Völ­ker­rechts­wid­ri­ger Angriff der Tür­kei gegen Nord­sy­ri­en – wie geht es weiter?

(Ver­an­stal­tung in Mannheim)

H. S.

Rund 120 Men­schen waren am 30.11.2019 in das Bür­ger­haus Neckar­stadt-West gekom­men. Nach dem Ein­marsch der tür­ki­schen Armee in Nord­sy­ri­en woll­ten sie sich über die aktu­el­le Situa­ti­on in Roja­va und in der Tür­kei infor­mie­ren. Aus­ge­rich­tet wur­de die Ver­an­stal­tung vom Mann­hei­mer Bünd­nis „Stoppt den tür­ki­schen Angriffs­krieg in Nord­sy­ri­en – Soli­da­ri­tät mit Rojava!“

Als Haupt­re­fe­ren­ten waren die kur­di­schen Poli­ti­ker Hatip Dicle aus der Tür­kei (der­zeit im deut­schen poli­ti­schen Exil) und Ach­med Sêxo aus der selbst­ver­wal­te­ten Regi­on Roja­va eingeladen.

Hatip Dicle (links) und Achmed Sêxo (rechts) am 30. November 2019 in Mannheim (Foto: KIM)

Hatip Dicle (links) und Ach­med Sêxo (rechts) am 30. Novem­ber 2019 in Mann­heim (Foto: KIM)

Zum Auf­takt gab es einen geschicht­li­chen Abriss vor allem der tür­ki­schen Kur­den­po­li­tik seit dem Zusam­men­bruch des Osma­ni­schen Rei­ches. Nach der Grün­dung der Repu­blik im Jahr 1923 unter Kemal Ata­türk durf­te die kur­di­sche Bevöl­ke­rung ihre eige­ne Kul­tur nicht mehr leben. Es war ihr ver­bo­ten, ihre Spra­che in der Öffent­lich­keit zu sprechen.

Laut Ata­türk gab es nur noch Tür­ken. Die gewalt­sa­me Unter­drü­ckung jeg­li­cher Selbst­be­stim­mungs­be­mü­hun­gen der Kur­den wur­de zur Leit­li­nie auch der nach­fol­gen­den Regie­run­gen. Die­ses gilt auch nach wie vor im Angriffs­krieg Erdo­gans gegen die kur­di­sche YPG in Nord­sy­ri­en und das demo­kra­ti­sche Pro­jekt Rojava.

Eigen­staat­lich­keit kein Ziel
Hatip Dicle ver­wies dar­auf, dass die Eigen­staat­lich­keit nicht mehr das Ziel der kur­di­schen Bewe­gung sei. Es gehe heu­te um gesell­schaft­li­che, poli­ti­sche und kul­tu­rel­le Eman­zi­pa­ti­on inner­halb bestehen­der Grenzen.

Was dar­un­ter zu ver­ste­hen ist, mach­te Ach­med Sêxo deut­lich. Er schil­der­te den Auf­bau und den demo­kra­ti­schen Cha­rak­ter der kom­mu­na­len Selbst­ver­wal­tung in Rojava.

Der Angriffs­krieg der Tür­kei habe bis­her rund 12.000 Tote, etwa 24.000 Ver­letz­te sowie ca. 300.000 Ver­trie­be­ne zur Fol­ge gehabt. Den­noch sei­en die Insti­tu­tio­nen der kur­di­schen Selbst­ver­wal­tung intakt.

Nach dem Rück­zug der syri­schen Armee aus der Regi­on Roja­va 2013 hät­ten loka­le kur­di­sche Kräf­te die Kon­trol­le über­nom­men. Sie hät­ten trotz der Kriegs­wir­ren eine funk­tio- nie­ren­de Ver­wal­tung und Ver­sor­gung für die 4,6 Mil­lio­nen – mehr­heit­lich kur­di­schen – Men­schen aufgebaut.

Demo­kra­tie und selbst­ver­wal­te­ter „Kon­fö­de­ra­lis­mus“
Ziel, so Dicle, sei der Auf­bau eines demo­kra­ti­schen nicht­staat­li­chen Sys­tems – des selbst­ver­wal­te­ten „Kon­fö­de­ra­lis­mus“. Die­ser spie­gelt sich ihm zufol­ge in einer mul­ti­eth­ni­schen und mul­ti­re­li­giö­sen Ver­wal­tung wider. Sie bestehe jeweils aus einem kur­di­schen, ara­bi­schen und christ­lich-assy­ri­schen Minis­ter pro Ressort.

Die Selbst­ver­wal­tung orga­ni­sie­re sich als Räte­struk­tur, deren unters­te Ebe­ne sei zum Bei­spiel der Rat einer Kom­mu­ne, eines Dor­fes oder Stadt­teils. Hier wür­de über die jewei­li­gen Belan­ge entschieden.

In allen Ver­wal­tungs­ebe­nen wer­de eine Frau­en­quo­te von min­des­tens 40 % ange­strebt. Auch die eth­ni­schen und reli­giö­sen Min­der­hei­ten müss­ten dort aus­rei­chend reprä­sen­tiert sein.

Die Behör­den sei­en an die Men­schen­rech­te gebun­den, es herr­sche Gleich­be­rech­ti­gung von Mann und Frau und auch Reli­gi­ons­frei­heit. Außer­dem sei die Todes­stra­fe verboten.

Obwohl hier ein demo­kra­ti­sches Alter­na­tiv­mo­dell zum isla­mis­ti­schen Des­po­tis­mus ent­stan­den sei, wür­de es von allen Regie­run­gen der umlie­gen­den Län­der als „ter­ro­ris­ti­sches“ Pro­jekt der PKK gebrand­markt und boykottiert.

Waf­fen­lie­fe­run­gen an die Tür­kei stoppen
Das gel­te auch für Deutsch­land, das sich dem Nato-Part­ner Tür­kei seit Jah­ren beson­ders ver­bun­den füh­le und Waf­fen zur Bekämp­fung der kur­di­schen Bevöl­ke­rung liefere.

Es sei Auf­ga­be der Deut­schen, auf die Aus­wir­kun­gen die­ser Poli­tik in der Öffent­lich­keit hin­zu­wei­sen und ein Stopp der Waf­fen­lie­fe­run­gen zu fordern.

Auch wenn der Ein­marsch der Tür­kei in Nord­sy­ri­en von der Bun­des­re­gie­rung als völ­ker­rechts­wid­rig bezeich­net wor­den sei, bestim­me doch nach wie vor das „Ver­ständ­nis für die Sicher­heits­in­ter­es­sen der Tür­kei“ ihr Han­deln im Konkreten.

Aus Avan­ti² Rhein-Neckar Janu­ar 2020
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