Ernest Mandel
Das Ausmaß der Zerstörung, das der Zweite Weltkrieg hinterließ, ist erschreckend. Achtzig Millionen Menschen wurden getötet, wenn man diejenigen einbezieht, die an Hunger und Krankheit als direkter Folge des Krieges starben – sechsmal so viele wie im Ersten Weltkrieg.
Dutzende von Städten wurden buchstäblich total zerstört, besonders in Japan und Deutschland. Materielle Mittel, mit denen man alle Armen dieser Welt hätte ernähren, kleiden, mit Unterkünften und allem geistigen Rüstzeug versehen können, wurden für rein destruktive Zwecke vergeudet. Wälder wurden niedergemacht und Agrarland in Ödland verwandelt, in einem seit dem Dreißigjährigen Krieg [1618-1638] oder der mongolischen Invasion des islamischen Reiches [im 13. Jahrhundert] beispiellosen Ausmaß.
Noch schlimmer war die zerstörerische Wirkung auf die Psyche und das Verhalten der Menschen. Gewalt und barbarische Missachtung der elementarsten Menschenrechte – angefangen mit dem Recht auf Leben – verbreiteten sich in größerem Ausmaß als jemals im und nach dem Ersten Weltkrieg, der schon sehr verheerend in dieser Hinsicht gewesen war.
Der Gipfel der Zuspitzung der Barbarei war der Einsatz der Atombombe – ein wirkliches Symbol der grundlegenden zerstörerischen Bedrohung durch den Spätkapitalismus. Seit 1945 fiel der Schatten der endgültigen Auslöschung in Form der verhängnisvollen pilzförmigen Wolke auf das Schicksal der Menschheit. Der Schatten selbst vergiftete schon Hunderttausende von Menschen – ihre eigenen Körper und ihre Nachfahren – und auch ihre Psyche. Selbst die direkten Auswir- kungen von Atombomben oder Testexplosionen in Form von Langzeitstrahlung und Fallout sind nicht berechenbar und deshalb weitgehend unbekannt.
War all diese Zerstörung sinnlos? Ist der internationale Kapitalismus aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen, ohne dass die grundlegenden Widersprüche, die zu diesem Konflikt geführt hatten, gelöst worden waren – nicht nur strukturell, sondern auch konjunkturell? Viele Beobachter hätten eine solche Aussage vor zehn Jahren [1976] kategorisch abgelehnt. Im Gegensatz zur Periode zwischen den Kriegen schien es damals so, dass sich die internationale kapitalistische Wirtschaft nach zwei, in den angelsächsischen Ländern fast drei Jahrzehnten beispiellosen Wachstums, die nur durch kleinere Rezessionen unterbrochen wurde, in einer langen stabilen Periode mit einem hohen Beschäftigungsstand und eindrucksvollen Steigerungen des materiellen Lebensstandards der ar beitenden Massen in den imperialistischen Ländern befand.
Heute ist es offensichtlich, dass die zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre des Nachkriegsbooms nur ein Zwischenspiel waren, eine „lange expansive Welle“ der kapitalistischen Wirtschaft nach der „langen Depression“ der Periode zwischen den Kriegen, auf die wieder eine „lange Depression“ folgen wird, noch länger als die von 1913 bis 1939.1
Freilich fiel in diese Zwischenperiode ein neuer Entwicklungssprung der Produktivkräfte – die dritte technologische Revolution – und eine große Steigerung des materiellen Wohlstandes und der durchschnittlichen Fertigkeiten und Kenntnisse der internationalen Arbeiterklasse, ganz zu schweigen von einer großen Zunahme der Zahl der Lohnarbeiter. Selbst wenn der materielle und intellektuelle Fortschritt sehr ungleich verteilt war zwischen den mehr und den weniger entwickelten kapitalistischen Ländern, so erweiterte er doch die Basis, auf der der Weltsozialismus aufgebaut werden kann. Die materiellen Vorbedingungen für eine sozialistische Welt des Überflusses und eines weltweiten Verschwindens der sozialen Arbeitsteilung zwischen „Chefs“ und „Untergegeben“ waren 1970 viel größer als 1939 und erst recht als 1914. 1990 sind sie sogar noch besser.
