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Teil II

 

B. S.

Im zwei­ten Teil des Arti­kels zu Wer­ken aus der frü­hen Sowjet­zeit geht es um Lite­ra­tur, die näher am All­tag der Men­schen ist.*

Umschlag der Deutschen Erstausgabe von Die Genossenschaft der Habenichtse (1928). Foto: Privatarchiv.

Umschlag der Deut­schen Erst­aus­ga­be von Die Genos­sen­schaft der Habe­nicht­se (1928). Foto: Pri­vat­ar­chiv.

Fjo­dor Panfjo­row (1896 – 1960) schreibt mit sei­nem Roman Die Genos­sen­schaft der Habe­nicht­se – im Rus­si­schen ein­fach „Brusski“ nach dem Namen des bear­bei­te­ten Brach­lan­des – 1928 eine  Dorf­ge­schich­te in der Umbruch­zeit. Er zeigt die Schwie­rig­kei­ten bei der Über­win­dung der Miss­gunst und des Kon­kur­renz­den­kens der Ein­zel­bau­ern, die ihr Eigen­tum hüten. Dem stellt er das Bei­spiel der kol­lek­tiv arbei­ten­den Habe­nicht­se ent­ge­gen. Deren Arbeit wird vom tech­ni­schen Fort­schritt, einem Trak­tor, unter­stützt. Ihre eigent­li­che Kraft aber besteht im Kol­lek­tiv! Auch im gemein­sa­men Gesang!

Bei der Kul­ti­vie­rung des Brach­lan­des muss ein Gra­ben gezo­gen wer­den. Jugend­li­che stim­men ein Lied an, in das einer „mit sei­nem hel­len Tenor“ ein­stimmt, so „daß alle einen Augen­blick still wur­den, dann lach­ten und noch kräf­ti­ger in das Lied ein­stimm­ten.
…Dann brach das Lied irgend­wie ganz von selbst ab. Es ver­stumm­te, und man hör­te nur den schwe­ren rhyth­mi­schen Atem der Men­ge, das Klir­ren der Spa­ten…“. Die gemein­sa­me Arbeit führt zum Erfolg.

Der Gra­ben wand sich als schwar­zer Spalt wie leben­dig dahin.
Da ist sie, die kol­lek­ti­ve Arbeit, – sagt, Ognew mit zit­tern­der Stim­me. – Wenn wir nur könn­ten, wenn wir dar­an­gin­gen… könn­ten wir Ber­ge ver­set­zen…“.
Panfjo­row ist ein beson­de­rer Erzäh­ler. Sei­ne Natur­be­schrei­bun­gen sind eben­so ein­drucks­voll wie die Dar­stel­lung des Lebens der Land­be­woh­ner.
„Auf den Ten­nen starr­ten die übrig­ge­blie­be­nen Hal­me des vor­jäh­ri­gen Heus wie mit einer spöt­ti­schen Ges­te in die Luft, fins­ter blick­ten die Scheu­nen, und unter dem Dün­ger glotz­te gelb­li­ches Grün her­vor. An den Hän­gen des Bren­nes­sel­grun­des glucks­ten und braus­ten die Früh­lings­was­ser die Was­ser­ris­se der Schluch­ten ent­lang…“.

Panfjo­row soll das Buch als Woh­nungs­lo­ser im Büro geschrie­ben haben, es war ein Erfolg.
So wun­dert es nicht, dass es 1933 bei den Bücher­ver­bren­nun­gen der Nazis auf den Schei­ter­hau­fen kam.

Ilja Ehren­burg
Der ers­te sowje­ti­sche Schrift­stel­ler­kon­gress 1934 ver­kün­de­te den „Sozia­lis­ti­schen Rea­lis­mus“. Das klingt posi­tiv, war aber von einer Regel­wut bestimmt. Im „Sozia­lis­mus“ gibt es nichts Nega­ti­ves, die Rea­li­tät ist gut! Sie muss­te posi­tiv beschrie­ben wer­den. Ver­stö­ße wur­den geahn­det, das konn­te töd­lich sein. Nach Sta­lins Tod gab es beim zwei­ten Schrift­stel­ler­kon­gress 1954 eine Öff­nung – als „Tau­wet­ter“ bezeich­net. Tau­wet­ter heißt der Roman von Ilja Ehren­burg, er gab der Öff­nungs­pe­ri­ode sei­nen Namen.
Der Roman erzählt eine Lie­bes­ge­schich­te, von der Arbeit in einem Werk, von der Ver­set­zung eines büro­kra­ti­schen Fabrik­di­rek­tors und dis­ku­tiert dabei an Bei­spie­len aus Lite­ra­tur und Male­rei die Öff­nung der Kul­tur­sze­ne.

Bei einer Leser­kon­fe­renz – offen­sicht­lich ein Bestand­teil der Kul­tur­sze­ne – fal­len die Äuße­run­gen: „Ver­mut­lich war es dem Autor dar­um zu tun, auf bil­li­ge Art Span­nung hin­ein­zu­brin­gen. In Wirk­lich­keit sind unse­re Sowjet­men­schen doch inner­lich viel sau­be­rer, viel ernst­haf­ter. Sub­zows Lie­be hin­ge­gen scheint mir mecha­nisch aus den Wer­ken bür­ger­li­cher Schrift­stel­ler auf die Sei­ten eines sowje­ti­schen Romans über­tra­gen zu sein.“

Die Kri­tik an der Male­rei lau­tet: „Nie­mand strei­tet der Land­schafts­ma­le­rei die Daseins­be­rech­ti­gung ab. Was aber zeigt uns Sabu­row? Auf sei­nem Bild sehen wir ein Haus aus unse­rer Arbei­ter­sied­lung. War­um hat er es so wenig anspre­chend gemalt? Das ist kein Zufall, Genos­sen, denn hier haben wir es mit dem offe­nen Bestre­ben zu tun, unse­re Wirk­lich­keit zu dif­fa­mie­ren.“ Dage­gen wird „Puchows wun­der­ba­res Bild“ gesetzt, „das der glück­li­chen Kind­heit unse­rer Klei­nen gewid­met ist. Puchow schnei­det jedes Jahr die Pro­ble­me an, die uns auf den Nägeln bren­nen und die in unse­ren füh­ren­den Zei­tun­gen dis­ku­tiert wer­den.“ Nun aber tritt Tau­wet­ter ein.

Der Begriff „Tau­wet­ter“ steht im Roman, als fri­sche Früh­lings­luft, die durch eine Lüf­tungs­klap­pe dringt. „Wera, end­lich haben wir Tau­wet­ter…“.
Ilja Ehren­burgs (1891 – 1962) ist außer­or­dent­lich viel­fäl­tig. Über die Kul­tur­sze­ne in Russ­land und der Sowjet­uni­on kann mensch in sei­ner Auto­bio­gra­phie Men­schen Jah­re Leben viel erfah­ren. Die gro­ße Zahl sei­ner Kon­tak­te und sei­ner Betrach­tun­gen ist ver­blüf­fend.
Mei­ne Aus­wahl ist sub­jek­tiv, aber ich hof­fe, dass ich Neu­gier­de geweckt habe. Es gibt noch viel zu ent­de­cken!

* Fort­set­zung und Schluss des gleich­na­mi­gen Arti­kels aus Avan­ti² Nr. 38.

aus der Rhein-Neckar Bei­la­ge zur Avan­ti Novem­ber 2017
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