­kei.

Der Tagungsort, das Museo de Beníto Juárez in Havanna (Foto: permanent-revolution.org)

Der Tagungs­ort, das Museo de Bení­to Juá­rez in Havan­na (Foto: permanent-revolution.org)

Zu den Beson­der­hei­ten trotz­kis­ti­scher Orga­ni­sa­tio­nen – die eine lan­ge Tra­di­ti­on der Dis­kri­mi­nie­rung und Ver­fol­gung hin­ter sich haben – gehört es, dass ihre akti­ven Mit­glie­der und Sym­pa­thi­san­tIn­nen unwei­ger­lich zu pro­fes­sio­nel­len oder Lai­en-His­to­ri­ke­rIn­nen ihrer Bewe­gung und ihrer Geg­ne­rIn­nen wer­den. Der Kon­gress bot – nicht nur für die kuba­ni­schen Gäs­te, son­dern auch für die Akti­vis­tIn­nen und Spe­zia­lis­tIn­nen unter­schied­li­cher revo­lu­tio­när-mar­xis­ti­scher Cou­leur – eine ein­ma­li­ge Gele­gen­heit, ein­an­der ken­nen­zu­ler­nen und Neu­es über die Geschich­te ver­schie­de­ner natio­na­ler Sek­tio­nen und ihrer inter­na­tio­na­len Ver­bin­dun­gen zu erfah­ren.

Das The­men­spek­trum hat Alex Stein­berg in sei­nem Kon­gress-Bericht umris­sen16: Es ging um Trotz­kis wich­tigs­te Bei­trä­ge zur mar­xis­ti­schen Theo­rie und zur revo­lu­tio­nä­ren Poli­tik, um sei­nen Kampf gegen den Sta­li­nis­mus, um sei­ne Kon­tro­ver­sen mit nicht-sta­li­nis­ti­schen lin­ken Theo­re­ti­kern in den drei­ßi­ger Jah­ren, um sei­ne Posi­tio­nen zu Lite­ra­tur, Psy­cho­ana­ly­se und All­tags­le­ben, um Kon­tro­ver­sen und Spal­tun­gen inner­halb der IV. Inter­na­tio­na­le und um die his­to­ri­sche Ein­schät­zung der trotz­kis­ti­schen Bewe­gung ver­schie­de­ner Län­der.

Abschluss der Konferenz in Havanna (Foto: Privat)

Abschluss der Kon­fe­renz in Havan­na (Foto: Pri­vat)

Das Trotz­ki-Muse­um (Coyoa­can) hat­te eine groß­ar­ti­ge Foto­aus­stel­lung (mit einer Rei­he von bis­her unbe­kann­ten Doku­men­ten) nach Havan­na geschickt. Eine für die Kon­gress­teil- neh­me­rIn­nen bestimm­te Buch­sen­dung des mexi­ka­ni­schen Insti­tuts wur­de vom kuba­ni­schen Zoll bedau­er­li­cher­wei­se nicht durch­ge­las­sen. Vor­ge­stellt wur­de der Essay­band des perua­ni­schen Trotz­ki-Exper­ten Gabri­el Gar­cía Higue­ras – Trot­s­ky en el espe­jo de la his­to­ria, Mexi­ko (Fon­ta­ma­ra) 2005.

Höhe­punk­te der Ver­an­stal­tung waren fer­ner die Vor­füh­rung eini­ger bereits fer­tig­ge­stell­ter Tei­le einer neu­ar­ti­gen Trotz­ki-Doku­men­ta­ti­on (Trot­s­ky: the most dan­ge­rous man in the world), an deren Kom­bi­na­ti­on aus sel­te­nen his­to­ri­schen Film­auf­nah­men und aus von ihr auf­ge­fun­de­nen Zeit­zeu­gen-Inter­views aus den acht­zi­ger Jah­ren Lin­dy Laub arbei­tet, sowie die Auf­füh­rung einer an H. Eis­ler und G. Mah­ler anklin­gen­den, von Trotz­kis „Tes­ta­ment“ inspi­rier­ten Kom­po­si­ti­on einer fünf­köp­fi­gen Grup­pe jun­ger Musi­ker.



