Unser Genos­se Rudolf Klement:

Bespit­zelt, ent­führt, ermor­det, zerstückelt

 

Hel­mut Dahmer

Auch die Toten wer­den vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein.
Und die­ser Feind hat zu sie­gen nicht aufgehört.“(Walter Ben­ja­min)1

Die Zeit­schrift Lett­re Inter­na­tio­nal hat in ihrer Nr. 130 (vom Herbst 2020) eine über­aus sorg­fäl­tig recher­chier­te „poli­ti­sche Kri­mi­nal­ge­schich­te“ von Phil­ip­pe Vide­lier mit dem Titel „Wie Kle­ment ver­schwand“ in deut­scher Über­set­zung ver­öf­fent­licht.2

Rudolf Klement (Bild: Privatarchiv)

Rudolf Kle­ment (Bild: Privatarchiv)

Vide­lier (Jg. 1953) ist His­to­ri­ker und Lite­rat, lebt in Lyon und forscht am Cent­re natio­nal de la recher­che sci­en­ti­fi­que. Er schrieb unter ande­rem über Babel, Baku­nin, Blü­cher (den 1937 erschos­se­nen Gene­ral der Roten Armee), Che Gue­va­ra, Gor­ki, Maria Spi­ri­do­no­wa (die 1941 erschos­se­ne Füh­re­rin der mit den Bol­sche­wi­ken ver­bün­de­ten „Lin­ken Sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re“) und Mao Zedong.3

Sein klei­ner his­to­ri­scher Roman über Kle­ment erin­nert an den gro­ßen Roman Paduras,4 der vor zehn Jah­ren die Wie­der­ent­de­ckung Trotz­kis durch die lin­ken kuba­ni­schen Intel­lek­tu­el­len und Stu­den­ten ein­lei­te­te.5

Vide­lier lässt den deut­schen Revo­lu­tio­när Kle­ment (1908-1938)6 aus dem dich­ten Nebel von Ver­leum­dung und Ver­ges­sen­heit auf­tau­chen – nicht ohne Iro­nie, in der die Distanz sich gel­tend macht, die den His­to­ri­ker (einen „rück­wärts­ge­kehr­ten Pro­phe­ten“7) und sei­ne heu­ti­gen Lese­rin­nen und Leser von der Welt trennt, in der Kle­ment sich in den drei­ßi­ger Jah­ren des vori­gen Jahr­hun­derts bewegte.

Vide­lier zitiert aus einem nur für Mit­glie­der der trotz­kis­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on bestimm­ten Dos­sier: „Der Name ‚Adol­phe’ bezeich­net Rudolf Kle­ment, einen deut­schen Emi­gran­ten aus Ham­burg, der in der Tür­kei und in Frank­reich mit Trotz­ki zusam­men­ge­lebt hat. Sein Name muss unbe­dingt geheim gehal­ten wer­den […]“. Und wei­ter, nun aus dem Bericht eines Sym­pa­thi­san­ten, der ‚Adol­phe’ für eini­ge Zeit als Gast bei sich auf­nahm: „Kle­ment kam um ein Uhr nach­mit­tags zu uns… […] Um acht schrieb er immer noch Arti­kel auf der Maschi­ne, um die Welt­re­vo­lu­ti­on vor­zu­be­rei­ten … Tack-tack-tack … Inter­na­tio­na­les Inne­res Bul­le­tin – Nur für Mit­glie­der – Tack-tack-tack … Sorgt dafür, dass es nicht in die Hand unse­rer Fein­de fällt …“8

Betrach­ten wir näher, was es mit dem im Juli 1938 „ver­schwun­de­nen“ Kle­ment und sei­nen „Fein­den“ auf sich hat­te. Er stu­dier­te zunächst in Ham­burg (und an ande­ren Uni­ver­si­tä­ten) Sprach- und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und war seit 1932 poli­tisch in der deut­schen Lin­ken Oppo­si­ti­on der KPD (Bol­sche­wi­ki-Leni­nis­ten) (LO) aktiv.9

Einem Vor­schlag von Georg Jung­clas fol­gend, der die Ham­bur­ger Grup­pe der LO lei­te­te, reis­te Kle­ment Ende April 1933 nach Prin­ki­po (der größ­ten der „Prin­zen­in­seln“ im Mar­ma­ra­meer), um den klei­nen, unbe­zahl­ten Stab von Sekre­tä­ren, Über­set­zern und Leib­wäch­tern zu ver­stär­ken, die den im Febru­ar 1929 aus Russ­land in die Tür­kei aus­ge­wie­se­nen und dort iso­lier­ten Trotz­ki unterstützten.

Von links: Rudolf Klement, Leo Trotzki, Yvan Craipeau,_Jeanne Martin des Pallières, Sara Jacobs und (sitzend) Jean van Heijenoort in St. Palais, August 1933 (Bild: Privatarchiv)

Von links: Rudolf Kle­ment, Leo Trotz­ki, Yvan Craipeau,_Jeanne Mar­tin des Pal­liè­res, Sara Jacobs und (sit­zend) Jean van Hei­je­noort in St. Palais, August 1933 (Bild: Privatarchiv)

Trotz­ki war zunächst im Janu­ar 1928 für ein Jahr nach Alma Ata nahe der sowje­tisch-chi­ne­si­schen Gren­ze ver­bannt und dann in die Tür­kei abge­scho­ben wor­den, wo er vier Jah­re zubrin­gen soll­te. Die rus­si­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit war Trotz­ki im Febru­ar 1932 aberkannt wor­den, und vor­läu­fig fand sich kein ande­res Land, das ihm Asyl gewährt hät­te.10

Das ihm auf­ge­zwun­ge­ne Exil nutz­te der Revo­lu­tio­när und Lite­rat zum einen dazu, eine inter­na­tio­na­le, antis­ta­li­nis­ti­sche Oppo­si­ti­on zu orga­ni­sie­ren, zum andern, um sei­ne bei­den Haupt­wer­ke als mar­xis­ti­scher His­to­ri­ker zu ver­fas­sen: die Auto­bio­gra­phie Mein Leben und die zwei­bän­di­ge Geschich­te der rus­si­schen Revo­lu­ti­on.11

Nach dem Bank­rott der sta­li­ni­sier­ten Kom­in­tern, die die KPD, ihre deut­sche Sek­ti­on, in den Unter­gang manö­vriert hat­te, rief er am 15. Juli 1933, kurz vor sei­ner Aus­rei­se nach Frank­reich, zur Bil­dung neu­er kom­mu­nis­ti­scher Par­tei­en und einer neu­en, revo­lu­tio­nä­ren Inter­na­tio­na­le auf.12

Prin­ki­po, Bar­bi­zon, Paris
In Trotz­kis letz­tem Jahr auf Prin­ki­po mach­te sich Kle­ment, der als zurück­hal­tend und zuver­läs­sig galt, mit den Gege­ben­hei­ten von Haus­halt, Sekre­ta­ri­at und Archiv ver­traut und freun­de­te sich mit Trotz­ki, sei­ner Frau Nata­lia Sedo­wa und den Genos­sin­nen und Genos­sen an, die als Über­set­zer und Leib­wäch­ter fun­gier­ten und den Kon­takt mit den inter­na­tio­na­len Oppo­si­ti­ons­grup­pen hielten.

Unten (von links): Jean van Heijenoort,_ Rudolf Klement. Oben: Leo Trotzki, Arne Swabeck, Pierre Frank in Prinkipo, 1933 (Foto: Privatarchiv)

Unten (von links): Jean van Heijenoort,_ Rudolf Kle­ment. Oben: Leo Trotz­ki, Arne Swa­beck, Pierre Frank in Prin­ki­po, 1933 (Foto: Privatarchiv)

Fotos zei­gen ihn auf Prin­ki­po mit Trotz­ki, Jean van Hei­je­noort und Pierre Frank und, wenig spä­ter, schon im fran­zö­si­schen Saint-Palais-sur-Mer (an der Atlan­tik­küs­te), in einer um Yvan Crai­peau, Jean­ne Mar­tin und Sara Weber, die rus­si­sche Sekre­tä­rin, erwei­ter­ten Grup­pe.13

Mit Sara Weber, Jean van Hei­je­noort und Max Shacht­man beglei­te­te Kle­ment die bei­den Trotz­kis auf der ein­wö­chi­gen Schiffs­rei­se nach Mar­seil­le (17. - 24. Juli 1933), blieb auch in Saint-Palais-sur-Mer bei ihnen und – ab Novem­ber – in dem näher an Paris gele­ge­nen Bar­bi­zon. Am Ran­de die­ses Künst­ler-Städt­chens kam die klei­ne Grup­pe im Novem­ber inko­gni­to in der Vil­la „Ker Moni­que“ unter.

Trotz­ki, der von dort aus auch Gele­gen­heit fand, in Paris mit Genos­sen zusam­men­zu­tref­fen, begann mit der Arbeit an sei­ner (unvoll­endet geblie­be­nen) Lenin-Bio­gra­phie.14

Kle­ment pen­del­te als Kurier zwi­schen Bar­bi­zon und Paris. Bei einer die­ser Fahr­ten mit einem gelie­he­nen Motor­rad wur­de er von einer Poli­zei­strei­fe gestoppt, weil des­sen Beleuch­tung nicht intakt war. Des Dieb­stahls ver­däch­tigt, unter­such­te man ihn, und die ver­dutz­ten Poli­zis­ten fan­den in sei­ner Tasche neben diver­sen fremd­spra­chi­gen Zeit­schrif­ten Brie­fe aus aller Welt an … Trotzki.

Es folg­te am 14. April 1934 eine Haus­durch­su­chung in der Vil­la „Ker Moni­que“, und Trotz­kis mit der Sicher­heits­po­li­zei ver­ein­bar­tes Inko­gni­to15 flog auf. Faschis­ti­sche Grup­pen und die sta­li­nis­ti­sche KP for­der­ten dar­auf­hin Trotz­kis Aus­wei­sung, und die unter Druck gera­te­ne Regie­rung Dou­m­er­gue setz­te einen vor Trotz­kis Ein­rei­se aus der Tür­kei außer Kraft gesetz­ten Aus­wei­sungs­be­fehl aus dem Kriegs­jahr 1916 wie­der in Kraft. Die­ser konn­te frei­lich nicht voll­streckt wer­den, da es noch immer kein Land gab, des­sen Regie­rung den Revo­lu­tio­när auf­neh­men wollte.

Der oft von van Hei­je­noort beglei­te­te Trotz­ki fand, nach zwei­mo­na­ti­gem Her­um­ir­ren auf der Suche nach einem neu­en Asyl, schließ­lich noch ein­mal für fast ein Jahr ein Quar­tier in Domè­ne (bei Gre­no­ble), ehe er Mit­te Juni 1935 nach Nor­we­gen aus­rei­sen konnte.

Mit der Affä­re von Bar­bi­zon beginnt Vide­liers Erzäh­lung. Es folgt ein Abschnitt über den Fall des abtrün­ni­gen NKWD-Agen­ten Agabe­kow und die Schick­sa­le von Kle­ments Genos­sen Moulin (das ist Hans David Freund), Erwin Wolf und And­reu Nin, die 1937 in Kata­lo­ni­en „ver­schwan­den“, näm­lich vom NKWD ermor­det wur­den.16 Was Kle­ment selbst angeht, heißt es bei Vide­lier (S. 66) zunächst nur viel­sa­gend: „Der in Paris unter­ge­tauch­te deut­sche Stu­dent berei­te­te [seit 1934] die Vier­te Inter­na­tio­na­le vor.“ Dar­auf­hin geht der Chro­nist gleich zu den Ereig­nis­sen vom Som­mer 1938 über.

