Max Hork­hei­mer zum Gedächtnis

Solang die Welt­ge­schich­te ihren logi­schen Gang geht, erfüllt sie ihre mensch­li­che Bestim­mung nicht.“
(Hork­hei­mer,  1940/42.)*

Hel­mut Dahmer

Vor fünf­zig Jah­ren, am 7. Juli 1973, starb Max Hork­hei­mer. 1931 bis 1957 hat­te er das – 1924 von sei­nem Freund, Felix Weil, ins Leben geru­fe­ne und lang­fris­tig finan­zier­te – Frank­fur­ter „Insti­tut für Sozi­al­for­schung“ geleitet.

Max Horkheimer mit Rose Riekher beim 1. Kulturkritiker-Kongress in München, 1958.  (Foto: Barbara Niggl Radloff, CC BY-SA 4.0.)

Max Hork­hei­mer mit Rose Riek­her beim 1. Kul­tur­kri­ti­ker-Kon­gress in Mün­chen, 1958. (Foto: Bar­ba­ra Niggl Rad­l­off, CC BY-SA 4.0.)

1933 aus Deutsch­land ver­trie­ben, begrün­de­te er vier Jah­re spä­ter (gemein­sam mit Her­bert Mar­cu­se) in New York die „Kri­ti­sche Theo­rie“. In den letz­ten drei Kriegs­jah­ren schrieb er (in Kali­for­ni­en), gemein­sam mit Ador­no, die Dia­lek­tik der Auf­klä­rung, die theo­re­ti­sche Grund­la­ge für die von ihm (mit Samu­el Flower­man) her­aus­ge­ge­be­nen fünf Bän­de Stu­dies in Pre­ju­di­ce (1949/50), deren bekann­tes­te die von Ador­no u. a. erar­bei­te­te empi­risch-theo­re­ti­sche Unter­su­chung des faschis­to­iden Cha­rak­ters (1950) ist. 1949 kehr­ten Hork­hei­mer und Ador­no nach West­deutsch­land zurück, um den auf­ge­schlos­se­nen Teil der Nach­kriegs­ju­gend gegen die (befürch­te­te) Wie­der­kehr des Faschis­mus zu immunisieren.

In den Jah­ren 1958/59 hat­te ich in der Göt­tin­ger Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek und in der Biblio­thek des Sozio­lo­gi­schen Semi­nars Hel­muth Pless­ners Gele­gen­heit, mich in Hork­hei­mers (1932-1941 erschie­ne­ne) Zeit­schrift für Sozi­al­for­schung und in die Dia­lek­tik der Auf­klä­rung ein­zu­le­sen (deren Ori­gi­nal­aus­ga­be von 1947 es – wie auch ein­zel­ne Hef­te der Zeit­schrift – damals noch im Buch­han­del gab).

Hör­te ich ihn spä­ter in Vor­le­sun­gen, Vor­trä­gen, Semi­na­ren und Dis­kus­sio­nen, war er für mich stets der Reprä­sen­tant jener Ver­si­on von his­to­ri­schem „Mate­ria­lis­mus“, die er in den Jah­ren 1932-1938 gemein­sam mit Her­bert Mar­cu­se ent­wi­ckelt hat­te, und sei­ner, in den Kriegs­jah­ren in Zusam­men­ar­beit mit Ador­no ent­stan­de­nen Tex­te. Hork­hei­mers spe­zi­fi­scher, von Scho­pen­hau­er­schen Moti­ven durch­wirk­ter und die meta­phy­si­sche Tra­di­ti­on (im Hegel­schen Sin­ne) auf­he­ben­der Mate­ria­lis­mus liegt auch sei­nem apho­ris­ti­schen Spät­werk1 zugrun­de – allen Legen­den von „Anpas­sung“ und „Rück­fall auf reli­giö­se Illu­sio­nen“2 zuwider.

Zu Beginn des Som­mer­se­mes­ters 1961 begann Hork­hei­mer, der sich seit 1957 nach Mon­tagno­la im Tes­sin zurück­ge­zo­gen hat­te, aber noch zu Lehr­ver­an­stal­tun­gen und Vor­trä­gen nach Frank­furt kam, sei­ne Vor­le­sung „Zur Idee der Frei­heit“3 im voll­be­setz­ten Hör­saal 6 der Goe­the-Uni­ver­si­tät fol­gen­der­ma­ßen: „Ich kom­me gera­de aus Indi­en. Dort besteht die Frei­heit für vie­le Men­schen dar­in, zu wis­sen, ob sie mor­gen und über­mor­gen etwas zu essen haben wer­den. Frei­heit ist – wie ande­re gro­ße Ideen – ein nega­ti­ver Begriff. Frei­heit ist, was wir (noch) nicht haben.“4 Allein die­ser Satz mach­te die Nichts­wür­dig­keit der Ideo­lo­gie des Kal­ten Krie­ges und des über den bräun­li­chen west­deut­schen Uni­ver­si­tä­ten auf­ge­spann­ten „Werte“-Himmels kenntlich.

