Betriebs­rats­wah­len 2026

Kapi­tal­an­grif­fe, Rechts­ruck und Anpas­sungs­druck (Teil II)*

 

H. N.

Die Ergeb­nis­se von Betriebs­rats­wah­len sind wesent­lich mit­ent­schei­dend für die Kräf­te­ver­hält­nis­se in der Arbeits­welt. Die aktu­el­len Ent­wick­lun­gen sind umso dramatischer.

Protest gegen BR-Mobbing in Mannheim, 1. Juli 2025. (Foto: Privat.)

Pro­test gegen BR-Mob­bing in Mann­heim, 1. Juli 2025. (Foto: Privat.)

Um die Hem­mungs­lo­sig­keit der Angrif­fe auf Arbeits- und Aus­bil­dungs­plät­ze ver­ste­hen zu kön­nen, ist ein Blick auf die Ent­wick­lung der Gewerk­schaf­ten in der Bun­des­re­pu­blik erfor­der­lich. Der Deut­sche Gewerk­schafts­bund (DGB) als größ­ter Dach­ver­band mit acht Ein­zel­ge­werk­schaf­ten zählt der­zeit knapp 5,6 Mil­lio­nen Mit­glie­der. 1991 waren es noch 11, 8 Millionen.

Die­ser mas­si­ve Rück­gang ist Resul­tat des indus­tri­el­len Kahl­schlags vor allem im Osten nach der „Wie­der­ver­ei­ni­gung“ aber auch des „sozi­al­ver­träg­li­chen“ Abbaus in bestimm­ten Bran­chen im Wes­ten (Ban­ken, Berg­bau, Che­mie-, Metall- und Elek­tro­in­dus­trie, Stahl usw.).

Anpas­sung statt Gegenwehr?

Zudem spielt die Anpas­sung der Spit­zen der Indus­trie­ge­werk­schaf­ten an den „Stand­ort­wett­be­werb“ des glo­ba­li­sier­ten Spät­ka­pi­ta­lis­mus eine wesent­li­che Rol­le. Es ist eine Bin­sen­weis­heit, dass gewerk­schaft­li­ches (Selbst-) Bewusst­sein und gewerk­schaft­li­che Bin­dungs­kraft vor allem durch kon­kret erfahr­ba­re Aktio­nen und Kämp­fe ent­ste­hen. Mas­si­ve Bewe­gun­gen mit Erzwin- gungs­streiks wie die Aus­ein­an­der­set­zung um die 35-Stun­den­wo­che 1984 sind aber längst die Aus­nah­me von der Regel. Auch hart­nä­cki­ge betrieb­li­che Abwehr­kämp­fe sind sehr sel­ten geworden.

Von beson­de­rer Bedeu­tung für den DGB ist die Ent­wick­lung der IG Metall. Sie ist mit knapp über zwei Mil­lio­nen Mit­glie­dern immer noch die größ­te Ein­zel­ge­werk­schaft. Bezeich­nen­der­wei­se hat die IGM-Spit­ze in den letz­ten Jah­ren jedoch einen Kurs­wech­sel in Rich­tung ver­stärk­ter Anpas­sung an Kapi­tal­in­ter­es­sen vollzogen.

Chris­tia­ne Ben­ner, Ers­te Vor­sit­zen­de der IGM, bezeich­ne­te den­noch die BR-Wah­len als die „zumin­dest für uns wich­tigs­ten demo­kra­ti­schen Wah­len“. Ent­spre­chend hoch sind die Zie­le: Wahl­be­tei­li­gung über 70 %, IGM-Mehr­heit in allen BR-Gre­mi­en ihres Orga­ni­sa­ti­ons­be­reichs, nach der Wahl 10.500 Betrie­be mit Betriebs­rat, posi­ti­ve Ent­wick­lung des Orga­ni­sa­ti­ons­grads und kei­ne BR-Man­da­te für Rechte.

Gera­de das letz­te Vor­ha­ben ist sehr her­aus­for­dernd, denn bei der Bun­des­tags­wahl 2025 hat die AfD 38 % der Stim­men von Arbeiter:innen und 21 % der Stim­men von Ange­stell­ten gewon­nen. Das sind 17 % bzw. 10 % mehr als bei der Par­la­ments­wahl 2021.

Gegen­wehr statt Anpassung!

Rechts­ruck, Nie­der­gang gewerk­schaft­li­cher Gegen­macht und Feh­len einer Par­tei der arbei­ten­den Klas­se haben dazu geführt, dass sich viel zu vie­le haupt- und ehren­amt­li­che Gewerk­schaf- ter:innen mit die­sen bedroh­li­chen Ten­den­zen arrangieren.

Bei den BR-Wah­len 2022 war laut DGB ledig­lich eine zwei­stel­li­ge Zahl an Man­da­ten für rech­te Lis­ten nach­weis­bar. Das bis­her erfolg­reichs­te extrem rech­te Pro­jekt „Zen­trum Auto­mo­bil“ – mitt­ler­wei­le „Zen­trum – Die alter­na­ti­ve Gewerk­schaft“ – behaup­tet, bun­des­weit eine drei­stel­li­ge Zahl von Betriebs­rä­ten or- gani­siert zu haben. Die­se agie­ren meist ver­deckt. Hin­zu kom­men akti­ve AfD-Mit­glie­der, die sich immer offe­ner bewe­gen. Eng ver­bun­den ist das „Zen­trum“ mit offen faschis­ti­schen Rech­ten („Insti­tut für Staats­po­li­tik“, „Iden­ti­tä­re Bewe­gung“, Ver­ein „Ein Pro­zent“ e.V., Com­pact-Maga­zin, Höcke-Flü­gel der AfD …).

Jen­seits der klei­nen betrieb­li­chen Stütz­punk­te von „Zen­trum“ ist für die anhal­ten­de Stär­kung des extrem rech­ten Ein­flus­ses in der Arbeits­welt die pro­fes­sio­nel­le Het­ze durch „sozia­le Medi­en“ ent­schei­dend. Ihre im Netz stän­dig wie­der­hol­ten Angrif­fe auf den DGB und ins­be­son­de­re auf die IG Metall fin­den Beach­tung bei viel zu vie­len Beschäf­tig­ten. Statt die „Trans­for­ma­ti­on“ zum Elek­tro­au­to zu bekämp­fen, zer­stö­re die „korrupt[e] und mit den Mäch­ti­gen verbandelt[e]“ IGM mit ihrer „inter­na­tio­na­lis­ti­schen Gesin- nung“ den „Stand­ort Deutschland“.

Bei den BR-Wah­len 2026 ist damit zu rech­nen, dass vor allem in Groß­be­trie­ben rech­te Lis­ten ein­ge­reicht wer­den. In klei­ne­ren und mitt­le­ren Fir­men wer­den Rech­te, falls es kei­ne Per­sön­lich­keits­wahl gibt, wohl eher auf unter­neh­mens­na­hen und „alter­na­ti­ven“ Lis­ten kandidieren.

Es ist höchs­te Zeit, Kapi­tal­an­grif­fen, Rechts­ruck und Anpas­sungs­druck mit kon­kre­ten, soli­da­ri­schen Alter­na­ti­ven und einer Erneue­rung akti­ver gewerk­schaft­li­cher Gegen­macht in der Arbeits­welt entgegenzutreten.

*[Teil I wur­de in Avan­ti² Nr. 238 ver­öf­fent­licht.]

Aus Avan­ti² Rhein-Neckar März 2026
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