Redaktionelle Vorbemerkung: Der folgende Text ist dem Manifest für eine ökosozialistische Revolution entnommen (S. 6 - 12). Es wurde unter dem Titel „Mit dem kapitalistischen Wachstum brechen!“ als Broschüre vom Neuen ISP Verlag veröffentlicht.

ISO-Transparent auf der Antikriegsdemo am 5. März 2022 in Mannheim. (Foto: Avanti².)
Überall auf der Welt gewinnen rechtsextreme, autoritäre und halbfaschistische Kräfte an Macht und Einfluss. Das Fehlen einer Antwort auf die Krise des Spätkapitalismus führt zu Verzweiflung, Frauenfeindlichkeit, Rassismus, Queerphobie, Leugnung des Klimawandels und ganz allgemein zu reaktionären Konzepten. Aus Angst, dass die ökologische Krise ganz handfest die Profitakkumulation bedroht, wenden sich die Milliardäre einer neuen extremen Rechten zu, die ihre Dienste anbietet, um das System mittels Lügen und sozialer Demagogie zu retten. Autoritäre Politik und Oligarchen bilden eine mächtige Allianz, um die Macht des Kapitals zu sichern. Sie zielen auf den Umweltschutz, aber auch auf die sozialen Sicherungssysteme und führen einen Krieg gegen die Arbeiter:innen und die Armen, obwohl sie behaupten, genau diese Menschen gegen das Establishment zu vertreten.
Das Kapital triumphiert, aber sein Triumph stürzt es in die von Marx aufgezeigten unüberwindbaren Widersprüche. Angesichts dieser Widersprüche sprach Rosa Luxemburg 1915 ihre Warnung aus: „Sozialismus oder Barbarei“. Einhundertzehn Jahre später ist diese Warnung aktueller denn je, denn die Katastrophe, die sich um uns herum abspielt, ist ohne Beispiel. Zu den Verheerungen durch Krieg, Kolonialismus, Ausbeutung, Rassismus, Autoritarismus und der Unterdrückung aller Art kommt nämlich eine neue Geißel hinzu, die alle anderen in den Schatten stellt: die rasante vom Kapital verursachte Zerstörung der natürlichen Umwelt, von der das Überleben der Menschheit abhängt.
Die Wissenschaft hat neun globale Indikatoren für ökologische Nachhaltigkeit ermittelt. Bei sieben von ihnen ist die Gefährdungsgrenze erreicht. Aufgrund der kapitalistischen Akkumulationslogik wurde die Grenze bei mindestens sechs dieser Indikatoren bereits überschritten: Klima, Ökosystemintegrität, Stickstoff- und Phosphorkreislauf, Grund- und Oberflächensüßwasser, Landnutzungsänderung und Verschmutzung durch neuartige Chemikalien. Hauptleidtragende sind die Armen, insbesondere in den armen Ländern.
Unter der Peitsche der Konkurrenz verstärken die Großindustrie und der Finanzsektor ihre despotische Herrschaft über die Menschen und die Erde. Die Zerstörung geht weiter, allen Warnungen der Wissenschaft zum Trotz. Das Streben nach Profit verlangt zwangsläufig nach immer mehr Märkten und immer mehr Waren, also auch nach verstärkter Ausbeutung der Arbeitskraft und noch rücksichtsloserer Plün- derung der natürlichen Ressourcen.
Das legale Kapital, das sogenannte kriminelle Kapital und die bürgerliche Politik sind eng miteinander verwoben. Der Globus wird von den Banken, den multinationalen Konzernen und den Reichen auf Pump gekauft. Die Regierungen beschneiden zunehmend die demokratischen und die Menschenrechte durch brutale Repression und technologische Kontrolle.