1961 hat­ten die UdSSR, die USA und Frank­reich ihre Atom­waf­fen­ver­su­che wie­der auf­ge­nom­men; im Juli flüch­te­ten 30.000 Men­schen aus der DDR; in Mos­kau tag­te der 22., der „Entstalinisierungs“-Parteitag. Gaga­rin umkreis­te in einem Raum­schiff die Erde; in der kuba­ni­schen „Schwei­ne­bucht“ sch­ei- ter­te ein Ver­such bewaff­ne­ter Emi­gran­ten, die „fide­lis­ti­sche“ Regie­rung zu stür­zen; im Kon­go wur­de Lumum­ba ermor­det, und Ken­ne­dy und Chruscht­schow tra­fen sich in Wien. Der alge­ri­sche Gene­ral­streik (im Juli 1961) signa­li­sier­te das nahen­de Ende des grau­sa­men sie­ben­jäh­ri­gen Unab­hän­gig­keits­kriegs. In Frank­furt emp­fahl uns Hork­hei­mer – der gele­gent­lich sag­te, ein „guter Sozio­lo­ge“ müs­se eine Kon­zern-Bilanz eben­so lesen kön­nen wie ein Mall­ar­mé-Gedicht deu­ten – den Besuch des (damals aktu­el­len, in Fran­co-Spa­ni­en gedreh­ten) häre­ti­schen Buñuel-Films „Viri­dia­na“…

Als Erbe des väter­li­chen Tex­til­un­ter­neh­mens genoss Hork­hei­mer die in unse­rer Gesell­schaft größt­mög­li­che Sicher­heit und ahn­te zugleich, dass es mit die­ser Sicher­heit von heu­te auf mor­gen aus sein kön­ne, sei es infol­ge einer Fehl­spe­ku­la­ti­on, sei es infol­ge eines poli­ti­schen Umstur­zes. Die­se Angst beglei­te­te die Ange­hö­ri­gen der (schrump­fen­den) Schicht von „Kapi­tal-Rent­nern“, aus der sich eine Schar von „Dis­si­den­ten“ her­aus­lös­te, die von ihren Pri­vi­le­gi­en non­kon­for­men Gebrauch mach­te. Das waren groß- und welt­bür­ger­li­che Intel­lek­tu­el­le wie Hork­hei­mers Freun­de Fried­rich Pol­lock und Felix Weil, die im Welt­krieg zu inter­na­tio­na­lis­ti­schen Kriegs­geg­nern gewor­den waren5 und sich unter dem Ein­druck der Ermor­dung der „Spartakus“-Führer – Karl Lieb­knechts, Leo Jogi­ches’ und der von Hork­hei­mer hoch geschätz­ten Rosa Luxem­burg – und als Zeu­gen der Münch­ner Blut­wo­che vom Mai 19196 dazu ent­schlos­sen, als „Gelehr­te der Bewe­gung“ (Anto­nio Labrio­la)7 ihr geis­ti­ges Poten­ti­al für den Fort­schritt der inter­na­tio­na­len Arbei­ter­be­we­gung ein­zu­set­zen, wie Marx es ihnen mit sei­ner „Kri­tik des Gotha­er Pro­gramms“ (der deut­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie)8 vor­ge­macht hatte.

Nach der frü­he­ren Erfah­rung mit dem „wei­ßen Schre­cken“ (in Mün­chen im März 1919) ent­gin­gen die Hork­hei­mers nach Hit­lers Ernen­nung zum Reichs­kanz­ler (am 30.01.1933) den faschis­ti­schen Greif­trupps, die das süd­hes­si­sche „wil­de KZ“ zur „Abrech­nung“ mit „Regime-Geg­nern“ in der Frank­fur­ter „Per­len­fa­brik“ (Ginn­hei­mer Land­stra­ße 40) ein­rich­te­ten. Ihr Kron­ber­ger Haus wur­de „von der SA besetzt und zum Wach­lo­kal umfunk­tio­niert; die bei­den waren gewarnt wor­den“ und hat­ten in einem „Hotel in der Nähe des Haupt­bahn­hofs“ Zuflucht gesucht.9 Das „Insti­tut für Sozi­al­for­schung“ wur­de Mit­te März von Poli­zei durch­sucht und geschlossen…

Die um Hork­hei­mer grup­pier­ten mar­xis­ti­schen Intel­lek­tu­el­len ver­stan­den sich als Nach­fol­ger der gesell­schafts­kri­ti­schen euro­päi­schen Auf­klä­rer, die im 17. und 18. Jahr­hun­dert ideo­lo­gie­kri­tisch den Über­gang von der boden­ver­mit­tel­ten „feu­da­len“ Herr­schafts­form zur geld­ver­mit­tel­ten bür­ger­li­chen vor­be­rei­te­ten und von denen eini­ge bereits ver­sucht hat­ten, auch die Gren­zen der neu­en, indi­rek­ten Ver­ge­sell­schaf­tung über Tausch­ak­te zu mar­kie­ren (und zu über­schrei­ten).10 Sie waren Ver­fol­gun­gen aus­ge­setzt, ihre Bücher wur­den gebannt oder ver­brannt, erschie­nen pseud­onym (wie Spi­no­zas Theo­lo­gisch-poli­ti­scher Trak­tat) oder über­haupt erst post­hum (wie sei­ne Ethik). Hork­hei­mer, der im Jahr­hun­dert des Hit­ler­schen und Sta­lin­schen Mas­sen­ter­rors leb­te, nahm sich die lis­ti­gen Wahr­heits­su­cher des 17. und 18. Jahr­hun­derts zum Vor­bild. Schon sei­ne zwei­te Buch­ver­öf­fent­li­chung – Däm­me­rung, Noti­zen in Deutsch­land – ließ er 1934 in Zürich unter einem Pseud­onym erschei­nen, für das er den Namen eines ver­ges­se­nen Mate­ria­lis­ten – Hein­rich Regi­us – wähl­te. Um sein Insti­tut – die Mög­lich­keit, zu for­schen und zu publi­zie­ren – und die Hand­voll mar­xis­ti­scher Sozi­al­wis­sen­schaft­ler, die mit ihm eines Sin­nes waren, vor Ver­fol­gung zu schüt­zen, ori­en­tier­te er sich zur Zeit des Krie­ges in den USA und spä­ter im Nach­kriegs-West­deutsch­land am „radi­kals­ten aller Auf­klä­rer“, dem Land­pfar­rer Jean Mes­lier (1664-1729), der, nach Ver­mah­nun­gen durch sei­ne Obe­ren, sei­ne (Lud­wig Feu­er­bach vor­weg­neh­men­de) Kri­tik der reli­giö­sen Illu­sio­nen einem gehei­men, für sei­ne Gemein­de bestimm­ten Tes­ta­ment11 anver­trau­te. Mes­lier führ­te ein Dop­pel­le­ben: Als Pre­di­ger ver­trat er tags die Dog­men sei­ner Kir­che und nahm die obli­ga­ten ritu­el­len Hand­lun­gen vor, bei Nacht aber wider­rief er das alles und ent­larv­te als athe­is­ti­scher Schrift­stel­ler die christ­li­chen Mys­te­ri­en als kru­den Aberglauben.