Drei Bei­spie­le aus der Geschich­te *des Sozia­lis­mus auf Kuba

San­da­lio Jun­co, ein schwar­zer Gewerk­schafts­füh­rer, seit 1928 im Exil, kam Anfang der 30er Jah­re in Mos­kau in Kon­takt mit And­reu Nin und wur­de nach sei­ner Rück­kehr zum Begrün­der der trotz­kis­ti­schen Bewe­gung Kubas, die 1933 eine bedeu­ten­de Rol­le in der Orga­ni­sa­ti­on des Gene­ral­streiks gegen das blu­ti­ge Regime des Dik­ta­tors Mach­a­dos spiel­te. Jun­co soll Sta­lin ins Gesicht gesagt haben, er hal­te ihn für einen „Betrü­ger der Welt-Arbei­ter­be­we­gung“. Er wur­de im Mai 1942 bei einem poli­ti­schen Mee­ting von sta­li­nis­ti­schen Agen­ten umge­bracht – wie zuvor sei­ne Genos­sen J. A. Mel­la (1929), A. Nin (1937) und L. Trotz­ki (1940). – Zur Bedeu­tung von Jun­co vgl. Anne Gar­land Mah­ler, The Red and the Black in Latin Ame­ri­ca, San­da­lio Jun­co and the ‚Negro Ques­ti­on‘ from an Afro-Latin Ame­ri­can Per­spec­ti­ve; in: Jour­nal for Ame­ri­can Com­mu­nist Histo­ry, Bd. 17, Heft 1/2018, S. 16-32.

Nach dem kampf­lo­sen Sieg der Nazis 1933 ver­schlug es – mit ein paar Tau­send Hit­ler­flücht­lin­gen – auch eini­ge dis­si­den­te deut­sche Kom­mu­nis­ten (Brand­ler, Thal­hei­mer, Boris Gol­den­berg…) nach Kuba, wo sie auf eine Mög­lich­keit zur Ein­rei­se in die USA war­te­ten. 1941 stieß der Theo­re­ti­ker des lin­ken Flü­gels des deut­schen Kom­mu­nis­mus, Arka­dij Maslow, zu ihnen. Er hat­te 1928 den „Lenin­bund“ gegrün­det und in den Jah­ren 1934-37 in Paris mit der Grup­pe um Trotz­ki zusam­men­ge­ar­bei­tet. Mit der (bis­her unver­öf­fent­lich­ten) Fik­ti­on „Sta­lins Memoi­ren“ such­te er zum Ver­ständ­nis des Des­po­ten im Kreml bei­zu­tra­gen. Maslow gehör­te zu den Leu­ten, „die zu viel wuss­ten“. Die natio­na­len Sek­tio­nen der von Sta­lin gleich­ge­schal­te­ten Kom­in­tern hat­ten sich in den drei­ßi­ger Jah­ren nicht nur in eine Hilfs­trup­pe der Außen­po­li­tik des Kremls ver­wan­delt, son­dern auch in eine Hilfs­trup­pe zur Ermor­dung von Dis­si­den­ten, die der Sta­lin­cli­que als gefähr­lich erschie­nen. Im Novem­ber 1941 fand man Maslows Leich­nam auf einer Stra­ße in Havan­nas „schlech­tem Vier­tel“. In dem von H. Weber und A. Herbst her­aus­ge­ge­be­nen bio­gra­phi­schen Hand­buch Deut­sche Kom­mu­nis­ten heißt es: „Die The­se von [sei­ner] Ermor­dung ist nach heu­ti­gen Kennt­nis­sen der Sta­lin­schen Prak­ti­ken und Ver­bre­chen durch­aus wahr­schein­lich.“ (Ber­lin [Dietz], 2. Aufl. 2008, S. 581.) Ähn­lich urteilt der Ruth Fischer-Bio­graph Mario Kess­ler in sei­nem Werk Ruth Fischer, Köln (Böhlau) 2013, S. 372-391.

