Mei­ne Erleb­nis­se mit Hartz-IV oder wie es sich am Ran­de der Gesell­schaft lebt

 

Teil II: Fort­set­zung des Arti­kels aus Avan­ti² Nr. 9 von Mai 2015

R.G.

Die blei­er­ne Zeit nen­ne ich das, es ist die Zeit der Wert­lo­sig­keit. Dei­ne erschaf­fe­nen Wer­te gel­ten nichts mehr. Du hast das Gefühl, in die­ser Gesell­schaft ein Nie­mand zu sein. Weder kannst Du an Kul­tur – Thea­ter oder Kino – teil­neh­men. All’ das, was das Leben aus­macht, bleibt Dir ver­schlos­sen.
Gut, Du kannst Fern­se­hen gucken. Doch was wird Dir da gebo­ten. Die Pro­ble­me der Rei­chen, bei denen die Putz­frau einen Por­sche fährt. Eine Welt, die aus einem end­lo­sen Lie­bes­rei­gen besteht.
Bumms, aus – irgend­wo reich­te es mir. Mei­ne Bewer­bun­gen lie­fen ins Lee­re. Wenn es Ange­bo­te gab, dann nur Mini-Jobs. Ich ging zum Arzt, um mir etwas gegen mei­ne Depres­sio­nen geben zu las­sen. Er check­te mich durch. Nach einer Woche bekam ich einen Anruf, ich möch­te noch ein­mal vor­bei­kom­men.
Fazit: Ich hat­te Krebs. Toll dach­te ich, jetzt wird mir alles egal. Ich fing an zu trin­ken. Das ging so eine Wei­le. Dann hör­te ich wie­der auf, weil die gan­zen Unter­su­chun­gen anfin­gen. Noch hat­te ich mei­nen Stolz nicht ver­lo­ren. Dabei ver­such­te ich wie­der mei­ne Selbst­ach­tung zu gewin­nen.

Die Grup­pe

Bei einer 1. Mai-Ver­an­stal­tung traf ich alte Freun­de wie­der. Vor vie­len Jah­ren hat­te ich mit ihnen poli­tisch zusam­men­ge­ar­bei­tet. Ich nahm Kon­takt auf, besuch­te die Tref­fen und fühl­te mich nicht mehr so allein mit mei­nem Pro­ble­men.
Die Ope­ra­ti­on ver­lief gut. Heu­te den­ke ich, dass mein see­li­scher Zustand, mei­ne see­li­sche Ver­fas­sung, die­sen Krank­heits­zu­stand aus­ge­löst hat. Auf­grund mei­ner beruf­li­chen Vor­bil­dung weiß ich: In einem kran­ken Kör­per wohnt kei­ne gesun­de See­le. Ich bekam eine Reha und hat­te viel Zeit zum Nach­den­ken.
Nach mei­ner Gene­sung wur­de mir eine Stel­le in mei­nem alten Beruf auf Mini-Job-Basis ange­bo­ten. Wenn Du mehr als 160 Euro ver­dienst, wird Dir der Rest abge­zo­gen. Es blei­ben Dir eigent­lich nur 110 Euro übrig. Trotz­dem hat­te ich jetzt ein ande­res Gefühl, ich fühl­te mich durch mei­ne klei­ne Tätig­keit wie­der etwas wert­vol­ler.

Neun Mona­te dau­er­te die­ses Arbeits­ver­hält­nis, dann ging die Che­fin in den Ruhe­stand. Jetzt fing die Schei­ße wie­der von vor­ne an. Nach unzäh­li­gen Bewer­bun­gen schick­te mich das Job-Cen­ter in ein soge­nann­tes Inte­gra­ti­ons-Pro­gramm für Arbeits­lo­se ab Fünf­zig.

Das Pro­gramm

Die­ses Pro­gramm wird von einer Pri­vat­fir­ma ange­bo­ten und besteht aus nichts ande­rem als dem Zwang, zwei Mal die Woche dort auf­zu­tau­chen und am PC Dei­ne Stel­len­an­ge­bo­te aus­zu­dru­cken. Die­se musst Du dem Sach­be­ar­bei­ter vor­le­gen. Er hef­tet sie in eine Map­pe und legt sie dann in einen Umschlag, Brief­mar­ke drauf und ab die Post. Die­ser gan­ze Quatsch dau­er­te vier Mona­te.
Gehe ich davon aus, dass ein Monat 500 Euro kos­tet, so sind es in vier Mona­ten 2.000 Euro. Da wir zwan­zig Leu­te in dem Pro­gramm waren, dürf­ten wohl locker 40.000 Euro an Kos­ten ange­fal­len sein. Bei zwei Ange­stell­ten macht die­se Fir­ma mit den Arbeits­lo­sen einen Hau­fen Schot­ter.