Der mar­xis­ti­sche Sozi­al­phi­lo­soph Hork­hei­mer hat­te es in Frank­furt – wie Hel­muth Pless­ner in Göt­tin­gen und ande­re aus der klei­nen Schar jüdi­scher Gelehr­ter, die nach Deutsch­land zurück­kehr­ten – mit einem Pro­fes­so­ren-Kol­le­gi­um und einer Bevöl­ke­rung zu tun, die der mör­de­ri­schen Volks­ge­mein­schaft des „Drit­ten Reichs“ ange­hört und sich 1945 in das Nicht-wahr­ha­ben-Wol­len ihrer bio­gra­phisch-poli­ti­schen Ver­gan­gen­heit geflüch­tet hat­ten. Er wuss­te, mit wem er es zu tun hat­te, und wahr­te in der Öffent­lich­keit die Nach­kriegs-Eti­ket­te, falls nötig (1951) auch in der Amts­tracht eines Hoch­schul-Rek­tors in Beglei­tung des Kanz­lers der Repu­blik … Pri­va­tim aber setz­te er sei­ne Suche nach der Wahr­heit über sei­ne Epo­che fort – in der ihm gemä­ßen Form der Noti­zen und der Gesprä­che mit sei­nem Freund Pol­lock (Spä­ne), die uns im Band 14 sei­ner Gesam­mel­ten Schrif­ten über­lie­fert sind …

Was aber hat es nun mit Hork­hei­mers „Kri­ti­scher Theo­rie“ auf sich? Die­ser Titel dien­te zunächst der Abgren­zung vom „Mar­xis­mus“ sozi­al­de­mo­kra­ti­scher (Kaut­sky et al.) und sowjet­mar­xis­ti­scher (Bucha­rin et al.) Obser­vanz. Eine his­to­risch-kri­ti­sche Marx-Engels-Gesamt­aus­ga­be (MEGA) wur­de (in den Jah­ren 1924 - 1929) vom Mos­kau­er „Marx-Engels-Insti­tut“ David Rjas­anows und vom Hork­hei­mer-Insti­tut (Felix Weil und Fried­rich Pol­lock) vor­be­rei­tet. Bis zum Abbruch des Pro­jekts (1939/41) wur­den erst­mals die Marx­schen Früh­schrif­ten und sei­ne Grund­ris­se der poli­ti­schen Öko­no­mie ver­öf­fent­licht, was ein neu­ar­ti­ges, an Hegel (und Freud) ori­en­tier­tes Ver­ständ­nis des his­to­ri­schen Mate­ria­lis­mus ermög­lich­te12, wie es sich in der von Hork­hei­mer und Mar­cu­se 1937 in der Zeit­schrift für Sozi­al­for­schung publi­zier­ten „Kri­ti­schen Theo­rie“ – sowie in der von Karl Korsch (1938) vor­ge­leg­ten Marx-Inter­pre­ta­ti­on – mani­fes­tier­te.13

Hork­hei­mer unter­schied „zwei Erkennt­nis­wei­sen […]; die eine wur­de“ in Des­car­tes’ Dis­cours de la Métho­de (1637) „begrün­det, die ande­re in der [Marx­schen] Kri­tik der poli­ti­schen Öko­no­mie.“14 Korsch arbei­te­te drei For­men von Kri­tik her­aus, wie sie Marx (u. a. in den Theo­rien über den Mehr­wert) prak­ti­ziert hat­te: die „tran­szen­den­te“ (von außen kom­men­de oder poli­ti­sche, die die jewei­li­ge Theo­rie einer Klas­sen-Posi­ti­on oder Inter­es­sen­la­ge zuord­net), die „imma­nen­te“ (die Wider­sprü­chen im jewei­li­gen Text nach­geht), und die „tran­szen­den­ta­le“, die die Wider­sprü­che und „Män­gel“ öko­no­mi­scher und phi­lo­so­phi­scher Trak­ta­te auf die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se zurück­führt, die den Autoren und ihren Tex­ten Gren­zen setz­ten und set­zen.15