Auf Prin­ki­po, in Bar­bi­zon und in den fol­gen­den Jah­ren in Paris absol­vier­te Kle­ment ein kur­zes, inten­si­ves Stu­di­um mar­xis­ti­scher Theo­rie und Poli­tik. Sein Leh­rer urteil­te aus dem fer­nen Mexi­ko: „Adol­phe [Kle­ment] war vor ein paar Jah­ren eher ein Grün­schna­bel, aber jetzt ist er ein aus­ge­bil­de­ter Mar­xist. Er schreibt sehr gut in drei Spra­chen und kennt sechs ande­re.“17

Von der IKD 1934 herausgegebene Broschüre (Foto: Privatarchiv)

Von der IKD 1934 her­aus­ge­ge­be­ne Bro­schü­re (Foto: Privatarchiv)

Seit dem Som­mer 1934 war Kle­ment in Paris18 (zeit­wei­lig auch in Brüs­sel) als Orga­ni­sa­ti­ons­se­kre­tär für das Inter­na­tio­na­le Sekre­ta­ri­at der in Bil­dung begrif­fe­nen IV. Inter­na­tio­na­le tätig und arbei­te­te – mit Erwin Wolf und Jan Bur (d. i. Wal­ter Net­tel­beck) – auch im Aus­lands­ko­mi­tee der IKD, der spä­te­ren deut­schen Sek­ti­on der IV. Internationale.

Er per­fek­tio­nier­te sei­ne Rus­sisch-Kennt­nis­se, sodass er Brie­fe, Doku­men­te und gan­ze Bücher ins Deut­sche über­tra­gen konn­te. Unter dem Pseud­onym Wal­ter Steen über­setz­te er 1936 „Trotz­kis kom­pli­zier­tes­tes Buch“ (Deut­scher), die klas­si­sche Ana­ly­se des Nie­der­gangs der rus­si­schen Revo­lu­ti­on,19 und half – unter­stützt von Erwin Wolf und Van Hei­je­noort – Leo Sedow, Trotz­kis älte­rem Sohn, bei der Ana­ly­se des ers­ten der Mos­kau­er Schau­pro­zes­se gegen Sino­wjew, Kamen­jew und wei­te­re 14 Ange­klag­te im August 1936.20

1938 ent­warf er die Sta­tu­ten der neu­en Inter­na­tio­na­le und über­trug deren Grün­dungs-Doku­ment, das „Über­gangs-Pro­gramm“, ins Deutsche.21 Als Orga­ni­sa­ti­ons­se­kre­tär war er in die – oft von getarn­ten, in die trotz­kis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen ein­ge­schleus­ten GPU- bzw. NKWD-Agen­ten ange­heiz­ten – Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die Fra­ge des Ein­tritts trotz­kis­ti­scher Grup­pen in die fran­zö­si­sche und ande­re sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei­en („Ent­ris­mus“), um die Ein­schät­zung der spa­ni­schen POUM und um die Pra­xis des „revo­lu­tio­nä­ren Defai­tis­mus“ nicht­s­ta­li­nis­ti­scher Arbei­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen22 im bevor­ste­hen­den Zwei­ten Welt­krieg ver­strickt.23 „Er hielt alle Fäden in der Hand […]“, schreibt Vide­lier (S. 70), und hat­te den Über­blick über Kader und Sym­pa­thi­san­ten der (nach Tau­sen­den zäh­len­den) Trotz­ki-Anhän­ger in aller Welt. Das alles mach­te ihn zu einem bevor­zug­ten Ziel der NKWD-Mord­ak­tio­nen, denen neben Trotz­kis Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen auch eine Rei­he sei­ner Sekre­tä­re zum Opfer fie­len.24

Stalin/Jeschows poli­ti­scher Genozid
Der Mord an dem Lenin­gra­der Par­tei­se­kre­tär Kirow am 1. Dezem­ber 1934 gab Sta­lin Anlass, einen „poli­ti­schen Geno­zid“25 (Deut­scher) in die Wege zu lei­ten. Ihm fie­len in den Jah­ren 1936-38 unter Ägi­de der NKWD-Chefs Jago­da (der das Lager­sys­tem GULag orga­ni­sier­te und den Sta­lin im März 1938 erschie­ßen ließ) und Jeschow (der mul­ti­ple „Ver­schwö­run­gen“ und die „Troika“-Schnellge­richte ersann und den Sta­lin im Febru­ar 1940 eben­falls besei­ti­gen ließ) Hun­dert­tau­sen­de zum Opfer.26

Von der „Jiskra“ (Organ der Internationalen Kommunisten der ČSR) 1936 herausgegebene Broschüre (Foto: Privatarchiv)

Von der „Jis­kra“ (Organ der Inter­na­tio­na­len Kom­mu­nis­ten der ČSR) 1936 her­aus­ge­ge­be­ne Bro­schü­re (Foto: Privatarchiv)

Sta­lins mör­de­ri­sche Kam­pa­gne dien­te der völ­li­gen Aus­rot­tung jeg­li­cher Oppo­si­ti­on.27 Ihr fie­len ein Groß­teil der längst sta­li­ni­sier­ten Par­tei samt einem Teil der Sta­lin-Anhän­ger zum Opfer, fer­ner Diplo­ma­ten und die Kom­in­tern-Füh­rung, die Anhän­ger frü­he­rer kom­mu­nis­ti­scher Oppo­si­ti­ons­grup­pen, die nun als „Volks­fein­de“, „Ter­ro­ris­ten“, „Faschis­ten“ figu­rier­ten, immer neue Grup­pen von „unzu­ver­läs­si­gen“ KGB-Leu­ten und Diplo­ma­ten, die die gefürch­te­ten „Rück­ru­fe“ nach Mos­kau erhiel­ten, schließ­lich die Gene­ra­li­tät und das Offi­ziers­korps der Roten Armee, die der „Ver­schwö­rung mit Reichs­wehr und Gesta­po gegen Sta­lin“ beschul­digt wur­den, zudem Wirt­schafts­füh­rer („Sabo­teu­re“), „Kula­ken“, Ange­hö­ri­ge „illoya­ler“ Natio­nen, Künst­ler und zahl­lo­se Zivi­lis­ten zur Auf­fül­lung der Zwangs- arbeitslager …

Der Schat­ten die­ser Schre­ckens­zeit, deren Spu­ren nach Mög­lich­keit getilgt und deren Andenken als­bald tabui­siert wur­de, liegt auch heu­te noch, acht Jahr­zehn­te spä­ter, über der Gesell­schaft der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on und ihrer Nach­bar­staa­ten. Der inter­na­tio­na­len Öffent­lich­keit blieb der sta­li­nis­ti­sche Mas­sen­ter­ror – abge­se­hen von den drei spek­ta­ku­lä­ren Schau­pro­zes­sen im August 1936, Janu­ar 1937 und März 1938 gegen die bol­sche­wis­ti­schen Füh­rer der Revo­lu­ti­ons­zeit – weit­ge­hend ver­bor­gen. Ver­han­delt wur­de dabei gegen 55 sorg­sam aus­ge­wähl­te, „gestän­di­ge“ Ange­klag­te, die vor Gericht Schuld-„Bekenntnisse“ repe­tier­ten, die ihnen, in der Regel unter Fol­ter, abge­presst wor­den waren, wor­auf­hin die meis­ten von ihnen zum Tode ver­ur­teilt und erschos­sen wur­den.28

In Abwe­sen­heit wur­den – adres­siert an die sowje­ti­schen und inter­na­tio­na­len Leser und Radio­hö­rer – auch die angeb­li­chen Inspi­ra­to­ren und Orga­ni­sa­to­ren all der pro­jek­tiv her­bei­fan­ta­sier­ten antis­ta­li­nis­ti­schen „Ver­schwö­run­gen“, „Atten­tats- und Ter­ror­plä­ne“ mit­an­ge­klagt: Trotz­ki und sein Sohn und wich­tigs­ter Mit­ar­bei­ter, Leo Sedow,29 sowie deren Unter­stüt­zer, zu denen, abge­se­hen von den tod­ge­weih­ten Mos­kau­er Ange­klag­ten, ihren „Mit­ver­schwö­rern“, natür­lich auch Men­schen wie Kle­ment und die ande­ren Sekre­tä­re Trotz­kis sowie mit ihnen sym­pa­thi­sie­ren­de oder koope­rie­ren­de kom­mu­nis­ti­sche Dis­si­den­ten und „Über­läu­fer“ gehörten.

Ein „Kin­to“ an der Macht
Sta­lin war seit 1922 Gene­ral­se­kre­tär der KPdSU (B) und bahn­te sich mit wech­seln­den Bun­des­ge­nos­sen in der Par­tei­füh­rung (zuerst Sino­wjew und Kamen­jew, dann Bucha­rin) und durch geziel­te Per­so­nal­po­li­tik als „Herr der Dos­siers“ ziel­stre­big den Weg zur Alleinherrschaft.

Im Herbst 1924 kon­ver­tier­te er zum Natio­nal­kom­mu­nis­mus („Sozia­lis­mus in einem Lan­de“), und 1929 war sei­ne Macht­stel­lung so weit gefes­tigt, dass er das Land in das Aben­teu­er der Zwangs­kol­lek­ti­vie­rung und einer for­cier­ten Indus­tria­li­sie­rung stür­zen konnte.

Rudolf Klement (Foto: Privatarchiv)

Rudolf Kle­ment (Foto: Privatarchiv)

In der zwei­ten Hälf­te der drei­ßi­ger Jah­re ver­nich­te­te er dann mit Hil­fe der Geheim­po­li­zei die Vete­ra­nen der Revo­lu­ti­ons­zeit und ihre inter­na­tio­na­lis­ti­sche Tra­di­ti­on und nahm mehr und mehr das Geha­be eines Groß­khans oder Gott­kö­nigs an. Trotz­ki nann­te ihn ein­mal den „Negus im Kreml“ … 30

Im Kampf gegen die Lin­ke Oppo­si­ti­on inner­halb und außer­halb von Par­tei und Kom­in­tern bedien­te er sich einer Rei­he von ver­nich­ten­den Diskriminierungsformeln.

Zunächst bezich­tig­te er sie der seit 1921 ver­pön­ten „Frak­ti­ons­bil­dung“. Dann erfand er im Ver­ein mit Sino­wjew und Kamen­jew das „Trotzkismus“-Label, wobei „Trotz­kis­mus“ als Abwei­chung von der Lenin-Ortho­do­xie oder als deren Wider­part, näm­lich als „Men­sche­wis­mus“ („sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Abwei­chung“) galt.