Soziale Ungleichheit und Umweltzerstörung haben dieselben Ursachen. Es wäre eine Untertreibung zu sagen, dass die Grenzen der Nachhaltigkeit auch auf sozialer Ebene überschritten sind. Der Kapitalismus bringt Not für Milliarden von Menschen und unendlichen Reichtum für einige wenige. Auf der einen Seite schüren niedrige Löhne sowie der Mangel an Arbeitsplätzen, Wohnraum und öffentlichen Dienstleistungen die reaktionäre Vorstellung, dass es nicht genug Ressourcen gäbe, um die Bedürfnisse aller zu befriedigen. Auf der anderen Seite stehen die Superreichen mit ihren Yachten, ihren Jets, ihren Swimmingpools, ihren exklusiven, riesigen Golfplätzen, ihren SUVs, ihrem Weltraumtourismus, ihrem Schmuck, ihrer Haute Couture und ihren luxuriösen Häusern in allen Teilen der Welt. Das reichste Prozent besitzt genau so viel wie 50 % der Weltbevölkerung. Die „Trickle-Down-Theorie“ ist ein Mythos. Der Wohlstand „sickert“ zu den Reichen, nicht umgekehrt. Die Armut nimmt selbst in den „entwickelten“ Ländern zu. Die Arbeitseinkommen werden rücksichtslos gedrückt, soziale Absicherungen – sofern vorhanden – werden abgebaut. Die kapitalistische Weltwirtschaft schwimmt auf einem Ozean aus Schulden, Ausbeutung und Ungleichheit.
Innerhalb der Arbeiterklasse trifft es die von Rassismus betroffenen Teile am härtesten. Ethnisch und rassistisch unterdrückte Gemeinschaften werden bewusst in Gebiete gedrängt, die häufig durch giftige und gefährliche Abfälle verseucht sind, oder in Hochrisikogebiete, für die es keine Stadtplanung gibt (etwa in Hanglagen). Diese Bevölkerungsgruppen sind Opfer von Umweltrassismus, denn sie werden von der Planung und Umsetzung umweltpolitischer Maßnahmen systematisch ausgeschlossen.
Mit der Zuweisung der Pflegearbeit an Frauen ist es dem Kapital möglich, die Reproduktion billig zu halten, was die Umsetzung einer rigorosen Sparpolitik erleichtert. Im Allgemeinen gilt nach wie vor: Von Ungleichheit und Diskriminierung sind am stärksten Frauen betroffen; sie leisten den größten Teil der Haus-, Pflege- und Betreuungsarbeit, sei es unentgeltlich oder gegen Bezahlung. Sie erhalten nur 35 % des Einkommens der abhängig Beschäftigten. In einigen Regionen der Welt (China, Russland, Zentralasien) geht dieser Anteil zurück, teilweise sogar erheblich. Aber auch außerhalb der Arbeitswelt werden Frauen auf allen Ebenen als Frauen angegriffen – von Sexismus und sexueller Gewalt (Femizide, Vergewaltigungen und Menschenhandel) bis dahin, ihnen Rechte zu verweigern: Recht auf Nahrung, Recht auf Bildung, Recht auf Respekt und das Recht, über ihren eigenen Körper zu bestimmen.
LGBTQI+-Menschen, insbesondere Transgender-Personen, sind Zielscheibe einer globalen reaktionären Offensive. Das verschärft ihre prekäre Lage und Diskriminierung und gefährdet ihren Zugang zur Gesundheitsversorgung und folglich auch die öffentliche Gesundheit im Allgemeinen.
Menschen mit Behinderungen werden vom Kapital aussortiert, weil sie nicht für den Profit arbeiten können oder ihre Arbeit Anpassungen erfordert, die den Profit schmälern. Einige sind Opfer von Zwangssterilisationen. Der Ungeist der Eugenik kommt wieder zum Vorschein.
Während alte Menschen aus der Arbeiterklasse (und auch aus Teilen der „Mittelschicht“) ausrangiert werden, wird das Leben künftiger Generationen im Voraus beschnitten. Die meisten Eltern aus der Arbeiterklasse glauben nicht mehr daran, dass es ihren Kindern einmal besser gehen wird als ihnen selbst. Eine wachsende Zahl junger Menschen beobachtet mit Schrecken, Wut und Trauer die organisierte Zerstörung ihrer Welt, die vergewaltigt, ausgebrannt, in Beton ertränkt und vom kalten Wasser egoistischer Berechnung verschlungen wird.
Die Geißeln des Hungers, der Ernährungsunsicherheit und der Unterernährung waren am Ende des 20. Jahrhunderts zurückgegangen. Jetzt nehmen sie infolge eines katastrophalen Zusammenwirkens von Neoliberalismus, Militarismus und Klimawandel wieder zu: Fast jeder zehnte Mensch hungert, fast jeder dritte leidet an Ernährungsunsicherheit, mehr als drei Milliarden können sich keine gesunde Ernährung leisten. Millionen Kinder unter fünf Jahren sind durch Hunger unterentwickelt. Die allermeisten von ihnen haben nur einen einzigen „Fehler“: Sie wurden an der kapitalistischen Peripherie geboren.