Kri­tik dien­te vor drei Jahr­hun­der­ten den Auf­klä­rern und dient uns heu­te zur Ent­zau­be­rung von „Feti­schen“. Feti­sche sind Aus­ge­bur­ten unse­rer Wün­sche und Ängs­te, als sol­che unkennt­lich gewor­de­ne Erzeug­nis­se mensch­li­cher Ein­bil­dungs­kraft, die als „Natur“ impo­nie­ren, ohne „Natur“ zu sein. Im Un- ter­schied zur Hypo­the­sen-Kri­tik der Natur­wis­sen­schaf­ten – die dem Inter­es­se an tech­ni­scher Beherr­schung der äuße­ren und der Men­schen-Natur die­nen – und zur Aus­ein­an­der­set­zung mit „Kul­tur-Objek­ti­va­tio­nen“ (im Dienst der Aneig­nung und Fort­bil­dung der Tra­di­ti­on) gilt die Marx­sche Kri­tik der Matrix die­ser Natur- und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten, näm­lich der Gesell­schafts­for­ma­ti­on, in der sie sich her­aus­ge­bil­det haben. Die­se Kri­tik hat es nicht mit „Natur“, son­dern mit Pseu­do­na­tur zu tun, mit der Ent­zau­be­rung von Insti­tu­tio­nen der Lebens- und Sozi­al­ge­schich­te, die not­ge­drun­gen – und dar­um bewusst­los – geschaf­fen und tra­diert wer­den und aus den ver­ge­sell­schaf­te­ten Indi­vi­du­en Wie­der­ho­ler machen. Um ihres „Gegen­stands“ Herr zu wer­den, setzt die Kri­tik „erklä­rend“ an und mün­det, wenn es gut geht, in ein neu­ar­ti­ges „Ver­ste­hen“, dann näm­lich, wenn die von ihr Betrof­fe­nen sich die Kri­tik (eine Rekon­struk­ti­on der Gene­se obso­let gewor­de­ner Insti­tu­tio­nen) zu eigen machen kön­nen, „Dia­gno­sen“ also adop­tie­ren und in Selbst­er­kennt­nis ummün­zen. Das eben ist das Spe­zi­fi­kum der Marx­schen und … der Freud­schen Kri­tik, der Kri­tik der poli­ti­schen wie der psy­chi­schen Öko­no­mie unse­rer Gesell­schaft. Bei­de Kri­ti­ken gel­ten zu Hin­der­nis­sen wei­te­rer Ent­wick­lung gewor­de­nen „Insti­tu­tio­nen“, sol­chen der Sozi­al­ge­schich­te und sol­chen der Lebens- geschich­ten, die in die Sozi­al­ge­schich­te ein­ge­hängt sind.16 Dass Marx wie Freud „Schü­ler“ des mate­ria­lis­ti­schen Reli­gi­ons­kri­ti­kers Lud­wig Feu­er­bachs waren, ist bekannt, dass Marx Hegel-Schü­ler und -Kri­ti­ker war, eben­falls, dass aber die Schlüs­sel- Kate­go­rien der Freud­schen The­ra­peu­tik – Amne­sie und Ana­mne­sis (Ver­ges­sen und Wie­der-Erin­nern) – von Hegels vor­ma­li­gem Ver­bün­de­ten und spä­te­ren Kri­ti­ker Schel­ling stam­men, wird noch kaum gese­hen.17 In sei­ner „posi­ti­ven“ Phi­lo­so­phie (dem Sys­tem der Welt­al­ter) hat Schel­ling die von Fich­te und Hegel ent­wi­ckel­te Dia­lek­tik zu Ende gedacht (und damit die Hegel­kri­tik Feu­er­bachs und Marx’ vor­be­rei­tet). Das dia­lek­ti­sche oder „ana­mnes­ti­sche“ Ver­fah­ren cha­rak­te­ri­sier­te Schel­ling als ein dia­lo­gi­sches, in dem die bewusst­lo­se Pro­duk­ti­on – also die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des fal­schen Bewusst­seins, dem die Mise­re der Gegen­wart als ein unent­rinn­ba­res Schick­sal erscheint –, von einem fra­gen­den und einem befrag­ten „Ich“ schritt­wei­se rekon­stru­iert wird, was aller­erst eine Revi­si­on (oder „Sabo­ta­ge“) die­ses ver­meint­li­chen Schick­sals18 ermöglicht.

Hork­hei­mer, Ador­no und Mar­cu­se gehör­ten zu den weni­gen Sozi­al­kri­ti­kern und Revo­lu­ti­ons­theo­re­ti­kern, die von der Freud­schen The­ra­peu­tik Kennt­nis nah­men und, vor allem, damit etwas anzu­fan­gen wuss­ten.19 Wie ihr Zeit­ge­nos­se, der Berufs­re­vo­lu­tio­när und His­to­ri­ker Trotz­ki20, ver­stan­den sie, dass es sich bei Freuds radi­ka­ler Kri­tik der Gegen­warts­kul­tur – der Matrix sei­ner Psy­cho­the­ra­pie – um eine ande­re „Kri­ti­sche Theo­rie“ han­delt, glei­chen Ursprungs, glei­cher Struk­tur und glei­cher Ziel­set­zung wie die Marx­sche. Sie adop­tier­ten die­se Psy- cho­lo­gie des Unbe­wuss­ten als eine „Hilfs­wis­sen­schaft“ der His­to­rio­gra­phie und der Gegen­warts-Ori­en­tie­rung (Hork­hei­mer21), blie­ben aber der the­ra­peu­ti­schen Pra­xis gegen­über skep­tisch, die sie als eine „posi­ti­vis­tisch“ ori­en­tier­te Kon­troll- und Anpas­sungs-Tech­nik auf­fass­ten und Freuds „Selbst-Miss­ver­ständ­nis“ der Psy­cho­ana­ly­se als einer „Natur­wis­sen­schaft“22 zuord­ne­ten. Hork­hei­mer und Ador­no erwo­gen zunächst, ihre Kri­tik des Posi­ti­vis­mus23 am Bei­spiel der Psy­cho­ana­ly­se zu demons­trie­ren, also die Auf­lö­sung des Rät­sels des „wis­sen­schaft­li­chen Sta­tus“ der Psy­cho­ana­ly­se24 ins Zen­trum ihrer (in den Jah­ren 1941-44 for­mu­lier­ten) „Phi­lo­so­phi­schen Frag­men­te“ zu stel­len.25 Zwei ande­re „Freu­dia­ner“ der „Frank­fur­ter Schu­le“ haben spä­ter unser Ver­ständ­nis der Psy­cho­ana­ly­se bedeu­tend erwei­tert: Her­bert Mar­cu­se dechif­frier­te Freuds Psy­cho­ana­ly­se als eine Gestalt der Phi­lo­so­phie und zeig­te, dass es sich auch bei des- sen ver­meint­li­chem „Bio­lo­gis­mus“ (Hork­hei­mer) um Gesell­schafts­theo­rie han­delt.26 Jür­gen Haber­mas erkann­te, dass das von Freud – im Zuge sei­ner Auf­klä­rung des Rät­sels der Hys­te­rie – ent­wi­ckel­te dia­lo­gisch-ana­mnes­ti­sche Ver­fah­ren, das der selbst­re­fle­xi­ven Auf­lö­sung von Wie­der­ho­lungs­zwän­gen dient, prak­ti­sche Kul­tur­kri­tik ist.27