In den drei­ßi­ger Jah­ren bezeich­ne­te er sie dann nur mehr als „Ter­ro­ris­ten“, „Volks­fein­de“ oder „Faschis­ten“, und nicht nur sei­ne angst- und hass­erfüll­ten Papa­gei­en im Polit­bü­ro, im Zen­tral­ko­mi­tee und in der damals 2 bis 3 Mil­lio­nen Mit­glie­der zäh­len­den Par­tei plap­per­ten ihm das eil­fer­tig nach, son­dern der rie­si­ge Pro­pa­gan­da­ap­pa­rat der Kom­in­tern ver­brei­te­te die­se Sprach­re­ge­lun­gen weltweit. 
Er selbst dürf­te sei­ne Dif­fa­mie­run­gen und Ver­dam­mungs­ur­tei­le zunächst wider bes­se­res Wis­sen, also als tak­ti­sche Waf­fe, im Kampf gegen „Kon­kur­ren­ten“ ein­ge­setzt haben, die im Fall von Kri­se oder Krieg als Alter­na­tiv-Füh­rung hät­ten fun­gie­ren kön­nen.31 Doch wie – nach Lenins Tod im Janu­ar 1924 – der „groß­rus­si­sche Chau­vi­nist“ in ihm zum Durch­bruch kam, so erlag er nun, zehn Jah­re spä­ter, dem Echo der von ihm selbst zwecks Macht­si­che­rung in Gang gesetz­ten Propaganda.

Um sei­ne „Tak­tik“ vor sich selbst, sei­nen Pala­di­nen, den Par­tei­mit­glie­dern, der Welt­öf­fent­lich­keit und der „Geschich­te“ zu legi­ti­mie­ren, begann er, den von ihm erho­be­nen wüs­ten Anschul­di­gun­gen Glau­ben zu schen­ken. Aus Tak­tik wur­de (Verfolgungs-)Wahn.32

Wahn­bil­dun­gen ent­hal­ten immer ein Stück ver­hoh­le­ner (inne­rer) Wahr­heit, und weil sei­ne wah­ren Moti­ve dem „Autor“ des Wahns unzu­gäng­lich (weil schwer erträg­lich) sind, wer­den sie pro­ji­ziert, also ande­ren zuge­schrie­ben. Dem ent­spre­chend las­sen sich Sta­lins Mord- und Ver­rats-Phan­ta­sien als „Geständ­nis­se“ lesen: Der „Kin­to an der Macht“,33 auf den (abge­se­hen von einem von Beri­ja simu­lier­ten) nie ein Atten­tat ver­übt wur­de, wähn­te, sein Wider­sa­cher Trotz­ki hecke stän­dig Mord­kom­plot­te gegen ihn und sei­ne Kum­pa­ne aus, wäh­rend er selbst – eine Art ReInkar­na­ti­on des „Alten vom Ber­ge“34 – eine GPU-Todes­s­schwa­dron nach der andern in Marsch setz­te, um Trotz­ki und sei­ne Anhän­ger zu „liqui­die­ren“. Er, der seit 1937 ein Bünd­nis mit Hit­ler­deutsch­land anstreb­te, zieh Trotz­ki und die ande­ren Oppo­si­tio­nel­len des Ver­rats und der Kum­pa­nei mit der Gestapo.

Rudolf Klement übersetzte die Verratene Revolution ins Deutsche (Foto: Privatarchiv)

Rudolf Kle­ment über­setz­te die Ver­ra­te­ne Revo­lu­ti­on ins Deut­sche (Foto: Privatarchiv)

Jeder Wahn aber kol­li­diert auch mit der inne­ren und äuße­ren Rea­li­tät und muss dar­um stets aufs Neue beglau­bigt wer­den. Die gro­ßen Schau­pro­zes­se und die NKWD-Kom­man­dos, die zur glei­chen Zeit im gan­zen Land ihre Opfer such­ten, um vor­ge­ge­be­ne „Quo­ten“ von erschos­se­nen oder zu Zwangs­ar­beit ver­ur­teil­ten „Volks­fein­den“ zu erfül­len, waren ein unge­heu­er­li­cher Ver­such, den Beweis zu füh­ren, dass es sich bei den Ankla­gen gegen die als „Kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re“ dif­fa­mier­ten Oppo­si­tio­nel­len und bei deren erpress­ten „Geständ­nis­sen“ nicht um Alb­träu­me, son­dern um Wirk­lich­keit handele.

Die ste­no­gra­phi­schen Pro­to­kol­le der Ver­hand­lun­gen [der gro­ßen Schau­pro­zes­se] wur­den Tag für Tag als Fort­set­zungs­ro­man in der Praw­da abge­druckt und erschie­nen wenig spä­ter auch in Buch­form. Sie wur­den in größ­ter Eile in 13 Spra­chen über­setzt und in rie­si­gen Auf­la­gen ver­brei­tet. In der Lite­ra­tur geschich­te des 20. Jahr­hun­derts ist die gro­ße Ver­schwö­rungs-Tri­lo­gie, die Sta­lin, Wyschin­ski und Radek kon­zi­pier­ten und redi­gier­ten, noch nicht gewür­digt wor­den. Dut­zen­de lite­ra­risch weni­ger begab­te Ko-Autoren (,Ange­klag­te‘) wur­den […] inhaf­tiert und zur Mit­ar­beit an die­ser Kri­mi­nal­ge­schich­te einer ‚trotz­kis­tisch-faschis­ti­schen’ Ver­schwö­rung gegen Sta­lin, sei­ne Hel­fers­hel­fer und die Sowjet­uni­on gepresst. Die meis­ten von ihnen wur­den zum Lohn für ihre phan­tas­ti­schen Erzäh­lun­gen erschos­sen. Wäh­rend des gesam­ten Ver­fah­rens war die Gren­ze zwi­schen Fik­ti­on und Rea­li­tät auf­ge­ho­ben. Ziel war die sys­te­ma­ti­sche Fik­tio­na­li­sie­rung der Wirk­lich­keit (bezie­hungs­wei­se die Plau­si­bi­li­sie­rung einer Fik­ti­on). Am Ende ließ Sta­lin sei­ne Phan­tas­ma­go­rien durch den Hen­ker (W. M. Blochin, den Ober­voll­stre­cker in der Lub­jan­ka, und sei­nes­glei­chen) beglau­bi­gen.“35

Inter­na­tio­na­li­sie­rung des Terrors
Dem Des­po­ten im Kreml genüg­te es nicht, über die ver­staat­lich­ten Pro­duk­ti­ons­mit­tel des Rie­sen­reichs zu ver­fü­gen. Sein „dia­bo­li­scher Plan“36 griff aus in Raum und Zeit. Er woll­te sich zum Herrn der (Revolutions-)Geschichte auf­wer­fen, indem er eine neue, eige­ne Ver­si­on die­ser Geschich­te37 an die Stel­le der wirk­li­chen setzte.

Das begann mit den von Trotz­ki nach­ge­wie­se­nen Fäl­schun­gen der Par­tei­ge­schich­te,38 dem Ver­bot und der Beschlag­nah­me von Büchern, der peri­odi­schen „Kor­rek­tur“ oder Löschung von Enzy­klo­pä­die-Arti­keln, dem Retu­schie­ren von Fotos und der Pro­duk­ti­on von pseudo­his­to­ri­schen Fil­men, und führ­te schließ­lich zur Aus­rot­tung einer gan­zen Genera­ti­on von Zeu­gen der wirk­li­chen Geschichte.

Sta­lins GPU bzw. NKWD inter­na­tio­na­li­sier­te, gestützt auf die Kom­in­tern-Sek­tio­nen, den Ter­ror gegen „trotz­kis­ti­sche“ und „anar­chis­ti­sche“ Oppo­si­tio­nel­le, gegen „Abweich­ler“ (wie Wil­li Mün­zen­berg) und „Über­läu­fer“ aus der eige­nen Orga­ni­sa­ti­on (wie Ignaz Reiss oder Wal­ter G. Kri­vitz­ky).39 Mit nahe­zu unbe­schränk­ten Finanz­mit­teln aus­ge­stat­te­te Kil­ler­kom­man­dos jag­ten Sta­lingeg­ner, die die Deutsch­land-Poli­tik der Kom­in­tern, die zur Nie­der­la­ge der deut­schen Arbei­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen geführt hat­te, eben­so anpran­ger­ten wie das Desas­ter der Zwangs­kol­lek­ti­vie­rung oder Sta­lins Poli­tik in Spa­ni­en, und die nun nach­wie­sen, dass es sich bei den Mos­kau­er Pro­zes­sen um fan­tas­ti­sche Insze­nie­run­gen handelte.

Das „Jagd­re­vier“ der Sta­lin­schen „Kil­lera­ti“ waren vor allem Staa­ten, die wider­stre­bend Emi­gran­ten aus Hit­ler­deutsch­land und Ost­eu­ro­pa Asyl gewähr­ten. Die­se ret­te­ten sich in jene Län­der, in denen (wie in Frank­reich und Spa­ni­en) „Volksfront“-Regierungen oder links­na­tio­na­lis­ti­sche (wie in Mexi­ko zur Zeit des Prä­si­den­ten Cár­de­nas) an die Macht gekom­men waren.

Da der Mos­kau­er Des­pot nichts so sehr fürch­te­te wie die Ent­ste­hung eines neu­en sozia­lis­ti­schen Staats, der sich sei­ner Kon­trol­le ent­zö­ge, wüte­te das NKWD beson­ders im repu­bli­ka­ni­schen Spa­ni­en, wo 1937 in Bar­ce­lo­na ein „Hochverrats“-Prozess im Mos­kau­er Stil gegen die „trotz­kis­ti­sche“ POUM (die „Arbei­ter­par­tei der mar­xis­ti­schen Ein­heit“) ange­strengt wur­de,40 deren Füh­rer, And­reu Nin, von einer spe­zi­ell auf ihn ange­setz­ten NKWD-Mör­der­ban­de ent­führt, gefol­tert und umge­bracht wurde.

Die Mos­kau­er Pro­zes­se basier­ten, wor­auf einer der Ange­klag­ten, Karl Radek, die Auf­merk­sam­keit rich­te­te, aus­schließ­lich auf den „Geständ­nis­sen“ der Ange­klag­ten, da die Ankla­ge kei­ner­lei Doku­men­te vor­wei­sen konn­te, mit denen sie die „Unta­ten“ der bol­sche­wis­ti­schen Füh­rer und ihres ver­meint­li­chen Auf­trag­ge­bers Trotz­ki hät­te bewei­sen können.

Bei dieser Seinebrücke wurden Leichenteile des ermordeten Rudolf Klement gefunden (Foto: Privatarchiv)

Bei die­ser Sei­ne­brü­cke wur­den Lei­chen­tei­le des ermor­de­ten Rudolf Kle­ment gefun­den (Foto: Privatarchiv)

Der Ver­schwö­rungs­ro­man, den Sta­lins Gene­ral­staats­an­walt Wyschin­ski aus den Folter-„Geständnissen“ der Ange­klag­ten kom­po­niert hat­te und den Sta­lin per­sön­lich redi­giert hat­te, wies, wo es um die für die Ankla­ge ent­schei­den­den „ter­ro­ris­ti­schen“ Anwei­sun­gen Trotz­kis und Sedows und um deren Über­mitt­lungs­we­ge ging, absur­de Orts- und Zeit­an­ga­ben und zahl­lo­se Wider­sprü­che auf.