Die Hoffnung auf eine friedliche Welt hat sich verflüchtigt. Mehr als dreißig Länder der Welt sind aktuell oder waren in jüngster Zeit in Kriege von erheblichem Ausmaß verwickelt, darunter der Sudan, der Irak, der Jemen, Palästina, Syrien, die Ukraine, Libyen, die Demokratische Republik Kongo und Myanmar. Die Klimakrise, Extremwetterlagen und die daraus resultierenden starken Migrationsströme schüren zahlreiche Konflikte rund um den Globus. Das Leid, hervorgerufen durch die Vertreibung und den Tod zahlreicher Menschen, ist unermesslich.
Aufgrund der Auseinandersetzungen der imperialistischen Mächte werden dringend erforderliche Maßnahmen gegen den Klimawandel und für eine nachhaltige Zukunft in Frage gestellt. Kriege sind nicht nur verheerend für das Leben der Menschen (sie treffen im Besonderen Frauen durch den gezielten Einsatz von Vergewaltigungen und sie entmenschlichen allgemein das Zusammenleben), sondern sie schädigen auch den Planeten, auf dem wir leben. Sie zerstören Lebensräume, führen zur Abholzung von Wäldern, vergiften Böden, Wasser und Luft und gehören zu den Hauptquellen von Kohlenstoffemissionen.
Der brutale Krieg Russlands gegen die Ukraine und die ethnische Säuberung gegen das palästinensische Volk, die im Gaza-Krieg 2023/24 ein neues Ausmaß erreicht hat, sind schwere Verbrechen gegen die Menschheit. Beide Fälle belegen den barbarischen Charakter des Kapitalismus. Der imperialistische Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat die geopolitischen Spannungen verschärft. Er markiert den Eintritt in eine neue Ära des imperialistischen Konkurrenzkampfs um die globale Vorherrschaft. Dabei geht es vor allem um Land, Energie und Bodenschätze.
Alle könnten ein gutes Leben auf der Erde haben, aber der Kapitalismus ist ein ausbeuterischer, machistischer, rassistischer, kriegerischer, autoritärer und letztendlich tödlicher Raubbau. Produktivismus ist destruktiv. Die rückhaltlose Ausbeu- tung der natürlichen Ressourcen, der zügellose Extraktivismus, das Streben nach kurzfristigen Profiten, die Abholzung der Wälder und die Landnutzungsänderung führen zu einem Zusammenbruch der Artenvielfalt, d. h. des Lebens selbst.
Der Klimawandel ist der gefährlichste Aspekt der Umweltzerstörung; er ist eine in der Geschichte noch nie dagewesene Gefahr für das menschliche Leben. Die Erde droht zu einem biologischen Ödland zu werden, unbewohnbar für Milliarden armer Menschen, die für diese Katastrophe nicht verantwortlich sind. Um diese Katastrophe aufzuhalten, müssen wir die weltweiten Kohlendioxid- und Methanemissionen vor 2030 halbieren und vor 2050 erreichen, dass die Netto-Treibhausgasemissionen bei null liegen. Vorrangig geht es darum, die fossilen Brennstoffe, die Agrarkonzerne, die Fleischindustrie und die Hypermobilität zu bekämpfen und weltweit insgesamt weniger zu produzieren.
Ist es vor diesem Hintergrund möglich, die legitimen Bedürfnisse von drei Milliarden Menschen zu befriedigen, die unter entsetzlichen Bedingungen leben, vor allem in den Ländern des globalen Südens1? Ja! Das reichste Prozent emittiert fast doppelt so viel CO2 wie die ärmsten 50 %. Die reichsten 10 % sind für mehr als 50 % aller CO2-Emissionen verantwortlich. Die Armen emittieren weit weniger als 2 bis 2,3 Tonnen CO2 pro Person und Jahr (das ist die durchschnittliche Menge, die im Jahr 2030 erreicht werden muss, um mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 % die Netto-Null-Emissionen bis 2050 zu erreichen). Ein Dollar, der ausgegeben wird, um die Bedürfnisse des reichsten Prozents zu befriedigen, emittiert dreißigmal mehr CO2 als ein Dollar, der investiert wird, um die sozialen Bedürfnisse der ärmsten 50 % der Weltbevölkerung zu befriedigen.