Auf­klä­rer sind nicht etwa Phi­lo­so­phen im Sin­ne von Uni­ver­si­täts­an­ge­stell­ten [gewe­sen], son­dern eine poli­ti­sche Avant­gar­de, die die Gesell­schaft ändern woll­te“, sag­te Hork­hei­mer (1957) in sei­ner „Materialismus“-Vorlesung.28 Wie ver­hielt es sich aber mit der „Poli­tik“ der moder­nen Auf­klä­rer Hork­hei­mer und Ador­no? Wie schon gesagt, ver­stan­den sie sich als „Gelehr­te der [Arbeiter-]Bewegung“, deren Auf­ga­be es sei, der Lohn- arbei­ter­schaft (der „Ware“ Arbeits­kraft) ihre Situa­ti­on zu Bewusst­sein zu brin­gen, die Geschich­te ihrer Kämp­fe um Selbst­be­stim­mung vor dem Ver­ges­sen zu bewah­ren und den gesell- schaft­li­chen „Zwi­schen­schich­ten “ zu demons­trie­ren, dass es sich beim Kampf um die Über­win­dung der kapi­ta­lis­ti­schen (Welt-) Wirt­schaft nicht um ein par­ti­ku­la­res, son­dern um ein gesamt­ge­sell­schaft­li­ches Inter­es­se handelt.

Der sowje­ti­sche „Ther­mi­dor“ der zwan­zi­ger Jah­re (das Rück­läu­fig-Wer­den der Revo­lu­ti­on) führ­te nach weni­gen Jah­ren zum Ende der Zusam­men­ar­beit mit dem Mos­kau­er Rjas­anow-Insti­tut. Korsch, der spi­ri­tus rec­tor der Thü­rin­ger „Mar­xis­ti­schen Arbeits­wo­che“ im Mai 192329, in deren Fol­ge Weil das Frank­fur­ter Insti­tut (als eines „zur Erfor­schung des Mar­xis­mus“) grün­de­te, wur­de schon drei Jah­re spä­ter (mit ande­ren „lin­ken“ Kom- munis­ten) aus der KPD aus­ge­schlos­sen. Hork­hei­mer, Pol­lock und Fromm hiel­ten (wie Mar­cu­se, Ador­no und Ben­ja­min) wäh­rend ihrer Emi­gra­ti­ons­jah­re Distanz zu links­so­zia­lis­ti­schen Grup­pen und Par­tei­en.30 Sie ver­mie­den es lan­ge, sich öffent­lich zur sta­li­nis­ti­schen Sowjet­uni­on, über die sie gut infor­miert waren, zu äußern.31 Nach den Mos­kau­er Schau­pro­zes­sen der Jah­re 1936-38, dem weit­hin sicht­ba­ren Fanal des kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Mas­sen­ter­rors, und dem Hit­ler-Sta­lin-Pakt im dar­auf fol­gen­den Jahr trenn­ten sich Mit­ar­bei­ter und Kol­le­gen (wie Witt­fo­gel und Bloch), die in der Sowjet­uni­on ein „Gelob­tes Land“ sahen und sich auch wei­ter­hin an der Mos­kau­er „Gene­ral­li­nie“ ori­en­tier­ten, vom Insti­tut. Pol­lock cha­rak­te­ri­sier­te (1941) die Sowjet­uni­on als „staats­ka­pi­ta­lis­tisch“, und Hork­hei­mer klas­si­fi­zier­te (1940/42) Hit­lers und Sta­lins Regime als „Auto­ri­tä­re Staa­ten“.32 Die viel­leicht bedeu­tends­te Ana­ly­se des wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Sys­tems des Hit­ler-Staats – F. L. Neu­manns Behe­mo­th (1942, 1944) – ent­stand eben­falls im New Yor­ker Insti­tut. Trotz­kis Bücher und Zeit­schrif­ten der drei­ßi­ger Jah­re waren im Hork­hei­mer-Kreis bekannt, man hüte­te sich aber, den Ver­fem­ten zu erwäh­nen oder ihn zu zitieren.