Lie­ßen sich in Sta­lins Herr­schafts­be­reich nur pro­ble­ma­ti­sche oder fal­sche Zeu­gen auf­trei­ben, so muss­ten bes­se­re im „Aus­land“ gefun­den wer­den. Sofern man „ech­te“ antis­ta­li­nis­ti­sche Kom­mu­nis­ten nicht (wie Ignaz Reiss oder Kurt Land­au) ein­fach umbrach­te, wur­de wie­der und wie­der ver­geb­lich ver­sucht, sie – wie die Ange­klag­ten der Mos­kau­er Pro­zes­se – durch Fol­ter und Todes­dro­hun­gen dazu zu brin­gen, fal­sches Zeug­nis gegen Trotz­ki, Sedow und ihre Anhän­ger abzu­le­gen.41 Der Öffent­lich­keit konn­te man sie frei­lich, anders als im „Okto­ber­saal“ des Mos­kau­er Gewerk­schafts­hau­ses, nicht prä­sen­tie­ren, son­dern muss­te sie in jedem Fall umbrin­gen, gleich­viel, ob sie sich wei­ger­ten, irgend­ein Lügen-„Geständnis“ abzu­le­gen, oder ob sie in Todes­not taten, was von ihnen ver­langt wurde.

Ein gefälsch­ter Brief und die Furie des Verschwinden-Lassens
Rudolf Kle­ment zwan­gen sei­ne Ent­füh­rer im Juli 1938, einen von ihnen vor­ge­fer­tig­ten Brief an Trotz­ki abzu­schrei­ben, in dem er sich als „ent­täusch­ten Anhän­ger“ Trotz­kis prä­sen­tier­te, der soeben „ent­deckt“ habe, dass Trotz­ki mit den Hit­ler­fa­schis­ten gegen Sta­lin koope­rie­re.42 Die­ser in deut­scher Spra­che abge­fass­te Brief, von dem vier maschi­nen­ge­schrie­be­ne Kopien auch an Kle­ments fran­zö­si­sche Genos­sen gin­gen und des­sen Ori­gi­nal Trotz­ki am 1. August in Coyoa­can erhielt, wies so vie­le Unge­reimt­hei­ten auf, dass er leicht als Fäl­schung ent­larvt wer­den konn­te.43 Gut mög­lich, dass Kle­ment eini­ge Schnit­zer in den Text die­ses Briefs hin­ein­schmug­gel­te, um sei­nen Genos­sen auf die­se Wei­se ein Zei­chen zu geben …

Trotz­ki, der noch immer ver­such­te, den nur all­zu gut kaschier­ten Mord an sei­nem Sohn Leo Sedow (Mit­te Febru­ar 1938) auf­zu­klä­ren,44 ver­öf­fent­lich­te sogleich auch eine gründ­li­che Ana­ly­se des an ihn adres­sier­ten Briefs, den die NKWD-Mör­der Kle­ment zuge­schrie­ben hat­ten.45

Nur Trotz­ki und Leo Sedow waren – als Zeit­zeu­gen und Akteu­re, His­to­ri­ker und Sozio­lo­gen – in der Lage, Sta­lins Phan­tas­ma­go­rie, der viel zu vie­le Zeit­ge­nos­sen Glau­ben schenk­ten, detek­ti­visch ad absur­dum zu füh­ren.46

Das französische Police Magazin berichtete über die Ermordung R. Klements (Foto: Privatarchiv)

Das fran­zö­si­sche Poli­ce Maga­zin berich­te­te über die Ermor­dung R. Kle­ments (Foto: Privatarchiv)

Was sie nicht wis­sen konn­ten, war, dass Sta­lin und Jeschow, der im Sep­tem­ber des Jah­res durch Beri­ja „abge­löst“ wur­de, zwi­schen März und Mai 1938 an die 3.000 in Worku­ta im Nord-Ural kon­zen­trier­te „Trotz­kis­ten“ (dar­un­ter auch Leo Sedows jün­ge­ren Bru­der Ser­gei) hat­ten erschie­ßen las­sen.47

Trotz­kis Ana­ly­se des Kle­ment auf­ge­zwun­ge­nen Briefs fand bald eine gräss­li­che Bestä­ti­gung, als in der Sei­ne zwei Pake­te auf­tauch­ten, die Tei­le einer fach­män­nisch sezier­ten Lei­che ent­hiel­ten, deren Kopf nie gefun­den wur­de. Genos­sen von Kle­ment konn­ten bestä­ti­gen, dass es sich um den Kör­per ihres Freun­des handelte.

Wie ihr Meis­ter im Kreml waren des­sen Agen­ten beses­sen von der Furie des Ver­schwin­den-Las­sens. Man­che ihrer Opfer wur­den nie gefun­den, von ande­ren (wie den Opfern der Mos­kau­er Pro­zes­se) wur­den die Orte, an denen man sie ver­brannt oder ver­scharrt hat­te, erst nach Jahr­zehn­ten bekannt.48

Kle­ment hat­te im Inter­na­tio­na­len Sekre­ta­ri­at nicht nur mit dem Mit­te Sep­tem­ber 1937 in Bar­ce­lo­na „ver­schwun­de­nen“ Erwin Wolf, Trotz­kis Sekre­tär in Nor­we­gen in den Jah­ren 1935/36, son­dern auch mit Mark Sbo­row­ski („Éti­en­ne“) zusam­men­ge­ar­bei­tet. Die­sen hat­te das NKWD im Früh­jahr 1935 in die trotz­kis­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on ein­ge­schleust, wo er bald zu Leo Sedows engs­tem Ver­trau­ten und Mit­ar­bei­ter gewor­den war.

Sbo­row­ski war einer von Sta­lins Meis­ter­spio­nen. Er mim­te erfolg­reich jah­re­lang den über­zeug­ten Trotz­ki-Anhän­ger, gab nach Sedows Ermor­dung das Bul­le­tin der Oppo­si­ti­on her­aus und lie­fer­te als NKWD-Infor­mant Reiss, Sedow, Kle­ment und ande­re ans Mes­ser.49 Beim Grün­dungs­kon­gress der IV. Inter­na­tio­na­le im Sep­tem­ber 1938 trat er als Reprä­sen­tant der aus­ge­rot­te­ten rus­si­schen Sek­ti­on auf. Mit sei­ner Hil­fe war Sta­lin stets auf dem Lau­fen­den über die trotz­kis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen, Trotz­kis und Sedows Kor­re­spon­den­zen und Trotz­kis neu­es­te Arti­kel. Die Ver­ra­te­ne Revo­lu­ti­on, die Trotz­ki in Nor­we­gen, wo er seit Juni 1935 Asyl gefun­den hat­te, schrieb und am 5. August 1936 abschloss, konn­te Sta­lin zum Bei­spiel schon wenig spä­ter in einer Kopie des rus­si­schen Typoskripts lesen …

Sbo­row­ski wur­de von eini­gen Pari­ser Trotz­kis­ten ver­däch­tigt, ein GPU- bzw. NKWD-Agent zu sein, doch Trotz­ki ver­trau­te auf die Urteils­fä­hig­keit sei­nes Soh­nes Leo Sedow. Es ist mög­lich, dass Kle­ment unter ande­rem des­halb „aus dem Weg geräumt“ wur­de, weil er Sbo­row­ski auf die Spur gekom­men war.50

Auch Ramón Mer­ca­der, der künf­ti­ge Trotz­ki-Mör­der, tauch­te im Som­mer 1938 unter fal­schem Namen in Paris am Ran­de der trotz­kis­ti­schen Grup­pe auf, gab sich „poli­tisch unin­ter­es­siert“ und mim­te den Lieb­ha­ber der Über­set­ze­rin Syl­via Ageloff, der er spä­ter nach Mexi­ko folg­te, wo sie ihm arg­los Zugang zum Hau­se Trotz­kis ver­schaff­te.51

Der von Kle­ment abge­schrie­be­ne und unter­zeich­ne­te Brief-Text ent­hielt unter ande­rem eine bun­te Lis­te von Namen, in der – Sei­te an Sei­te – GPU/NKWD-Agen­ten (wie Well) und deren Opfer (wie Nin), sowie Sym­pa­thi­san­ten und Mit­glie­der der IV. Inter­na­tio­na­le figu­rier­ten, die sich wegen poli­ti­scher Mei­nungs- ver­schie­den­hei­ten von ihr getrennt hat­ten. Die­ses Ver­wirr­spiel des NKWD ende­te am Schluss des Brie­fes mit einer kaum ver­hüll­ten Dro­hung: „Ich gehe weg und räu­me mei­nen Platz für Wal­ter Held ein.“52 In einem ande­ren, schau­ri­gen Satz des Brie­fes, in dem schein­bar nur vom schlech­ten Zustand der IV. Inter­na­tio­na­le die Rede war, „gestan­den“ die NKWD-Agen­ten zudem unfrei­wil­lig, was sie mit dem Leich­nam von Kle­ment vor­hat­ten: „Wegen Ihrer [Trotz­kis] Füh­rung hat die 4. Inter­na­tio­na­le meh­re­re Ampu­ta­tio­nen erlit­ten und ist jetzt nichts als ein Krüp­pel […].“53

Titelseite von La Lutte Ouvrière, Wochenzeitung der POI, der französischen Sektion der IV. Internationale (Bild: Privatarchiv)

Titel­sei­te von La Lut­te Ouvriè­re, Wochen­zei­tung der POI, der fran­zö­si­schen Sek­ti­on der IV. Inter­na­tio­na­le (Bild: Privatarchiv)

Tat­säch­lich teil­te Sta­lins Geheim­po­li­zei mit der Mafia die Pra­xis, ihre Opfer ent­we­der – als Macht­de­mons­tra­ti­on – ein­fach (wie Reiss) am Stra­ßen­rand lie­gen oder sie auf geheim­nis­vol­le Art „ver­schwin­den“ zu las­sen. Kle­ments Leich­nam wur­de in Stü­cke zer­teilt, die­se in mit Gewich­ten beschwer­te Bün­del ver­packt und in die Sei­ne ver­senkt. Der Fluss gab aber die­se Bün­del bald wie­der frei, und so kam das Ver­bre­chen an den Tag. Der Kopf des Revo­lu­tio­närs wur­de nie gefun­den, sei es, dass sei­ne Hen­ker ihn als Tro­phäe mit­nah­men, sei es, dass ein Ein­schuss­loch all­zu deut­lich auf die übli­che NKWD-Pra­xis hin­ge­wie­sen hät­te, sich der „Volks­fein­de“ zu ent­le­di­gen.54

Kle­ments Ermor­dung war ein wei­te­rer schwe­rer Schlag der Sta­li­nis­ten gegen die Füh­rung der IV. Inter­na­tio­na­le. Ein Jahr spä­ter schrieb Trotz­ki an James P. Can­non, den Füh­rer der nord­ame­ri­ka­ni­schen Socia­list Workers Par­ty (SWP): „Seit der Ermor­dung Kle­ments hat unse­re inter­na­tio­na­le Orga­ni­sa­ti­on prak­tisch auf­ge­hört, zu exis­tie­ren: Es gibt kei­ne Bul­le­tins, kei­nen Pres­se­dienst, kei­ne Rund­schrei­ben – nichts.“55

