Der Kampf gegen Impe­ria­lis­mus und Krieg*

 

Redak­tio­nel­le Vorbemerkung

Inter­na­tio­na­le Sozia­lis­tin­nen und Sozia­lis­ten sind, wie Ernest Man­del zu sagen pfleg­te, „ganz beschei­de­ne Leu­te mit ganz beschei­de­nen Zielen”.

Käthe Kollwitz, Die Gefangenen, Blatt 7 aus dem Zyklus „Bauernkrieg“, 1908, Strichätzung. (Foto: Privatarchiv.)

Käthe Koll­witz, Die Gefan­ge­nen, Blatt 7 aus dem Zyklus „Bau­ern­krieg“, 1908, Strich­ät­zung. (Foto: Privatarchiv.)

Von den tau­send Pro­ble­men, mit denen sich die Men­schen seit ihrem Bestehen kon­fron­tiert sehen“, wol­len sie laut Man­del „kaum ein hal­bes Dut­zend lösen:
Hun­ger, Elend, Man­gel an lebens­wich­ti­gen Gütern welt­weit aufheben;
Waren­pro­duk­ti­on und Geld­wirt­schaft durch eine auf umit­tel­ba­re Bedürf­nis­be­frie­di­gung auf­ge­bau­te Wirt­schaft ersetzen;
Krieg und mas­sen­haf­te Anwen­dung von Gewalt unmög­lich machen;
jeg­li­che Form von Aus­beu­tung, Unter­drü­ckung, Knech­tung, Ver­ge­wal­ti­gung des Men­schen durch den Men­schen beseitigen;
die Tren­nung der Gesell­schaft in Klas­sen, und damit auch ihre Tren­nung in Pro­du­zen­ten und Ver­wal­ter, das Pri­vat­ei­gen­tum, das auf pri­va­te Berei­che­rung aus­ge­rich­te­te Kon­kur­renz­stre­ben, und die ihnen ent­spre­chen­de Auf­spal­tung der Mensch­heit in ein­an­der bekämp­fen­de Natio­nal­staa­ten auf­he­ben in einem Sys­tem welt­wei­ter gesamt­mensch­li­cher Koope­ra­ti­on und Solidarität;
jeder Frau, jedem Mann, jedem Kind die mate­ri­el­len und gesell­schaft­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die vol­le Ver­wirk­li­chung ihrer mensch­li­chen Mög­lich­kei­ten sichern [und den Schutz der natür­li­chen Lebens­grund­la­gen durchsetzen].”

Dies sind knapp zusam­men­ge­fasst die grund­le­gen­den Posi­tio­nen unse­rer welt­wei­ten Orga­ni­sa­ti­on, der IV. Inter­na­tio­na­le. Sie wur­de for­mell am 5. Sep­tem­ber 1938 in Péri­gny bei Paris gegründet.

Die anwe­sen­den Dele­gier­ten befür­wor­te­ten damals auch die Annah­me eines im Wesent­li­chen von Leo Trotz­ki ver­fass­ten „Über­gangs­pro­gramms“. Es beruht auf dem durch viel­fäl­ti­ge sozia­le und poli­ti­sche Erfah­run­gen beru­hen­den Wis­sen, dass nur kon­se­quent han­deln­de Mas­sen­be­we­gun­gen grund­le­gen­de Ver­än­de­run­gen durch­set­zen können.

In dem fol­gen­den Aus­zug aus dem „Über­gangs­pro­gramm“ wird der „Kampf gegen Impe­ria­lis­mus und Krieg“ thematisiert.

Wir ver­öf­fent­li­chen ihn in die­ser Bei­la­ge nicht aus dog­ma­ti­schen Grün­den oder wegen eines Hangs zur Buch­sta­ben­gläu­big­keit. Wir sind viel­mehr über­zeugt davon, dass uns die Kennt­nis die­ses grund­sätz­li­chen Tex­tes und die kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit ihm bei der Suche nach aktu­el­len Ant­wor­ten auf den Ukrai­ne-Krieg und die Kriegs­trei­ber in Ost und West weiterhilft.

W. A., 24. April 2022


Der Kampf gegen Impe­ria­lis­mus und Krieg*

Die gesam­te Welt­la­ge und dem­zu­fol­ge auch das inne­re poli­ti­sche Leben der ein­zel­nen Län­der ste­hen unter der Dro­hung des Welt­kriegs. Die bevor­ste­hen­de Kata­stro­phe erfüllt schon den aller­größ­ten Teil der Mensch­heit mit Angst.