Die Klimaauswirkungen einer Produktion, die allein auf die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse abzielt – vor allem, wenn sie demokratisch geplant und vom öffentlichen Sektor unter Bedingungen sozialer Gleichheit unternommen wird –, sind viel geringer als die einer Produktion, die auf die Befriedigung der Bedürfnisse der Reichen durch BIP-Wachstum und blinden Marktwettbewerb um Profit ausgerichtet ist. Erforderlich wäre, dass das reichste Prozent seinen Kohlenstoff-Fußabdruck radikal verringert (diese Gruppe muss ihre Emissionen in wenigen Jahren im Norden wie im Süden auf ein Dreißigstel senken). Zum anderen sind alle zur Zurückhaltung beim Ausstoß von Treibhausgasen aufgerufen. Um die Katastrophe zu stoppen, ist eine Gesellschaft erforderlich, die Wohlstand und Gleichheit wie nie zuvor garantiert. Doch die Reichen weigern sich, auch nur die geringsten Anstrengungen zu unternehmen! Im Gegenteil: Sie wollen immer mehr Privilegien!
Die Regierungen haben sich verpflichtet, unter +1,5°C zu bleiben, die Artenvielfalt zu erhalten, eine „nachhaltige Entwicklung“ voranzutreiben und den Grundsatz der „gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortlichkeiten und Kapazi- täten“ in der ökologischen Krise zu berücksichtigen. Gleichzeitig produzieren sie immer mehr Güter und verbrauchen immer mehr Energie. Es ist ausgeschlossen, dass dieses Bündel an Versprechen vom Kapital eingelöst werden kann.
Die Fakten zeigen Folgendes:
- • 33 Jahre nach dem Erdgipfel von Rio (1992) wird der globale Energiemix nach wie vor von fossilen Brennstoffen dominiert (84 % im Jahr 2020). Die Gesamtproduktion fossiler Brennstoffe ist um 62 % gestiegen, und zwar von 83.000 Terawattstunden (TWh)2 im Jahr 1992 auf 136.000 TWh im Jahr 2021, wobei die erneuerbaren Energien das überwiegend auf fossilen Brennstoffen beruhende Energiesystem bloß ergänzen und dabei den Kapitalisten neue Möglichkeiten und neue Märkte eröffnen.
- • Angesichts der durch die Pandemie ausgelösten und durch den imperialistischen Krieg Russlands gegen die Ukraine verschärften Energiekrise haben alle kapitalistischen Mächte Kohle, Erdöl, Erdgas (einschließlich Schiefergas) und oft auch Atomkraft wiederbelebt.
- • Die Förderung der künstlichen Intelligenz (KI) durch Big-Tech-Unternehmen und kapitalistische Regierungen stellt eine neue Bedrohung dar. Rechenzentren und Krypto-Mining3 verbrauchen fast 2 % der weltweiten Elektrizität. Dieser Verbrauch wird mit der Ausweitung der KI, die enorme Mengen an Energie und Kühlwasser benötigt, drastisch ansteigen. Das Leben der Menschen wird in vieler Hinsicht beeinträchtigt werden. Der kapitalistische Einsatz von KI bedroht zigmillionen Arbeitsplätze, entwertet und untergräbt das künstlerische und kulturelle Schaffen, verstärkt den systemischen Rassismus und beschleunigt die Verbreitung rechtsextremer Lügen. Darüber hinaus beschleunigt die KI die Raserei des rastlosen Kapitalismus, der die Aufmerksamkeit der Menschen monopolisiert und damit ihre Freizeit und ihre sozialen Beziehungen zerstört.
- • Der US-Imperialismus, der historisch gesehen die Hauptverantwortung für den Klimawandel trägt, verfügt über enorme Mittel, um die Katastrophe zu bekämpfen, aber seine politischen Vertreter ordnen diesen Kampf in krimineller Weise der Aufrechterhaltung ihrer Welthegemonie unter, wenn sie die Klimakrise nicht sogar überhaupt leugnen.
- • Die Maßnahmen, die die großen Verschmutzer unter dem Etikett „Dekarbonisierung“ ergreifen, gehen nicht nur am Ausmaß der Klimakrise vorbei, sondern beschleunigen auch den Extraktivismus auf Kosten der Weltbevölkerung und der Ökosysteme, vor allem in den abhängigen Ländern, aber auch im Norden und in den Weltmeeren.