Veree­ken und Trotz­ki über Klement
Geor­ges Veree­ken, der sich wegen der „ent­ris­ti­schen“ Tak­tik, der Kri­tik an der spa­ni­schen POUM und der Grün­dung der Inter­na­tio­na­le mit Trotz­ki (und Kle­ment) über­warf und den IS-Sekre­tär auch per­sön­lich nicht moch­te, hat sich Jahr­zehn­te spä­ter noch ein­mal aus­führ­lich mit Kle­ments „Ver­schwin­den“ und dem gefälsch­ten Brief aus­ein­an­der­ge­setzt. Er kam zu dem Schluss, Kle­ment sei ent­we­der „GPU-Agent“ oder aber ein „Feig­ling“ gewe­sen.56

In The New International erschien 1938 Rudolf Klements Artikel „Zu den Aufgaben des Proletariats im Kriege“ in Englisch (Bild: Privatarchiv)

In The New Inter­na­tio­nal erschien 1938 Rudolf Kle­ments Arti­kel „Zu den Auf­ga­ben des Pro­le­ta­ri­ats im Krie­ge“ in Eng­lisch (Bild: Privatarchiv)

Doch Kle­ment war weder das eine, noch gar das ande­re. Wie die alten Revo­lu­tio­nä­re, die unter Fol­ter und in Angst um ihr Leben und das ihrer Ange­hö­ri­gen in den Schau­pro­zes­sen für Sta­lins Staats­an­walt absur­de „Geständ­nis­se“ auf­sag­ten, hoff­te er, dass kein ver­nünf­ti­ger Mensch sei­nem „Brief“ an Trotz­ki Glau­ben schen­ken wür­de. Schwei­gend in den Tod zu gehen, ist hero­isch, aber mehr, als Mit- und Nach­welt von einem Men­schen ver­lan­gen können …

Hören wir noch, was Trotz­ki Kle­ments Ange­hö­ri­gen im Novem­ber 1938 über sei­nen Genos­sen zu sagen wusste:

Rudolf war für eini­ge Zeit (in der Tür­kei und in Frank­reich) mein Mit­ar­bei­ter. Danach unter­hielt ich einen freund­schaft­li­chen Brief­wech­sel mit ihm. Rudolf blieb sei­ner Sache immer treu, und dar­um haben sei­ne Fein­de ihn getö­tet. […] Rudolf war sehr begabt. Wis­sen­schaft­lich hat er in den ver­gan­ge­nen acht Jah­ren viel zuwe­ge gebracht. Er schrieb aus­ge­zeich­ne­te Arti­kel und kann­te fast alle Spra­chen der zivi­li­sier­ten Welt. Er war unei­gen­nüt­zig und tap­fer. Ich war sicher, er wür­de künf­tig noch eine bedeu­ten­de Rol­le spie­len. Der schreck­li­che Schlag [dem er zum Opfer fiel] hat mich und alle sei­ne Freun­de des­halb sehr erschüt­tert. Mehr kann ich Ihnen im Augen­blick unglück­li­cher­wei­se nicht sagen […].“57

(Wien, 1. Dezem­ber 2020)


Ergän­zen­de Literaturhinweise*

• Besy­m­en­ski, Lew, Sta­lin und Hit­ler, Das Poker­spiel der Dik­ta- toren, Ber­lin (Auf­bau-Ver­lag) 2002.

• Broué, Pierre, Léon Sedov, fils de Trot­s­ky, vic­ti­me de Sta­li­ne, Paris (Les Édi­ti­ons Ouvriè­res) 1993.
Cahiers Léon Trot­s­ky, Nr.13, Numé­ro Spe­cial, „Léon Sedov * (1906-1938)”, Gre­no­ble (Insti­tut Léon Trot­s­ky) März 1983.
Cahiers Léon Trot­s­ky, Nr. 53, „L’Opposition de gau­che en URSS,“ a. a. O., April 1994.
• Con­quest, Robert, Der gro­ße Ter­ror, Sowjet­uni­on 1934-1938, Mün­chen (Lan­gen Mül­ler-Ver­lag) 1990.
• Dah­mer, Hel­mut, Freud, Trotz­ki und der Hork­hei­mer-Kreis, Müns­ter (West­fä­li­sches Dampf­boot) 2020.
• Feni­chel, Otto, „Über Tro­phäe und Tri­umph“, in: Feni­chel, Auf­sät­ze (hg. von Klaus Laer­mann), Olten (Wal­ter-Ver­lag) 1981, Bd. II, S. 159-182.
• Glot­zer, Albert, Trot­s­ky, Memoir & Cri­tique, Buf­fa­lo, New York (Pro­me­theus Books). 1989.
• Gor­kin, Julián, Sta­lins lan­ger Arm, Die Ver­nich­tung der frei­heit­li­chen Lin­ken im spa­ni­schen Bür­ger­krieg, Köln (Kie­pen­heu­er & Witsch) 1980.
• Hede­ler, Wla­dis­law (Hg.), Chro­nik der Mos­kau­er Schau­pro- zes­se 1936, 1937 und 1938, Pla­nung, Insze­nie­rung und Wir­kung, Ber­lin (Aka­de­mie-Ver­lag) 2003.
• [Jung­clas, Georg], Von der pro­le­ta­ri­schen Frei­den­ker­ju­gend im Ers­ten Welt­krieg zur Lin­ken der sieb­zi­ger Jah­re, Georg Jung­clas (1902-1975), Eine poli­ti­sche Doku­men­ta­ti­on, Ham­burg (Juni­us) 1980.
• Malet, Léo, Abat­toir ensol­ei­llé, Paris (Édi­ti­on Fleuve noir) 1970.
• Marie, Jean-Jac­ques, Le fils oublié de Trot­s­ky, Paris (Édi­ti­ons du Seuil) 2012.
• Navil­le, Pierre, „Sur l‘assassinat de Rudolf Kle­ment (1938), Avec deux let­tres iné­di­tes de Trot­s­ky”, in: Cahiers Léon Trot­s­ky, Nr. 2, Paris (Insti­tut Léon Trot­s­ky) April-Juni 1979), S. 71-77.
• Rogo­win, Wadim S., 1937, Jahr des Ter­rors, Essen (Arbei­ter­pres­se Ver­lag) 1998.
• Ders., Die Par­tei der Hin­ge­rich­te­ten, ebd. 1999.
• Stett­ner, Ralf, „Archi­pel GULag“: Sta­lins Zwangs­ar­beits­la­ger – Ter­ror­in­stru­ment und Wirt­schafts­gi­gant, Ent­ste­hung, Orga­ni­sa­ti­on und Funk­ti­on des sowje­ti­schen Lager­sys­tems 1928-1956, Pader­born (Schö­ningh-Ver­lag) 1996.
[* Arti­kel und Bücher, die in den Anmer­kun­gen zu die­sem Text nicht ange­führt sind. (H. D.)]

