Die objek­ti­ve Not­wen­dig­keit einer öko­so­zia­lis­ti­schen Revolution

 

Redak­tio­nel­le Vor­be­mer­kung: Der fol­gen­de Text ist dem Mani­fest für eine öko­so­zia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on ent­nom­men (S. 6 - 12). Es wur­de unter dem Titel „Mit dem kapi­ta­lis­ti­schen Wachs­tum bre­chen!“ als Bro­schü­re vom Neu­en ISP Ver­lag veröffentlicht.

ISO-Transparent auf der Antikriegsdemo am 5. März 2022 in Mannheim. (Foto: Avanti².)

ISO-Trans­pa­rent auf der Anti­kriegs­de­mo am 5. März 2022 in Mann­heim. (Foto: Avanti².)

Über­all auf der Welt gewin­nen rechts­extre­me, auto­ri­tä­re und halb­fa­schis­ti­sche Kräf­te an Macht und Ein­fluss. Das Feh­len einer Ant­wort auf die Kri­se des Spät­ka­pi­ta­lis­mus führt zu Ver­zweif­lung, Frau­en­feind­lich­keit, Ras­sis­mus, Que­er­pho­bie, Leug­nung des Kli­ma­wan­dels und ganz all­ge­mein zu reak­tio­nä­ren Kon­zep­ten. Aus Angst, dass die öko­lo­gi­sche Kri­se ganz hand­fest die Pro­fit­ak­ku­mu­la­ti­on bedroht, wen­den sich die Mil­li­ar­dä­re einer neu­en extre­men Rech­ten zu, die ihre Diens­te anbie­tet, um das Sys­tem mit­tels Lügen und sozia­ler Dem­ago­gie zu ret­ten. Auto­ri­tä­re Poli­tik und Olig­ar­chen bil­den eine mäch­ti­ge Alli­anz, um die Macht des Kapi­tals zu sichern. Sie zie­len auf den Umwelt­schutz, aber auch auf die sozia­len Siche­rungs­sys­te­me und füh­ren einen Krieg gegen die Arbeiter:innen und die Armen, obwohl sie behaup­ten, genau die­se Men­schen gegen das Estab­lish­ment zu vertreten.

Das Kapi­tal tri­um­phiert, aber sein Tri­umph stürzt es in die von Marx auf­ge­zeig­ten unüber­wind­ba­ren Wider­sprü­che. Ange­sichts die­ser Wider­sprü­che sprach Rosa Luxem­burg 1915 ihre War­nung aus: „Sozia­lis­mus oder Bar­ba­rei“. Ein­hun­dert­zehn Jah­re spä­ter ist die­se War­nung aktu­el­ler denn je, denn die Kata­stro­phe, die sich um uns her­um abspielt, ist ohne Bei­spiel. Zu den Ver­hee­run­gen durch Krieg, Kolo­nia­lis­mus, Aus­beu­tung, Ras­sis­mus, Auto­ri­ta­ris­mus und der Unter­drü­ckung aller Art kommt näm­lich eine neue Gei­ßel hin­zu, die alle ande­ren in den Schat­ten stellt: die rasan­te vom Kapi­tal ver­ur­sach­te Zer­stö­rung der natür­li­chen Umwelt, von der das Über­le­ben der Mensch­heit abhängt.

Die Wis­sen­schaft hat neun glo­ba­le Indi­ka­to­ren für öko­lo­gi­sche Nach­hal­tig­keit ermit­telt. Bei sie­ben von ihnen ist die Gefähr­dungs­gren­ze erreicht. Auf­grund der kapi­ta­lis­ti­schen Akku­mu­la­ti­ons­lo­gik wur­de die Gren­ze bei min­des­tens sechs die­ser Indi­ka­to­ren bereits über­schrit­ten: Kli­ma, Öko­sys­tem­in­te­gri­tät, Stick­stoff- und Phos­phor­kreis­lauf, Grund- und Ober­flä­chen­süß­was­ser, Land­nut­zungs­än­de­rung und Ver­schmut­zung durch neu­ar­ti­ge Che­mi­ka­li­en. Haupt­leid­tra­gen­de sind die Armen, ins­be­son­de­re in den armen Ländern.

Unter der Peit­sche der Kon­kur­renz ver­stär­ken die Groß­in­dus­trie und der Finanz­sek­tor ihre des­po­ti­sche Herr­schaft über die Men­schen und die Erde. Die Zer­stö­rung geht wei­ter, allen War­nun­gen der Wis­sen­schaft zum Trotz. Das Stre­ben nach Pro­fit ver­langt zwangs­läu­fig nach immer mehr Märk­ten und immer mehr Waren, also auch nach ver­stärk­ter Aus­beu­tung der Arbeits­kraft und noch rück­sichts­lo­se­rer Plün- derung der natür­li­chen Ressourcen.

