Helmut Dahmer
Nach der Niederschlagung der deutschen Revolution von 1918, die – im Verein mit der russischen von 1917 – dem Gemetzel des Ersten Weltkriegs ein Ende gemacht hatte, vereinbarten 1923 die Freunde des vermögenden Felix Weil (Jg. 1898) – Friedrich Pollock (Jg. 1894), Max Horkheimer (Jg. 1895) und Karl Korsch (Jg. 1886) –, in Frankfurt ein Institut „zur Erforschung des Marxismus“ zu gründen. Zudem beschlossen sie – in Zusammenarbeit mit David Rjasanows Moskauer Marxismus-Institut – eine zuverlässige, 45-bändige Edition der veröffentlichten und nachgelassenen Schriften von Marx und Engels herauszugeben.1

Jürgen Habermas im Jahr 2014.. (Foto: Európa Pont, gemeinfrei - CC BY 2.0.)
Der große Krieg hatte sie verstört, die Revolution hatte ihre Hoffnung auf eine alternative, freiere Form von Vergesellschaftung geweckt. Von der Arbeit ihres unabhängigen „Instituts für Sozialforschung“ erwarteten sie, dass es – orientiert an Marx’ Historischem Materialismus – neue Erkenntnisse zur Geschichte der kapitalis- tischen Gesellschaftsformation und der internationalen Arbeiterbewegung erarbeiten, publizieren und zu einem besseren Verständnis ökonomischer Krisen und politischer Men- talitäten beitragen würde.
Max Horkheimers Projekt
Seit 1931 bestimmte Max Horkheimer die Forschungsrichtung des Instituts, und ihm war es auch zu verdanken, dass einige Mitarbeiter sich nicht nur mit der Geschichte von Philosophie, Ökonomie und Soziologie, sondern auch mit der Freudschen Psychoanalyse vertraut machten.2 Sie alle wurden alsbald von den Nazis aus Deutschland vertrieben. Benjamin nahm sich auf der Flucht an der spanischen Grenze das Leben, Marcuse und Löwenthal blieben auch nach Kriegsende 1945 in den Vereinigten Staaten; Horkheimer und Adorno kehrten 1949 zurück nach Westdeutschland, um nach Möglichkeit zumindest eine Minderheit der Nachkriegsjugend gegen ein Wiederaufleben des Faschismus zu immunisieren.
1937 veröffentlichte Horkheimer in der vom Institut herausgegebenen Zeitschrift für Sozialforschung einen (bald berühmt gewordenen) Aufsatz mit dem Titel „Traditionelle und kritische Theorie“, in dem er das Paradigma der traditionellen Naturwissenschaften auf Descartes, das der kritischen auf Marx, nämlich auf dessen –1867, im I. Band seines Hauptwerks, Das Kapital, – entwickelte Kritik der kapitalistischen Produktionsweise zurückführte (ohne Marx’ kritisches Verfahren näher zu erläutern). „Der zwiespältige Charakter des gesellschaftlichen Ganzen in seiner aktuellen Gestalt entwickelt sich bei den Subjekten des kritischen Verhaltens zum bewussten Widerspruch“, schrieb Horkheimer (1937, S. 181) in seinem New Yorker Exil. Die Kritik an der (Welt-)Gesellschaft – im Gefolge von deren Krise totalitäre Regime aufkamen, deren Zusammenstoß die Barbarei des Zweiten Weltkriegs entfesselte –, wurde in den dreißiger und vierziger Jahren von den Sozialwissenschaftlern im Umkreis des exilierten Frankfurter Instituts in einer Reihe von bemerkenswerten Publikationen entfaltet.3
Die erhellende und befreiende Kritik der traditionellen Metaphysik und Religion ging auf den deutschen Aufklärer Kant zurück, dessen Schüler und Nachfolger (Fichte und Hegel) eine idealistische Dialektik von Weltgeist und Naturgeschichte entwarfen. Schelling, ein Mitstreiter Hegels, wurde zu dessen erstem Kritiker und gab der Dialektik eine materialistische Wendung. Sein Schüler, Ludwig Feuerbach, entwickelte diesen Ansatz weiter zu einer „anthropologischen“ Kritik des Hegelschen Idealismus’ und der Religion(en).4

Erstes Seminar des Instituts in Geraberg, Mai 1923. (Foto:Gemeinfrei - CC BY-SA 3.0.)
Marx und Freud wiederum waren Schüler Feuerbachs; der eine entwickelte aus dessen Hegel- und Religionskritik eine revolutionäre Kritik der zeitgenössischen Ökonomie, der andere drei Jahrzehnte später eine ebenfalls umstürzende Kritik der zeitgenössischen Psychologie.5 Die beiden kritischen Theorien dienten der Analyse rätselhafter „Institutionen“ der Sozial- oder Kultur-Geschichte beziehungsweise der ihnen entsprechenden und von ihnen geprägten individuellen Lebensgeschichten. Marx wollte Mehrwert, Geld und Warentausch verstehen und verständlich machen, Freud Psychoneurosen und Träume. Marx begründete eine neue Art von Sozialgeschichte, Freud schrieb Kulturgeschichte als Seelengeschichte.
