Freu­den­berg Wein­heim

Vor 10 Jah­ren - Tor­blo­cka­den sichern Arbeits­plät­ze!

Torblockade bei Freudenberg in Weinheim, 19.01.2007. Foto: Privat.

Tor­blo­cka­de bei Freu­den­berg in Wein­heim, 19.01.2007. Foto: Pri­vat.

Ange­sichts der aktu­el­len Aus­ein­an­der­set­zung bei GE in Mann­heim wol­len wir an den erfolg­rei­chen Kampf der Freu­den­berg Bau­sys­te­me-Beleg­schaft (FBS - heu­te Nora Sys­tems GmbH) in Wein­heim erin­nern. Kön­nen dar­aus Schluss­fol­ge­run­gen für den Wider­stand gegen die beab­sich­tig­te Zer­schla­gung des GE-Wer­kes in Mann­heim gezo­gen wer­den?

Avan­ti² hat des­halb Hel­mut Schmitt, den Vor­sit­zen­den der Orts­grup­pe Wein­heim der IG BCE und dama­li­gen stell­ver­tre­ten­den Betriebs­rats­vor­sit­zen­den von FBS, als direkt Betei­lig­ten an den Vor­gän­gen befragt:

Avan­ti²: Genau 10 Jah­re ist es her, dass die Beschäf­tig­ten der dama­li­gen Freu­den­berg Bau­sys­te­me KG (FBS) in Wein­heim den Ver­kauf ihres Betrie­bes an einen Kon­kur­ren­ten ver­hin­dert haben. Nach einer zehn­stün­di­gen Blo­cka­de aller Tore des Indus­trie­parks Freu­den­berg hat das Manage­ment, am 22.01.2007, den Ver­kauf gestoppt. Was ist damals genau pas­siert, was waren die Hin­ter­grün­de?

Hel­mut Schmitt: Im Som­mer 2006 kam das Gerücht hoch, dass der Betrieb ver­kauft wer­den soll. Anfra­gen des Betriebs­rats bei der Kon­zern­spit­ze blie­ben unbe­ant­wor­tet. Der geplan­te Ver­kauf wur­de zunächst geleug­net. Im Herbst wur­de eine Rei­he von frem­den Her­ren durch die Werks­hal­len geführt, offen­sicht­lich diver­se Kauf­in­ter­es­sen­ten. Die vom Betriebs­rat in Info-Blät­tern und auf der Betriebs­ver­samm­lung vor­ge­tra­ge­nen Beden­ken gegen die Ver­kaufs­ab­sich­ten wur­den von der Beleg­schaft in vol­lem Umfang geteilt. Der Ver­kauf an einen Kon­kur­ren­ten wür­de zwangs­läu­fig zu Per­so­nal­ab­bau, im schlimms­ten Fall sogar zur Kom­plett-Schlie­ßung füh­ren.
Hin­zu kam, dass die Kon­zern­spit­ze noch bis zum Som­mer erklärt hat­te: Wenn ein posi­ti­ves Ergeb­nis von 5,5 Mil­lio­nen € erzielt wür­de, dann kön­ne der Betrieb selb­stän­dig im Freu­den­berg-Ver­bund ver­blei­ben. Obwohl FBS für das Jahr 2006 ein Ergeb­nis von 8 Mio. € erwirt­schaf­tet hat­te und damit weit über Plan lag, soll­te nun aber trotz­dem ver­kauft wer­den. Als Grund wur­de genannt: FBS gehö­re als Boden­be­lags-Her­stel­ler nicht mehr zum Kern­ge­schäft. Freu­den­berg wol­le sich im Wesent­li­chen als Auto­zu­lie­fe­rer auf­stel­len.

Torblockade bei Freudenberg in Weinheim, 19.01.2007. Foto: Privat.

Tor­blo­cka­de bei Freu­den­berg in Wein­heim, 19.01.2007. Foto: Pri­vat.

Avan­ti²: Was hat bewirkt, dass die Beleg­schaft sich dann so mas­siv zur Wehr gesetzt hat?