Das lega­le Kapi­tal, das soge­nann­te kri­mi­nel­le Kapi­tal und die bür­ger­li­che Poli­tik sind eng mit­ein­an­der ver­wo­ben. Der Glo­bus wird von den Ban­ken, den mul­ti­na­tio­na­len Kon­zer­nen und den Rei­chen auf Pump gekauft. Die Regie­run­gen beschnei­den zuneh­mend die demo­kra­ti­schen und die Men­schen­rech­te durch bru­ta­le Repres­si­on und tech­no­lo­gi­sche Kontrolle.

Sozia­le Ungleich­heit und Umwelt­zer­stö­rung haben die­sel­ben Ursa­chen. Es wäre eine Unter­trei­bung zu sagen, dass die Gren­zen der Nach­hal­tig­keit auch auf sozia­ler Ebe­ne über­schrit­ten sind. Der Kapi­ta­lis­mus bringt Not für Mil­li­ar­den von Men­schen und unend­li­chen Reich­tum für eini­ge weni­ge. Auf der einen Sei­te schü­ren nied­ri­ge Löh­ne sowie der Man­gel an Arbeits­plät­zen, Wohn­raum und öffent­li­chen Dienst­leis­tun­gen die reak­tio­nä­re Vor­stel­lung, dass es nicht genug Res­sour­cen gäbe, um die Bedürf­nis­se aller zu befrie­di­gen. Auf der ande­ren Sei­te ste­hen die Super­rei­chen mit ihren Yach­ten, ihren Jets, ihren Swim­ming­pools, ihren exklu­si­ven, rie­si­gen Golf­plät­zen, ihren SUVs, ihrem Welt­raum­tou­ris­mus, ihrem Schmuck, ihrer Hau­te Cou­ture und ihren luxu­riö­sen Häu­sern in allen Tei­len der Welt. Das reichs­te Pro­zent besitzt genau so viel wie 50 % der Welt­be­völ­ke­rung. Die „Trick­le-Down-Theo­rie“ ist ein Mythos. Der Wohl­stand „sickert“ zu den Rei­chen, nicht umge­kehrt. Die Armut nimmt selbst in den „ent­wi­ckel­ten“ Län­dern zu. Die Arbeits­ein­kom­men wer­den rück­sichts­los gedrückt, sozia­le Absi­che­run­gen – sofern vor­han­den – wer­den abge­baut. Die kapi­ta­lis­ti­sche Welt­wirt­schaft schwimmt auf einem Oze­an aus Schul­den, Aus­beu­tung und Ungleichheit.

Inner­halb der Arbei­ter­klas­se trifft es die von Ras­sis­mus betrof­fe­nen Tei­le am här­tes­ten. Eth­nisch und ras­sis­tisch unter­drück­te Gemein­schaf­ten wer­den bewusst in Gebie­te gedrängt, die häu­fig durch gif­ti­ge und gefähr­li­che Abfäl­le ver­seucht sind, oder in Hoch­ri­si­ko­ge­bie­te, für die es kei­ne Stadt­pla­nung gibt (etwa in Hang­la­gen). Die­se Bevöl­ke­rungs­grup­pen sind Opfer von Umwelt­ras­sis­mus, denn sie wer­den von der Pla­nung und Umset­zung umwelt­po­li­ti­scher Maß­nah­men sys­te­ma­tisch ausgeschlossen.

Mit der Zuwei­sung der Pfle­ge­ar­beit an Frau­en ist es dem Kapi­tal mög­lich, die Repro­duk­ti­on bil­lig zu hal­ten, was die Umset­zung einer rigo­ro­sen Spar­po­li­tik erleich­tert. Im All­ge­mei­nen gilt nach wie vor: Von Ungleich­heit und Dis­kri­mi­nie­rung sind am stärks­ten Frau­en betrof­fen; sie leis­ten den größ­ten Teil der Haus-, Pfle­ge- und Betreu­ungs­ar­beit, sei es unent­gelt­lich oder gegen Bezah­lung. Sie erhal­ten nur 35 % des Ein­kom­mens der abhän­gig Beschäf­tig­ten. In eini­gen Regio­nen der Welt (Chi­na, Russ­land, Zen­tral­asi­en) geht die­ser Anteil zurück, teil­wei­se sogar erheb­lich. Aber auch außer­halb der Arbeits­welt wer­den Frau­en auf allen Ebe­nen als Frau­en ange­grif­fen – von Sexis­mus und sexu­el­ler Gewalt (Femi­zi­de, Ver­ge­wal­ti­gun­gen und Men­schen­han­del) bis dahin, ihnen Rech­te zu ver­wei­gern: Recht auf Nah­rung, Recht auf Bil­dung, Recht auf Respekt und das Recht, über ihren eige­nen Kör­per zu bestimmen.