Käthe Kollwitz, Vergewaltigt, Blatt 2 aus dem Zyklus „Bauernkrieg“, 1907/08, Strichätzung. (Foto: Privatarchiv.)

Käthe Koll­witz, Ver­ge­wal­tigt, Blatt 2 aus dem Zyklus „Bau­ern­krieg“, 1907/08, Strich­ät­zung. (Foto: Privatarchiv.)

Die II. Inter­na­tio­na­le wie­der­holt ihre ver­rä­te­ri­sche Poli­tik von 1914 mit umso grö­ße­rer Dreis­tig­keit, als jetzt die Kom­in­tern [die „Kom­mu­nis­ti­sche“ Inter­na­tio­na­le] die ers­te Gei­ge des Chau­vi­nis­mus spielt. Kaum hat­te die Kriegs­ge­fahr eine kon­kre­te Gestalt ange­nom­men, mach­ten sich die Sta­li­nis­ten zu den eif­rigs­ten Ver­fech­tern der soge­nann­ten „natio­na­len Ver­tei­di­gung“ und lie­ßen dabei die bür­ger­li­chen und klein­bür­ger­li­chen Pazi­fis­ten weit hin­ter sich. Von die­ser Poli­tik neh­men sie nur die faschis­ti­schen Län­der aus, d. h. die­je­ni­gen Län­der, wo sie selbst über­haupt kei­ne Rol­le spie­len. Der revo­lu­tio­nä­re Kampf gegen den Krieg ruht somit allei­ne auf den Schul­tern der IV. Internationale.

Die Poli­tik der Bol­sche­wi­ki-Leni­nis­ten in die­ser Fra­ge, die in den pro­gram­ma­ti­schen The­sen des Inter­na­tio­na­len Sekre­ta­ri­ats for­mu­liert wor­den ist, besit­zen noch heu­te ihre vol­le Gül­tig­keit (Die 4. Inter­na­tio­na­le und der Krieg, Brüs­sel 1934). Der Erfolg einer revo­lu­tio­nä­ren Par­tei wird in der nächs­ten Peri­ode vor allem von ihrer Poli­tik in der Kriegs­fra­ge abhän­gen. Eine kor­rek­te Poli­tik umfaßt zwei Ele­men­te: eine unver­söhn­li­che Hal­tung gegen­über dem Impe­ria­lis­mus und sei­nen Krie­gen und die Fähig­keit, sich auf die Erfah­rung der Mas­sen selbst zu stützen.

Die Bour­geoi­sie und ihre Agen­ten benut­zen die Kriegs­fra­ge mehr als jedes ande­re Pro­blem, um das Volk mit Hil­fe von Abs­trak­tio­nen, all­ge­mei­nen For­meln und pathe­ti­schen Phra­sen zu betrü­gen: „Neu­tra­li­tät“, „kol­lek­ti­ve Sicher­heit“, „Kampf gegen den Faschis­mus“ usw. Alle die­se For­meln lau­fen dar­auf hin­aus, daß letzt­lich die Ent­schei­dung über Krieg und Frie­den, d. h. das Schick­sal der Völ­ker, in den Hän­den der Impe­ria­lis­ten bleibt, ihrer Regie­run­gen, ihrer Diplo­ma­tie, ihrer Gene­rä­le mit all ihren Intri­gen und Geheim­plä­nen gegen die Völker.

Die IV. Inter­na­tio­na­le weist mit Abscheu all die­se Abs­trak­tio­nen zurück, die im demo­kra­ti­schen Lager die glei­che Rol­le spie­len wie „Ehre“, „Blut“, „Ras­se“ im faschis­ti­schen. Aber Abscheu genügt nicht. Mit Hil­fe ein­deu­ti­ger Kri­te­ri­en, Paro­len und Über­gangs­for­de­run­gen muß den Mas­sen gehol­fen wer­den, den kon­kre­ten Kern die­ser betrü­ge­ri­schen Abs­trak­tio­nen zu erkennen.

Abrüs­tung“? Aber alles dreht sich um die Fra­ge, wer wen abrüs­tet. Die ein­zi­ge Form der Abrüs­tung, die den Krieg ver­hin­dern oder been­den kann, ist die Ent­waff­nung der Bour­geoi­sie durch die Arbei­ter. Aber um die Bour­geoi­sie zu ent­waff­nen, müs­sen sich die Arbei­ter selbst bewaffnen.