Fuß­no­ten
1 Ben­ja­min, Wal­ter, Über den Begriff der Geschich­te, Wer­ke und Nach­lass, Kri­ti­sche Gesamt­aus­ga­be, Bd. 19, Ber­lin (Suhr­kamp) 2010, S. 18 f.
2 Vide­lier, Phil­ip­pe, „Wie Kle­ment ver­schwand, Agen­ten, Ver­schwö­rer, Revo­lu­tio­nä­re – eine poli­ti­sche Kri­mi­nal­ge­schich­te“, Lett­re Inter­na­tio­nal, Nr. 130, 2020, S. 59-73.
3 „Vide­lier hat das Gen­re des his­to­ri­schen Romans [neu] erfun­den; er erzählt die Wahr­heit, als han­de­le es sich um eine Fik­ti­on“, schreibt der Ver­lag über Vide­liers Der­niè­res nou­vel­les des bol­che­viks, Paris (Gal­li­mard) 2017.
4 Padu­ra, Leo­nar­do, Der Mann, der Hun­de lieb­te, Zürich (Uni­ons­ver­lag) 2011.
5 Vgl. dazu mei­nen Bericht über den im Mai 2019 in Havan­na abge­hal­te­nen Inter­na­tio­na­len Trotz­ki-Kon­gress: „Cuba Libre in Havan­na, Die Wie­der­ent­de­ckung Trotz­kis auf Kuba“, Theo­rie­bei­la­ge zu Avan­ti² von Juli/August 2019, S. 1-7.
6 Lubitz, Wolf­gang und Petra, „Rudolf Kle­ment“, Bio-Biblio­gra­phi­cal Sketch, 2005 (last rev. June 2016), www.trotskyana.net/Trotskyists/Bio-Bibliographies/bio-bibl_klement.pdf.
7 Schle­gel, Fried­rich, 80. Athe­nä­ums-Frag­ment, in: Schle­gel, Wer­ke in zwei Bän­den, Ber­lin, Wei­mar (Auf­bau-Ver­lag) 1980, Bd. 1, S. 199.
8 Vide­lier, a.a.O. (Anm. 2), S. 67. Bei dem Sym­pa­thi­san­ten han­del­te es sich um Léo Malet. (Vgl. dazu: „Die Rudolf Kle­ment-Affä­re“, in: Malet,Léo, Stoff für vie­le Leben, Auto­bio­gra­phie, Ham­burg [Edi­ti­on Nau­ti­lus, Ver­lag Lutz Schu­len­burg] 1990, S. 145-151.)
9 Zur LO vgl. Alles, Wolf­gang, Zur Geschich­te und Poli­tik der deut­schen Trotz­kis­ten ab 1930, 2. Aufl., Köln (Neu­er ISP-Ver­lag) 1994.
10 Der frü­he­re Labour-Poli­ti­ker J. Ram­say Mac­Do­nald (der als „Vater der Appease­ment-Poli­tik“ gilt), hat­te 1931 mit den Kon­ser­va­ti­ven und eini­gen Libe­ra­len eine natio­na­le Koali­ti­ons­re­gie­rung gebil­det. Von ihm wird der Aus­spruch über­lie­fert: „In Kon­stan­ti­no­pel kommt [Trotz­ki] uns nicht ins Gehe­ge […]. Wir haben alle vor ihm Angst.“ (Deut­scher, Isaac, Trotz­ki, Bd. III, „Der ver­sto­ße­ne Pro­phet“, Stutt­gart [Kohl­ham­mer] 1963, S. 32.)
11 Die­se drei Bän­de erschie­nen, über­setzt von Alex­an­dra Ramm-Pfem­fert, 1929 und 1931/32 im Ber­li­ner S. Fischer-Verlag.
12 Trotz­ki, Leo (1933), „Man muß von neu­em kom­mu­nis­ti­sche Par­tei­en und eine Inter­na­tio­na­le auf­bau­en“, in: Trotz­ki, Schrif­ten über Deutsch­land, Frank­furt (Euro­päi­sche Ver­lags­an­stalt) 1971, Bd. II, Text 52.
13 Fefer­man, Ani­ta Burd­man, From Trot­s­ky to Gödel, The Life of Jean van Hei­je­noort, Natick, Mass. (A. K. Peters, Ltd.) 1993, S. 69 und 91.
14 Trotz­ki, L., Der jun­ge Lenin, Wien (Mol­den) 1969.
15 Hen­ri Moli­nier, ein Genos­se, „hat­te nur mit eini­gen weni­gen [Beam­ten der] Sicher­heits­po­li­zei ver­han­delt, und Trotz­kis Auf­ent­halts­ort tauch­te auch nur in weni­gen Dos­siers auf. Nur ein oder zwei hohe Funk­tio­nä­re kann­ten ihn […].“ van Hei­je­noort, Jean, Sept ans auprès de Léon Trot­s­ky, De Prin­ki­po à Coyoa­can, Paris (Les Let­tres nouveaux/Maurice Nadeau) 1978, S. 99.
16 Vgl. dazu Broué, Pierre und Témi­me, Émi­le, Revo­lu­ti­on und Krieg in Spa­ni­en, [ins Deut­sche über­setzt und bear­bei­tet von A. R. L. Gur­land], Frank­furt (Suhr­kamp) 1968, S. 374 f.
17 Trotz­ki, zitiert nach Vide­lier, a. a. O. (Anm. 2), S. 67.
18 Trotz­kis fran­zö­si­scher Anwalt hat uns einen Blick auf Kle­ments Pari­ser Milieu wer­fen las­sen: „Nach der Aus­wei­sung Trotz­kis blieb Kle­ment in Frank­reich und leis­te­te eine über­aus nütz­li­che Arbeit. Er half bei der Siche­rung der inter­na­tio­na­len Ver­bin­dun­gen, vor allem mit den deut­schen [Trotz­kis­ten]. Unter­ge­bracht war er bei Freun­den, die der Orga­ni­sa­ti­on nahe­stan­den. Das war [zum Bei­spiel] der char­man­te Musi­ker Robert Caby, Eric Saties Meis­ter­schü­ler, der den Kom­po­nis­ten der Para­de und des Sopho­cle jede Nacht zu Fuß zu sei­nem Haus in Arcueil zurück­be­glei­tet hat­te. Caby, dem Pot­tiers und Degey­ters berühm­te Inter­na­tio­na­le über­haupt nicht gefiel, hat­te eine Hym­ne auf die IV. Inter­na­tio­na­le kom­po­niert. Zu die­sem Kreis gehör­te auch der Sur­rea­list Léo Malet.“ (Rosen­thal, Gérard, Avo­cat de Trot­s­ky, Paris [Robert Lafont] 1975, S. 276.) [Das Libret­to zu dem „rea­lis­ti­schen“ Bal­lett Para­de schrieb Jean Coc­teau 1916/17; es wur­de von Tän­zern der Trup­pe Diag­hi­lews, „Bal­lets Rus­ses“, insze­niert. Apol­lin­aire fand in sei­nen Pro­gramm­no­ti­zen zu Para­de (anders als Coc­teau), es han­de­le sich um ein „sur-réa­les“ Stück. Auch Coc­teaus La Dan­se de Sopho­cle (1912) hat Satie ver­tont. – Malet gesell­te sich in den drei­ßi­ger Jah­ren als Lyri­ker zu den Sur­rea­lis­ten um Bre­ton und wur­de spä­ter als Autor einer gan­zen Serie von Kri­mi­nal­ro­ma­nen bekannt, die in Paris spiel­ten und deren Held der Pri­vat­de­tek­tiv „Nes­tor Bur­ma“ war.]
19 Trotz­ki, Leo, Ver­ra­te­ne Revo­lu­ti­on, Was ist die UdSSR und wohin treibt sie? Über­ar­bei­tet und kom­men­tiert in: Trotz­ki, Sowjet­ge­sell­schaft und sta­li­nis­ti­sche Dik­ta­tur, Schrif­ten Bd. 1.2 (1936-1940), Text 36, Ham­burg (Rasch und Röh­ring) 1988, S. 687-1011.
20 Sedow, Leo, Rot­buch über den Mos­kau­er Pro­zeß [1937], Doku­men­te, gesam­melt und redi­giert von L. Sedow, Frank­furt (ISP-Ver­lag) 1988. Rudolf Kle­ment hat das Rot­buch ins Deut­sche über­setzt. (Vgl. Alles, W., a. a. O. [Anm. 9], S. 248.) – Nach dem Mord an Ignaz Reiss riet der besorg­te Kle­ment Trotz­ki und Nata­lia in einem Brief (vom 5. 11. 1937), ihren Sohn, L. Sedow, aus Paris nach Mexi­ko in Sicher­heit zu brin­gen. (Vgl. Deut­scher, Trotz­ki, Bd. III, a. a. O. [Anm. 10], S. 365 und S. 520.)
21 Trotz­ki, Leo, Der Todes­kampf des Kapi­ta­lis­mus und die Auf­ga­ben der Vier­ten Inter­na­tio­na­le, Das Über­gangs­pro­gramm, in: Trotz­ki, Das Über­gangs­pro­gramm, Essen (Arbei­ter­pres­se Ver­lag) 1997, Teil II.
22 Kle­ment (W. Steen) hat­te in der ers­ten Aus­ga­be der von ihm ins Leben geru­fe­nen Theo­rie-Zeit­schrift Der ein­zi­ge Weg einen Arti­kel „Zu den Auf­ga­ben des Pro­le­ta­ri­ats im Krie­ge“ ver­öf­fent­licht, in dem er die Kriegs­po­li­tik der Arbei­ter­klas­se und ihrer revo­lu­tio­nä­ren Orga­ni­sa­tio­nen in ver­schie­de­nen Kon­stel­la­tio­nen krieg­füh­ren­der Staa­ten umriss – im Fall eines Krie­ges unter impe­ria­lis­ti­schen Mäch­ten, eines Krie­ges zwi­schen impe­ria­lis­ti­schen Staa­ten und der Sowjet­uni­on (oder ande­ren „Arbei­ter­staa­ten“), eines Kolo­ni­al- oder Unab­hän­gig­keits­krie­ges bezie­hungs­wei­se einer Kom­bi­na­ti­on sol­cher Kon­flik­te. Trotz­ki emp­fahl allen Sek­tio­nen der Inter­na­tio­na­le die Über­set­zung und Publi­ka­ti­on von Kle­ments Arti­kel: Trotz­ki, „An excel­lent arti­cle on defea­tism“ (26. 1. 1938), in: Wri­tings of Leon Trot­s­ky [1937-38], New York (Path­fin­der Press) 1970, S. 153 f. – Kle­ment knüpf­te an einen Arti­kel Trotz­kis aus dem Jahr 1934 und an des­sen Erklä­rung zur Defai­tis­mus-Fra­ge vor der Dew­ey-Kom­mis­si­on (1937) an: Trotz­ki, Der Krieg und die IV. Inter­na­tio­na­le, in: Trotz­ki, Lin­ke Oppo­si­ti­on und IV. Inter­na­tio­na­le (1928-1934), Schrif­ten, Bd. 3.3. Köln (Neu­er ISP-Ver­lag) 2001, Text 102. – The Case of Leon Trot­s­ky, Report of the Hea­rings on the char­ges made against him in the Mos­kow Tri­als (1937), New York (Merit Publis­hers) 1968, 8. Sit­zung, S. 287-300.
23 Vic­tor Ser­ge erin­ner­te sich 1951 an ein Zusam­men­tref­fen mit Kle­ment im Febru­ar 1937, beim Begräb­nis von Leo Sedow: „Ein mage­rer und blas­ser, ärm­lich geklei­de­ter jun­ger Mann mit läng­li­chem Gesicht [drück­te mir] die Hand; er trug einen Knei­fer vor den durch­drin­gen­den und zurück­hal­ten­den grau­en Augen. Ich hat­te die­sen jun­gen Dok­tri­när in Brüs­sel gekannt, und wir hat­ten uns nicht ver­stan­den […]. Er ent­fal­te­te, um eine schwa­che Orga­ni­sa­ti­on ins Leben zu rufen, eine fana­ti­sche Tätig­keit, nicht ohne dabei gro­be poli­ti­sche Feh­ler zu bege­hen […].“ (Ser­ge, Vic­tor, Beruf: Revo­lu­tio­när, Erin­ne­run­gen 1901-1917-1941, Frank­furt (Fischer) 1967, S. 88.)
24 Vgl. dazu Trotz­kis Arti­kel „La Poli­ce Fran­çai­se ne cher­che pas la véri­té“ (24. 8. 1938), Punkt 11, in: Trot­s­ky, Œuvres, Bd. 18, o. O. [Gre­no­ble] (Publi­ca­ti­ons de l’Institut Léon Trot­s­ky) 1984, S. 251 f.
25 Deut­scher, Trotz­ki, Bd. III, a. a. O. (Anm. 10), Kap. 5, S. 388 f.