LGBTQI+-Menschen, ins­be­son­de­re Trans­gen­der-Per­so­nen, sind Ziel­schei­be einer glo­ba­len reak­tio­nä­ren Offen­si­ve. Das ver­schärft ihre pre­kä­re Lage und Dis­kri­mi­nie­rung und gefähr­det ihren Zugang zur Gesund­heits­ver­sor­gung und folg­lich auch die öffent­li­che Gesund­heit im Allgemeinen.

Men­schen mit Behin­de­run­gen wer­den vom Kapi­tal aus­sor­tiert, weil sie nicht für den Pro­fit arbei­ten kön­nen oder ihre Arbeit Anpas­sun­gen erfor­dert, die den Pro­fit schmä­lern. Eini­ge sind Opfer von Zwangs­ste­ri­li­sa­tio­nen. Der Ungeist der Euge­nik kommt wie­der zum Vorschein.

Wäh­rend alte Men­schen aus der Arbei­ter­klas­se (und auch aus Tei­len der „Mit­tel­schicht“) aus­ran­giert wer­den, wird das Leben künf­ti­ger Gene­ra­tio­nen im Vor­aus beschnit­ten. Die meis­ten Eltern aus der Arbei­ter­klas­se glau­ben nicht mehr dar­an, dass es ihren Kin­dern ein­mal bes­ser gehen wird als ihnen selbst. Eine wach­sen­de Zahl jun­ger Men­schen beob­ach­tet mit Schre­cken, Wut und Trau­er die orga­ni­sier­te Zer­stö­rung ihrer Welt, die ver­ge­wal­tigt, aus­ge­brannt, in Beton ertränkt und vom kal­ten Was­ser ego­is­ti­scher Berech­nung ver­schlun­gen wird.

Die Gei­ßeln des Hun­gers, der Ernäh­rungs­un­si­cher­heit und der Unter­ernäh­rung waren am Ende des 20. Jahr­hun­derts zurück­ge­gan­gen. Jetzt neh­men sie infol­ge eines kata­stro­pha­len Zusam­men­wir­kens von Neo­li­be­ra­lis­mus, Mili­ta­ris­mus und Kli­ma­wan­del wie­der zu: Fast jeder zehn­te Mensch hun­gert, fast jeder drit­te lei­det an Ernäh­rungs­un­si­cher­heit, mehr als drei Mil­li­ar­den kön­nen sich kei­ne gesun­de Ernäh­rung leis­ten. Mil­lio­nen Kin­der unter fünf Jah­ren sind durch Hun­ger unter­ent­wi­ckelt. Die aller­meis­ten von ihnen haben nur einen ein­zi­gen „Feh­ler“: Sie wur­den an der kapi­ta­lis­ti­schen Peri­phe­rie geboren.

Die Hoff­nung auf eine fried­li­che Welt hat sich ver­flüch­tigt. Mehr als drei­ßig Län­der der Welt sind aktu­ell oder waren in jüngs­ter Zeit in Krie­ge von erheb­li­chem Aus­maß ver­wi­ckelt, dar­un­ter der Sudan, der Irak, der Jemen, Paläs­ti­na, Syri­en, die Ukrai­ne, Liby­en, die Demo­kra­ti­sche Repu­blik Kon­go und Myan­mar. Die Kli­ma­kri­se, Extrem­wet­ter­la­gen und die dar­aus resul­tie­ren­den star­ken Migra­ti­ons­strö­me schü­ren zahl­rei­che Kon­flik­te rund um den Glo­bus. Das Leid, her­vor­ge­ru­fen durch die Ver­trei­bung und den Tod zahl­rei­cher Men­schen, ist unermesslich.

Auf­grund der Aus­ein­an­der­set­zun­gen der impe­ria­lis­ti­schen Mäch­te wer­den drin­gend erfor­der­li­che Maß­nah­men gegen den Kli­ma­wan­del und für eine nach­hal­ti­ge Zukunft in Fra­ge gestellt. Krie­ge sind nicht nur ver­hee­rend für das Leben der Men­schen (sie tref­fen im Beson­de­ren Frau­en durch den geziel­ten Ein­satz von Ver­ge­wal­ti­gun­gen und sie ent­mensch­li­chen all­ge­mein das Zusam­men­le­ben), son­dern sie schä­di­gen auch den Pla­ne­ten, auf dem wir leben. Sie zer­stö­ren Lebens­räu­me, füh­ren zur Abhol­zung von Wäl­dern, ver­gif­ten Böden, Was­ser und Luft und gehö­ren zu den Haupt­quel­len von Kohlenstoffemissionen.