- • Die sogenannte „Dekarbonisierung“ verschärft den imperialistischen Landraub und die Ausbeutung der Arbeitskräfte im Süden unter der Komplizenschaft lokaler Bourgeoisien. Beispiele dafür sind verschiedene Projekte zur Nutzung von Solar- und Windenergie in den Gebieten traditioneller Gemeinschaften, indigener Völker, bäuerlicher Bevölkerungen und Kleinfischer:innen in den Ländern des Südens sowie in „Freihandelszonen“, um „grünen Wasserstoff“ für die Industrie in den reichen Staaten zu erzeugen.
- • „CO2-Emissionshandel“, „Kohlenstoffkompensation“, „Biodiversitätskompensationen“ und „Marktmechanismen“, die auf dem Verständnis von Natur als Kapital beruhen, belasten in erster Linie die Armen, insbesondere indigene Völker, rassistisch unterdrückte Menschen und im Allgemeinen die Völker des Südens, die allesamt am wenigsten zur Krise beigetragen haben.
Theoretisch brauchbare, abstrakte Konzepte wie „Kreislaufwirtschaft“, „Resilienz“, „Energiewende“, „Biomimikry“4 werden in der Praxis zu hohlen Formeln, sobald sie dem kapitalistischen Produktivismus untergeordnet werden. Solange es keinen gesamtgesellschaftlichen Plan für die Umstellung der Produktion gibt, haben technische Verbesserungen (etwa zu einer kostengünstigeren Energieerzeugung) oft einen Rebound-Effekt5: Eine Senkung des Energiepreises führt im Allgemeinen zu einem höheren Energie- und Materialverbrauch.
Die Rechten machen das „galoppierende“ Bevölkerungswachstum für die globale Erwärmung und den Rückgang der Artenvielfalt verantwortlich. Auf diese Weise versuchen sie, die Unterdrückten für die Krise und ihr eigenes Elend verantwortlich zu machen, um ihnen Maßnahmen zur Bevölkerungskontrolle aufzuerlegen. In Wirklichkeit ist hohes Bevölkerungswachstum eher eine Folge als eine Ursache von Armut. Einkommenssicherheit, Zugang zu Nahrung, Bildung, Gesundheitsversorgung und Wohnraum, Gleichberechtigung der Geschlechter und die Stärkung der Rolle der Frau – all das trägt zum demografischen Übergang bei, weil die Sterblichkeits- und dann die Geburtenraten sinken.
Der kapitalistische Fetisch der Akkumulation verhindert die Anerkennung dieser Wahrheit. Angesichts der Klimakrise lässt er letztlich nur zwei Möglichkeiten zu: den Einsatz von Zauberlehrlingstechnologien (Atomkraft, CO2-Abscheidung und -Speicherung, Geo-Engineering …) oder die „natürliche Auslese“ mehrerer Milliarden armer Menschen in den armen Ländern.
Politisch spielen das Unvermögen und die Ungerechtigkeit des „grünen“ Kapitalismus einem fossilen, verschwörerischen, imperialistischen, rassistischen, aggressiven, machistischen und LGBTQI+-feindlichen Neofaschismus in die Hände, der vor dieser „natürliche Auslese“ nicht zurückschreckt. Ein Teil der Reichen bewegt sich auf ein gigantisches Verbrechen gegen die Menschheit zu und setzt zynisch darauf, dass ihr Reichtum sie verschonen wird, während man die Armen sterben lässt.
Der Weltkapitalismus schreitet nicht allmählich in Richtung Frieden und nachhaltige Entwicklung voran, sondern er bewegt sich rückwärts und mit großen Schritten in Richtung Krieg, Umweltkatastrophe, Völkermord und neofaschistische Barbarei.
Angesichts dieser Herausforderung reicht es nicht aus, das neoliberale Regime in Frage zu stellen und die Rolle des Staates neu zu bewerten. Es würde nicht einmal ausreichen, die Dynamik der Akkumulation zu stoppen (ein unmögliches Ziel im Kapitalismus!). Der globale Netto-Endenergieverbrauch muss radikal gesenkt werden – es muss also weltweit weniger produziert und weniger transportiert werden –, während sich der Energieverbrauch in den ärmeren Ländern erhöhen wird, um die sozialen Bedürfnisse zu befriedigen.
Das ist die einzig mögliche Lösung, um das legitime Bedürfnis nach Wohlstand für alle mit der Regeneration des globalen Ökosystems in Einklang zu bringen. Gerechte Suffizienz und gerechtes Degrowth – ökosozialistisches Degrowth – sind für die Rettung der Menschheit und des Planeten unabdingbar.