Die sta­lin­treu­en Spa­ni­en-Kämp­fe­rIn­nen und KGB-Agen­ten­In­nen Leo­nid Eit­in­gon (der berüch­tig­te „Gene­ral Kotow“), Ramón Mer­ca­der und sei­ne Mut­ter Caridad Mer­ca­der hat­ten sich nach dem Sieg Fran­cos nach Mexi­ko abge­setzt und bil­de­ten 1940 ein Kil­ler­kom­man­do, dem es im August 1940 gelang, auf Befehl Sta­lins Trotz­ki zu ermor­den, der seit 1937 im Vor­ort Coyoa­can der mexi­ka­ni­schen Haupt­stadt Asyl gefun­den hat­te. (Juan Mari­nel­lo, der bedeu­ten­de, poli­tisch enga­gier­te kuba­ni­sche Dich­ter, hat­te 1937 in Madrid Caridad Mer­ca­der noch als „kata­la­ni­sche Pasio­na­ria“ gefei­ert.) Eit­in­gon und die bei­den Mer­ca­ders wur­den zum Lohn für ihre Diens­te mit den höchs­ten Orden, die der Kreml zu ver­ge­ben hat­te, aus­ge­zeich­net. Als Ramón M. 1960 aus mexi­ka­ni­scher Haft ent­las­sen wur­de, fand er in Havan­na freund­li­che Auf­nah­me. Sei­ne Mut­ter Caridad, die straf­frei blieb, wur­de (in den Jah­ren 1960-1967) mit der Öffent­lich­keits­ar­beit der Pari­ser kuba­ni­schen Bot­schaft betraut.



Die Tex­te der in spa­ni­scher oder eng­li­scher Spra­che für den Kon­gress geschrie­be­nen Bei­trä­ge, von denen eini­ge nicht vor­ge­tra­gen wur­den, wer­den in abseh­ba­rer Zeit in Havan­na in Buch­form ver­öf­fent­licht. Hier folgt eine Über­sicht der Autoren und ihrer The­men.

