Bel­gi­en nach dem Gene­ral­streik gegen Soziallabbau

Was nun?

 

H. N.

In unse­rem Nach­bar­land Bel­gi­en haben sich die Gewerk­schaf­ten nicht nur mit Wor­ten, son­dern mit Taten gegen Sozi­all­ab­bau gewehrt. Die Ein­heits­front der bel­gi­schen Gewerk­schafts­dach­ver­bän­de ver­moch­te Ende Novem­ber 2025, eine beacht­li­che, dyna­mi­sche Kraft zu ent­wi­ckeln. Von ihrem Enga­ge­ment − und ihren Pro­ble­men − könn­ten nicht zuletzt die DGB-Gewerk­schaf­ten eini­ges lernen.

Generalstreik in Brüssel, 25. November 2025. (Foto: www.gaucheanticapitaliste.org.)

Gene­ral­streik in Brüs­sel, 25. Novem­ber 2025. (Foto: www.gaucheanticapitaliste.org.)

Der All­ge­mei­ne Gewerk­schafts­bund Bel­gi­ens (FGTB), der Christ­li­che Gewerk­schafts­bund (CSC) und der All­ge­mei­ne Gewerk­schafts­bund der Libe­ra­len Gewerk­schaf­ten Bel­gi­ens (CGSLB) orga­ni­sier­ten mas­si­ve Pro­tes­te gegen die Sozi­al­ab­bau-Poli­tik der bel­gi­schen Regie­rung (der Arizona“-Koalition).

Größ­te sozia­le Bewe­gung seit 1960/61
Am Mon­tag, 24. Novem­ber, stopp­ten Streiks weit­ge­hend den öffent­li­chen Nah­ver­kehr. Am Diens­tag, 25. Novem­ber, fan­den Arbeits­nie­der­le­gun­gen in allen öffent­li­chen Dienst­leis­tungs­be­rei­chen (Bil­dung, Gesund­heits­we­sen …) statt. Zu guter Letzt stieß am Mitt­woch, 26. Novem­ber, der Auf­ruf zu einem ganz­tä­gi­gen, bran­chen­über­grei­fen­den Gene­ral­streik auch in der Pri­vat­wirt­schaft in wei­ten Tei­len des Lan­des auf brei­te Resonanz.

Die­se Mobi­li­sie­rung fiel nicht vom Him­mel. Sie war das Ergeb­nis einer elf­mo­na­ti­gen gewerk­schaft­li­chen Kam­pa­gne mit dem − im Ver­gleich zu Ende Novem­ber − schwä­che­ren Streik­tag vom 31. März und der gro­ßen lan­des­wei­ten Demo am 14. Okto­ber 2025 mit 140.000 Kolleg:innen in Brüs­sel. Das war der bis­her größ­te Pro­test­marsch des Lan­des im 21. Jahrhundert.

Trotz die­ser mas­si­ven Gegen­wehr gelang es der Regie­rung noch am ers­ten Streik­tag Ende Novem­ber, eine Eini­gung über eine „Haus­halts­kon­so­li­die­rung“ zu erzie­len. Sie spie­gelt die zen­tra­len For­de­run­gen der Kapi­ta­lis­ten­ver­bän­de wider und soll mit schritt­wei­sen „Refor­men“, wie in der BRD, die Sozi­al­sys­te­me, das Arbeits­recht und öffent­li­che Dienst­leis­tun­gen wei­ter aus­höh­len und damit die arbei­ten­de Klas­se wei­ter spal­ten und schwächen.

Obwohl die sozia­le Bewe­gung im Herbst 2025 die größ­te in Bel­gi­en seit dem „Streik des Jahr­hun­derts“ im Win­ter 1960-1961 war, stell­te sich die Regie­rung taub. Pre­mier­mi­nis­ter De Wever ver­wei­ger­te trotz mehr­fa­cher Ange­bo­te sei­tens der Gewerk­schafts­füh­run­gen den Dia­log mit ihnen. „Die Gewerk­schaf­ten läh­men, die Regie­rung arbei­tet”, so der Pre­mier­mi­nis­ter. Des­halb „refor­miert“ die Regie­rung ein­fach weiter.

Man­gel an poli­ti­schen Perspektiven?
In Bel­gi­en gibt es eine Tra­di­ti­on der Gene­ral­streiks. Sie nutz­ten die Gewerk­schaf­ten für ihre akti­ve Gegen­macht, um sozi­al­po­li­ti­sche und öko­no­mi­sche For­de­run­gen durch­set­zen zu kön­nen. Damit konn­ten sie bis­her bes­ser als in ande­ren EU-Staa­ten Ver­schlech­te­run­gen abwehren.

Vor dem Hin­ter­grund des ver­schärf­ten Klas­sen­kampfs von oben ver­lie­ren „tra­di­tio­nel­le Streiks“ jedoch ihre Wirk­sam­keit, vor allem, wenn Ver­hand­lun­gen erfolg­los blei­ben und par­la­men­ta­ri­sche Vor­stö­ße ins Lee­re lau­fen. Die Regie­rung kann dann die Aus­wir­kun­gen der Bewe­gung aus­sit­zen. Die gewerk­schaft­li­che Streik­tak­tik hat sich die­ser Rea­li­tät zu stel­len und steht vor der Her­aus­for­de­rung, Dau­er und Aus­wir­kun­gen ihrer Aktio­nen unbe­re­chen­bar zu machen.

So mas­siv die Gewerk­schafts­be­we­gung und die Ent­schlos­sen­heit der Strei­ken­den auch waren, so konn­te sie noch nicht den Man­gel an poli­ti­schen Per­spek­ti­ven und die Läh­mung nach dem Rechts­ruck bei den letz­ten Par­la­ments­wah­len im Jahr 2024 überwinden.

Die arbei­ten­de Klas­se Bel­gi­ens wird also zunächst unter einem Haus­halt und einer Poli­tik der sozia­len Grau­sam­kei­ten lei­den. Der Pro­pa­gan­da der Herr­schen­den zufol­ge sind auch in Flan­dern und Wal­lo­ni­en Kran­ke, Arbeits­lo­se und Arbei­ten­de „Fau­len­zer“ und „Drü­cke­ber­ger“, die des­halb kon­trol­liert und mög­lichst ihrer Rech­te beraubt wer­den müssen.

Die aggres­si­ve neo­li­be­ra­le Kür­zungs­po­li­tik geht ein­her mit einem auto­ri­tä­ren Rechts­ruck, der die Spal­tung und Ent­rech­tung der Beherrsch­ten und Aus­ge­beu­te­ten ver­schär­fen will.

Jedoch hat die jüngs­te gewerk­schaft­li­che Bewe­gung tie­fe Spu­ren im Bewusst­sein der Betei­lig­ten hin­ter­las­sen. Um deren Hoff­nun­gen auf eine erfolg­rei­che wei­te­re Gegen­wehr gegen die Zumu­tun­gen von Regie­rung und Kapi­tal stär­ken zu kön­nen, schla­gen unse­re Genoss:innen der bel­gi­schen Sek­ti­on der IV. Inter­na­tio­na­le des­halb den Auf­bau einer veri­ta­blen sozia­len und poli­ti­schen Front vor.

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