Zugleich wird jedoch der Preis, den die Menschheit für die Verzögerung des Sozialismus, für das Überleben des niedergehenden Kapitalismus zahlen muss, immer schrecklicher. Die Tendenz, dass die Produktivkräfte in Zerstörungskräfte verwandelt werden, setzt sich nicht nur periodisch in Überproduktionskrisen und Weltkriegen durch.2 Mehr und mehr setzt sie sich unerbittlich auf den Gebieten der Produktion, des Konsums, der natürlichen Umwelt, der sozialen Beziehungen, der Gesundheit (einschließlich der seelischen Gesundheit) und vor allem in der ununterbrochenen Reihe „lokaler“ Kriege durch. Dieser weltweite Preis in Form von menschlichem Leid, von Tod und von Bedrohungen für das physische Überleben der Menschheit ist wiederum erschütternd. Er übertrifft alles, was während des Ersten oder Zweiten Weltkriegs zu sehen war.3
Zwei hervorstechende Beispiele genügen, um diesen Punkt zu unterstreichen (viele andere könnten angeführt werden). Seit 1945 ist kein einziges Jahr ohne „lokale“ Kriege in irgendeinem Teil der Welt vergangen, oft in mehreren Teilen gleichzeitig. Davon waren die meisten imperialistische, konterre- volutionäre Interventionskriege gegen die Entwicklung nationaler Befreiungsbewegungen und sich entwickelnde oder siegreiche soziale Revolutionen. Die Gesamtzahl der Opfer dieser Kriege kommt schon der des Ersten Weltkrieges gleich oder übertrifft sie sogar.
Die Perversion des menschlichen Konsums und der menschlichen Bedürfnisse durch profitorientierte standardisierte Massenproduktion legt der Menschheit eine wachsende Last an Krankheiten und Tod auf. Sie bringt nicht nur ein gleichzeitiges Wachstum der Überproduktion und der künstlichen Beschränkung der Lebensmittelproduktion im Westen und von Hunger und Verhungern im Süden mit sich. Sie beinhaltet auch eine steigende Flut von nutzlosen, schädlichen, vergifteten Konsumgütern, einschließlich vergifteter Nahrung, im Westen selbst. Das Ergebnis ist eine dramatische Zunahme sogenannter Zivilisationskrankheiten, wie Krebs und Herzinfarkt, verursacht durch Vergiftung der Luft, des Wassers und des menschlichen Körpers. Wiederum ist die Todesrate überwältigend. Und die Bedrohung, die vergiftete Luft, Meere, Wasser und Wälder für das physische Überleben der Menschheit darstellen, ist vergleichbar mit der Bedrohung durch einen Nuklearkrieg.
In diesem Sinne hat der Zweite Weltkrieg in der Tat nichts gelöst, d. h. er beseitigte keine der Hauptursachen der zunehmenden Überlebenskrise der menschlichen Zivilisation und der Menschheit selbst. Hitler ist verschwunden, aber die Flut der Zerstörung und der Barbarei steigt weiter, allerdings in vielfältigeren Formen und weniger konzentriert (wenn der Dritte Weltkrieg vermieden werden kann).4 Denn die grundlegende Ursache des zerstörerischen Charakters bleibt. Es ist die expansionistische Dynamik der Konkurrenz, der Kapitalakkumulation und des Imperialismus, die sich zunehmend gegen sich selbst kehrt, d. h. von der „Peripherie“ gegen das „Zen- trum“ zurückschlägt, mit all dem zerstörerischen Potential, das diese Expansion und diese Selbstbehauptung angesichts des zunehmenden Widerstands und der Herausforderung von Millionen, wenn nicht Hunderten von Millionen Menschen beinhaltet.