Habermas und die „Frankfurter Schule“
Habermas, der über Schelling promoviert und seine journalistische Karriere 1953 mit einer Kritik an dem in (West-) Deutschland und Frankreich nach 1945 gefeierten antisemitisch-profaschistischen Meisterdenker Heidegger eröffnet hatte, kam 1956 zur inzwischen so genannten „Frankfurter Schule“ und arbeitete zunächst einmal drei Jahre als Assistent Adornos im neu errichteten Frankfurter Institut für Sozialforschung. 1956 lernte er dort auch Herbert Marcuse kennen, der im Rahmen einer Vorlesungsreihe zu Freuds 100. Geburtstag sprach. Habermas machte sich alsbald das an Hegel (und Freud) orientierte „unorthodoxe“ Marx-Verständnis der Frankfurter Denker zu eigen, das er in der Folge in Auseinandersetzung mit traditioneller und zeitgenössischer Philosophie, Wissenschaftstheorie, Psychologie, Sprach- und Rechtsphilosophie stets wieder modifizierte, erweiterte und erneuerte.6
Marx und Engels hatten in ihrer kritischen Schrift Die deutsche Ideologie (1845/46, S. 20 f. und S. 28-34) die gesellschaftliche Arbeit bzw. Produktivkraft als denjenigen Faktor angesetzt, der den Zusammenhang der Gesellschaft – ihre Synthesis – und ihre historische Entwicklung stiftet. Unter den Arbeits-Begriff subsumierten sie die körperliche Organisation der arbeitenden Menschen, die Erzeugung von Werkzeugen, die Entwicklung neuer Bedürfnisse, Fortpflanzung, Arbeits- organisation und Arbeitsteilung sowie die Sprache …
Habermas, dem soziologischen Kritiker der idealistischen Subjekt- und Bewusstseins-Philosophie, erschien die Unterordnung von Sprache unter Arbeit als eine instrumentalistische Verengung der Soziologie. Angemessener schien es ihm 1981, orientiert an den Sprachtheorien von Wittgenstein, Austin und Searle, das „kommunikative Handeln“ ins Zentrum der Gesellschaftstheorie zu rücken.

Horkheimer, Adorno und Habermas (hinten rechts) in Heidelberg, 1964. (Foto: Jjshapiro, gemeinfrei -CC BY-SA 3.0.)
Als Weltbürger und „Verfassungspatriot“ verteidigte Habermas den demokratischen Überbau der zweiten deutschen parlamentarischen Republik (mit Gewaltenteilung, Menschenrechtsgarantien und einer wie immer eingeschränkten Öffentlichkeit), deren Grundlage die vordemokratisch verfasste, mono- polistische Wirtschaft ist. Das Hauptproblem der Entwicklung der (vereinigten) Bundesrepublik sah er 2022 in der Expansion der geld- und machtzentrierten, an Nutzenkalkülen instrumenteller Vernunft orientierten Systeme auf eben diese, von kommunikativer Verständigung durchwirkte soziale Lebenswelt. Habermas’ Vertrauen auf die der Sprache und dem Dialog innewohnende Vernunft motivierte ihn, sich auch in Situationen, in denen anderen Intellektuellen (zumal beamteten Professoren) die Sprache wegblieb, öffentlich zu Wort zu melden, auch wenn er bei Hörern und Lesern nicht Beifall fand, sondern auf herbe Kritik stieß.
Habermas intervenierte: Vom „Positivismus-Streit“ der Sozialwissenschaftler zum „Historiker-Streit“ (in dem es um die Verharmlosung des Holocausts, also um die „Verschönerung“ der deutschen Nationalgeschichte ging), von der Ermordung Benno Ohnesorgs zum „Deutschen Herbst“ und weiter zur Asyldebatte …
Habermas und 1968
Das gemeinsame Ziel der nachholenden, internationalen Protestbewegung der Generation von 1968 gegen die totalitären Regime und den Zweiten Weltkrieg war der Kampf gegen den Krieg der USA in Vietnam. Im postfaschistischen (West-)Deutsch- land ging es zudem um den Versuch, das verbissene Schweigen der älteren Generation aufzubrechen, die sich 1945 in die kollektive Verleugnung der NS-Zeit geflüchtet hatte. Theoretisch flankiert wurde der Protest der deutschen antiautoritären Studenten und Schüler durch zwei „Frankfurter“ Veröffentlichungen: Marcuses One-dimensional Man erschien 1964, Habermas’ Erkenntnis und Interesse 1968.