Acos­ta, Rafa­el (Havan­na), Die letz­ten Tage des kuba­ni­schen Trotz­kis­mus.
Bern­abé, Rafa­el (Puer­to Rico), Trotz­ki und das Auf­kom­men des nord­ame­ri­ka­ni­schen Impe­ria­lis­mus: Der Fall Pu erto Rico.
LeBlanc, Paul (USA), „Je dunk­ler die Nacht, des­to hel­ler die Ster­ne.“ Trotz­kis Kampf gegen den Sta­li­nis­mus.
La Botz, Dan (USA), Die Debat­te zwi­schen Trotz­ki und Vic­tor Ser­ge; die Debat­te zwi­schen Trotz­ki und Boris Sou­va­ri­ne.
Bovie­ri, Kaveh (Kana­da), Über Trotz­kis Geschichts­schrei­bung.
Bren­ner, Robert (USA), Trotz­ki, die Lin­ke Oppo­si­ti­on, die Bau­ern­fra­ge und die Büro­kra­tie.
Dahmer, Hel­mut (Öster­reich), Wal­ter Ben­ja­min und Trotz­ki als Revo­lu­ti­ons­his­to­ri­ker.
Fleu­ry, Mar­ce­la (Bra­si­li­en), Eisen­steins Film­kunst und die per­ma­nen­te Revo­lu­ti­on.
Fon­se­ca Ornelas, José Alber­to (Mexi­ko), Trotz­ki in Mexi­ko: Der Anti-Impe­ria­lis­mus und der Kampf für die poli­ti­sche Unab­hän­gig­keit der Arbei­ter­klas­se.
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Fuss­no­ten
1 Den Kon­takt zur „Casa Trot­s­ky“ hat­te die „Inter­na­tio­na­le Mar­xis­ti­sche Ten­denz“ her­ge­stellt. Ein kur­zes Gespräch zwi­schen Este­ban Vol­kov und A. Woods samt einer Gruß­adres­se an die Teil­neh­me­rIn­nen des Kon­gres­ses wur­de in Havan­na ein­ge­spielt.
2 Stell­ver­tre­ter­herr­schaft einer natio­na­lis­ti­schen Frak­ti­on über eine gleich­ge­schal­te­te Mas­sen-Par­tei, Usur­pa­ti­on der Kon­trol­le über die ver­staat­lich­ten Pro­duk­ti­ons­mit­tel durch die Staats- und Wirt­schafts­bü­ro­kra­tie, Krieg­füh­rung gegen Bau­ern und „illoya­le“ Natio­nen, Aus­rot­tung der revo­lu­tio­nä­ren Genera­ti­on und ihrer Anhän­ger, Mas­sen­ter­ror.
3 Trotz­ki „fehl­te uns, um zu ver­ste­hen, was in der Sowjet­uni­on vor sich ging, denn kei­ner von denen, die sich auf den Mar­xis­mus berie­fen – wie Ché Gue­va­ra oder Fidel Cas­tro – konn­te eine kohä­ren­te, über­zeu­gen­de Erklä­rung für die [dor­ti­gen] Ereig­nis­se geben. Trotz­ki war schon seit 1936 mutig genug gewe­sen, eine sozio­lo­gi­sche Ana­ly­se [der Sowjet­uni­on] zu ent­wi­ckeln, von der wir kei­ne Ahnung hat­ten und für die wir Kuba­ner uns sehr inter­es­sie­ren.“ Frank Gar­cía A. Her­nan­dez, der 36-jäh­ri­ge Orga­ni­sa­tor der Kon­fe­renz, in einem Inter­view. Zit. nach dem Kon­gress-Bericht von Suzi Weiss­man („Neit­her kings nor bureau­crats“) in Wee­kly Worker, Nr. 1252. – Den Teil­neh­mern­In­nen des Kon­gres­ses wur­den Exem­pla­re der neu­en (vom „Insti­tut für das Asyl­recht“ im Trotz­ki-Muse­um in Coyoa­can und vom mexi­ka­ni­schen „Karl-Marx-Zen­trum für sozia­lis­ti­sche Stu­di­en“ her­aus­ge­ge­be­nen) spa­ni­schen Aus­ga­be von Trotz­kis Ver­ra­te­ner Revo­lu­ti­on (1936) mit einem Vor­wort von Alan Woods zur Ver­fü­gung gestellt L. T., La revo­lu­ción trai­cio­na­da, Coyoa­can 2019.
4 „Als Fidel 1956 nach Kuba zurück­kehr­te und den Gue­ril­la­krieg begann, unter­stütz­ten wir ihn und betei­lig­ten uns am bewaff­ne­ten Kampf.“ „Als Cas­tros ‚Bewe­gung des 26. Juli‘ zum Gene­ral­streik auf­rief, wur­de die­ser zum Teil von trotz­kis­ti­schen Akti­vis­ten orga­ni­siert […]; sie waren in vie­len Berei­chen stark und ein­fluss­reich – wie bei den Eisen­bahn­ar­bei­tern von Guan­tá­na­mo.“ „Als wir für die Ver­staat­li­chung ein­tra­ten, beschimpf­te uns die KP-Zei­tung auf ihrer Titel­sei­te als ‚Agen­ten des Impe­ria­lis­mus‘“. Juan de León Fer­re­ra Rami­rez, Vete­ran der kuba­ni­schen trotz­kis­ti­schen Bewe­gung, der am Kon­gress teil­nahm, im Inter­view mit Héc­tor Puen­te Sier­ra, Socia­list Review, Nr. 447 (Juni 2019).