Neu­tra­li­tät“? Aber das Pro­le­ta­ri­at ist auf kei­nen Fall neu­tral in einem Krieg zwi­schen Japan und Chi­na oder zwi­schen Deutsch­land und der UdSSR. Bedeu­tet das die Ver­tei­di­gung Chi­nas und der UdSSR? Selbst­ver­ständ­lich! Aber nicht durch die Ver­mitt­lung der Impe­ria­lis­ten, die sowohl Chi­na als auch die UdSSR erdros­seln würden.

Ver­tei­di­gung des Vater­lan­des“? Aber unter die­ser Abs­trak­ti­on ver­steht die Bour­geoi­sie die Ver­tei­di­gung ihrer Pro­fi­te und Plün­de­run­gen. Wir sind dazu bereit, das Vater­land gegen die aus­län­di­schen Kapi­ta­lis­ten zu ver­tei­di­gen, wenn wir zuvor unse­ren eige­nen Kapi­ta­lis­ten die Hän­de gebun­den haben und sie dar­an hin­dern, das Vater­land ande­rer anzu­grei­fen; wenn die Arbei­ter und Bau­ern unse­res Lan­des sei­ne wirk­li­chen Her­ren wer­den; wenn die Reich­tü­mer des Lan­des aus den Hän­den einer ver­schwin­den­den Min­der­heit in die Hän­de des Vol­kes über­ge­hen; wenn die Armee statt einer Waf­fe der Aus­beu­ter zu einer Waf­fe der Aus­ge­beu­te­ten wird.

Man muß die­se Grund­ideen in ein­zel­ne kon­kre­te­re und detail­lier­te­re Gedan­ken über­set­zen, je nach dem Ver­lauf der Ereig­nis­se sowie der Bewußt­s­eins­ent­wick­lung der Mas­sen. Außer­dem muß man streng unter­schei­den zwi­schen dem Pazi­fis­mus eines Diplo­ma­ten, Pro­fes­sors oder Jour­na­lis­ten und dem Pazi­fis­mus eines Zim­mer­manns, Land­ar­bei­ters oder einer Putz­frau. Im ers­ten Fall ist der Pazi­fis­mus nichts ande­res als eine Tar­nung des Impe­ria­lis­mus; im zwei­ten der unkla­re Aus­druck des Miß­trau­ens gegen­über dem Impe­ria­lis­mus. Wenn ein Klein­bau­er oder Arbei­ter von der Ver­tei­di­gung des Vater­lan­des spricht, denkt er dabei an die Ver­tei­di­gung sei­nes Hau­ses, sei­ner Fami­lie und ande­rer ähn­li­cher Fami­li­en gegen Inva­si­on, Bom­ben und Gift­gas. Der Kapi­ta­list und sein Jour­na­list ver­ste­hen unter Ver­tei­di­gung des Vater­lan­des die Erobe­rung von Kolo­nien und Märk­ten, die räu­be­ri­sche Ver­grö­ße­rung des „natio­na­len“ Anteils am Welt­ein­kom­men. Bür­ger­li­cher Pazi­fis­mus und Patrio­tis­mus sind rei­ner Betrug. Im Pazi­fis­mus und selbst im Patrio­tis­mus der Unter­drück­ten sind Ele­men­te ent­hal­ten, die einer­seits den Haß gegen den zer­stö­re­ri­schen Krieg und ande­rer­seits ein Fest­hal­ten an dem ver­meint­li­chen eige­nen Wohl aus­drü­cken, Ele­men­te, die man ver­ste­hen kön­nen muß, um dar­aus die not­wen­di­gen revo­lu­tio­nä­ren Kon­se­quen­zen zu zie­hen. Man muß die­se bei­den For­men des Pazi­fis­mus und des Patrio­tis­mus ein­an­der gegen­über stellen.

Käthe Kollwitz, Frau mit totem Kind, 1903, Strichätzung. (Foto: Privatarchiv.)

Käthe Koll­witz, Frau mit totem Kind, 1903, Strich­ät­zung. (Foto: Privatarchiv.)

Aus­ge­hend von die­sen Über­le­gun­gen unter­stützt die IV. Inter­na­tio­na­le jede, selbst eine unzu­rei­chen­de For­de­rung, wenn sie geeig­net ist, in einem bestimm­ten Maß die Mas­sen in akti­ve Poli­tik ein­zu­be­zie­hen, ihre Kri­tik zu wecken und ihre Kon­trol­le über die Machen­schaf­ten der Bour­geoi­sie zu stärken.