Hel­mut Schmitt: Es war die Vor­ge­hens­wei­se der Kon­zern­lei­tung, die ihre Zusa­ge gebro­chen hat­te und nun eine stra­te­gi­sche Neu­aus­rich­tung auf die Auto­in­dus­trie zu Las­ten der FBS KG ver­kün­de­te. Dies wur­de von der Beleg­schaft nicht mehr akzep­tiert. Auf meh­re­ren zusätz­li­chen Betriebs­ver­samm­lun­gen und meh­re­ren Demons­tra­tio­nen in die Stadt wur­de das so deut­lich, dass die Kon­zern­spit­ze Anfang Janu­ar 2007 das Gerücht streu­te, der Ver­kauf sei vom Tisch.
Mit­te Janu­ar kam jedoch her­aus, dass inner­halb der nächs­ten Tage der Ver­kauf durch­ge­führt wer­den sol­le. Betriebs­rat und Beleg­schaft fühl­ten sich nur noch ver­arscht. Ab da schlug die Stim­mung in offe­nen Wider­stand um.
Eine Betriebs­ver­samm­lung wur­de kurz­fris­tig für den 18. Janu­ar ein­be­ru­fen. Der Ver­samm­lungs­raum platz­te aus allen Näh­ten. Die Wort­mel­dun­gen lie­ßen an Klar­heit nichts zu wün­schen übrig. Die Wut war rie­sen­groß. Es wur­de die For­de­rung erho­ben, dass die Betriebs­ver­samm­lung erst dann been­det wer­den dür­fe, wenn der Ver­kauf vom Tisch sei. Jetzt sei­en wei­ter­ge­hen­de Aktio­nen erfor­der­lich. Betriebs­ver­samm­lun­gen und Demons­tra­tio­nen wür­den allein nicht mehr aus­rei­chen.
Zunächst wur­de aller­dings - trotz des zu die­sem Zeit­punkt wüten­den Orkans „Kyrill“ - beschlos­sen, eine wei­te­re Demo in Wein­heim zur Infor­ma­ti­on der Öffent­lich­keit durch­zu­füh­ren. Auch das kurz­fris­tig ein­ge­gan­ge­ne Demons­tra­ti­ons­ver­bot der Poli­zei wegen des Orkans konn­te die Beleg­schaft nicht abhal­ten. Nach der Demo wur­de die Betriebs­ver­samm­lung (jetzt zusätz­lich mit der Spät­schicht und danach noch mit der Nacht­schicht) fort­ge­führt. Als Ergeb­nis der breit geführ­ten Dis­kus­si­on über die nächs­ten Schrit­te, wur­de am Abend gemein­sam und demo­kra­tisch beschlos­sen, am Frei­tag­mor­gen, noch vor Beginn der Früh­schicht, die Betriebs­ver­samm­lung zu unter­bre­chen und sämt­li­che Tore des Indus­trie­parks zu beset­zen. Eine ande­re Spra­che, so die Mei­nung, wür­de das Manage­ment nicht ver­ste­hen.
Gesagt, getan! „Zufäl­li­ger­wei­se“ waren im Mor­gen­grau­en auch Pres­se und Fern­se­hen anwe­send, um die Akti­on zu doku­men­tie­ren und Öffent­lich­keit her­zu­stel­len. Nach­dem wir am Anfang nur unter uns waren, änder­te sich das Bild aber sehr schnell. Vie­le Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen der Früh­schicht aus den ande­ren Freu­den­berg-Betrie­ben am Stand­ort soli­da­ri­sier­ten sich spon­tan und betei­lig­ten sich wäh­rend ihrer eige­nen Arbeits­zeit an der Tor­be­set­zung. Dadurch ent­stand eine unver­gleich­li­che Stim­mung unter den Beset­zern und vie­le waren über­wäl­tigt von die­ser Soli­da­ri­tät. Dazu kam, dass auch vie­le Bür­ge­rin­nen und Bür­ger von Wein­heim ihre Soli­da­ri­tät bekun­de­ten, in dem sie zum Bei­spiel die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen mit Kaf­fee ver­sorg­ten. Werk­schutz und Poli­zei, die zwi­schen­zeit­lich geru­fen wor­den waren, hät­ten ohne direk­te Gewalt­ein­wir­kung nichts errei­chen kön­nen. Häss­li­che Sze­nen im Fern­se­hen aber woll­te Freu­den­berg offen­sicht­lich ver­mei­den, weil die­se dem Fir­men­image abso­lut gescha­det hät­ten. Somit lief die gan­ze Akti­on fried­lich ab.
Meh­re­re akti­ve Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen von Alstom Power Mann­heim hat­ten sich dem Pro­test eben­falls ange­schlos­sen. Ein Kol­le­ge über­brach­te die soli­da­ri­schen Grü­ße des Alstom-Betriebs­rats. Er ermun­ter­te die Pro­tes­tie­ren­den in ihrem Kampf gegen die Kon­zern­will­kür nicht nach­zu­las­sen und ver­sprach die Aktio­nen der Freu­den­ber­ger auch bei Alstom Power bekannt zu machen. Unter tosen­dem Bei­fall ver­mit­tel­te er die Erfah­run­gen, die die Alstom-Beleg­schaft in den letz­ten Jah­ren gemacht hat­te im Kampf um den Erhalt des Stand­orts Mann­heim.

Torblockade bei Freudenberg in Weinheim, 19.01.2007. Foto: Privat.

Tor­blo­cka­de bei Freu­den­berg in Wein­heim, 19.01.2007. Foto: Pri­vat.

Avan­ti²: Was waren die unmit­tel­ba­ren Aus­wir­kun­gen der Blo­cka­de?