5 Celia Hart zufol­ge, die sich auf das Zeug­nis Juan León Fer­rers beruft, lern­te Ché Gue­va­ra schließ­lich in sei­nem letz­ten Lebens­jahr auch Schrif­ten Trotz­kis ken­nen – Celia Hart, „Wel­co­me“… Trot­s­ky; in: Revo­lu­tio­na­ry Mar­xism, A Jour­nal of Theo­ry and Poli­tics (Spe­cial annu­al Eng­lish edi­ti­on), Istan­bul 2019, S. 111-118. Eine redak­tio­nel­le „Intro­duc­tion to Celia Hart“ ebd., S. 109 f.
6 „Die Feind­se­lig­keit der USA gegen­über Cas­tros Unab­hän­gig­keits­pro­gramm beför­der­te die Radi­ka­li­sie­rung sei­ner Regie­rung. Um aber das – bis heu­te auf­recht­erhal­te­ne – Wirt­schafts­em­bar­go der USA zu über­le­ben, bat Cas­tro die Sowjet­uni­on um Hil­fe. Der Traum der Unab­hän­gig­keit wur­de aber­mals zunich­te, als die kuba­ni­schen Inter­es­sen drei Jahr­zehn­te lang den geo­po­li­ti­schen Inter­es­sen der UdSSR unter­ge­ord­net wur­den.“ Héc­tor Puen­te Sier­ra (2019), „Deba­ting cri­ti­cal Mar­xism in Cuba today“; in: Socia­list Review, Nr. 447, Juni 2019.
7 „Nicht nur Trotz­ki ist hier unbe­kannt, son­dern eben­so eine lan­ge Rei­he von Theo­re­ti­kern, die aus der Lek­tü­re sei­ner Schrif­ten gelernt haben. So kommt zum Bei­spiel die New Left Review nicht nach Kuba. Alex Cal­li­ni­cos, Cor­ne­li­us Cas­to­ria­dis, Ernest Man­del, Nicos Pou­lant­z­as, Sla­voj Zizek, Tariq Ali und Eric Tous­saint, Mar­xis­ten, die den Mar­xis­mus wei­ter­ent­wi­ckelt haben, um zu einem Ver­ständ­nis des spä­ten 20. und des 21. Jahr­hun­derts zu kom­men, sind [hier] weit­ge­hend unbe­kannt.“ Frank Gar­cia Hernán­dez im Inter­view mit Puen­te Sier­ra, a. a. O. (Anm. 6).
8 „In den Sech­zi­ger Jah­ren tra­ten wir für den Über­gang zum Sozia­lis­mus ein, für Arbei­ter-Mili­zen, für die Unab­hän­gig­keit der Gewerk­schaf­ten vom Staat, für die Ver­staat­li­chung der Groß­un­ter­neh­men unter Arbei­ter­kon­trol­le und für die Abbe­ruf­bar­keit gewähl­ter Dele­gier­ter.“ „1973 wur­den alle [Mit­glie­der der trotz­kis­ti­schen Grup­pe] ver­haf­tet, und das war das Ende. Sie klag­ten uns wegen kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­rer Tätig­keit, wegen Kri­tik an Fidel und des­we­gen an, weil wir sag­ten, in der UdSSR [herr­sche] eine ran­zi­ge Büro­kra­tie und die Arbei­ter­klas­se habe dort kei­ne Macht. Sie bean­trag­ten 9 Jah­re Haft für mich, 14 für mei­nen Vater und ähn­li­che Stra­fen für ande­re Genos­sen.“ „Mein Vater starb 1976 – er sag­te mir: ‚Ich bin sicher, dass unse­re Ideen sie­gen wer­den und dass die Büro­kra­tie nach­ge­ben wird.‘ Und schließ­lich gibt sie ja auch nach.“ „Der glo­ba­le Kapi­ta­lis­mus hat sich von der Kri­se von 2008 nicht erholt, sie inten­si­viert sich. Schau­en Sie auf Alge­ri­en oder auf die ‚Gel­ben Wes­ten‘ in Frank­reich. Die Men­schen auf Kuba kön­nen das heut­zu­ta­ge sehen. Sie nut­zen Fern­se­hen und Inter-net.“ Juan de León Fer­re­ra Rami­rez – Inter­view, a.a.O. (Anm. 4).