Der bru­ta­le Krieg Russ­lands gegen die Ukrai­ne und die eth­ni­sche Säu­be­rung gegen das paläs­ti­nen­si­sche Volk, die im Gaza-Krieg 2023/24 ein neu­es Aus­maß erreicht hat, sind schwe­re Ver­bre­chen gegen die Mensch­heit. Bei­de Fäl­le bele­gen den bar­ba­ri­schen Cha­rak­ter des Kapi­ta­lis­mus. Der impe­ria­lis­ti­sche Angriffs­krieg Russ­lands gegen die Ukrai­ne hat die geo­po­li­ti­schen Span­nun­gen ver­schärft. Er mar­kiert den Ein­tritt in eine neue Ära des impe­ria­lis­ti­schen Kon­kur­renz­kampfs um die glo­ba­le Vor­herr­schaft. Dabei geht es vor allem um Land, Ener­gie und Bodenschätze.

Alle könn­ten ein gutes Leben auf der Erde haben, aber der Kapi­ta­lis­mus ist ein aus­beu­te­ri­scher, machis­ti­scher, ras­sis­ti­scher, krie­ge­ri­scher, auto­ri­tä­rer und letzt­end­lich töd­li­cher Raub­bau. Pro­duk­ti­vis­mus ist destruk­tiv. Die rück­halt­lo­se Aus­beu- tung der natür­li­chen Res­sour­cen, der zügel­lo­se Extrak­ti­vis­mus, das Stre­ben nach kurz­fris­ti­gen Pro­fi­ten, die Abhol­zung der Wäl­der und die Land­nut­zungs­än­de­rung füh­ren zu einem Zusam­men­bruch der Arten­viel­falt, d. h. des Lebens selbst.

Der Kli­ma­wan­del ist der gefähr­lichs­te Aspekt der Umwelt­zer­stö­rung; er ist eine in der Geschich­te noch nie dage­we­se­ne Gefahr für das mensch­li­che Leben. Die Erde droht zu einem bio­lo­gi­schen Ödland zu wer­den, unbe­wohn­bar für Mil­li­ar­den armer Men­schen, die für die­se Kata­stro­phe nicht ver­ant­wort­lich sind. Um die­se Kata­stro­phe auf­zu­hal­ten, müs­sen wir die welt­wei­ten Koh­len­di­oxid- und Methan­emis­sio­nen vor 2030 hal­bie­ren und vor 2050 errei­chen, dass die Net­to-Treib­haus­gas­emis­sio­nen bei null lie­gen. Vor­ran­gig geht es dar­um, die fos­si­len Brenn­stof­fe, die Agrar­kon­zer­ne, die Fleisch­in­dus­trie und die Hyper­mo­bi­li­tät zu bekämp­fen und welt­weit ins­ge­samt weni­ger zu produzieren.

Ist es vor die­sem Hin­ter­grund mög­lich, die legi­ti­men Bedürf­nis­se von drei Mil­li­ar­den Men­schen zu befrie­di­gen, die unter ent­setz­li­chen Bedin­gun­gen leben, vor allem in den Län­dern des glo­ba­len Südens1? Ja! Das reichs­te Pro­zent emit­tiert fast dop­pelt so viel CO2 wie die ärms­ten 50 %. Die reichs­ten 10 % sind für mehr als 50 % aller CO2-Emis­sio­nen ver­ant­wort­lich. Die Armen emit­tie­ren weit weni­ger als 2 bis 2,3 Ton­nen CO2 pro Per­son und Jahr (das ist die durch­schnitt­li­che Men­ge, die im Jahr 2030 erreicht wer­den muss, um mit einer Wahr­schein­lich­keit von 50 % die Net­to-Null-Emis­sio­nen bis 2050 zu errei­chen). Ein Dol­lar, der aus­ge­ge­ben wird, um die Bedürf­nis­se des reichs­ten Pro­zents zu befrie­di­gen, emit­tiert drei­ßig­mal mehr CO2 als ein Dol­lar, der inves­tiert wird, um die sozia­len Bedürf­nis­se der ärms­ten 50 % der Welt­be­völ­ke­rung zu befriedigen.

