Zu Trotzkis Analyse des Faschismus
B. N.
Am Samstag, den 21. Februar, nahmen sich einige Aktive eine „Auszeit mit Mandel“ von dem täglichen Wahnsinn.

LO-Broschüre von 1932. (Foto: Privat.)
Ernest Mandel war der IV. Internationale und somit Vorläuferorganisationen der ISO engstens verbunden. Bereits als Kind deutschstämmiger, jüdischer Migranten in Belgien sah er sich mit dem Faschismus konfrontiert. Das Haus der Familie Mandel in Antwerpen war ein Zufluchtsort für verfolgte Genoss:innen aus Nazi-Deutschland. So kam Ernest schon früh mit Trotzkis Analyse des Faschismus in Verbindung.
Faschismus als Massenbewegung
Wir lasen und diskutierten ein in Avanti² wieder veröffentlichtes Kapitel aus seinem Buch Leo Trotzki, Eine Einführung in sein Denken von 1981, in dem er Trotzkis umfassende Analyse würdigt.
Im Folgenden geben wir einige Erkenntnisse wieder, zu denen wir beim Vergleich der Situation vor 1933 mit der heutigen kamen.
Es gehörte zu den Merkmalen des historischen Faschismus, dass er als autoritäres System von einer großen Masse getragen wurde. Im frühen 20. Jahrhundert wie heute ist diese Entwicklung weltweit in einer Vielzahl von Ländern zu beobachten.
Klassengegensätze
Mandel beleuchtet in seinem Text die Rolle verschiedener Klassen in dieser Massenbewegung mit ihren ökonomischen, politischen, ideologischen und psychologischen Motiven. In einem Kleinbürgertum, das sich von Verarmung und sozia- lem Abstieg bedroht sieht, kann sich die faschistische Ideologie schnell verbreiten. Doch erst, wenn das Großkapital den Faschismus als letzten Ausweg aus einer tiefgreifenden Krise wahrnimmt, ist es bereit, ihm den Weg zu ebnen.
Hierbei spielt laut Trotzki die arbeitende Klasse eine entscheidende Rolle: Stellt sie sich faschistischen Ansätzen „gemeinsam, entschlossen und energisch“ entge-gen, kann sie die kapitalistische Wirtschaft blockieren und unter bestimmten Bedingungen den bürgerlichen Staat aus den Angeln heben. Ist das Großkapital sich seines Sieges im Kräftemessen mit einer starken Arbeiterbewegung nicht sicher, wird es sich davor scheuen, durch die Unterstützung des Faschismus einen revolutionären Aufstand zu provozieren.
Damals und heute
Gerade im „natürlichen“ Gegner des Faschismus, in der organisierten Arbeiterbewegung, offenbart sich ein wesentlicher Unterschied zu den historischen Entwicklungen. Während in den 1920er und 1930er Jahren faschistische Schlägertruppen gewaltsam dem Faschismus den Boden bereiteten, funktioniert mittlerweile die neoliberale Politik und Ideologie seit Jahrzehnten als Steigbügelhalterin des Faschismus. Das Klassenbewusstsein wurde und wird meist ohne diese Art direkter Gewalteinwirkung kontinuierlich verdrängt; auch aus den Gewerkschaften, deren Apparate der neoliberalen „Mode“ allzu oft bereitwillig folgten.
Während die arbeitende Klasse bis in die 1930er Jahre durch ihre gemeinsame Erfahrung des Klassenkampfs weitgehend immun gegen die faschistische Ideologie war, sieht die heutige Erfahrung ganz anders aus. So ist die AfD die stärkste „Arbeiterpartei“, betrachtet man die Wählerschaft. Die Funktionär:innen der Partei agieren selbstverständlich mit einem sehr bewussten Klassenstandpunkt, dem der Profiteure des kapitalistischen Systems mit einer völkischen Färbung.
Einheitsfront statt Volksfront
Was also tun gegen eine faschistische Offensive, die ihre autoritäre Macht nicht zuletzt über die Medien ausübt? Unter der Kontrolle der Musks und Bezos werden insbesondere über digitale Netzwerke Kräfteverhältnisse geschaffen. Um diesen wirksam entgegentreten zu können, bedarf es einer gut koordinierten medialen und politischen Gegenmacht.
Trotzki verwendete für den Zusammenschluss der Organisationen der arbeitenden Klasse den Begriff der Einheitsfront. Historisch meinte das außer den Gewerkschaften zwei große Parteien: Die sozialdemokratische und die „kommunistisch“- stalinistische.
Heute ist die linke Bewegung in weit mehr Gruppierungen zersplittert. Gemeinsam ist uns, dass der vereinte Kampf gegen den Faschismus für uns überlebens- wichtig ist. Klar zu unterscheiden ist das von einer Volksfront aus Arbeiterorganisationen und weniger autoritären Kapitalfraktionen. Ein solcher Zusammenschluss leugnet die Klassenunterschiede, und er hat – wie schon die Beispiele von Frankreich und Spanien im Jahr 1936 oder in Chile 1973 zeigten – letztlich der arbeitenden Klasse massiv geschadet.