Hork­hei­mer, Mar­cu­se, Ben­ja­min und Ador­no waren liber­tä­re Hegel-Mar­xis­ten; ihre poli­ti­sche Ori­en­tie­rung kann man am ehes­ten eine „anarcho-syn­di­ka­lis­ti­sche“ oder, dem Sprach­ge­brauch der drei­ßi­ger Jah­re ent­spre­chend, eine „trotz­kis­ti­sche“ nen­nen. Deut­li­cher als Ande­re erkann­ten sie, dass die drei „Unge­heu­er“ der drei­ßi­ger Jah­re – Sta­lin, Fran­co und Hit­ler, die Kom­man­deu­re „mas­sen­feind­li­cher Mas­sen­be­we­gun­gen“ – der revo­lu­tio­nä­ren euro­päi­schen Arbei­ter­be­we­gung das Genick gebro­chen hat­ten, sodass „die Gelehr­ten der Bewe­gung“ nun­mehr auf ver­lo­re­nem Pos­ten stan­den: „Was wir sind? – Arriè­re­gar­dis­ten, die Nach­hut eines Hee­res, das es schon nicht mehr gibt. Wo das Heer ste­hen soll­te, ist schon der Feind, der uns ver­folgt.“33 Zwei­fel­los hät­ten sie sich aber Trotz­ki (des­sen Text sie nicht kann­ten) ange­schlos­sen, der zu Beginn des Zwei­ten Welt­kriegs in sei­ner Aus­ein­an­der­set­zung mit Riz­zis Büro­kra­ti­sie­rungs-The­se zu fol­gen­dem Schluss kam: „Zu Ende gedacht, heißt die his­to­ri­sche Alter­na­ti­ve: ent­we­der ist das Sta­lin­sche Regime ein häß­li­cher Rück­fall beim Umwand­lungs­pro­zeß der bür­ger­li­chen Gesell­schaft in eine sozia­lis­ti­sche, oder es ist die ers­te Etap­pe einer neu­en aus­beu­te­ri­schen Gesell­schaft.“ Und was wäre zu tun, falls sich die sta­li­nis­ti­sche Sowjet­uni­on (was Trotz­ki für unwahr­schein­lich hielt) als Pro­to­typ einer neu­en, bar­ba­ri­schen Vari­an­te von Klas­sen­ge­sell­schaft erwie­se? „Dann wäre offen­bar ein neu­es ‚mini­ma­les‘ Pro­gramm not­wen­dig – zum Schutz der Inter­es­sen der Skla­ven einer tota­li­tä­ren büro­kra­ti­schen Gesell­schaft.“34

(Wien, 1.11.2023)


