His­to­ri­sche“ Land­tags­wah­len in Baden-Württemberg?

Bie­der­män­ner und Brand­stif­ter auf dem rech­ten Vormarsch

 

H. N.

Nach­dem am Abend des 8. März 2026 die ers­ten Pro­gno­sen der Ergeb­nis­se der Land­tags­wahl bekannt wur­den, war die stän­dig wie­der­hol­te Ver­wen­dung des Adjek­tivs „his­to­risch“ nicht zu über­hö­ren. Meist qua­li­fi­zier­ten Kom­men­ta­re aus der Welt der Medi­en und der Berufs­po­li­tik so die letzt­lich erfolg­rei­che Auf­hol­jagd des „grü­nen“ Spit­zen­kan­di­da­ten Özd­emir im Wett­be­werb um das Amt des baden-würt­tem­ber­gi­schen Ministerpräsidenten.

Keine Wahlwerbung - Banksy in Mannheim, 22. Februar 2026. (Foto: R. S.)

Kei­ne Wahl­wer­bung - Bank­sy in Mann­heim, 22. Febru­ar 2026. (Foto: R. S.)

Nach einer weit­ge­hend inhalts­lee­ren, dafür aber umso mehr per­so­na­li­sier­ten und rechts­of­fe­nen poli­ti­schen Wer­be­kam­pa­gne hat­te die Par­tei des „ana­to­li­schen Schwa­ben“ im End­spurt sehr knapp die Nase vor­ne. Die eben­falls deut­lich nach rechts blin­ken­de CDU mit ihrem Anfüh­rer Hagel hat­te in den letz­ten bei­den Mona­ten vor der Wahl ihren kom­for­ta­blen Vor­sprung von rund 8 % kom­plett verspielt.

Wie war das mög­lich?
Özd­emirs Wer­be­team gelang das Kunst­stück, den geschei­ter­ten Bun­des­land­wirt­schafts­mi­nis­ter der Ampel-Regie­rung zur kon­ser­va­ti­ven poli­ti­schen Licht­ge­stalt mit Regie­rungs­er­fah­rung in maxi­ma­ler Distanz zu Bünd­nis 90/Die Grü­nen auf­zu­hüb­schen. „KLARER KURS IN UNRUHIGEN ZEITEN. ÖZDEMIR, DER KANN ES.“ So lau­te­te eine der plat­ten Paro­len auf unzäh- ligen gro­ßen Pla­kat­stell­wän­den im Land. Nur wer sehr genau auf die­sen aus Steu­er­gel­dern finan­zier­ten Unsinn hin­schau­te, konn­te noch in viel klei­ne­ren Buch­sta­ben „Zweit­stim­me Grün“ erkennen.

Bezeich­nend für Özd­emirs Kam­pa­gne waren Sprü­che wie „Wirt­schaft, Wirt­schaft, Wirt­schaft“, das Koket­tie­ren mit der Rol­le eines „grü­nen“ Söder, die pro­mi­nent ver­mark­te­te Koope­ra­ti­on mit dem weit rechts posi­tio­nier­ten ex-grü­nen Tübin­ger Ober­bür­ger­meis­ters Pal­mer oder die Befür­wor­tung der „Ent­nah­me“ eines geschütz­ten „Pro­blem­wolfs“ im Nordschwarzwald.

Unter dem Strich lagen Özd­emirs Grü­ne mit 30,2 % knapp vor Hagels CDU mit 29,7 %. „His­to­risch“ waren aller­dings in der Tat die alar­mie­rend guten Ergeb­nis­se der AfD mit 18,8 % und der desas­trö­se Absturz der SPD auf nur noch 5,5 %. FDP und Lin­ke schei­ter­ten mit jeweils 4,4 % eben­so an der 5 %-Hür­de wie das Sam­mel­su­ri­um der rest­li­chen 15 Par­tei­en, das ins­ge­samt 7 % der gül­ti­gen Stim­men ein- sam- meln konn­te. Die Wahl­be­tei­li­gung lag bei schwa­chen 69,6 % (2021: 63,8 %).

