Aus­zeit mit Einstein“

Ent­spann­ter ISO-Lese­kreis im Dezem­ber 2025

R. G.

Mit­te Dezem­ber tra­fen sich Akti­ve und Freund:innen der ISO Rhein-Neckar zur „Aus­zeit mit Ein­stein“. In ent­spann­ter Atmo­sphä­re und ver­sorgt mit Kaf­fee und Kuchen lasen und dis­ku­tier­ten sie den Text „War­um Sozia­lis­mus?“ von Albert Einstein.*

Elsa und Albert Einstein in San Diego, (1930. Foto: Gemeinfrei (CC-BY-4.0).)

Elsa und Albert Ein­stein in San Die­go, (1930. Foto: Gemein­frei (CC-BY-4.0).)

Albert Ein­stein war nicht nur ein her­aus­ra­gen­der Phy­si­ker. Seit sei­ner Jugend war er Anti­mi­li­ta­rist und Pazi­fist. Eine lan­ge Zeit ver­trat er sozia­lis­ti­sche Ideen. Wie­der­holt nutz­te er sei­ne Bekannt­heit, um öffent­lich gegen Mili­ta­ris­mus, Natio­na­lis­mus und Krieg ein­zu­tre­ten. Den Text „War­um Sozia­lis­mus?“ hat er 1949 für die ers­te Aus­ga­be der lin­ken US-Zeit­schrift Month­ly Review geschrieben.

Kri­tik der Wissenschaft
Ein­stein war kein „Exper­te auf dem Gebiet öko­no­mi­scher und sozia­ler Fra­gen“. Daher war es ihm wich­tig, zuerst zu erklä­ren, war­um er sich den­noch zum „Wesen des Sozia­lis­mus“ äußert.

Sei­ner Mei­nung nach sind Astro­no­mie und Öko­no­mie Wis­sen­schaf­ten, die bei­de ver­su­chen, Gesetz­mä­ßig­kei­ten zu ent­de­cken. Im Bereich der Öko­no­mie gestal­tet sich dies jedoch schwie­rig, weil es vie­le beein­flus­sen­de Fak­to­ren gibt: gewalt­tä­ti­ge Erobe­run­gen, Herr­schafts­ap­pa­ra­te und die ideo­lo­gi­sche Beein­flus­sung durch Reli­gi­on, Erzie­hung und all­täg­li­che Erfahrungen.

Zum einen will der Sozia­lis­mus die­se Zustän­de über­win­den. Da er aber noch nicht exis­tiert, kön­nen sei­ne Gesetz­mä­ßig­kei­ten wis­sen­schaft­lich noch gar nicht erfasst wer­den. Zum ande­ren ver­folgt er ein „sozi­al-ethi­sches Ziel“. Sol­che Zie­le kön­nen aber nicht von der Wis­sen­schaft ent­wi­ckelt wer­den, son­dern nur von Men­schen mit hohen ethi­schen Idea­len. Aus die­sen Grün­den haben nicht nur „Exper­ten“ das Recht, sich zu den „Probleme[n] der Mensch­heit“ zu äußern.

Die Kri­se der Gesellschaft
Ein­stein war sich der nega­ti­ven Fol­gen von Krieg, Faschis­mus, Holo­caust und Sta­li­nis­mus auf die Psy­che des Men­schen bewusst. Umso wich­ti­ger war es ihm, die Fra­ge nach den Ursa­chen und einem mög­li­chen Aus­weg zu beantworten.

Er beschreibt den Men­schen als Ein­zel- und als Sozi­al­we­sen. Als Ein­zel­we­sen will er sei­ne Bedürf­nis­se befrie­di­gen, sich selbst ent­wi­ckeln und sich und sei­ne Nächs­ten schüt­zen. Als Sozi­al­we­sen wirkt er auf die Gesell­schaft ein und die­se wie­der­um auf ihn.