26 Jeschows Nach­fol­ger seit Novem­ber 1938, L. P. Beri­ja, eben­falls ein sadis­ti­scher Fol­ter­knecht, der u. a. für das Katyn-Mas­sa­ker (im April/Mai 1940) an pol­ni­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen und für Zwangs­um­sied­lun­gen „illoya­ler“ Natio­na­li­tä­ten ver­ant­wort­lich war, ereil­te erst im Dezem­ber 1953 das Schick­sal sei­ner Vorgänger.
27 Die (seit den neun­zi­ger Jah­ren mit den Anga­ben in rus­si­schen Archi­ven ver­gleich­ba­ren) Schät­zun­gen der Anzahl der Opfer der „Jeschowscht­schi­na“ – und der Sta­lin-Dik­ta­tur ins­ge­samt – gehen noch immer weit aus­ein­an­der. Im „Gro­ßen Ter­ror“ der Jah­re 1936-38 wur­den (min­des­tens) eine (oder gar andert­halb) Million(en) Men­schen erschos­sen, 1.5 oder 2.5 Mil­lio­nen ver­haf­tet. Hin­zu kamen unge­zähl­te Opfer bei den Gefan­ge­nen­trans­por­ten in die Ver­ban­nungs­ge­bie­te und bei der Zwangs­ar­beit. Die zivi­len Opfer der Sta­li­nära (1929-1953) in Frie­dens­zei­ten wer­den auf 15 bis 25 Mil­lio­nen Men­schen geschätzt.
28 Vgl. dazu mei­ne Bro­schü­re Die Mos­kau­er Pro­zes­se 1936-1938 und Sta­lins Mas­sen­ter­ror, Pan­kower Vor­trä­ge, Heft 124, Ber­lin (Hel­le Pan­ke) 2008. Dass. in: Dah­mer, Hel­mut, Diver­gen­zen, Müns­ter (West­fä­li­sches Dampf­boot) 2009, S. 488-520.
29 Gegen Ende des ers­ten der gro­ßen Schau­pro­zes­se im August 1936 gab Sta­lin – von sei­nem Urlaubs­ort Sot­schi aus – sei­nem Ver­trau­ten, dem Polit­bü­ro-Mit­glied L. M. Kaga­no­witsch, Anwei­sung, die vom Gerichts­vor­sit­zen­den W. W. Ulrich for­mu­lier­ten Urtei­le „sti­lis­tisch auf­zu­po­lie­ren“: „In einem eige­nen Absatz muss dar­auf hin­ge­wie­sen wer­den, dass Trotz­ki und Sedow eben­falls der Pro­zess gemacht wer­den soll oder sie vor Gericht gestellt wer­den sol­len oder etwas in die­ser Art. Das ist von gro­ßer Bedeu­tung für Euro­pa, für die Bour­geoi­sie und die Arbei­ter …“ (Zitiert nach: Ray­field, Donald, Sta­lin und sei­ne Hen­ker, Mün­chen [Karl Bles­sing-Ver­lag] 2004, S. 336.)
30 „Die IV. Inter­na­tio­na­le und die UdSSR“ (8. 7. 1936), in: Trotz­ki, Sowjet­ge­sell­schaft und sta­li­nis­ti­sche Dik­ta­tur, 1929-1936. Schrif­ten, Bd. 1.1, Ham­burg (Rasch und Röh­ring) 1988, Text Nr. 35, S. 676 f.
31 P. A. Sudo­pla­tow, der mit der Ermor­dung Trotz­kis beauf­trag­te NKWD-Agent – und Agen­ten­füh­rer Leo­nid (Naum) Eit­in­gons – berich­te­te (1994) über ein Gespräch mit Beri­ja und Sta­lin im März 1939 im Kreml: „Beri­ja reg­te an, mir die Koor­di­na­ti­on sämt­li­cher anti­trotz­kis­ti­scher Ope­ra­tio­nen des NKWD anzu­ver­trau­en, um der Lei­tung der trotz­kis­ti­schen Bewe­gung den Todes­stoß zu ver­set­zen.“ Er sag­te, „,Trotz­ki und sei­ne Anhän­ger stell­ten eine erheb­li­che Her­aus­for­de­rung für die Sowjet­uni­on dar, da sie mit uns um die Füh­rung der kom­mu­nis­ti­schen Welt­re­vo­lu­ti­on wett­ei­fer­ten.’“ Sta­lin bemerk­te dazu: „In der trotz­kis­ti­schen Bewe­gung gibt es neben Trotz­ki selbst kei­ne bedeu­ten­den poli­ti­schen Grö­ßen. Mit sei­ner Besei­ti­gung ist auch die Gefahr besei­tigt.“ (Sudo­pla­tow, P. A., und Sudo­pla­tow, A., Der Hand­lan­ger der Macht, Ent­hül­lun­gen eines KGB-Gene­rals, Düs­sel­dorf [Econ-Ver­lag] 1994, S. 108.) – Ent­spre­chend hat­te Sta­lin sich schon im Novem­ber 1937 gegen­über dem Gene­ral­se­kre­tär der Kom­in­tern, Geor­gi Dimitroff, und dem chi­ne­si­schen Kom­mu­nis­ten Wang Ming, einem jun­gen Riva­len Mao Zedongs, über die chi­ne­si­schen Trotz­kis­ten geäu­ßert: „Die Trotz­kis­ten muss man stän­dig jagen, sie erschie­ßen, aus­rot­ten. Das sind welt­weit [ope­rie­ren­de] Pro­vo­ka­teu­re, die übels­ten Agen­ten des Faschis­mus.“ (Kot­kin, Ste­phen, Sta­lin, Bd. II; New York, Lon­don [Pen­gu­in Ran­dom House] 2017, S. 469. Ent­spre­chend Marie, Jean-Jac­ques, Trot­s­ky, Révo­lu­ti­onn­aire sans fron­tiè­res, Paris (Pay­ot & Rivages) 2006, S. 502.)
32 Wahn­bil­dun­gen haben eine Struk­tur, die der von Hal­lu­zi­na­tio­nen ähn­lich ist. Sie sind Fehl­ur­tei­le über die Rea­li­tät, die auf Pro­jek­tio­nen beru­hen. […] Wie bei den Hal­lu­zi­na­tio­nen han­delt es sich bei ihnen gele­gent­lich um Wunsch­er­fül­lun­gen, häu­fi­ger aber sind sie schmerz­haft und beängs­ti­gend. Da sie einen Ver­such dar­stel­len, die ver­lo­re­nen Tei­le der Rea­li­tät zu erset­zen, ent­hal­ten sie oft Ele­men­te die­ser zurück­ge­wie­se­nen Rea­li­tät, die nichts­des­to­we­ni­ger wie­der­keh­ren […].“ Feni­chel, Otto, Psy­cho­ana­ly­ti­sche Neu­ro­sen­leh­re, Olten/Freiburg (Wal­ter Ver­lag) 1975, Bd. II, S. 327.
33 „Kin­tos“ wur­den Gano­ven aus der Tif­li­ser Unter­welt genannt. Trotz­ki schrieb in sei­ner Sta­lin-Bio­gra­phie: „Im Jah­re 1927 wur­den die offi­zi­el­len Sit­zun­gen des Zen­tral­ko­mi­tees [der KPdSU] zu wider­li­chen Schau­stel­lun­gen. […] Der Regis­seur war Sta­lin. […] Bei einer sol­chen Gele­gen­heit erin­ner­te sich jemand dar­an, wie Phil­ipp Mach­a­ra­dse, einer der alten Mit­ar­bei­ter Sta­lins, die­sen ein­mal cha­rak­te­ri­siert hat­te: ‚Er ist ein­fach ein >Kin­to<!’“ (Trotz­ki, Sta­lin, Eine Bio­gra­phie, Bd. II. Rein­bek [Rowohlt] 1971, Nach­trag II [„Ein Kin­to an der Macht“], S. 261.)
34 „Der Alte vom Ber­ge“, Raschid ad-Din Sinan, war ein Anfüh­rer der ismai­li­ti­schen Assas­si­nen in Syri­en, der zur Zeit des 3. Kreuz­zugs im 12. Jahr­hun­dert zwi­schen dem sun­ni­ti­schen Sul­tan Sala­din und den Kreuz­fah­rern lavier­te. Gefürch­tet waren die auf ihre Auf­ga­be sorg­sam vor­be­rei­te­ten, reli­gi­ös moti­vier­ten Atten­tä­ter, die Sinan aus­sand­te, um sei­ne jewei­li­gen Geg­ner umzu­brin­gen. Sie war­te­ten oft Jah­re als „Schlä­fer“, erschli­chen sich „Ver­trau­en und Zugang“ und konn­ten „jeder­zeit akti­viert wer­den. Der Tod der Atten­tä­ter, die meist an öffent­li­chen Plät­zen mit Mes­sern zuschlu­gen, war Teil des Kal­küls der Ver­brei­tung von Ter­ror und Abschre­ckung.“ (Wiki­pe­dia-Arti­kel „Raschid ad-Din Sinan“, Ver­si­on vom 7.11.2020.) – Der neue „Sinan“ im Kreml über­traf sei­nen his­to­ri­schen Vor­gän­ger bei wei­tem. In der Zeit des „Gro­ßen Ter­rors“ pfleg­te er mit Molo­tow und ein paar ande­ren Kum­pa­nen Exe­ku­ti­ons­lis­ten zu unter­zeich­nen, in denen mit­un­ter Hun­der­te, manch­mal auch Tau­sen­de von Namen auf­ge­führt waren …
35 Dah­mer, Pro­zes­se, a. a. O. (Anm. 28), S. 13 und ders, Diver­gen­zen, a.a.O. (Anm. 28), S. 496.
36 So Alfred Ros­mer in einem Brief (vom 8. 8. 1938) an Trotz­ki nach dem „Ver­schwin­den“ von Kle­ment. (Trot­s­ky, Léon, Ros­mer, Alfred et Mar­gue­ri­te, Cor­re­spondance 1929-1939, Paris [Gallimard]1982, S. 246.)
37 Geschich­te der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei der Sowjet­uni­on (Bol­sche­wi­ki), Kur­zer Lehr­gang, Mos­kau 1938.
38 Trot­s­ky, Leon, The Sta­lin School of Fal­si­fi­ca­ti­on, (hg. von Max Shacht­man), New York (Pioneer Publis­hers) 1962.
39 Vgl. dazu Trotz­kis Auf­ruf zu einer „Offen­si­ve gegen den Sta­li­nis­mus“ vom 2. 11. 1937: „Es ist Zeit, inter­na­tio­nal gegen den Sta­li­nis­mus vor­zu­sto­ßen, Brief an alle Arbei­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen“, in: Trotz­ki, Sozia­lis­mus oder Bar­ba­rei! Eine Aus­wahl aus sei­nen Schrif­ten, Wien (Pro­me­dia) 2005, S. 118-123 (und S. 159). Fer­ner: Trot­s­ky, „The Com­in­tern and the GPU, The attemp­ted assas­si­na­ti­on of May 24 and the Com­mu­nist Par­ty” (17. 8. 1940), in: Wri­tings of Leon Trot­s­ky [1939-40], New York (Path­fin­der Press) 1973, S. 348-391.
40 Vgl. dazu Toss­torff, Rei­ner, Die POUM in der spa­ni­schen Revo­lu­ti­on, Karls­ru­he (Neu­er ISP-Ver­lag) 2006.
41 Dar­um ging es Sta­lins Kil­lern, die 1937 in Spa­ni­en And­reu Nin und Erwin Wolf umbrach­ten, eben­so wie ihren rus­si­schen NKWD-„Kollegen“, die im Früh­jahr 1938 im Lager Worku­ta Trotz­kis frü­he­ren Sekre­tär Posn­an­ski ver­geb­lich „auf abscheu­li­che Wei­se fol­ter­ten, um von ihm Aus­sa­gen zu erlan­gen, die Tro­ckij kom­pro­mit­tie­ren könn­ten“. (Marie, Jean-Jac­ques, „Der Wider­stand der Trotz­kis­ten im GULag 1936 bis 1938: Der Hun­ger­streik und das Mas­sa­ker in Vor­ku­ta“; in: Jahr­buch für His­to­ri­sche Kom­mu­nis­mus­for­schung, Ber­lin [Auf­bau-Ver­lag] 2007, S. 134.) Auch der NKWD-Trup­pe, die im Juli des­sel­ben Jah­res Rudolf Kle­ment in Paris kid­napp­te und ver­schwin­den ließ, ging es um ein „Zeug­nis“ der Kom­pli­zen­schaft Trotz­kis mit den Nazis.
42 Zwei Jah­re spä­ter gab sich dann auch der sta­li­nis­ti­sche Agent und Trotz­ki-Mör­der Ramon Mer­ca­der für einen „ent­täusch­ten“ Trotz­ki-Anhän­ger aus. Wie der tote Kle­ment soll­te der leben­de Mer­ca­der den phan­tas­ti­schen Anschul­di­gun­gen, die Sta­lins Wyschin­ski in den Mos­kau­er Schau­pro­zes­sen gegen die Revo­lu­ti­ons­füh­rer von 1917 erho­ben hat­te, so etwas wie „Glaub­wür­dig­keit“ verleihen.