Die Militarisierung der Vereinigten Staaten spiegelt die Permanenz dieses Expansionismus und dieses zerstörerischen Charakters, ungeachtet historischer Umstände. Joseph Schumpeter behauptete im Gegensatz zu Marxisten, dass die Wurzeln des Imperialismus im Wesentlichen vorkapitalistisch, halb-feudal – absolutistisch-militaristisch – waren und nicht in den kapitalistischen Geschäftsinteressen zu suchen seien.5 Er versuchte, seinen Standpunkt zu beweisen, indem er darauf hinwies, dass das stärkste kapitalistische Land der Welt, die Vereinigten Staaten von Amerika, keine nennenswerte Armee oder Kriegsmacht hätten. Er ging so weit, das Argument, das er zuerst unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg vorgebracht hatte, während des Zweiten Weltkriegs in seinem klassischen Werk Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie (1943) zu wiederholen. Dieses ist eine der wenigen erwähnenswerten bürgerlichen historischen Studien der letzten fünfzig Jahre, und sie ist Poppers Kritik an Marx und erst recht Hayeks antisozialistischem Gerede weit überlegen.6
Es stimmt, dass die historische Besonderheit des US-Kapitalismus – seine nach Westen offene Grenze in Nordamerika und die Schwäche der Klientelstaaten in seiner lateinamerikanischen Einflusssphäre – es ihm ermöglichte, mit relativ wenig Gewaltanwendung (bedeutend weniger auf jeden Fall, als von verschiedenen europäischen kapitalistischen Mächten oder Japan angewandt wurde) geographisch zu expandieren. Später, nach dem Ersten Weltkrieg, machte die enorme industrielle und finanzielle Überlegenheit des US-Imperialismus wie- derum eine „friedliche“ Expansion (natürlich nicht ohne die gelegentliche Verwendung des „großen Knüppels“) zu einer effizienteren Herrschaftsmethode als die direkte territoriale Besetzung und als großangelegte militärische Abenteuer.
Das Ergebnis des Zweiten Weltkriegs änderte das alles. Zunächst beinhaltete die globale Vorherrschaft selbst, die der US-Imperialismus erobert hatte, dass er zunehmend die Rolle eines Weltpolizisten des Kapitalismus spielen musste. Auf diese Weise wurde der Widerspruch zwischen der Internationalisierung der Produktivkräfte und dem Überleben des Nationalstaates teilweise und vorübergehend überwunden. Es war jedoch unmöglich, diese Rolle ohne eine starke und expandierende Militärmacht zu erfüllen. Der US-Imperialismus musste buchstäblich allen Widersprüchen des internationalen Kapitalismus begegnen – und musste dabei zunehmend repressive Drohungen und Mittel einsetzen.
Im Kapitalismus – insbesondere im Imperialismus und seiner „spätkapitalistischen“ Phase, die durch riesige Kapitalmengen gekennzeichnet ist, die ständig auf der Suche nach neuen Investitionsfeldern sind – fördert ein wachsender Militärkomplex einen boomenden Industriezweig und kapitalistische Un- ternehmen, die auf die Kriegswaffenproduktion ausgerichtet sind. Diese haben ein traditionelles Interesse an einem solchen Sektor, denn sie beziehen, dank einer sich ständig steigernden, vom Staat garantierten Rüstungsproduktion, einen großen Teil der Profite aus einem solchen Geschäftsfeld. So kommt es zur Entstehung des „militärisch-industriellen Komplexes“, um einen Ausdruck zu zitieren, der treffend von Eisenhower geprägt wurde, der selbst General war und später Präsident der Vereinigten Staaten wurde.