Die Ver­tei­lung der 157 Sit­ze im Stutt­gar­ter Par­la­ment spie­gelt den anhal­ten­den, aber auf­halt­ba­ren Rechts­ruck wider: 56 Sit­ze jeweils für Grü­ne und CDU, 35 für die AfD und gan­ze 10 für die SPD. Das heißt, dass nur noch drei neo­li­be­ra­ler Poli­tik ver­pflich­te­te Auf­rüs­tungs-/Kriegs­er­tüch­ti­gungs­par­tei­en und die faschis­ti­sche AfD im Haus des Land­tags ver­tre­ten sind. Auf­grund des Wahl­er­geb­nis­ses gibt es nur noch zwei rea­lis­ti­sche Koali­ti­ons­op­tio­nen. Die ers­te und der­zeit wahr­schein­li­che ist ein Bünd­nis von Grü­nen und CDU, die zwei­te und aktu­ell noch unwahr­schein­li­che ein Zusam­men­ge­hen von CDU und AfD.

Manö­ver für wei­te­re Rechtswende
Der skru­pel­lo­se CDU-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de im Bun­des­tag, Spahn, ließ sich nach der Schlap­pe sei­ner Par­tei im Auto­land Baden-Würt­tem­berg mit einer an die Anfangs­zei­ten der Grü­nen erin­nern­den Idee hören. Das Amt des Minis­ter­prä­si­den­ten müs­se, so die For­de­rung die­ses der Koope­ra­ti­on mit der AfD nicht abge­neig­ten „Polit-Stra­te­gen“, auf­ge­teilt wer­den. Zunächst sol­le es von dem − sich selbst ganz volks­nah als „Minisch­der­prä­si­dent“ titu­lie­ren­den − Özd­emir beklei­det wer­den und in der zwei­ten Hälf­te der Legis­la­tur­pe­ri­ode von − dem Fan min­der­jäh­ri­ger Reh­au­gen­frau­en − Hagel.

War das nur eine Schnaps­idee des ehr­gei­zi­gen Spahn? Ein Blick in die kon­ser­va­ti­ve FAZ vom 14. März 2026 hilft, den Blick zu wei­ten. Das Blatt, hin­ter dem laut Eigen­wer­bung „immer ein klu­ger Kopf“ steckt, setzt sich ange­sichts des Par­tei­en­ger­an­gels nach dem Wahl­tag mit mög­li­chen Sze­na­ri­en der Regie­rungs­bil­dung und der dafür maß­ge­ben­den Lan­des­ver­fas­sung auseinander.

In deren Arti­kel 46 ist zu lesen, dass die Wahl des Minis­ter­prä­si­den­ten ohne Aus­nah­me mit abso­lu­ter Mehr­heit der Abge­ord­ne­ten zu erfol­gen hat. Die Mehr­heit für die Regie­rungs­bil­dung liegt bei 79 Stim­men. Arti­kel 47 schreibt die Bil­dung der neu­en Lan­des­re­gie­rung „inner­halb von drei Mona­ten nach dem Zusam­men­tritt des neu­en Land­tags“ vor.

Für die CDU eröff­net das meh­re­re Optio­nen, um den poli­ti­schen Druck für einen noch mas­si­ve­ren Rechts­ruck ver­stär­ken zu kön­nen. Die ein­fachs­te ist ein Miss­trau­ens­vo­tum gegen den neu­en Minis­ter­prä­si­den­ten der Grü­nen frü­hes­ten drei Tage nach des­sen Wahl. Eine Mehr­heit hät­te die CDU dafür aber nur, wenn sie auf die Unter­stüt­zung durch die AfD setzt. Da aktu­ell die CDU-Spit­ze eine Koope­ra­ti­on der Par­tei mit der AfD auf Lan­des- und Bun­des­ebe­ne (noch) ablehnt, ist das ein Wech­sel auf die Zukunft.

Keine Wahlwerbung - Banksy in Mannheim, 22. Februar 2026. (Foto: R. S.)

Kei­ne Wahl­wer­bung - Bank­sy in Mann­heim, 22. Febru­ar 2026. (Foto: R. S.)

AfD als eigent­li­cher Gewinner
Die AfD ist der eigent­li­che Gewin­ner der Wahl. Sie hat – trotz der „Ver­wand­ten-Affä­ren“ und der Pos­sen ihres nicht für den Land­tag kan­di­die­ren­den „Spit­zen­kan­di­da­ten“ Frohn­mai­er − ihren Stim­men­an­teil im Ver­gleich zu 2021 nahe­zu ver­dop­pelt. Das ist an sich schon ein sehr schril­les Alarm­si­gnal, denn es war das bis zum 22. März 2026 mit Abstand bes­te Ergeb­nis die­ser blau-brau­nen Trup­pe bei Land­tags­wah­len im Wes­ten der Bun­des­re­pu­blik. Noch kri­ti­scher wird die­ses Resul­tat, wenn wir uns anschau­en, wer für die AfD gestimmt hat.