43 Der gefälsch­te Brief an Trotz­ki wur­de mit einem Kom­men­tar in der Emi­gra­ti­ons-Zei­tung der IKD Anfang Okto­ber 1938 voll­stän­dig doku­men­tiert: „Das neue G.P.U.-Verbrechen in Paris: Die Ent­füh­rung des Genos­sen Rudolf Kle­ment“, Unser Wort, Zei­tung der I.K.D., 6. Jg., Anfang Okto­ber 1938, S. 2 und 3.
44 Trot­s­ky, „L’enquête sur la mort de Leon Sedov“ [au juge Pagen­el], (19. 7. 1938), „La poli­ce fran­çai­se ne cher­che pas la véri­té” [au juge Pagen­el] (24. 8. 1938), in: Trotksy, Œuvres, Bd. 18, a. a. O. (Anm. 23), S. 153-159 und S. 246-253.
45 Trot­s­ky, „La dis­pa­ri­ti­on de Rudolf Kle­ment” (18. 7. 1938), „Une ‚lett­re’ de R. Kle­ment?“ (1. 8. 1938), „La pré­ten­due lett­re de Kle­ment“ (4. 8. 1938), in: Trot­s­ky, Œuvres, Bd. 18, a. a. O. (Anm. 24), S. 144 f., S. 215 f. und S. 218-229.
46 Trotz­ki, Sta­lins Ver­bre­chen, Zürich (Jean Chris­to­phe-Ver­lag) 1937.
47 Marie, Jean-Jac­ques, a. a. O. (Anm. 41), S. 117-136. – Broué, Pierre, Com­mu­nis­tes cont­re Sta­li­ne, Mas­sa­c­re d’une géné­ra­ti­on, Paris (Fay­ard) 2003, Kap. 20-22. Broué schätzt (S. 337) die Zahl der in Maga­dan und Worku­ta umge­brach­ten poli­ti­schen Häft­lin­ge, die als „Trotz­kis­ten“ bezeich­net wur­den und in ihrer Mehr­heit auch wirk­lich Trotz­ki-Anhän­ger waren, auf 6.000.
48 Sta­lins Geheim­po­li­zei hat den Kol­laps der Sowjet­uni­on über­lebt. Ihre Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­ti­on, der FSB, resi­diert noch immer im alten Zen­trum des Schre­ckens, der Mos­kau­er Lub­jan­ka, in der unge­zähl­te Opfer gefol­tert und erschos­sen wur­den, und hält mit Hil­fe von etwa 350.000 Agen­ten die Rus­si­sche Föde­ra­ti­on unter Kon­trol­le. Der FSB hat auch Jago­das und Beri­jas Arse­nal (Gift, Dolch, Revol­ver, Hand­gra­na­ten) geerbt und um Spe­zia­li­tä­ten wie Polo­ni­um und Nowit­schok berei­chert. Einer aus ihren Rei­hen hat sich zum Beherr­scher Russ­lands auf­ge­schwun­gen. Er lei­det zwar nicht, wie Sta­lin, an Ver­fol­gungs­wahn und führt auch nicht wie jener Krieg gegen die eige­ne Bevöl­ke­rung; doch setzt er, wie in alten Tagen, sei­ne Atten­tä­ter auf Oppo­si­tio­nel­le an, die er für gefähr­lich hält (Anna St. Polit­kow­ska­ja, Boris J. Nem­zow, Ale­xei A. Nawal­ny …), und auf „Ver­rä­ter“ und „Über­läu­fer“ (wie Alex­an­der W. Lit­wi­nen­ko oder Ser­gei W. Skri­pal). Vgl. dazu auch mei­ne Arti­kel „Nach­rich­ten aus Russ­land“ und „Auf­trags­kil­ler unter­wegs“, in: Dah­mer, Hel­mut, Inter­ven­tio­nen, Revo­lu­tio­nen, Regres­sio­nen, Inter­pre­ta­tio­nen, Müns­ter (West­fä­li­sches Dampf­boot) 2012, S. 153-157.
49 Sbo­row­ski, der „Meis­ter­si­mu­lant“ (Deut­scher, Trotz­ki, Bd. III, a. a. O. [Anm. 10], S. 457), wur­de erst in den fünf­zi­ger Jah­ren in den USA ent­tarnt. (Vgl. dazu das Kapi­tel 26 [„Éti­en­ne“] in Gérard Rosenthals Avo­cat de Trot­s­ky, a. a. O. [Anm. 18], S. 261-273.)
50 Léo Malet hat­te einen ande­ren Ver­dacht: „Es darf ange­nom­men wer­den, dass Rudolf Kle­ment aus Zufall oder aus Intui­ti­on etwas über [Ramón Mer­ca­der] her­aus­ge­fun­den hat­te und dass man ihn zum Schwei­gen brach­te, um nicht die Durch­füh­rung [eines] Plans von höchs­ter Wich­tig­keit, der erst in sei­nen Anfän­gen steck­te“ – näm­lich die Ermor­dung Trotz­kis – „aufs Spiel zu set­zen.“ […] (Malet, Stoff für vie­le Leben, a. a. O. [Anm. 8], S. 151.)
51 Isaac Don Levi­ne (ders., The Mind of an Assas­sin, New York [Farrar, Straus and Cuda­hy] 1959, S. 53) und Isaac Deut­scher, (Trotz­ki, Bd. III, a. a. O. [Anm. 10], S. 458) ver­däch­tig­ten Mer­ca­der, den im Spa­ni­schen Bür­ger­krieg zum Nah­kämp­fer aus­ge­bil­de­ten NKWD-Agen­ten, der bei Bekann­ten mit sei­nen Tran­chier- und Sezier­küns­ten und sei­ner Zuschlag­kraft prahl­te, des Mor­des an Kle­ment. Sudo­pla­tow nann­te 1994 (a. a. O. [Anm. 31], S. 333) Alex­an­der Taub­man („Sem­jo­now“) als „einen der Hel­fer bei der Liqui­da­ti­on von Rudolf Kle­ment in Paris 1938“. In der ame­ri­ka­ni­schen Ori­gi­nal­aus­ga­be des Buches von Sudo­pla­tow ver­weist er auf einen wei­te­ren NKWD-Agen­ten, „einen frü­he­ren Offi­zier der tür­ki­schen Armee“, der in Paris bereits gemein­sam mit Alek­san­der Korot­kow den abtrün­ni­gen NKWD-Mann Agabe­kow umge­bracht hat­te: „Unser jun­ger Agent Ale Taub­man […], ein litaui­scher Jude, war andert­halb Jah­re lang Kle­ments Assis­tent.“ Eines Abends lud er Kle­ment zu einem Essen (in einer Woh­nung am Bou­le­vard St. Michel) ein, „wo ihn der Tür­ke und Korot­kow erwar­te­ten. Der Tür­ke erdolch­te ihn und schnitt ihm den Kopf ab …“ (Sudo­pla­tov, Pavel, Sudo­pla­tov, Ana­to­li, Schec­ter, Jer­rold L., Schec­ter, Leo­na P., Spe­cial Tasks: The Memoi­rs of an Unwan­ted Wit­ness - A Soviet Spy­mas­ter, Bos­ton (Litt­le, Brown and Com­pa­ny) 1994, S. 48.) Die Sei­ten 47-49 feh­len in der deut­schen Aus­ga­be der Sudo­pla­tow-Memoi­ren. (Für den Hin­weis dar­auf dan­ke ich Horst Lau­scher.) Über die Iden­ti­tät des „Tür­ken“ ist wei­ter nichts bekannt …
52 Wal­ter Held (das ist Heinz Epe), einer der bes­ten Köp­fe der neu­en Inter­na­tio­na­le, war 1935/36 Mit­ar­bei­ter Trotz­kis in Nor­we­gen. Als Hit­lers „Wehr­macht“ das Land besetz­te, floh er nach Schwe­den und „beging [Anfang 1941] den töd­li­chen Feh­ler, sich dazu über­re­den zu las­sen, wie […] ande­re Flücht­lin­ge über die UdSSR nach Ame­ri­ka zu gelan­gen“, schrieb Nata­lia Sedo­wa (zitiert nach Ser­ge, Vic­tor, Leo Trotz­ki, Leben und Tod, Wien [Euro­pa­ver­lag] 1978, S. 314 f.). Broué teilt mit, dass Held (mit sei­ner Frau und ihrem klei­nen Sohn) in Sara­tow aus dem Zug geholt wur­de und dass Sta­lin dann das längst von Hit­ler über Held ver­häng­te Todes­ur­teil voll­stre­cken ließ. (Broué, Pierre, „Quel­ques pro­ches col­la­bo­ra­teurs de Trot­s­ky“, in: Cahiers Léon Trot­s­ky, Nr. 1, 1979, S. 83 f.)
53 Die Zita­te aus „Kle­ments“ Brief an Trotz­ki wer­den hier nach der Doku­men­ta­ti­on die­ses (in deut­scher Spra­che abge­fass­ten) Schrei­bens in dem nicht gezeich­ne­ten Arti­kel „Das neue G.P.U.-Verbrechen in Paris …“, a. a. O. (Anm. 43) angeführt.
54 NKWD-Chef Jeschow war im August 1936 Zeu­ge der Erschie­ßung von Sino­wjew, Kamen­jew und I. N. Smirnow. Nach sei­ner Ver­haf­tung am 10. 4. 1939 „ent­deck­te das NKWD […] grau­en­haf­te Andenken: vier benutz­te Revol­ver­ku­geln, ein­ge­wi­ckelt in Papier mit der Auf­schrift ‚Kamen­ev‘, ‚Sino­wjew‘, ‚Smirnow‘ (auf den man zwei Mal geschos­sen hat­te.“ (Ray­field, Donald, a. a. O . [Anm. 29], S. 404.) – Ent­spre­chend Mon­te­fio­re, Simon Sebag, Sta­lin, Am Hof des roten Zaren. Frank­furt (Fischer) 2005, S. 339. – Wie Sta­lin und Beri­ja im Novem­ber 1941, als Hit­lers Trup­pen weit in die Sowjet­uni­on vor­stie­ßen, sicher­stell­ten, dass von Chris­ti­an G. Rakow­ski, dem alten Freund und Mit­kämp­fer Trotz­kis, kei­ne Spur blei­be, schil­dert Broué: Im Gefäng­nis von Orjol wur­den 170 über­le­ben­de poli­ti­sche Gefan­ge­ne, unter ihnen Rakow­ski, gefan­gen gehal­ten, die nun zum Tode ver­ur­teilt und am 11. 9. 1941 von NKWD-Trup­pen außer­halb der Stadt erschos­sen wur­den. Unter ihnen waren auch Trotz­kis Schwes­ter, Olga D. Kamen­je­wa, und die Alt­bol­sche­wis­tin und Trotz­kis­tin War­seni­ka D. Kas­parowa. „Rakow­ski starb auf­recht. Da man nie vor­sich­tig genug sein kann, war er gekne­belt wor­den. Es gab genaue Anwei­sun­gen, wie wei­ter zu ver­fah­ren sei: Der Leich­nam soll­te ent­klei­det und der Kör­per in meh­re­re Stü­cke zer­teilt wer­den; die­se soll­ten dann so ver­streut wer­den, dass nie­mand sie fin­den kön­ne […].“ (Broué, Pierre, Rakovs­ky ou la Révo­lu­ti­on dans tous les pays, Paris [Fay­ard] 1996, S. 383 f. Sie­he auch: Broué, a. a. O. [Anm. 47], S. 338 ff.)
55 „Pro­po­si­ti­ons pour l’Internationale“ (26. 7. 1939), in: Trot­s­ky, Œuvres, Bd. 21, S. 313 f.
56 Veree­ken, Geor­ges, The GPU in the Trot­s­ky­ist Move­ment, New York (New Park Publi­ca­ti­ons) 1975, S. 318.
57 „No doubts about Rudolf Klement’s fate” (29. 11. 1939), in: Wri­tings of Leon Trot­s­ky, Sup­ple­ment (1934-40), New York (Path­fin­der Press) 1979, S. 816 f. Trotz­kis Brie­fe vom 29. 11. 1939 und vom 2. 8. 1940 waren an Mar­ga­re­the Ruthe, die Schwes­ter von Kle­ments Mut­ter, gerichtet.

Theo­rie­bei­la­ge Avan­ti² Rhein-Neckar Dezem­ber 2020
Tagged , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.