So hatte Schumpeter im (beispielhaften) Fall der Vereinigten Staaten ganz unrecht, und die Marxistinnen und Marxisten behielten letzten Endes recht. Trotz all ihrer historischen Besonderheiten und ihrer „Einzigartigkeit“ war die Militarisierung der Vereinigten Staaten direkt von den Bedürfnissen des Großkapitals und des Imperialismus der USA bestimmt, allerdings ein halbes Jahrhundert später als in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Japan und Italien.
Aber das ist keineswegs das Ende der Geschichte. Wie mächtig er auch war, so konnte der US-Imperialismus doch nicht allein der Sowjetunion, dem Prozess der permanenten Revolution in den kolonialen und halbkolonialen Ländern und einer periodisch unruhigen und explosiven Arbeiterklasse in mehreren imperialistischen Ländern mit seinen eigenen Soldaten und militärischen Mitteln entgegentreten. Er brauchte Verbündete, und er musste sie pflegen, in erster Linie finanziell. Daraufhin erlebte der US-Imperialismus, wie sich das Gesetz der ungleichen und kombinierten Entwicklung zum ersten Mal gegen die Vereinigten Staaten behauptete.
Indem die USA den Wiederaufbau und die Konsolidierung des westdeutschen und des japanischen Imperialismus einleiteten (ebenso, wie sie vorher bei dem Wiederaufbau und der Konsolidierung des französischen und italienischen Imperialismus geholfen hatten), setzten sie damit einen Prozess in Gang, der diesen Mächten, infolge der Niederlage und Zerstörung, die sie erlitten hatten, die Möglichkeit bot, ein schnelleres Wachstum der durchschnittlichen industriellen Arbeitsproduktivität und ein moderneres industrielles Profil als die USA selbst zu erreichen. So hatte der Aufbau der amerikanischen Militärmaschine auch die Funktion, auf die widerstrebenden Verbündeten der USA Druck auszuüben, damit sie bestimmte Grenzen der finanziellen, kommerziellen und industriellen Autonomie innerhalb der Allianz nicht überschritten – eine Funktion, die ihrerseits durch eine Veränderung des finanziellen und industriellen Kräf- teverhältnisses zum Nachteil des US-Imperialismus zunehmend untergraben wurde. So währte die „Herrschaft des Dollars“ und der überwiegend amerikanische Besitz bzw. die Kontrolle der multinationalen Konzerne nach dem Zweiten Weltkrieg nicht länger als zwanzig Jahre. Und wenn das Wachstum der sowjetischen Industrie- und Militärmacht berücksichtigt wird, die das amerikanische Monopol an Atomwaffen und der Fähigkeit, sie ins Zielgebiet zu bringen, in den fünfziger Jahren brach, dann dauerte das „Amerikanische Jahrhundert“ kaum mehr als ein Jahrzehnt. Bretton Woods, die „Herrschaft des Dollars“7 und die Herrschaft der multinationalen Konzerne unter US-Kontrolle ermöglichten es dem amerikanischen und dem weltweiten Kapitalismus tatsächlich, einen wirtschaftlichen Zusammen- bruch in der Größenordnung der Weltwirtschaftskrise nach 1945-48 zu vermeiden. Aber sie wurden zunehmend ausgehöhlt, was schließlich zu der langen Depression führte, die Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre begann.
Der Nachkriegsboom selbst war nicht das automatische Ergebnis der Entscheidung des US-Imperialismus für eine „friedliche“ kommerzielle und finanzielle Expansion, d. h. für den Marshall-Plan, massive Kapitalexporte und alles, was sich daraus ergab. Seine Voraussetzung war die Beendigung des Aufschwungs der Arbeiterkämpfe in den Nachkriegsjahren in meh- reren imperialistischen Ländern – vor allem in Italien, Frankreich und Japan, wo die Kampfbereitschaft weitgehend von den KPs kanalisiert wurde und daher vom amerikanischen Imperialismus als direkte Bedrohung wahrgenommen wurde. Diesen Aufruhr gab es aber auch in den USA9, wenn auch auf einem niedrigeren Niveau der Politisierung und Radikalisierung.