Für ihn ist „die Abhän­gig­keit des Ein­zel­nen von der Gesell­schaft“ ein Natur­ge­setz. Doch im Gegen­satz zum Tier wird der Mensch nicht völ­lig durch Instink­te gelei­tet. Er hat die Fähig­keit, sein Lebens­um­feld zu beein­flus­sen und sein sozia­les Ver­hal­ten zu ändern. Dar­aus lei­tet Ein­stein die Hoff­nung ab, dass Men­schen nicht dazu ver­dammt sind, sich gegen­sei­tig zu ver­nich­ten oder sich einem „schreck­li­chen […] Schick­sal“ zu ergeben.

Der sozia­lis­ti­sche Ausweg
Für Ein­stein ist die „kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft […] die eigent­li­che Ursa­che des Übels“. In ihr muss die arbei­ten­de Klas­se ihre Arbeits­kraft ver­kau­fen, wäh­rend die Kapi­ta­lis­ten die Pro­duk­ti­ons­mit­tel besit­zen und sich den Pro­fit aneig­nen: „Die Pro­duk­ti­on ist für den Pro­fit da – nicht für den Bedarf.“

Ein­stein zufol­ge kann die Kapi­tal­macht auch von einer demo­kra­tisch orga­ni­sier­ten Gesell­schaft nicht über­prüft wer­den. Zugleich kon­trol­lie­ren die Pri­vat­ka­pi­ta­lis­ten die „Haupt­in­for­ma- tions­quel­len (Pres­se, Radio, Bil­dung)“. Heu­te müs­sen wir natür­lich das Fern­se­hen, das Inter­net, die Tech-Kon­zer­ne und die „sozia­len Netz­wer­ke“ hinzufügen.

Für Ein­stein gibt es aus die­sem Elend nur einen Aus­weg: ein sozia­lis­ti­sches Wirt­schafts­sys­tem. Dabei weiß er ange­sichts der sta­li­nis­ti­schen Dik­ta­tur in der Sowjet­uni­on, dass Plan­wirt­schaft allein nicht Sozia­lis­mus bedeu­tet. Im Gegen­teil, sie kann „mit der tota­len Ver­skla­vung des Indi­vi­du­ums einhergehen“.

Daher stellt er am Schluss zwei wich­ti­ge Fra­gen: Wie lässt sich die All­macht einer Büro­kra­tie ver­hin­dern? Wie kön­nen die Rech­te des Ein­zel­nen geschützt wer­den, um ein „demo­kra­ti­sches Gegen­ge­wicht zur Büro­kra­tie“ zu sichern? Dar­auf gibt er zwar kei­ne Ant­wort, aber er sieht die Not­wen­dig­keit, sol­che Fra­gen zu diskutieren.

Ein sehr lesens­wer­ter Text
In sei­nem Text setzt sich Albert Ein­stein auf beein­dru­cken­de Wei­se mit dem Kapi­ta­lis­mus und der Not­wen­dig­keit des Sozia­lis­mus aus­ein­an­der. Auch wenn er ver­ein­facht, wird er nicht ober­fläch­lich. So ist Albert Ein­stein ein gut ver­ständ­li­ches und sehr lesenswertes

Plä­doy­er für den Sozia­lis­mus gelun­gen, das bis heu­te nichts an sei­ner Gül­tig­keit ver­lo­ren hat.

Am Ende unse­res als sehr posi­tiv wahr­ge­nom­me­nen Lese­krei­ses waren sich die Teil­neh­men­den einig, dass sich die Aus­ein­an­der­set­zung mit Ein­steins Text wirk­lich gelohnt hat. „War­um Sozia­lis­mus?“ ver­dient es, viel mehr gele­sen, dis­ku­tiert und wei­ter gereicht zu werden.


* [Ver­öf­fent­licht unter ande­rem in der Theo­rie­bei­la­ge zu Avan­ti², Nr. 135 von Novem­ber 2025.]

Aus Avan­ti² Rhein-Neckar Janu­ar 2026
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