Fuß­no­ten
* „Auto­ri­tä­rer Staat“, GS, Band 6, S. 319.
1 Hork­hei­mer, M. (1988), Gesam­mel­te Schrif­ten (GS), Band 14, Frank­furt (Fischer), Nach­ge­las­se­ne Schrif­ten, 1949-72 (Teil 5: Noti­zen).
2 Die Kri­ti­ker der „reli­giö­sen Illu­sio­nen“ Hork­hei­mers haben ver­ges­sen, was die Reli­gi­on war und ist – „Aus­druck des wirk­li­chen Elends und in einem die Pro­te­sta­ti­on gegen das wirk­li­che Elend“, „der Seuf­zer der bedräng­ten Krea­tur“ und „der Geist geist­lo­ser Zustän­de“ –, und dass sich die anti­ke wie die spä­te­re euro­päi­sche Phi­lo­so­phie im Rah­men von Theo­lo­gie (oder aus deren Kri­tik) ent­wi­ckelt hat. Vgl. Marx (1844), „Zur Kri­tik der Hegel­schen Rechts­phi­lo­so­phie, Ein­lei­tung“, in: Marx-Engels-Wer­ke, Band 1, Ber­lin (Dietz) 1961, S. 378-391 (Zitat auf S. 378).
3 Hork­hei­mer hat sei­ne Frei­heits-Vor­le­sung im Som­mer­se­mes­ter 1953, im Win­ter­se­mes­ter 1957/58 und dann noch ein­mal im Som­mer­se­mes­ter 1961 gehal­ten. Eine (kor­ri­gier­te) Mit­schrift der „am wei­tes­ten durch­for­mu­lier­ten“ Ver­si­on aus dem WS 1957/58 hat der Her­aus­ge­ber in den Band 13 der Gesam­mel­ten Schrif­ten Hork­hei­mers – Frank­furt (Fischer) 1989, S. 452-514 – aufgenommen.
4 Aus mei­nem Tage­buch von 1961: „Der nahr­haf­te Kern im trost­lo­sen Som­mer­se­mes­ter ist Hork­hei­mers Frei­heits­vor­le­sung. Hier blüht die Rose im Kreuz der Gegen­wart …“ (13. Mai). – „Hork­hei­mer wird uns heu­te, nach­dem er Kant (und Fich­te) behan­del­te, ‚aus dem Hegel vor­tra­gen‘, bevor er auf Marx, dann Freud zu spre­chen kommt“ (17. Juli). – Gut, „wenigs­tens einen der gro­ßen mate­ria­lis­ti­schen Dia­lek­ti­ker gehört zu haben“ (29. Juli.). (H. D.)
5 Alfred Schmidt hat (1971, S. 363) mit­ge­teilt, dass „die Kraus­sche Fackel und […] Pfem­ferts berühm­te Akti­on zur stän­di­gen Lek­tü­re“ des jun­gen Hork­hei­mer gehör­ten. Mit den (dama­li­gen) Debat­ten um den Sozia­lis­mus sei er ver­traut gewe­sen: „Nament­lich des­sen ethisch-liber­tä­rer, radi­kal staat­feind­li­cher, dem Räte­ge­dan­ken zuge­ta­ner Flü­gel scheint ihn fas­zi­niert zu haben …“ Vgl. dazu Hork­hei­mers „Novel­len und Tage­buch­blät­ter“ aus der Zeit des Ers­ten Welt­kriegs in: Aus der Puber­tät (1974).
6 Hork­hei­mer und Pol­lock waren im Früh­jahr 1919 in Mün­chen und haben dort – als Sym­pa­thi­san­ten der Räte­re­pu­blik – den „Wei­ßen Ter­ror“ mit­er­lebt. Pol­lock gab sei­nen Pass einem Reprä­sen­tan­ten der rus­si­schen Sowjet­re­pu­blik, um die­sen zu schüt­zen, und der flog prompt damit auf. Hork­hei­mer wur­de mit Ernst Tol­ler ver­wech­selt und kurz­zei­tig ver­haf­tet … – Mit der „Reichs­exe­ku­ti­on“ gegen die Münch­ner Räte­re­pu­blik war (wie schon im Janu­ar 1919 gegen „Spar­ta­kus“ in Ber­lin) der Sozi­al­de­mo­krat Gus­tav Noske beauf­tragt wor­den. Am 3. Mai 1919 hat­ten sei­ne mili­tä­risch weit über­le­ge­nen Trup­pen gesiegt: „Eine Woche lang hat­ten die Erobe­rer Schieß­frei­heit, und alles, was spar­ta­kus­ver­däch­tig war – im Grun­de die gan­ze Münch­ner Arbei­ter­be­völ­ke­rung –, war vogel­frei“ (Sebas­ti­an Haff­ner). „Ins­ge­samt kamen wäh­rend die­ser Schre­ckens­ta­ge über 600 Men­schen ums Leben, die meis­ten völ­lig unbe­tei­lig­te Zivi­lis­ten. Erst nach dem 8. Mai hör­ten die will­kür­li­chen Erschie­ßun­gen auf.“ Vol­ker Ull­rich (2018), S. 99; Ull­rich zitiert aus der Revo­lu­ti­ons­ge­schich­te von Haff­ner (1979).
7 Brief an Filip­po Tura­ti vom 5.09.1880, zit. nach Dah­mer (2020), S. 216. 
8 Marx, Karl ([1875] 1891), „Rand­glos­sen zum Pro­gramm der deut­schen Arbei­ter­par­tei“, in: Marx-Engels-Wer­ke, Band 19, Ber­lin (Dietz) 1962, S. 15-32. 
9 Vor­aus­ge­gan­gen waren eine „Bela­ge­rung“ der Frank­fur­ter Uni­ver­si­tät und des Insti­tuts durch Hun­der­te von SA-Leu­ten im Früh­jahr 1931 und ein „Sturm uni­for­mier­ter Natio­nal­so­zia­lis­ten auf das Haupt­ge­bäu­de der Uni­ver­si­tät im Som­mer 1932“, Wig­gers­haus (2013), S. 75-77.
10 „Auf­klä­rer sind nicht etwa Phi­lo­so­phen im Sin­ne von Uni­ver­si­täts­an­ge­stell­ten [gewe­sen], son­dern eine poli­ti­sche Avant­gar­de, die die Gesell­schaft ändern woll­te. Ihre his­to­ri­sche Auf­ga­be war in der Tat nega­tiv, dar­in grün­det die Kri­tik, die gegen den Abso­lu­tis­mus, der ein Bünd­nis mit der Kir­che ein­ge­gan­gen war, sich rich­te­te.“ Hork­hei­mer [1957], „Geschich­te des Mate­ria­lis­mus …“, S. 437. 
11 Mes­liers Titel „Ver­mächt­nis der Gedan­ken und Ansich­ten von Jean Mes­lier, Pfar­rer von Étré­pi­gny und Balai­ves, über einen Teil der Irr­tü­mer und Miss­stän­de in der Len­kung und Lei­tung der Men­schen, wor­in sich kla­re und deut­li­che Bewei­se für die Eitel­keit und Falsch­heit aller Gott­hei­ten und aller Reli­gio­nen der Welt fin­den, das nach sei­nem Tode sei­nen Pfarr­kin­dern zukom­men soll, damit es ihnen und ihres­glei­chen als Zeug­nis der Wahr­heit diene …“ 