Unter diesen Umständen wurde der Klassenkampf in den zentralen kapitalistischen Ländern und auf internationaler Ebene mit der Entwicklung der Beziehungen zwischen den Großmächten und dem Kalten Krieg auf eine spezifische – und diskontinuierliche – Art verknüpft. Einige der wichtigsten Arbeiterkämpfe waren vom Kalten Krieg weitgehend unabhängig – zum Beispiel die Nachkriegsstreikwelle in den USA und die ersten massiven wilden Streiks in Belgien und Frankreich, die dazu führten, dass die KPs die Koalitionsregierungen unter dem Druck der Arbeiterklasse (und nicht unter dem des amerikanischen Imperialismus oder der europäischen Bourgeoisie) verlassen mussten. Aber die teilweisen Niederlagen dieser Kämpfe, verbunden mit zunehmender Repression durch das Kapital (wofür das [1947 gegen die Gewerkschaften gerichtete] Taft-Hartley-Gesetz und die Schwächung der gewerkschaftlichen Macht in den USA das deutlichste Beispiel waren), sowie die Wende der KPs von der Beteiligung an Koalitionsregierungen zu ultralinken Gebärden führten zu einem allgemeinen Niedergang der Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse – sogar in Großbritannien. Dort hatte die Labour-Regierung, die eine große Parlamentsmehrheit und eine bedeutende Reformgesetzgebung aufweisen konnte, die besten Chancen, eine grundlegende Fehlorientierung zu vermeiden. Während die Stabili- sierung des Kapitalismus in den wichtigsten imperialistischen Ländern für den Beginn des Booms eine günstige Basis lieferte – des Abebbens der ersten Nachkriegswelle von Radikalisierung und Kampfbereitschaft der Arbeiterinnen und Arbeiter – gab sie dem entstehenden Verhältnis der Klassenkräfte eine eigentümliche Wendung, mit einem ganz anderen Resultat als nach 1923.
Keine Arbeiterklasse in einem imperialistischen Land erlitt eine verheerende Niederlage. Während der Kalte Krieg große ideologische und organisatorische Spaltungen innerhalb der Arbeiterbewegung verursachte, zwang er auch den Imperialismus, einen hohen Preis für die relative Ruhe an seiner „Heimatfront“ zu bezahlen. Infolge des Nachkriegsbooms in den westlichen Gesellschaften – begleitet von einem neuen Wachstum der Lohnarbeit, d. h. der Industrialisierung – und infolge der zunehmenden Erwartungen der Arbeiterinnen und Arbeiter sowie ihrer beständigen Anstrengungen, sie (mit Ausnahme der USA) durch gewerkschaftliche Kämpfe und politische Initiativen zu verwirklichen, wuchs die Stärke der organisierten Arbeiterbewegung in den imperialistischen Ländern ständig. Sie erreichte ungeahnte Ausmaße, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Betriebe. Eine Zeit lang schien gerade dieses Wachstum, den Boom durch eine Ausweitung des Massenkonsums von langlebigen Konsumgütern und dem Erwerb von Wohnungseigentum zu befeuern. Aber nach einem bestimmten Höhepunkt, den der [französische Generalstreik im] Mai 1968 symbolisierte, wurden die Widersprüche zwischen diesem Wachstum und dem normalen Funktionieren der kapitalistischen Wirtschaft offensichtlich. Diese Stärkung steht in Zusammenhang mit dem Erscheinen einer neuen Schicht mili- tanter Arbeiter während der Résistance-Bewegung, die die überwiegend sozialdemokratische Zusammensetzung der Gewerkschaften vor dem Kriege in Ländern wie Belgien und Dänemark veränderte. In Italien und Spanien spielten die Untergrunderfahrungen mit Arbeiterkämpfen unter dem Faschismus und die Differenzierung innerhalb der KPs während der sechziger Jahre eine ähnliche Rolle.