Auch bei dem gemein­sa­men Vor­stel­lungs­tref­fen war es das glei­che Bild. Men­schen, die wie der leben­di­ge Tod aus­sa­hen. Sie schie­nen mir sowohl phy­sisch als auch psy­chisch total gestört zu sein.
Die Lei­te­rin der Ein­rich­tung schwa­dro­nier­te her­um. Sie erzähl­te uns, dass sie mal einem 70-jäh­ri­gen Mann eine Stel­le ver­mit­telt hät­te. Die­ser wäre jetzt ganz glück­lich. Wir guck­ten uns ganz blö­de an und ein jeder dach­te jetzt wohl das Glei­che wie ich – die tickt wohl nicht mehr rich­tig. Des wei­te­ren soll­ten wir jetzt die Fra­ge­bö­gen aus­fül­len und unse­ren Traum­be­ruf bezie­hungs­wei­se Berufs­wunsch ein­tra­gen. Wenn ihre zwei Söh­ne mit dem Abitur fer­tig sei­en, so die Lei­te­rin, dann wür­de sie natür­lich auch etwas anders machen.

Mich kotz­te die­ses blö­de Geschwätz an. Ich sag­te ihr, dass es wohl sehr zynisch sei, was sie hier ver­an­stal­te, und dass wir eine Arbeit wol­len, von der wir auch Leben kön­nen. Dar­auf­hin lief sie rot an und stutz­te mich mit der Bemer­kung zurecht, ich sol­le nicht unver­schämt wer­den.
Ich ließ nicht locker und ver­wies auf die vie­len Zeit­ar­beits­fir­men, auf die schlech­te Bezah­lung und auf die pre­kä­ren Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se. Damals gab es noch nicht den Min­dest­lohn, und heu­te bekä­me ein Lang­zeit­ar­beits­lo­ser auch kei­nen Min­dest­lohn. Wobei 8,50 Euro mal 40 Stun­den gera­de mal 1.360 Euro brut­to sei­en. Davon kön­ne kein Mensch leben. Heu­te sei­en in Deutsch­land fast 50 Pro­zent in Mini-Jobs, Zeit­ver­trä­gen, Leih­ar­beit oder Teil­zeit­ar­beit – Ten­denz stei­gend.

Sie block­te ab mit der Bemer­kung, dass gehö­re hier nicht zur Sache. Ich habe mir durch die Dis­kus­si­on etwas Sym­pa­thie bei den Ande­ren erwor­ben.
Nach­dem wir die Fra­ge­bö­gen aus­ge­füllt hat­ten, muss­ten wir unse­re Unter­la­gen abge­ben. Der Sach­be­ar­bei­ter war ganz erstaunt über mei­ne beruf­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on.

Ein Kon­takt

Als ich wie­der drau­ßen auf der Stra­ße stand, sprach mich ein Mann an. Er erzähl­te mir, er sei IT-Tech­ni­ker und 52 Jah­re alt. Er habe sein gan­zes Leben gear­bei­tet und in die Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung ein­ge­zahlt. Es kön­ne doch nicht sein, dass er nach einem Jahr Arbeits­lo­sen­geld nun Hartz-IV bekom­me. Ich stimm­te ihm zu, aber er war am Boden zer­stört. Man hat­te ihn ent­las­sen und einen Jün­ge­ren genom­men. Ich ver­such­te noch, ihn für die Grup­pe zu gewin­nen, doch er hat­te mit sei­nem Leben abge­schlos­sen.

Ich traf ihn noch ein paar Mal, aber er war dann immer alko­ho­li­siert. Er wur­de dann immer aggres­si­ver mir gegen­über. Mir blieb nichts anders übrig, als die Bezie­hung zu ihm abzu­bre­chen.

Fort­set­zung folgt.

aus der Rhein-Neckar Bei­la­ge zur Avan­ti 234, Juni 2015
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