Hel­mut Schmitt: Mit ihrer Blo­cka­de, die von mor­gens 5:00 Uhr bis nach­mit­tags 15:00 Uhr dau­er­te, ver­hin­der­ten die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, dass vor allem die LKW weder vor noch zurück konn­ten. Das Ver­kehrs­cha­os um den Indus­trie­park Freu­den­berg war kom­plett. Die Autos und LKW stau­ten sich bis zur zwei Kilo­me­ter ent­fern­ten Auto­bahn­aus­fahrt und in die Innen­stadt.
Obwohl die LKW-Fah­rer, die das Werks­ge­län­de nicht mehr ver­las­sen konn­ten, mas­si­ve Beein­träch­ti­gun­gen hat­ten, waren die meis­ten aber doch ver­ständ­nis­voll, nach­dem sie die Hin­ter­grün­de erfah­ren hat­ten.
Die größ­ten Beein­träch­ti­gun­gen muss­ten die 14 Freu­den­berg- und Fremd­fir­men, die im Indus­trie­park ange­sie­delt sind, hin­neh­men. Ihre Pro­duk­ti­on und ihre „Just in Time“-Lieferungen an die Auto­in­dus­trie waren mas­siv behin­dert bzw. gänz­lich ver­hin­dert.
Nach der Blo­cka­de­ak­ti­on wur­de die Betriebs­ver­samm­lung wie­der fort­ge­setzt. Der Kon­zern­lei­tung wur­de deut­lich gemacht, dass sie die jetzt gewon­ne­ne Zeit über das Wochen­en­de nut­zen sol­le, ihre Ver­kaufs­ab­sicht zu über­den­ken. Die Betriebs­ver­samm­lung und auch wei­te­re Blo­cka­de­ak­tio­nen wür­den solan­ge wei­ter­ge­hen, bis die Rück­nah­me der Ver­kaufs­ent­schei­dung auf dem Tisch lie­ge. Am Mon­tag­vor­mit­tag wur­de dann der Ver­kauf offi­zi­ell gestoppt.

Avan­ti²: Es ist heut­zu­ta­ge nicht all­täg­lich, dass sich Beleg­schaf­ten auf die­se Art zur Wehr set­zen. Wie ist es damals gelun­gen, die Beleg­schaft zu mobi­li­sie­ren?

Hel­mut Schmitt: Noch weni­ge Wochen vor­her hät­ten sich weder die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen noch der Betriebs­rat träu­men las­sen, dass alle gemein­sam so geschlos­sen und so ent­schlos­sen kämp­fen wür­den. Die Beleg­schaft ist inner­halb weni­ger Wochen über sich hin­aus­ge­wach­sen, aber die Erkennt­nis­pro­zes­se hat­ten lan­ge davor kräf­ti­ge Schü­be bekom­men. Vor allem das ein­heit­li­che und sys­te­ma­ti­sche Vor­ge­hen des Betriebs­ra­tes und der gewerk­schaft­li­chen Ver­trau­ens­leu­te hat­te bewirkt, dass die Empö­rung der gan­zen Beleg­schaft gewach­sen ist und sich in vol­lem Umfang gegen die Kon­zern­lei­tung rich­ten konn­te. Wäh­rend der gesam­ten Aus­ein­an­der- set­zung hat­te der Betriebs­rat vor allem mit einer Rei­he „offe­ner Brie­fe“ und State­ments in der Pres­se die Kon­zern­lei­tung mit Fra­gen bom­bar­diert und die Beleg­schaft regel­mä­ßig mit ein­be­zo­gen. Die Kon­zern­lei­tung hat­te immer wie­der die not­wen­di­gen Aus­künf­te ver­wei­gert, was die Stim­mung erst rich­tig anheiz­te.
Die Aktio­nen gegen den Ver­kauf wur­den von der gan­zen Beleg­schaft getra­gen. Bei den Demos und der Tor­blo­cka­de haben Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen sowie Betriebs­rä­te ande­rer Betrie­be aktiv teil­ge­nom­men. Vie­le fühl­ten sich zum ers­ten Mal seit Jah­ren wie­der zusam­men­ge­hö­rig und als Teil derer, die sich gemein­sam gegen das Dik­tat des Kapi­tals weh­ren müs­sen.
Der Kon­zer­be­triebs­rat und der Euro­be­triebs­rat waren eben­so ein­be­zo­gen wie die Gewerk­schaft IG BCE. Am wich­tigs­ten aber war, dass die Kol­le­gIn­nen mit ihrem Wider­stand nicht gewar­tet haben, ob die ande­ren Beleg­schaf­ten oder die Gewerk­schaft sie unter­stüt­zen. Sie sind selbst aktiv gewor­den und haben damit bewie­sen, dass auch in Zei­ten des Neo­li­be­ra­lis­mus betrieb­li­cher Wider­stand mach­bar und erfolg­reich sein kann. Was in Wein­heim bei Freu­den­berg damals gesche­hen ist, soll­te des­halb nicht nur in Erin­ne­rung blei­ben, son­dern auch von ande­ren Beleg­schaf­ten auf­ge­grif­fen wer­den.

Avan­ti²: Hel­mut, vie­len Dank für Dei­ne sehr inter­es­san­ten Aus­füh­run­gen!

aus der Rhein-Neckar Bei­la­ge zur Avan­ti Janu­ar 2017
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