Die Kli­ma­aus­wir­kun­gen einer Pro­duk­ti­on, die allein auf die Befrie­di­gung mensch­li­cher Bedürf­nis­se abzielt – vor allem, wenn sie demo­kra­tisch geplant und vom öffent­li­chen Sek­tor unter Bedin­gun­gen sozia­ler Gleich­heit unter­nom­men wird –, sind viel gerin­ger als die einer Pro­duk­ti­on, die auf die Befrie­di­gung der Bedürf­nis­se der Rei­chen durch BIP-Wachs­tum und blin­den Markt­wett­be­werb um Pro­fit aus­ge­rich­tet ist. Erfor­der­lich wäre, dass das reichs­te Pro­zent sei­nen Koh­len­stoff-Fuß­ab­druck radi­kal ver­rin­gert (die­se Grup­pe muss ihre Emis­sio­nen in weni­gen Jah­ren im Nor­den wie im Süden auf ein Drei­ßigs­tel sen­ken). Zum ande­ren sind alle zur Zurück­hal­tung beim Aus­stoß von Treib­haus­ga­sen auf­ge­ru­fen. Um die Kata­stro­phe zu stop­pen, ist eine Gesell­schaft erfor­der­lich, die Wohl­stand und Gleich­heit wie nie zuvor garan­tiert. Doch die Rei­chen wei­gern sich, auch nur die gerings­ten Anstren­gun­gen zu unter­neh­men! Im Gegen­teil: Sie wol­len immer mehr Privilegien!

Die Regie­run­gen haben sich ver­pflich­tet, unter +1,5°C zu blei­ben, die Arten­viel­falt zu erhal­ten, eine „nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung“ vor­an­zu­trei­ben und den Grund­satz der „gemein­sa­men, aber dif­fe­ren­zier­ten Ver­ant­wort­lich­kei­ten und Kapa­zi- täten“ in der öko­lo­gi­schen Kri­se zu berück­sich­ti­gen. Gleich­zei­tig pro­du­zie­ren sie immer mehr Güter und ver­brau­chen immer mehr Ener­gie. Es ist aus­ge­schlos­sen, dass die­ses Bün­del an Ver­spre­chen vom Kapi­tal ein­ge­löst wer­den kann.

Die Fak­ten zei­gen Folgendes:

  • • 33 Jah­re nach dem Erd­gip­fel von Rio (1992) wird der glo­ba­le Ener­gie­mix nach wie vor von fos­si­len Brenn­stof­fen domi­niert (84 % im Jahr 2020). Die Gesamt­pro­duk­ti­on fos­si­ler Brenn­stof­fe ist um 62 % gestie­gen, und zwar von 83.000 Tera­watt­stun­den (TWh)2 im Jahr 1992 auf 136.000 TWh im Jahr 2021, wobei die erneu­er­ba­ren Ener­gien das über­wie­gend auf fos­si­len Brenn­stof­fen beru­hen­de Ener­gie­sys­tem bloß ergän­zen und dabei den Kapi­ta­lis­ten neue Mög­lich­kei­ten und neue Märk­te eröffnen.
  • • Ange­sichts der durch die Pan­de­mie aus­ge­lös­ten und durch den impe­ria­lis­ti­schen Krieg Russ­lands gegen die Ukrai­ne ver­schärf­ten Ener­gie­kri­se haben alle kapi­ta­lis­ti­schen Mäch­te Koh­le, Erd­öl, Erd­gas (ein­schließ­lich Schie­fer­gas) und oft auch Atom­kraft wiederbelebt.
  • • Die För­de­rung der künst­li­chen Intel­li­genz (KI) durch Big-Tech-Unter­neh­men und kapi­ta­lis­ti­sche Regie­run­gen stellt eine neue Bedro­hung dar. Rechen­zen­tren und Kryp­to-Mining3 ver­brau­chen fast 2 % der welt­wei­ten Elek­tri­zi­tät. Die­ser Ver­brauch wird mit der Aus­wei­tung der KI, die enor­me Men­gen an Ener­gie und Kühl­was­ser benö­tigt, dras­tisch anstei­gen. Das Leben der Men­schen wird in vie­ler Hin­sicht beein­träch­tigt wer­den. Der kapi­ta­lis­ti­sche Ein­satz von KI bedroht zig­mil­lio­nen Arbeits­plät­ze, ent­wer­tet und unter­gräbt das künst­le­ri­sche und kul­tu­rel­le Schaf­fen, ver­stärkt den sys­te­mi­schen Ras­sis­mus und beschleu­nigt die Ver­brei­tung rechts­extre­mer Lügen. Dar­über hin­aus beschleu­nigt die KI die Rase­rei des rast­lo­sen Kapi­ta­lis­mus, der die Auf­merk­sam­keit der Men­schen mono­po­li­siert und damit ihre Frei­zeit und ihre sozia­len Bezie­hun­gen zerstört.
  • • Der US-Impe­ria­lis­mus, der his­to­risch gese­hen die Haupt­ver­ant­wor­tung für den Kli­ma­wan­del trägt, ver­fügt über enor­me Mit­tel, um die Kata­stro­phe zu bekämp­fen, aber sei­ne poli­ti­schen Ver­tre­ter ord­nen die­sen Kampf in kri­mi­nel­ler Wei­se der Auf­recht­erhal­tung ihrer Welthe­ge­mo­nie unter, wenn sie die Kli­ma­kri­se nicht sogar über­haupt leugnen.
  • • Die Maß­nah­men, die die gro­ßen Ver­schmut­zer unter dem Eti­kett „Dekar­bo­ni­sie­rung“ ergrei­fen, gehen nicht nur am Aus­maß der Kli­ma­kri­se vor­bei, son­dern beschleu­ni­gen auch den Extrak­ti­vis­mus auf Kos­ten der Welt­be­völ­ke­rung und der Öko­sys­te­me, vor allem in den abhän­gi­gen Län­dern, aber auch im Nor­den und in den Weltmeeren.
  • • Die soge­nann­te „Dekar­bo­ni­sie­rung“ ver­schärft den impe­ria­lis­ti­schen Land­raub und die Aus­beu­tung der Arbeits­kräf­te im Süden unter der Kom­pli­zen­schaft loka­ler Bour­geoi­si­en. Bei­spie­le dafür sind ver­schie­de­ne Pro­jek­te zur Nut­zung von Solar- und Wind­ener­gie in den Gebie­ten tra­di­tio­nel­ler Gemein­schaf­ten, indi­ge­ner Völ­ker, bäu­er­li­cher Bevöl­ke­run­gen und Kleinfischer:innen in den Län­dern des Südens sowie in „Frei­han­dels­zo­nen“, um „grü­nen Was­ser­stoff“ für die Indus­trie in den rei­chen Staa­ten zu erzeugen.
  • • „CO2-Emis­si­ons­han­del“, „Koh­len­stoff­kom­pen­sa­ti­on“, „Bio­di­ver­si­täts­kom­pen­sa­tio­nen“ und „Markt­me­cha­nis­men“, die auf dem Ver­ständ­nis von Natur als Kapi­tal beru­hen, belas­ten in ers­ter Linie die Armen, ins­be­son­de­re indi­ge­ne Völ­ker, ras­sis­tisch unter­drück­te Men­schen und im All­ge­mei­nen die Völ­ker des Südens, die alle­samt am wenigs­ten zur Kri­se bei­getra­gen haben.

Theo­re­tisch brauch­ba­re, abs­trak­te Kon­zep­te wie „Kreis­lauf­wirt­schaft“, „Resi­li­enz“, „Ener­gie­wen­de“, „Bio­mi­mi­kry“4 wer­den in der Pra­xis zu hoh­len For­meln, sobald sie dem kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­vis­mus unter­ge­ord­net wer­den. Solan­ge es kei­nen gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Plan für die Umstel­lung der Pro­duk­ti­on gibt, haben tech­ni­sche Ver­bes­se­run­gen (etwa zu einer kos­ten­güns­ti­ge­ren Ener­gie­er­zeu­gung) oft einen Rebound-Effekt5: Eine Sen­kung des Ener­gie­prei­ses führt im All­ge­mei­nen zu einem höhe­ren Ener­gie- und Materialverbrauch.

Die Rech­ten machen das „galop­pie­ren­de“ Bevöl­ke­rungs­wachs­tum für die glo­ba­le Erwär­mung und den Rück­gang der Arten­viel­falt ver­ant­wort­lich. Auf die­se Wei­se ver­su­chen sie, die Unter­drück­ten für die Kri­se und ihr eige­nes Elend ver­ant­wort­lich zu machen, um ihnen Maß­nah­men zur Bevöl­ke­rungs­kon­trol­le auf­zu­er­le­gen. In Wirk­lich­keit ist hohes Bevöl­ke­rungs­wachs­tum eher eine Fol­ge als eine Ursa­che von Armut. Ein­kom­mens­si­cher­heit, Zugang zu Nah­rung, Bil­dung, Gesund­heits­ver­sor­gung und Wohn­raum, Gleich­be­rech­ti­gung der Geschlech­ter und die Stär­kung der Rol­le der Frau – all das trägt zum demo­gra­fi­schen Über­gang bei, weil die Sterb­lich­keits- und dann die Gebur­ten­ra­ten sinken.

