Vier­te Internationale

Ein bedeu­ten­des Erbe: Das Über­gangs­pro­gramm von 1938 - über 80 Jah­re alt und den­noch aktuell*

 

Hein­rich Neuhaus

Der Kapi­ta­lis­mus befin­det sich drei­ßig Jah­re nach sei­nem ver­meint­li­chen „End­sieg“ in einer his­to­ri­schen Kri­se. Wirt­schaft­lich, sozi­al, öko­lo­gisch, poli­tisch, kul­tu­rell und moralisch.

Aus­schnitt aus Die­go Rive­ras Fres­ko „Der Mensch am Schei­de­weg / Der Mensch kon­trol­liert das Uni­ver­sum“, 1934, Museo del Pala­cio de Bel­las Artes. (Foto:Privat)

Zum Glück für die Herr­schen­den ist aber die Klas­se, die ihn allei­ne über­win­den kann, nach wie vor nicht auf der Höhe der Zeit. Die Über­res­te der Arbei­ter- und Gewerk­schafts­be­we­gung kran­ken wei­ter an dem ver­gif­te­ten Erbe des 20._Jahrhunderts, an dem Schei­tern von Sozi­al­de­mo­kra­tis­mus und Sta­li­nis­mus sowie an den Aus­wir­kun­gen des neo­li­be­ra­len Kapitalismus.

Zwar hat Kapi­ta­lis­mus­kri­tik wie­der eine gewis­se Kon­junk­tur, aber Vor­stel­lun­gen von dem Weg zu einer sozia­lis­ti­schen Alter­na­ti­ve sind nur bei einer win­zi­gen Min­der­heit ansatz­wei­se vorhanden.

Die­ser Zustand ist umso bemer­kens­wer­ter, als die heu­ti­ge Welt im Über­fluss über alle Mit­tel ver­fügt, um der Mensch­heit die Befrie­di­gung aller Grund­be­dürf­nis­se garan­tie­ren zu kön­nen: Ernäh­rung und Klei­dung, Gesund­heits­vor­sor­ge, Bil­dung und Aus­bil­dung, sinn­vol­le Arbeit, Woh­nen, öko­lo­gi­sche Ener­gie­er­zeu­gung und Ver­kehrs­mit­tel sowie nicht zuletzt frei­en Zugang zu Kul­tur und Medien.

Der Kampf um die Macht
Erst in der impe­ria­lis­ti­schen Pha­se des Kapi­ta­lis­mus gewann der Kampf um die Macht aktu­el­le Bedeu­tung. Die revo­lu­tio­nä­ren Jah­re von 1917 bis 1923 führ­ten folg­lich auch zur Wie­der­auf­nah­me der schon von Marx und Engels im Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest ent­wi­ckel­ten Idee eines Über­gangs­pro­gramms sowohl durch Lenin in den April­the­sen (1917) als auch durch Luxem­burg auf dem Grün­dungs­par­tei­tag der KPD (1918/19).

Demo zum Inter­na­tio­na­len Frau­en­tag am 8. März 2020 in Paris (Foto:Photothèque Rouge – Mar­tin Noda, Hans Lucas)

Auf dem III. und IV._Weltkongress der 1919 gegrün­de­ten Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le (Kom­in­tern) wur­de end­lich der Gedan­ke eines Über­gangs­pro­gramms klar formuliert:
„An Stel­le des Mini­mal­pro­gramms der Refor­mis­ten und Zen­tris­ten setzt die Kom­mu­nis­ti­sche Inter­na­tio­na­le den Kampf um kon­kre­te Bedürf­nis­se des Pro­le­ta­ri­ats, um ein Sys­tem von For­de­run­gen, die in ihrer Gesamt­heit die Macht der Bour­geoi­sie zer­set­zen…[und] das Pro­le­ta­ri­at orga­ni­sie­ren“.1
Der Pro­zess der büro­kra­ti­schen Dege­ne­rie­rung der Sowjet­uni­on in den zwan­zi­ger Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts führ­te zur Auf­ga­be die­ser Stra­te­gie von Über­gangs­for­de­run­gen durch die Komintern.

Das Über­gangs­pro­gramm von 1938
Erst das Über­gangs­pro­gramm der IV._Internationale, das auf ihrem Grün­dungs­kon­gress 1938 ange­nom­men wur­de, knüpf­te an die­sem Erbe wie­der an: „Die IV._Internationale ver­wirft nicht die For­de­run­gen des alten ‚Minimal’-Programms, soweit sie noch ein wenig an Spreng­kraft bewahrt haben. Sie ver­tei­digt uner­müd­lich die demo­kra­ti­schen Rech­te der Arbei­ter und ihre sozia­len Errun­gen­schaf­ten.”2

Aber das Über­gangs­pro­gramm for­dert auch, die Tren­nung zwi­schen Mini­mal- und Maxi­mal­pro­gramm zu über­win­den. Das revo­lu­tio­nä­re Pro­gramm müs­se um ein Sys­tem von Über­gangs­for­de­run­gen errich­tet wer­den, die aus den täg­li­chen Lebens­be­din­gun­gen und dem täg­li­chen Bewusst­sein brei­ter Schich­ten der arbei­ten­den Klas­se abge­lei­tet sind und unab­läs­sig auf den einen Schluss hin­füh­ren: die Mach­te­robe­rung durch das Proletariat.