Marcuse hatte bereits 1955 das verbreitete (auch von Freud selbst geteilte) Missverständnis korrigiert, bei der Wissenschaft vom Unbewussten handele es sich um eine „Naturwissenschaft“, und dargelegt, dass es sich dabei vielmehr um eine Gestalt der Philosophie handele, und zwar um eine „radikal kritische“.7

Vietnamkongress in Westberlin, 17. Februar 1968. (Foto: Stiftung Haus der Geschichte, gemeinfrei - CC BY-SA 2.0.)
Habermas unterschied 1968 drei „erkenntnisleitende Interessen“, das technische der erklärenden Naturwissenschaften, das hermeneutische der verstehenden Geisteswissenschaften und das emanzipatorische der kritischen Wissenschaften. Hatte Horkheimer auf die Marxsche Kritik der Mehrwert-Theorien als auf deren Modell verwiesen, so zeichnete Habermas nun (im III. Teil von Erkenntnis und Interesse) die Psychoanalyse als den Prototyp kritischer Wissenschaften aus, weil in der Freudschen Therapie und Theorie Erkenntnis und Interesse zusammenfallen: „In der Selbstreflexion gelangt eine Erkenntnis um der Erkenntnis willen mit dem Interesse an Mün- digkeit zur Deckung …“ (S. 244).
Die beiden kritischen Theorien – der Marxsche historische wie der Freudsche biologische Materialismus (der zum historischen tendiert) – dienen der Analyse (oder Entzauberung) rätselhafter „Institutionen“ der kollektiven Sozialgeschichte beziehungsweise der ihr korrespondierenden individuellen Lebensgeschichten. Marx wollte Mehrwert, Geld und Warentausch verstehen und verständlich machen, Freud die Neuro- psychosen und die Träume. Den Verkäufern von Gütern oder Arbeitskraft ist das Anwachsen der Ungleichheit so rätselhaft wie der Wechsel von Prosperität und Krise; den Psychoanalyse-Patienten ist ihr Leiden so unverständlich, wie es den Gesunden ihre Wunsch- und Albträume sind. „Institutionen“ wie die Lohnarbeit oder der antisemitische Wahn erscheinen den vergesellschafteten Individuen, die sie – Generation um Generation – „als soziale Tatsachen“ vorfinden, als naturgegeben, nämlich unveränderlich, weil sie in ferner Vergangenheit – als Produkte der Lebensnot – bewusstlos zustande ka- men oder ihre Genese alsbald dem Vergessen anheimfiel.
Die Kritiker dieser unheilvollen Verhältnisse suchten nach einem Ausweg und fanden ihn, indem sie Zug um Zug in Dialogen – oder in deren verinnerlichter Version, der Selbstreflexion – die Entstehungsgeschichte der rätselhaften, pseudonatürlichen Phänomene rekonstruierten – und damit den verborgenen „Sinn“ von Wahn und Ausbeutung oder die Funktion kollektiver Verleugnung aufdeckten. Einzig die (dialogische) Rekonstruktion der – unter dem Druck von Traumen der Lebens- und Sozialgeschichte – bewusstlos institutionalisierten Abwehrmechanismen eröffnet die Chance, sie zu revidieren. Darum kam die Veröffentlichung von Erkenntnis und Interesse 1968 zur rechten Zeit. Das Buch zeigte denen, die es verstanden, einen Ausweg aus dem bestehenden Dilemma ohne Regression auf Terrorismus und Faschismus.
(Wien, 6. April 2026.)
Literatur
Apel, K.-O. (1973), Transformation der Philosophie, Frankfurt (Suhrkamp).
Brandmann, M. (2026), Habermas in 50 Begriffen, Aichach (Wortschein-Verlag).
Habermas, J. (1968): Erkenntnis und Interesse; Hamburg (Felix Meiner) 2008.
– (1976), Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus, Frankfurt (Suhrkamp).
– (1981), Theorie des kommunikativen Handelns, Frankfurt (Suhrkamp).
– (2022), Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik, Berlin (Suhrkamp).
Horkheimer, M. (1937), „Traditionelle und kritische Theorie“, Gesammelte Schriften, Band 4, Frankfurt (Fischer), S. 162-225.
Marcuse, Herbert (1955), Triebstruktur und Gesellschaft, Schriften, Band 5, Frankfurt (Suhrkamp) 1979, [Eros and Civilization, Boston, Beacon Press. Dt., Eros und Kultur, Stuttgart, (Klett) 1957].
Marcuse, Herbert (1964), One-Dimensional Man. Boston (Beacon Press). [Die deutsche Übersetzung (von Alfred Schmidt) – Der eindimensionale Mensch – erschien 1967 im Luchterhand-Verlag (Neuwied und Berlin).]
Marx, K., und F. Engels (1845/46), Die deutsche Ideologie, Marx-Engels-Werke, Band 3, Berlin (Dietz) 1959.
Müller-Doohm, St. (2024), Jürgen Habermas, Eine Biographie, Berlin (Suhrkamp).
Weisner, Florian (2026), Was bleibt von Habermas?, Aichach (Wortschein-Verlag).