Der kapi­ta­lis­ti­sche Fetisch der Akku­mu­la­ti­on ver­hin­dert die Aner­ken­nung die­ser Wahr­heit. Ange­sichts der Kli­ma­kri­se lässt er letzt­lich nur zwei Mög­lich­kei­ten zu: den Ein­satz von Zau­ber­lehr­lings­tech­no­lo­gien (Atom­kraft, CO2-Abschei­dung und -Spei­che­rung, Geo-Engi­nee­ring …) oder die „natür­li­che Aus­le­se“ meh­re­rer Mil­li­ar­den armer Men­schen in den armen Ländern.

Poli­tisch spie­len das Unver­mö­gen und die Unge­rech­tig­keit des „grü­nen“ Kapi­ta­lis­mus einem fos­si­len, ver­schwö­re­ri­schen, impe­ria­lis­ti­schen, ras­sis­ti­schen, aggres­si­ven, machis­ti­schen und LGBTQI+-feindlichen Neo­fa­schis­mus in die Hän­de, der vor die­ser „natür­li­che Aus­le­se“ nicht zurück­schreckt. Ein Teil der Rei­chen bewegt sich auf ein gigan­ti­sches Ver­bre­chen gegen die Mensch­heit zu und setzt zynisch dar­auf, dass ihr Reich­tum sie ver­scho­nen wird, wäh­rend man die Armen ster­ben lässt.

Der Welt­ka­pi­ta­lis­mus schrei­tet nicht all­mäh­lich in Rich­tung Frie­den und nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung vor­an, son­dern er bewegt sich rück­wärts und mit gro­ßen Schrit­ten in Rich­tung Krieg, Umwelt­ka­ta­stro­phe, Völ­ker­mord und neo­fa­schis­ti­sche Barbarei.

Ange­sichts die­ser Her­aus­for­de­rung reicht es nicht aus, das neo­li­be­ra­le Regime in Fra­ge zu stel­len und die Rol­le des Staa­tes neu zu bewer­ten. Es wür­de nicht ein­mal aus­rei­chen, die Dyna­mik der Akku­mu­la­ti­on zu stop­pen (ein unmög­li­ches Ziel im Kapi­ta­lis­mus!). Der glo­ba­le Net­to-End­ener­gie­ver­brauch muss radi­kal gesenkt wer­den – es muss also welt­weit weni­ger pro­du­ziert und weni­ger trans­por­tiert wer­den –, wäh­rend sich der Ener­gie­ver­brauch in den ärme­ren Län­dern erhö­hen wird, um die sozia­len Bedürf­nis­se zu befriedigen.

Das ist die ein­zig mög­li­che Lösung, um das legi­ti­me Bedürf­nis nach Wohl­stand für alle mit der Rege­ne­ra­ti­on des glo­ba­len Öko­sys­tems in Ein­klang zu brin­gen. Gerech­te Suf­fi­zi­enz und gerech­tes Degrowth – öko­so­zia­lis­ti­sches Degrowth – sind für die Ret­tung der Mensch­heit und des Pla­ne­ten unabdingbar.

Ein Aus­weg aus der pro­duk­ti­vis­ti­schen Sack­gas­se ist nur unter fol­gen­den Bedin­gun­gen möglich:

  • • Abkehr vom „Tech­no­so­lu­tio­nis­mus“, d. h. von der Vor­stel­lung, dass die Lösung in neu­en Tech­no­lo­gien läge (deren Aus­wir­kun­gen auf Ener­gie und Res­sour­cen oft unter­schätzt oder nicht berück­sich­tigt wer­den). In öko­lo­gisch klu­ger Wei­se müs­sen die vor­han­de­nen Mit­tel genutzt wer­den, denn sie rei­chen aus, um die Bedürf­nis­se aller zu befriedigen.
  • • Der öko­lo­gi­sche Fuß­ab­druck der Rei­chen muss dras­tisch redu­ziert wer­den, um ein gutes Leben für alle zu ermöglichen.
  • • Dem frei­en Kapi­tal­markt (Akti­en­märk­te, Pri­vat­ban­ken, Pen­si­ons­fonds) muss ein Ende gesetzt werden.
  • • Die Märk­te für Waren und Dienst­leis­tun­gen sind zu regulieren.
  • • Auf allen Ebe­nen der Gesell­schaft gilt es, die Bezie­hun­gen zwi­schen Produzent:innen und Konsument:innen so direkt wie mög­lich zu gestal­ten sowie die Bewer­tung von Bedürf­nis­sen und Res­sour­cen unter dem Gesichts­punkt von Gebrauchs­wer­ten und öko­lo­gi­schen und sozia­len Prio­ri­tä­ten zu opti­mie­ren­Auf demo­kra­ti­sche Wei­se muss fest­ge­legt wer­den, wel­che Bedürf­nis­se die­se Gebrauchs­wer­te auf wel­che Wei­se befrie­di­gen müssen.
  • • Im Mit­tel­punkt die­ses demo­kra­ti­schen Pro­zes­ses müs­sen die Sor­ge um die Men­schen und die Öko­sys­te­me, die Ach­tung vor allen Lebe­we­sen und das Wis­sen um die öko­lo­gi­schen Gren­zen stehen.
  • • Folg­lich sind nutz­lo­se Pro­duk­ti­on und nutz­lo­ser Trans­port zu unter­bin­den und die gesam­te pro­duk­ti­ve Tätig­keit sowie Ver­tei­lung und Ver­brauch zu über­den­ken und neu zu organisieren.