Auf der anderen Seite erleichterten gerade die Bedingungen, unter denen das „Amerikanische Jahrhundert“ eingeleitet wurde – die Herrschaft der multinationalen Konzerne und die Auswirkungen der dritten technologischen Revolution auf dem Gebiet der Rohstoffe (eine allmähliche Ersetzung der „natürlichen“ durch künstliche Rohstoffe) –, den Wechsel des Imperialismus von direkter zu indirekter Beherrschung der „Dritten Welt“ (vom Kolonialismus zum Neokolonialismus) ohne jede spürbare Umverteilung der Weltprofite (des Weltmehrwerts) zugunsten der herrschenden Klassen der „Dritten Welt“. Ein ständiger Wertabfluss vom Süden zum Norden war weiterhin die Regel in der ganzen Nachkriegszeit, wodurch der „Boom“ selbst und eine Revolte gegen solche Super-Ausbeutung in Form nationaler Befreiungsbewegungen genährt wurde. Die alten Kolonialreiche brachen zusammen. Aber der Versuch, eine neue, „indirekte“ US-Herrschaft zu stabilisieren, wurde allmählich zunichte gemacht.10 Somit hat auch unter diesem Gesichtspunkt der Zweite Weltkrieg auf einer strukturellen Ebene für den Kapitalismus nichts gelöst. Der Kapitalismus stabilisierte sich und prosperierte im Westen zwischen 1948 und 1968. Aber der Preis, der dafür gezahlt wurde, war eine beständige Krise in der „Dritten Welt“ und die Anhäufung von immer explosiverem Material in Westeuropa, das 1968 zum Ausbruch kam. Die Krise des Imperialismus wurde nicht gelöst. Ebenso wenig die Krise der kapitalistischen Produktionsbeziehungen. Der Aufschub konnte nicht genutzt werden, um die Dämme zu reparieren. Die Risse haben sich vergrößert. Und durch sie begann die Flut der Weltrevolution wieder zu strömen. Sie bleibt die beste Chance – in der Tat die einzige –, um den Dritten Weltkrieg zu vermeiden. Die Menschheit kann nur durch die Schaffung einer vernünftigen Kontrolle über internationale und inländische Angelegenheiten, d. h. durch die Beseitigung von Konflikten und Konkurrenz zwischen Klassen und Nationen vor der Vernichtung gerettet werden. Und nur eine demokratische sozialistische Weltföderation kann dieses Ziel erreichen.
Endnoten
* [Dieser Text ist erstmals in deutscher Sprache unter der Überschrift „Das Erbe“ als 18. Kapitel von Ernest Mandel, Der Zweite Weltkrieg, Frankfurt a. M. 1991, S. 166-172 erschienen. (Im Original in Englisch: The Meaning of the second world war, London 1986.) Wir haben die Erstübersetzung für die hier vorliegende Wiederveröffentlichung revidiert. H. N., 21. März 2026.]
1 Über diesen Gegenstand, siehe Ernest Mandel, Der Spätkapitalismus, Frankfurt a. M. 1972, und Die langen Wellen im Kapitalismus, Frankfurt a. M. 1983.
2 Man sollte nicht vergessen, dass während der dreißiger Jahre die Industrieproduktion oder der durchschnittliche Reallohn vieler europäischer Länder unter dem Niveau von 1913 war.
3 Während der Bombardierung von Indochina durch die amerikanischen Luftstreitkräfte von 1964-1973 wurde eine mehr als dreimal höhere Zerstörungskraft eingesetzt als im gesamten Zweiten Weltkrieg in Europa und Asien sowie während des Koreakriegs, nämlich 7,5 Millionen Tonnen Bomben einschließlich 400.000 Tonnen Napalm.