Anders aus­ge­drückt: Der Kern eines Über­gangs­pro­gramms ist ein Sys­tem von For­de­run­gen, die mit­ein­an­der so ver­bun­den sind, dass sie den Klas­sen­kampf vor­an­trei­ben und auf eine höhe­re Ebe­ne füh­ren können.

Ein Über­gangs­pro­gramm bean­sprucht also, ein poli­ti­sches Akti­ons­pro­gramm zur Mobi­li­sie­rung der Mas­sen zu sein. Es knüpft an ihrem jewei­li­gen Bewusst­sein an und ver­sucht, über das Ler­nen aus den eige­nen Kampf­erfah­run­gen eine Brü­cke zur Ein­sicht in die revo­lu­tio­nä­re Not­wen­dig­keit zu schla­gen – näm­lich, dass die „Befrei­ung der Arbei­ter­klas­se […] das Werk der Arbei­ter­klas­se selbst sein“ muss.3

Ein Über­gangs­pro­gramm für heute
Ein radi­ka­ler Bruch mit der herr­schen­den Logik der Pro­fit­ma­xi­mie­rung ist die Vor­aus­set­zung für eine gesell­schaft­li­che Alter­na­ti­ve ohne Aus­beu­tung und Unterdrückung.

Es gibt kei­ne Abkür­zun­gen und Wun­der­mit­tel auf dem lan­gen und oft müh­se­li­gen Weg zum Auf­bau einer sozia­lis­ti­schen Alter­na­ti­ve. Weder das Hof­fen auf Link­s­ent­wick­lun­gen in Par­tei­en, die dem bür­ger­li­chen Par­la­men­ta­ris­mus und den gut dotier­ten Zwän­gen der Sphä­re der Berufs­po­li­tik ver­pflich­tet sind, noch das Kopie­ren von Par­tei­auf­bau­kon­zep­ten aus ande­ren Län­dern oder das Zusam­men­den­ken von klei­nen, sich radi­kal geben­den Grup­pen ohne sozia­le Ver­an­ke­rung und prak­ti­sche Klas­sen­kampf­erfah­rung und schon gar nicht der Glau­be an die revo­lu­tio­nä­re Kraft des geschrie­be­nen Wor­tes an sich.

Nur die gemein­sa­me Betei­li­gung von revo­lu­tio­nä­ren Sozia­lis­tin­nen und Sozia­lis­ten am Auf­bau einer wirk­sa­men außer­par­la­men­ta­ri­schen Oppo­si­ti­on gegen die Kri­sen­po­li­tik der Herr­schen­den, die gedul­di­ge Ver­an­ke­rung in den bewuss­te­ren Sek­to­ren der arbei­ten­den Klas­se und die Offen­heit für die Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten radi­ka­ler Orga­ni­sa­tio­nen und Blö­cke wird rea­le Schrit­te zur Ver­än­de­rung der Kräf­te­ver­hält­nis­se ermöglichen.

Ein Über­gangs­pro­gramm für das 21._Jahrhundert ist hier­für unabdingbar.


1. The­sen und Reso­lu­tio­nen des III._Weltkongresses der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le, Ham­burg 1921, S._47 (Her­vor­he­bung des Verf.).
2. „Der Todes­kampf des Kapi­ta­lis­mus und die Auf­ga­ben der IV._Internationale“ (Das Über­gangs­pro­gramm); in: Wolf­gang Alles (Hg.), Die Kom­mu­nis­ti­sche Alter­na­ti­ve, Tex­te und Doku­men­te der Lin­ken Oppo­si­ti­on und IV._Internationale 1932 und 1985, Frankfurt/Main 1989, S._65.
3. Karl Marx / Fried­rich Engels, [„Zir­ku­lar­brief an Bebel, Lieb­knecht, Bra­cke u. a.“], [17. / 18. Sep­tem­ber 1879]; in: MEW Bd. 19, Ber­lin 1972, S. 165.

* [Die­ser Arti­kel ist der Online-Aus­ga­be von Inp­re­korr, Nr._6 / 2013 (Novem­ber / Dezem­ber 2013) ent­nom­men. Er wur­de für die Theo­rie­bei­la­ge von Avan­ti² leicht überarbeitet.]
Theo­rie­bei­la­ge Avan­ti² Rhein-Neckar Novem­ber 2020
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