Die­se Anfor­de­run­gen sind not­wen­dig, aber nicht aus­rei­chend. Sozia­le und öko­lo­gi­sche Kri­sen sind untrenn­bar mit­ein­an­der ver­bun­den. Wir brau­chen drin­gend ein eman­zi­pa­to­ri­sches Pro­jekt für die Aus­ge­beu­te­ten und Unter­drück­ten. Ein klas­sen­ba­sier­tes Pro­jekt, das über die Grund­be­dürf­nis­se hin­aus dem Sein und nicht dem Haben ver­pflich­tet ist. Ein Pro­jekt, wel­ches das Kon­sum­ver­hal­ten, die Bezie­hung zur nicht-mensch­li­chen Natur, die Vor­stel­lun­gen von Glück und die Visi­on, die der Mensch von der Welt hat, tief­grei­fend ver­än­dert. Ein anti­pro­duk­ti­vis­ti­sches Pro­jekt für ein bes­se­res Leben, das auf alle Lebe­we­sen auf dem ein­zi­gen bewohn­ba­ren Pla­ne­ten des Son­nen­sys­tems Rück­sicht nimmt.

Der Kapi­ta­lis­mus hat die Mensch­heit schon ein­mal in eine äußerst bedroh­li­che Lage gebracht, näm­lich am Vor­abend des Ers­ten Welt­kriegs. Die natio­na­lis­ti­sche Hys­te­rie ergriff die Mas­sen und die Sozi­al­de­mo­kra­tie ver­riet ihr Ver­spre­chen, auf den Krieg mit einer Revo­lu­ti­on zu ant­wor­ten. Sie gab grü­nes Licht für das bis dahin schlimms­te Mor­den in der Geschich­te der Mensch­heit. Den­noch bezeich­ne­te Lenin die Situa­ti­on als „objek­tiv revo­lu­tio­när“. Nur eine Revo­lu­ti­on kann dem Gemet­zel Ein­halt gebie­ten, sag­te er. Die Geschich­te hat ihm Recht gege­ben: Die Revo­lu­ti­on in Russ­land und die Aus­sicht auf ihre Aus­brei­tung haben die Bour­geoi­si­en gezwun­gen, dem Gemet­zel ein Ende zu set­zen. Der Ver­gleich passt natür­lich nur beschränkt, denn Ver­mitt­lungs­schrit­te hin zu revo­lu­tio­nä­rer Akti­on sind heu­te unend­lich kom­ple­xer. Aber eine Bewusst­seins­bil­dung ist heu­te genau­so not­wen­dig. Ange­sichts der öko­lo­gi­schen Kri­se ist eine anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on objek­tiv gese­hen sogar noch dring­li­cher. Die­se grund­sätz­li­che Beur­tei­lung muss Grund­la­ge für die Aus­ar­bei­tung eines Pro­gramms, einer Stra­te­gie und Tak­tik sein, denn es gibt kei­ne ande­re Mög­lich­keit, die Kata­stro­phe zu verhindern.


End­no­ten

1 In die­sem Mani­fest bezeich­nen wir mit dem Begriff „Glo­ba­ler Süden“ die abhän­gi­gen Län­der und die Län­der der Peri­phe­rie in Asi­en, Afri­ka und Lateinamerika. […]
2 Tera­watt­stun­de (1 TWh = 1 Mil­li­ar­de kWh). […]
3 Erzeu­gung und Ver­wal­tung von Kryp­to­wäh­run­gen, etwa Bit­co­in. (Anm. d. Übers.)
4 Die Nach­ah­mung bio­lo­gi­scher Sys­te­me und Pro­zes­se, um Pro­ble­me zu lösen. (Anm. d. Übers).
5 Der „Rebound-Effekt“ ist auch als „Jevons-Para­do­xon“ bekannt.


Aus Theo­rie­bei­la­ge Avan­ti² Rhein-Neckar März 2026
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