In die­sem Sin­ne unter­stützt unse­re ame­ri­ka­ni­sche Sek­ti­on zum Bei­spiel kri­tisch den Vor­schlag, einen Volks­ent­scheid über die Fra­ge der Kriegs­er­klä­rung durch­zu­füh­ren. Kei­ne demo­kra­ti­sche Reform an sich kann selbst­ver­ständ­lich die Herr­schen­den dar­an hin­dern, einen Krieg vom Zaun zu bre­chen, wann immer sie wol­len. Davor muß man offen war­nen. Aber wel­che Illu­sio­nen auch die Mas­sen bezüg­lich des Volks­ent­scheids haben mögen, die­se For­de­rung spie­gelt das Miß­trau­en der Arbei­ter und der Bau­ern gegen­über der bür­ger­li­chen Regie­rung und dem Kon­greß wider. Ohne die­se Illu­sio­nen zu unter­stüt­zen oder über sie hin­weg­zu­se­hen, muß man mit allen Kräf­ten das wach­sen­de Miß­trau­en der Unter­drück­ten gegen die Unter­drü­cker stär­ken. Je mäch­ti­ger sich die Bewe­gung für den Volks­ent­scheid ent­wi­ckelt, um so schnel­ler wer­den sich von ihr die bür­ger­li­chen Pazi­fis­ten tren­nen, um so ein­deu­ti­ger wer­den sich die Ver­rä­ter der Kom­in­tern bloß­ge­stellt sehen und umso stär­ker wird das Miß­trau­en gegen die Impe­ria­lis­ten sein.

Vom glei­chen Gesichts­punkt aus muß die For­de­rung nach dem Wahl­recht für Män­ner und Frau­en ab 18 Jah­ren erho­ben wer­den. Wen man mor­gen dazu ruft, für das „Vater­land“ zu ster­ben, der muß heu­te das Recht haben, sei­ne Stim­me abzu­ge­ben. Der Kampf gegen den Krieg muß zu aller­erst mit der revo­lu­tio­nä­ren Mobi­li­sie­rung der Jugend beginnen.

Man muß das Pro­blem des Krie­ges von allen Sei­ten beleuch­ten, dabei aber immer den Aspekt her­aus­stel­len, mit dem sich die Mas­sen jeweils kon­fron­tiert sehen.

Der Krieg ist ein gigan­ti­sches kom­mer­zi­el­les Unter­neh­men, vor allem für die Rüs­tungs­in­dus­trie. Des­halb sind die „60 Fami­li­en“ die her­vor­ra­gends­ten Patrio­ten und die Haupt­kriegs­trei­ber. Die Arbei­ter­kon­trol­le über die Kriegs­in­dus­trie ist der ers­te Schritt im Kampf gegen die „Fabri­kan­ten“ des Krieges.
Der Losung der Refor­mis­ten nach Besteue­rung der Kriegs­ge­win­ne setz­ten wir die Losung ent­ge­gen: Beschlag­nah­me der Kriegs­ge­win­ne und Ent­eig­nung der Rüs­tungs­in­dus­trie. Wo die Rüs­tungs­in­dus­trie – wie in Frank­reich – bereits „natio­na­li­siert“ ist, behält die Losung der Arbei­ter­kon­trol­le ihre vol­le Gel­tung. Das Pro­le­ta­ri­at ver­traut dem bür­ger­li­chen Staat der Bour­geoi­sie eben­so­we­nig wie dem ein­zel­nen Kapitalisten.

Kei­nen Mann und kei­nen Gro­schen für die bür­ger­li­che Regierung!
Kein Auf­rüs­tungs­pro­gramm, son­dern ein Pro­gramm gemein- nüt­zi­ger öffent­li­cher Arbeiten!
Voll­kom­me­ne Unab­hän­gig­keit der Arbei­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen von mili­tä­ri­scher und poli­zei­li­cher Kontrolle!
Die Ent­schei­dung über das Schick­sal der Völ­ker muß ein für alle Mal den Hän­den der raub­gie­ri­gen und uner­bitt­li­chen impe­ria­lis­ti­schen Cli­quen ent­ris­sen wer­den, die hin­ter dem Rücken der Völ­ker ihre Plä­ne schmieden.