Ein Ausweg aus der produktivistischen Sackgasse ist nur unter folgenden Bedingungen möglich:
- • Abkehr vom „Technosolutionismus“, d. h. von der Vorstellung, dass die Lösung in neuen Technologien läge (deren Auswirkungen auf Energie und Ressourcen oft unterschätzt oder nicht berücksichtigt werden). In ökologisch kluger Weise müssen die vorhandenen Mittel genutzt werden, denn sie reichen aus, um die Bedürfnisse aller zu befriedigen.
- • Der ökologische Fußabdruck der Reichen muss drastisch reduziert werden, um ein gutes Leben für alle zu ermöglichen.
- • Dem freien Kapitalmarkt (Aktienmärkte, Privatbanken, Pensionsfonds) muss ein Ende gesetzt werden.
- • Die Märkte für Waren und Dienstleistungen sind zu regulieren.
- • Auf allen Ebenen der Gesellschaft gilt es, die Beziehungen zwischen Produzent:innen und Konsument:innen so direkt wie möglich zu gestalten sowie die Bewertung von Bedürfnissen und Ressourcen unter dem Gesichtspunkt von Gebrauchswerten und ökologischen und sozialen Prioritäten zu optimierenAuf demokratische Weise muss festgelegt werden, welche Bedürfnisse diese Gebrauchswerte auf welche Weise befriedigen müssen.
- • Im Mittelpunkt dieses demokratischen Prozesses müssen die Sorge um die Menschen und die Ökosysteme, die Achtung vor allen Lebewesen und das Wissen um die ökologischen Grenzen stehen.
- • Folglich sind nutzlose Produktion und nutzloser Transport zu unterbinden und die gesamte produktive Tätigkeit sowie Verteilung und Verbrauch zu überdenken und neu zu organisieren.
Diese Anforderungen sind notwendig, aber nicht ausreichend. Soziale und ökologische Krisen sind untrennbar miteinander verbunden. Wir brauchen dringend ein emanzipatorisches Projekt für die Ausgebeuteten und Unterdrückten. Ein klassenbasiertes Projekt, das über die Grundbedürfnisse hinaus dem Sein und nicht dem Haben verpflichtet ist. Ein Projekt, welches das Konsumverhalten, die Beziehung zur nicht-menschlichen Natur, die Vorstellungen von Glück und die Vision, die der Mensch von der Welt hat, tiefgreifend verändert. Ein antiproduktivistisches Projekt für ein besseres Leben, das auf alle Lebewesen auf dem einzigen bewohnbaren Planeten des Sonnensystems Rücksicht nimmt.
Der Kapitalismus hat die Menschheit schon einmal in eine äußerst bedrohliche Lage gebracht, nämlich am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Die nationalistische Hysterie ergriff die Massen und die Sozialdemokratie verriet ihr Versprechen, auf den Krieg mit einer Revolution zu antworten. Sie gab grünes Licht für das bis dahin schlimmste Morden in der Geschichte der Menschheit. Dennoch bezeichnete Lenin die Situation als „objektiv revolutionär“. Nur eine Revolution kann dem Gemetzel Einhalt gebieten, sagte er. Die Geschichte hat ihm Recht gegeben: Die Revolution in Russland und die Aussicht auf ihre Ausbreitung haben die Bourgeoisien gezwungen, dem Gemetzel ein Ende zu setzen. Der Vergleich passt natürlich nur beschränkt, denn Vermittlungsschritte hin zu revolutionärer Aktion sind heute unendlich komplexer. Aber eine Bewusstseinsbildung ist heute genauso notwendig. Angesichts der ökologischen Krise ist eine antikapitalistische Revolution objektiv gesehen sogar noch dringlicher. Diese grundsätzliche Beurteilung muss Grundlage für die Ausarbeitung eines Programms, einer Strategie und Taktik sein, denn es gibt keine andere Möglichkeit, die Katastrophe zu verhindern.
Endnoten
1 In diesem Manifest bezeichnen wir mit dem Begriff „Globaler Süden“ die abhängigen Länder und die Länder der Peripherie in Asien, Afrika und Lateinamerika. […]
2 Terawattstunde (1 TWh = 1 Milliarde kWh). […]
3 Erzeugung und Verwaltung von Kryptowährungen, etwa Bitcoin. (Anm. d. Übers.)
4 Die Nachahmung biologischer Systeme und Prozesse, um Probleme zu lösen. (Anm. d. Übers).
5 Der „Rebound-Effekt“ ist auch als „Jevons-Paradoxon“ bekannt.