Zur Geschich­te der Trotz­kis­ten auf Kuba vgl. Robert J. Alex­an­der, Inter­na­tio­nal Trot­s­ky­ism 1929-1985, A docu­men­ted ana­ly­sis of the move­ment, Durham, Lon­don (Duke Uni­ver­si­ty Press) 1991, S. 228-231. Frank Gar­cía Hernán­dez, Cuba: la mala hora del trot­s­kis­mo; in: Cul­tu­ra: deba­te y refle­xión, Anu­a­rio Insti­tu­to Cuba­no de Inves­ti­ga­ción Cul­tu­ral Juan Mari­nel­lo, hg. von Caridad Mas­són Sena, Havan­na, S. 30-42. Clau­dia Fer­ri, „Bre­ve his­to­ria­del trot­s­kis­mo cuba­no“; in: La Izquier­da Dia­rio, 2019 (www.laizquierdadiario.com).
9 „In den Acht­zi­ger­jah­ren betrug die größ­te Span­ne der Lohn­un­ter­schie­de im öffent­li­chen Sek­tor 1 zu 4.5. Die Regie­rung garan­tier­te zudem frei­en und glei­chen Zugang zu den Aus­bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen, glei­che Grund­ver­sor­gung mit Lebens­mit­teln für alle, ein öffent­li­ches Gesund­heits­sys­tem, um das die Kuba­ner von allen Ent­wick­lungs­län­dern benei­det wur­den, und frei­en Zugang zu Kunst und Kul­tur. Dem ent­spre­chend hat­te die kuba­ni­sche Gesell­schaft in den Acht­zi­gern ein bei­spiel­lo­ses Niveau von Gleich­heit unter Men­schen ver­schie­de­ner [Haut­far­be und ver­schie­de­nen Geschlechts] erreicht – sowohl hin­sicht­lich der Lebens­er­war­tung, der Schul­aus­bil­dung, der Job­ver­tei­lung und sogar der Reprä­sen­tanz in den Macht­struk­tu­ren.“ Ale­jan­dro de la Fuen­te, Losing out in Cuba, Inter­na­tio­nal New York Times, 29. 5. 2019, S. 16.
10 Ein CUC ent­spricht gegen­wär­tig etwa 25 Pesos.
11 „Kubas ega­li­tä­re Gesell­schaft war das Resul­tat von meh­re­ren Jahr­zehn­ten einer auf Gleich­heit aus­ge­rich­te­ten Poli­tik. […] Die Löh­ne wur­den gesetz­lich regu­liert und ohne jeden Unter­schied – nach Geschlecht, Haut­far­be, sozia­ler Her­kunft oder Zuge­hö­rig­keit zu die­sem oder jenem sozia­len oder fami­lia­len Netz­werk aus­ge­zahlt.“ Nach dem Zusam­men­bruch der Sowjet­uni­on hat sich aber „auf Kuba eine Art Zwei­tei­lung erge­ben: Der öffent­li­che Sek­tor folgt noch immer einer ega­li­tä­ren Logik, ermög­licht aber [den dort Beschäf­tig­ten] kei­nen sozia­len Auf­stieg. Nach offi­zi­el­len Anga­ben sind 32 Pro­zent der Beschäf­tig­ten im nicht­staat­li­chen Sek­tor tätig. Die­ser wach­sen­de pri­va­te Wirt­schafts­sek­tor erzeugt dis­kri­mi­nie­ren­de Beschäf­ti­gungs­struk­tu­ren und trägt zu einer wach­sen­den Ein­kom­mens-Dis­pa­ri­tät nach Haut­far­ben bei.“ Ale­jan­dro de la Fuen­te, a. a. O. (Anm. 9).
12 So die Stu­den­tin „Lis­beth“ (Havan­na) im Inter­view mit Puen­te Sier­ra, a. a. O. (Anm. 6).
13 El hombre que ama­ba a los per­ros, Bar­ce­lo­na (Tus­quets Edi­to­res). Eine deut­sche Über­set­zung wur­de 2011 im Zür­cher Uni­ons­ver­lag ver­öf­fent­licht
14 „Sie brau­chen drin­gend Theo­rie!“, Frank Gar­cía Her­nan­déz im Inter­view mit Héc­tor Puen­te Sier­ra, a. a. O. (Anm. 6).
15 Die Kon­gress-Bei­trä­ge sol­len in abseh­ba­rer Zeit in Buch­form ver­öf­fent­licht wer­den. Zudem ist an zwei Nach­fol­ge-Kon­fe­ren­zen in Sao Pau­lo und in Mexi­ko-City gedacht.
16 A. Stein­berg, First Inter­na­tio­nal Mee­ting on Trotksy - Part I, Per­ma­nent Revo­lu­ti­on (Moun­tain View, Cali­for­nia), May 2019, S. 3.


Theo­rie­bei­la­ge Avan­ti² Rhein-Neckar Juli/August 2019
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