In Über­ein­stim­mung damit for­dern wir:
Voll­stän­di­ge Abschaf­fung der Geheim­di­plo­ma­tie; alle Ver­trä ge und Über­ein­künf­te müs­sen jedem Arbei­ter und Bau­ern zu- gäng­lich sein.
Mili­tä­ri­sche Aus­bil­dung und Bewaff­nung der Arbei­ter und Bau­ern unter der unmit­tel­ba­ren Kon­trol­le der Arbei­ter- und Bauernkomitees.
Schaf­fung von Mili­tär­schu­len für die Aus­bil­dung von Offi­zie ren aus den Rei­hen der Werk­tä­ti­gen, die von den Arbei­teror gani­sa­tio­nen gewählt werden.
Erset­zung des ste­hen­den Hee­res durch eine untrenn­bar mit den Betrie­ben, Berg­wer­ken, Bau­ern­hö­fen usw. ver­bun­de­nen Volks­mi­liz.

Käthe Kollwitz, Bewaffnung in einem Gewölbe, Blatt 4 aus dem Zyklus „Bauernkrieg“, 1906, Zweifarbige Radierung. (Foto: Privatarchiv.)

Käthe Koll­witz, Bewaff­nung in einem Gewöl­be, Blatt 4 aus dem Zyklus „Bau­ern­krieg“, 1906, Zwei­far­bi­ge Radie­rung. (Foto: Privatarchiv.)

Der impe­ria­lis­ti­sche Krieg ist die Fort­set­zung und Ver­schär­fung der Raub­po­li­tik der Bour­geoi­sie. Der Kampf des Pro­le­ta­ri­ats gegen den Krieg ist die Fort­set­zung und Ver­schär­fung sei­nes Klas­sen­kamp­fes. Der Kriegs­aus­bruch ver­än­dert die Umstän­de und zum Teil die Metho­den des Kamp­fes zwi­schen den Klas­sen, nicht aber des­sen Zie­le oder des­sen Grundrichtung.

Die impe­ria­lis­ti­sche Bour­geoi­sie beherrscht die Welt. Des­halb wird der kom­men­de Krieg wesent­lich ein impe­ria­lis­ti­scher Krieg sein. Der fun­da­men­ta­le Inhalt der Poli­tik des inter­na­tio­na­len Pro­le­ta­ri­ats wird folg­lich der Kampf gegen den Impe­ria­lis­mus und des­sen Krieg sein. Das Grund­prin­zip die­ses Kamp­fes lau­tet: „Der Haupt­feind steht im eige­nen Land.“ Oder: „Die Nie­der­la­ge der eige­nen (impe­ria­lis­ti­schen) Regie­rung ist das klei­ne­re Übel“.

Aber nicht alle Län­der der Welt sind impe­ria­lis­tisch. Im Gegen­teil, die meis­ten sind Opfer des Impe­ria­lis­mus. Bestimm­te kolo­nia­le oder halb­ko­lo­nia­le Län­der wer­den ohne Zwei­fel ver­su­chen, den Krieg aus­zu­nüt­zen, um das Joch abzu­wer­fen. Für sie wird der Krieg kein impe­ria­lis­ti­scher, son­dern ein Befrei­ungs­krieg sein. Es wird die Pflicht des inter­na­tio­na­len Pro­le­ta­ri­ats sein, unter­drück­ten Län­dern im Krieg gegen die Unter­drü­cker zu hel­fen. Die­sel­be Pflicht besteht auch gegen­über der Sowjet­uni­on oder jedem ande­ren Arbei­ter­staat, der vor oder wäh­rend des Krie­ges ent­ste­hen mag. Die Nie­der­la­ge jeder impe­ria­lis­ti­schen Regie­rung im Kampf gegen einen Arbei­ter­staat oder ein Kolo­ni­al­land ist das klei­ne­re Übel.

Die Arbei­ter eines impe­ria­lis­ti­schen Lan­des kön­nen jedoch einem anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Land nicht mit­tels ihrer eige­nen Regie­rung hel­fen, unab­hän­gig davon, wel­che diplo­ma­ti­schen und mili­tä­ri­schen Bezie­hun­gen bei­de Län­der gera­de unter­hal­ten. Wenn die Regie­run­gen ein zeit­wei­li­ges und der Natur der Sache nach unsi­che­res Bünd­nis geschlos­sen haben, bleibt das Pro­le­ta­ri­at des impe­ria­lis­ti­schen Lan­des in Klas­sen­op­po­si­ti­on gegen­über sei­ner Regie­rung und unter­stützt den nicht-impe­ria­lis­ti­schen „Ver­bün­de­ten“ durch sei­ne eige­nen Metho­den, d. h. durch die Metho­den des inter­na­tio­na­len Klas­sen­kamp­fes (Agi­ta­ti­on nicht nur gegen die ver­rä­te­ri­schen Ver­bün­de­ten, son­dern auch für einen Arbei­ter­staat in dem Kolo­ni­al­land; Boy­kott und Streik in bestimm­ten Fäl­len, Ver­zicht auf Streik und Boy­kott in ande­ren usw.).

