SEEBRÜCKE

Den Über­le­bens­kampf der Men­schen nicht vergessen.“
Ein Gespräch mit Clau­dia Omoregie*

 

Clau­dia Omo­re­gie ist bei SEEBRÜCKE Mann­heim aktiv. Wir haben mit ihr über die poli­tisch gewoll­te kata­stro­pha­le Situa­ti­on an den EU-Außen­gren­zen gespro­chen, über die For­de­run­gen der See­brü­cke und ihren uner­müd­li­chen Ein­satz auch in der Pandemie.

SEEBRÜCKE Menschenkette, Mannheim 26. April 2020 (Foto: helmut-roos@web.de)

SEEBRÜCKE Men­schen­ket­te, Mann­heim 26. April 2020 (Foto: helmut-roos@web.de)

Die SEEBRÜCKE hat sich vor mehr als zwei Jah­ren gegrün­det. Was war damals der Aus­lö­ser, und wie hat sich die deut­sche und euro­päi­sche Asyl­po­li­tik seit­dem verändert?
Die SEEBRÜCKE hat sich Ende Juni 2018 gegrün­det, nach­dem das zivi­le See­not­ret­tungs­schiff „Life­li­ne“ mit über 200 Men­schen tage­lang auf dem Mit­tel­meer aus­har­ren muss­te. Dass Schif­fe nicht in Häfen anle­gen dür­fen, dass See­not­ret­tungs­ru­fe wil­lent­lich igno­riert wer­den und tau­sen­de Geflüch­te­te an den euro­päi­schen Außen­gren­zen in über­füll­ten Lagern mit unmen- schli­chen Zustän­den ein­ge­sperrt wer­den, ist auch jetzt noch Tat­sa­che. Das möch­te die SEEBRÜCKE ändern.

Wir soli­da­ri­sie­ren uns mit allen Men­schen auf der Flucht und erwar­ten von der deut­schen und euro­päi­schen Poli­tik sofort siche­re Flucht­we­ge, eine Ent­kri­mi­na­li­sie­rung der See­not­ret­tung und eine men­schen­wür­di­ge Auf­nah­me der Men­schen, die flie­hen muss­ten oder noch auf der Flucht sind.
Die deut­sche und die euro­päi­sche Asyl­po­li­tik hat sich noch mehr ver­schärft. Sie setzt auf Abschre­ckung, igno­riert Men­schen­rech­te und nimmt in Kauf, dass Men­schen ster­ben. Es wird ver­hin­dert, dass schutz­su­chen­de Men­schen Euro­pa errei­chen. Das geschieht auch mit Hil­fe von Frontex.

Die­se „Euro­päi­sche Agen­tur für die Grenz- und Küs­ten­wa­che” hält zum Bei­spiel durch „Push­backs“ schutz­su­chen­de Men­schen da- von ab, euro­päi­sche Gewäs­ser zu errei­chen: Sie gibt der soge­nann­ten liby­schen Küs­ten­wa­che Posi­tio­nen von Boo­ten in inter­na­tio­na­len Gewäs­sern durch, damit dor­ti­ge Mili­zen die Men­schen zurück­ho­len („Pull­backs“). Deren Vor­ge­hen wird finan­ziert von der EU, ohne es zu kon­trol­lie­ren. Auch auf dem Bal­kan ver­letzt Fron­tex Men­schen­rech­te. Sie unter­stützt die kroa­ti­schen Gren­zer dabei, flüch­ten­de Men­schen aus Kroa­ti­en zurück nach Bos­ni­en zu prügeln.

Ihr habt auch nach Beginn der Coro­na-Pan­de­mie vie­le Aktio­nen im öffent­li­chen Raum durch­ge­führt. Was hat Euch dazu bewo­gen, und wel­che beson­de­ren Her­aus­for­de­run­gen stel­len sich dabei?
Coro­na scheint alles zu über­de­cken. Wir sor­gen dafür, dass das Elend, die Not, der Über­le­bens­kampf der Men­schen in den Lagern und auf den Mee­ren nicht ver­ges­sen wird. Wir las­sen auch unter Coro­na nicht nach, Druck auf­zu­bau­en. Die Kri­mi­na­li­sie­rung der Seenotretter*innen muss been­det und eine staat­li­che See­not­ret­tung wie­der durch­ge­führt werden.

Bei unse­ren Aktio­nen wird auf die Ein­hal­tung von Abstands- und sons­ti­gen Hygie­ne­re­geln geach­tet, Hän­de- und Flä­chen­desin- fek­ti­ons­mit­tel gehö­ren genau­so wie Mund-Nasen-Schutz für Men­schen, die kei­nen haben, zu unse­rer „Aus­stat­tung“. Wir rufen auch über „Sozia­le Medi­en“ hin und wie­der zu Foto­ak­tio­nen auf, moti­vie­ren dazu, Trans­pa­ren­te und Pla­ka­te in die Fens­ter zu hän­gen oder Krei­de­bot­schaf­ten auf den Stra­ßen zu hinterlassen._Es gibt also vie­le ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten, auch wäh­rend der Coro­na-Kri­se aktiv zu bleiben.

Für die Men­schen in den Lagern, ins­be­son­de­re an den EU-Außen­gren­zen, stellt die Coro­na-Pan­de­mie eine lebens­be­droh­li­che Gefahr neben vie­len ande­ren dar. Wor­auf liegt aktu­ell Euer inhalt­li­cher Schwerpunkt?
Die Lager müs­sen geräumt und die Men­schen hier auf­ge­nom­men wer­den. Es gibt allei­ne im in Baden-Würt­tem­berg 31 „Siche­re Häfen“. Das sind Gemein­den und Städ­te, die bereit sind, Men­schen aus den Lagern auf­zu­neh­men. Das Blei­be­recht muss gesi­chert und Abschie­bun­gen müs­sen gestoppt wer­den. Wir for­dern die Auf­la­ge eines Lan­des­auf­nah­me­pro­gram­mes statt Abschot­tung. Momen­tan läuft eine Peti­ti­on im Rah­men der Kam­pa­gne „Siche­rer Hafen BaWü“.

Wie kön­nen Inter­es­sier­te Eure Arbeit unter­stüt­zen oder sich dar­an beteiligen?
Inter­es­sier­te kön­nen sich ger­ne bei uns mel­den. Die wich­tigs­ten Kon­takt­da­ten sind hier zu finden.


*[Die Fra­gen stell­te N. B.]


Aus Avan­ti² Rhein-Neckar Febru­ar 2021
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