4 Laut Amnesty International wird die Folter heutzutage regelmäßig in mehr als fünfzig Ländern praktiziert (und ist dort institutionalisiert).
5 Joseph Schumpeter, Zur Soziologie der Imperialismen, Tübingen 1919.
6 Siehe z. B. Friedrich A. Hayek, Der Weg zur Knechtschaft, Erlenbach bei Zürich 1945. (Im Original in Englisch: The Road to Serfdom, London 1944.)
7 Das war natürlich unvermeidlich geworden aufgrund des vom Zweiten Weltkrieges angerichteten, nicht wiedergutzumachenden Schadens im Bereich der Finanzen, der Handelsmarine und der Flotte des britischen Imperialismus. In einem sehr eindrucksvollen Dokument (zitiert von Michael Howard, Grand Strategy, Vol. IV, London 1972, S. 632-636) erklärten die britischen Behörden im März 1943, dass „während sich die Schifffahrt der Vereinten Nationen erholt und diese Entwicklung wahrscheinlich anhält, sich die Lage für die britischen Einfuhren dauernd verschlechtert“. 1937 führte Großbritannien nahezu fünf Millionen Tonnen monatlich ein. Diese Zahl fiel Ende 1940 und Anfang 1941 auf zweiundeinhalb Millionen Tonnen, im Sommer 1942 auf zwei Millionen Tonnen und zwischen November 1942 und Februar 1943 auf eineinviertel Millionen. 1941 waren die Vorräte an Lebensmitteln und Rohmaterialien außer Erdöl auf vier Millionen Tonnen über dem Minimum-Sicherheitsniveau aufgestockt worden. Im April 1943 waren sie eine Million Tonnen unterhalb des äußersten Minimums. Und die Finanzsituation war noch schlimmer. Der britische Auslandsbesitz war praktisch liquidiert worden. Seine Dollarbilanz lag unter einer Milliarde Dollar.
8 Ernest Mandel, The Second Slump (3. Auflage), London 1986. (Original in Deutsch: Ende der Krise oder Krise ohne Ende?, Berlin 1977.)
9 Über die Nachkriegs-Streikwelle in den USA, siehe Jeremy Brecker, Streiks und Arbeiterrevolten, Frankfurt a. M. 1975.
10 Vgl. Ernest Mandel, Die langen Wellen im Kapitalismus, Frankfurt a. M. 1983.
11 Das Ende des britischen Empire in Indien stellt eine klare Bestätigung von Plechanows Anwendung des historischen Materialismus auf die Frage der Rolle des Individuums in der Geschichte dar. Er behauptet, dass wenn die historische Notwendigkeit (das Klasseninteresse) für einen bestimmten Persönlichkeitstyp erscheint, die Ereignisse ihn auch schaffen, ja verschiedene davon schaffen werden.
Um den Rückzug aus Indien möglichst glatt vonstattengehen zu lassen, hatte der britische Imperialismus nicht nur einen linken „Labour Lord“, Spross einer adligen Familie und Freund Nehrus und Gandhis – Sir Stafford Cripps – zur Verfügung, sondern sogar einen Spross der königlichen Familie, Lord Mountbatten. Der englische Historiker David Cannadine fasst seine Rolle recht präzise zusammen: „Seine fortschrittlichen Ansichten, seine Erfahrungen östlich von Suez und seine engen Beziehungen zum König selbst machten ihn zum idealen Mann, die britische Herrschaft über Indien 1947 zu beendigen. […] Als er geboren wurde, saß noch Königin Victoria auf dem Thron, das britische Weltreich war das größte, das die Welt je gesehen hat, und das Pfund war nicht nur 20 Schillinge, sondern auch fünf Dollar wert. Als er starb, residierte Frau Thatcher in der Downing Street, die britische Marine war nur noch ein Schatten ihrer Vergangenheit, das britische Empire hatte sich in das Commonwealth aufgelöst und das Pfund war weniger als zwei Dollar wert.“