Bei den Jung­wäh­le­rin­nen und -wäh­lern lagen zwar noch die Grü­nen mit 27 % vor­ne, die AfD aber ver­drei­fach­te ihr Ergeb­nis bei die­ser Alters­grup­pe im Ver­gleich zu 2021 und folg­te mit 18 % schon auf Platz zwei vor der CDU (17 %), der Lin­ken (13 %), der SPD (7 %) und der FDP (6 %).

Vor allem aber ist die AfD die neue „Arbei­ter­par­tei“ − zumin­dest auf der Wahl­ebe­ne. 37 % der Stimm­an­tei­le von Arbei- tern und Arbei­te­rin­nen gin­gen laut dem Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tut Infra­test dimap an die AfD. Zum Ver­gleich: Für die CDU waren es 21 %, für die Grü­nen 18 %, für die SPD 5 %, für die FDP und die Lin­ke 5 bezie­hungs­wei­se 4 %.

Der Erfolg der AfD ist ein Ergeb­nis der wach­sen­den Zukunfts­ängs­te ins­be­son­de­re in der Gesell­schaft im All­ge­mei­nen und der Arbeits­welt im Beson­de­ren. Die Furcht vor Arbeits­platz­ver­lust und Absturz in die Armut wird sowohl durch die neo­li­be­ra­le Poli­tik der Sozi­al­kür­zun­gen als auch die bru­ta­le Abbau­stra­te­gie etwa in der Auto- und Zulie­fer­indus­trie ver­stärkt. Nicht zuletzt ist die­se Ent­wick­lung die bit­te­re Quit­tung für das Feh­len einer sozi­al ver­an­ker- ten und poli­tisch glaub­wür­di­gen Par­tei der arbei­ten­den Klas­se und einer wider­stän­di­gen Gewerkschaftsbewegung.

Die blau-brau­ne Bedro­hung stoppen
Im ehe­mals roten Mann­hei­mer Nor­den, dem von Indus­trie (Benz, Cat, P&F, Roche …) gepräg­ten Wahl­kreis Mann­heim I, ist die Grund­fra­ge − wie kom­me ich finan­zi­ell über die Run­den – mit Hän­den zu grei­fen. Genau dort hol­te die AfD ihr ein­zi­ges Direkt­man­dat in Baden-Württemberg.

Die Leh­ren aus dem Erfolg der Nou­veau Front popu­lai­re bei den fran­zö­si­schen Par­la­ments­wah­len im Juli 2024 sind offen­bar hier­zu­lan­de noch nicht ange­kom­men. Wenn die Gefahr besteht, dass ein Faschist einen Wahl­kreis gewinnt, dann ist eine wahl­tak­ti­sche Abspra­che der anti­fa­schis­ti­schen Kandidat:innen als Abwehr­maß­nah­me erforderlich.

Um die blau-brau­ne Bedro­hung stop­pen zu kön­nen, bedarf es aber weit mehr als einer klu­gen Wahl­tak­tik. Erst recht gilt dies nach den Land­tags­wah­len in Rhein­land-Pfalz (19,5 % für die AfD!) und ange­sichts der drei im Sep­tem­ber statt­fin- den­den Urnen­gän­ge im Osten.

Es bedarf des hart­nä­cki­gen Kampfs für die Bil­dung und Ver­net­zung einer in der Arbeits­welt, den Wohn­ge­bie­ten und ande­ren Berei­chen der Gesell­schaft akti­ven Sozia­len Front zur soli­da­ri­schen Ver­tei­di­gung unse­rer Grund- und Men­schen­rech­te. Es geht also dar­um, trotz aller Unter­schie­de Bünd­nis­se von Basis­in­itia­ti­ven, Gewerk­schafts­struk­tu­ren, Nicht­re­gie­rungs- orga­ni­sa­tio­nen, Par­tei­glie­de­run­gen und Bewe­gun­gen zu schaf­fen, die sich kon­se­quent für sozia­le und öko­lo­gi­sche Gerech­tig­keit einsetzen.

Aus Avan­ti² Rhein-Neckar April 2026
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