12 Vgl. dazu Mar­cu­se (1932).
13 Ver­ge­wis­sern wir uns in aller Kür­ze auch des poli­ti­schen Kon­texts des Jah­res 1937: In Spa­ni­en kämpf­ten „Inter­na­tio­na­le Bri­ga­den“ gegen Fran­co (und des­sen Hel­fers­hel­fer Mus­so­li­ni-Ita­li­en und Hit­ler-Deutsch­land), wäh­rend Sta­lins GPU – im Bun­de mit der spa­ni­schen KP – die revo­lu­tio­nä­re Lin­ke liqui­dier­te, die die Sozia­li­sie­rung der Pro­duk­ti­ons­mit­tel nicht auf den Sankt-Nim­mer­leins-Tag nach dem erhoff­ten mili­tä­ri­schen Sieg der „Volks­front“ ver­schie­ben woll­te. In der Sowjet­uni­on erreich­te der Mas­sen­ter­ror sei­nen Höhe­punkt, und Sta­lin ließ Tau­sen­de von Offi­zie­ren samt der Füh­rung der Roten Armee erschie­ßen. Auch in Frank­reich wur­de eine „Volksfront“-Regierung gebil­det; japa­ni­sche Trup­pen erober­ten einen Groß­teil Chi­nas und der – wäh­rend des ara­bi­schen Auf­stands erar­bei­te­te – ers­te Tei­lungs­plan für Paläs­ti­na, der einen ara­bi­schen und einen jüdi­schen Klein­staat vor­sah, schei­ter­te. In Mün­chen wur­den beschlag­nahm­te Bil­der moder­ner Künst­ler (von denen ein Teil ins „Aus­land“ ver­kauft oder ver­nich­tet wur­de) in der Aus­stel­lung „Ent­ar­te­te Kunst“ gezeigt, und die Ära der Luft­schif­fe ende­te, als die „Hin­den­burg“ bei der Lan­dung in Lake­hurst in Flam­men aufging … 
14 Hork­hei­mer (1937 b), S. 625, in: GS, Band 4, S. 216 („Nach­trag“).
15 Korsch (1938), Anhän­ge III und IV.
16 „Objekt“ der Freud­schen The­ra­pie sind ver­ge­sell­schaf­te­te Indi­vi­du­en, die den (unsch­licht­ba­ren) Kon­flikt zwi­schen Trieb­wün­schen und Befrie­di­gungs­chan­cen in sich aus­tra­gen und häu­fig dar­an schei­tern. Aus­druck ihres Schei­terns sind lebens­ge­schicht­lich erwor­be­ne, psy­chi­sche Stö­run­gen, „sozia­le Lei­den“ (S. Feren­c­zi), die sich, als soma­ti­sche mas­kiert, weder mit Dro­gen, noch mit dem Skal­pell hei­len lassen …
17 Vgl. dazu mein Buch Die unna­tür­li­che Wis­sen­schaft (2012; 2019). (H. D.)
18 Son­ne­mann, Ulrich (1969).
19 Vgl. dazu das Kapi­tel „Psy­cho­ana­ly­se in der ‚Frank­fur­ter Schu­le‘“, in: Dah­mer (2019, 2020), S. 79-129.
20 Vgl. dazu Dah­mer (2022), S. 5-170 („Trotz­ki und die Psychoanalyse“).
21 Hork­hei­mer, „Geschich­te und Psy­cho­lo­gie“ (1932).
22 Haber­mas (1968).
23 Hork­hei­mer (1937 a), „Der neu­es­te Angriff auf die Metaphysik“.
24 Die­sem Pro­blem war (1973) der I. Teil mei­nes Buches Libi­do und Gesell­schaft gewid­met. (H. D.)
25 Unter dem Ein­druck der Infor­ma­tio­nen über die von den deut­schen Faschis­ten prak­ti­zier­te Aus­rot­tung der euro­päi­schen Juden­heit stell­ten sie dann aber (1944) die Erhel­lung des anti­se­mi­ti­schen Wahns ins Zen­trum ihrer Dia­lek­tik der Auf­klä­rung. Der Schluss­satz des Kapi­tels „Ele­men­te des Anti­se­mi­tis­mus, Gren­zen der Auf­klä­rung“ (1947, S. 238), klingt wie die Ankün­di­gung der von bei­den Autoren geplan­ten „dia­lek­ti­schen Logik“, wie sie Ador­no spä­ter – in Gestalt einer Nega­ti­ven Dia­lek­tik – ent­fal­te­te: „Die ihrer selbst mäch­ti­ge, zur Gewalt wer­den­de Auf­klä­rung selbst ver­möch­te die Gren­zen der Auf­klä­rung zu durchbrechen.“
26 Bei „Freuds ‚Bio­lo­gis­mus‘ [han­delt es sich um] Gesell­schafts­theo­rie in einer Tie­fen­di­men­si­on, die von den neo-freu­dia­ni­schen Schu­len kon­se­quent ver­flacht wor­den ist.“ Mar­cu­se (1955), S. 13. Ador­no (1946) und Mar­cu­se (1955) haben als ers­te die Revi­si­on des Freud­schen Ori­gi­nals in der nach­freud­schen Ent­wick­lung der (orga­ni­sier­ten) Psy­cho­ana­ly­se kritisiert. 
27 Haber­mas (1968), III. Teil. 
28 Sie­he Anm. 10.
29 Vgl. dazu Buck­mil­ler (1988).
30 Hork­hei­mer und Ador­no blie­ben – im Unter­schied zu Mar­cu­se – spä­ter auch gegen­über der Stu­den­ten- und Schü­ler-Pro­test­be­we­gung von 1968 skeptisch.
31 Nur Mar­cu­se ver­öf­fent­lich­te 1958 – auf den Spu­ren von Korsch – eine Kri­tik der sta­li­nis­ti­schen Ver­si­on von „Mar­xis­mus“.
32 Trotz­ki sah (im Dezem­ber 1939) in den bei­den „tota­li­tä­ren“ Staa­ten ein „Zwil­lings­ge­stirn“. – Hork­hei­mer und Ador­no schlos­sen sich spä­ter der von Max Weber bzw. Bru­no Riz­zi ent­wi­ckel­ten Theo­rie an, der zufol­ge hoch ent­wi­ckel­te Indus­trie-Gesell­schaf­ten einem unauf­halt­sa­men Pro­zess der „Büro­kra­ti­sie­rung“ unter­lie­gen („Ver­wal­te­te Welt“). 
33 Hork­hei­mer, Nach­ge­las­se­ne Noti­zen (1949-1969), in: GS, Band 14 (1988), S. 92. 
34 Trotz­ki, Leo D. (1939), „Die UdSSR im Krieg“, in: Schrif­ten (1988), Band 1.2, Text 61, S. 1280 f.

Lite­ra­tur
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