Wenn das Pro­le­ta­ri­at ein Kolo­ni­al­land oder die UdSSR im Krieg unter­stützt, soli­da­ri­siert es sich nicht im gerings­ten mit der bür­ger­li­chen Regie­rung des Kolo­ni­al­lan­des oder der ther­mi­do­ria­ni­schen Büro­kra­tie in der Sowjet­uni­on. Im Gegen­teil, es bewahrt bei­den gegen­über sei­ne völ­li­ge poli­ti­sche Unab­hän­gig­keit. Indem das revo­lu­tio­nä­re Pro­le­ta­ri­at einen gerech­ten und fort­schritt­li­chen Krieg unter­stützt, erobert es sich die Sym­pa­thien der Werk­tä­ti­gen in den Kolo­nien und in der UdSSR, fes­tigt dort die Auto­ri­tät und den Ein­fluß der IV. Inter­na­tio­na­le und kann umso bes­ser den Sturz der bür­ger­li­chen Regie­rung im Kolo­ni­al­land und der reak­tio­nä­ren Büro­kra­tie in der UdSSR fördern.

Am Anfang des Krie­ges wer­den die Sek­tio­nen der IV. Inter­na­tio­na­le unver­meid­lich iso­liert sein: Jeder Krieg über­rascht die Volks­mas­sen und drängt sie an die Sei­te des Regie- rungs­ap­pa­ra­tes. Die Inter­na­tio­na­lis­ten wer­den gegen den Strom schwim­men müs­sen. Doch wer­den die Ver­wüs­tun­gen und Lei­den des neu­en Krie­ges, die schon in den ers­ten Mona­ten die blu­ti­gen Schre­cken von 1914 bis 1918 weit hin­ter sich las­sen wer­den, die Mas­sen bald ernüch­tert haben. Die Unzu­frie­den­heit der Mas­sen und ihr Auf­ruhr wird sprung­haft wach­sen. Die Sek­tio­nen der IV. Inter­na­tio­na­le wer­den an der Spit­ze der revo­lu­tio­nä­ren Strö­mung zu fin­den sein. Das Pro­gramm der Über­gangs­for­de­run­gen wird brand­ak­tu­ell sein. Das Pro­blem der Mach­te­robe­rung durch das Pro­le­ta­ri­at wird in sei­ner gan­zen Bedeu­tung sicht­bar werden.

Bevor der Kapi­ta­lis­mus die Mensch­heit völ­lig erschöpft oder in Blut ertränkt, wird er die Welt­at­mo­sphä­re mit den gif­ti­gen Dämp­fen des Völ­ker- und Ras­sen­has­ses ver­seu­chen. Der Anti­se­mi­tis­mus ist heu­te eine der bös­ar­tigs­ten Zuckun­gen im Todes­kampf des Kapitalismus.

Die uner­bitt­li­che Ent­hül­lung der Wur­zeln von Ras­sen­vor­ur­tei­len und aller For­men und Schat­tie­run­gen natio­na­ler Über­heb­lich­keit und des Chau­vi­nis­mus, ins­be­son­de­re des Anti- semi­tis­mus, muß als wich­tigs­ter Bestand­teil des Kamp­fes gegen Impe­ria­lis­mus und Krieg in die Tages­ar­beit aller Sek­tio­nen der IV. Inter­na­tio­na­le ein­ge­hen. Unse­re Haupt­lo­sung bleibt: „Pro­le­ta­ri­er aller Län­der, ver­ei­nigt euch!“


* [Aus „Der Todes­kampf des Kapi­ta­lis­mus und die Auf­ga­ben der IV. Inter­na­tio­na­le (Das Über­gangs­pro­gramm)“, in: Wolf­gang Alles (Hg.), Die kom­mu­nis­ti­sche Alter­na­ti­ve, Tex­te der Lin­ken Oppo­si­ti­on und IV. Inter­na­tio­na­le 1932 - 1985, Frank­furt a. M. 1989, S. 77 ff.
Wir geben den Text gemäß der dama­li­gen Recht­schrei­bung und ohne die dor­ti­gen Anmer­kun­gen wieder.]

Aus Theo­rie­bei­la­ge Avan­ti² Rhein-Neckar Mai 2022
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