Ren­ten­re­form“ in Frankreich

Alle Welt schaut auf den Streik ab dem 7. März

 

Ber­nard Schmid

Geis­ter­stun­de am Frei­tag, den 17. Febru­ar 2023. Um kurz vor Mit­ter­nacht wur­de die Debat­te über den Gesetz­ent­wurf zur „Ren­ten­re­form“ in der Natio­nal­ver­samm­lung abge­bro­chen. Die zwei Sit­zungs­wo­chen dau­ern­de Dis­kus­si­on hat­te wesent­li­che Tei­le des Geset­zes­tex­tes nicht behandelt.

Demo gegen „Rentenreform“ in Paris, 11. Februar 2023. (Foto: Martin Noda / Hans Lucas..)

Demo gegen „Ren­ten­re­form“ in Paris, 11. Febru­ar 2023. 
(Foto: Mar­tin Noda / Hans Lucas..)

Ins­be­son­de­re war sie nicht bis zum Kern-Arti­kel 7 vor­ge­drun­gen. Die­ser Para­graph beinhal­tet die Anhe­bung des gesetz­li­chen Ren­ten­min­dest­al­ters von bis­lang 62 auf 64. Aber nicht ver­ges­sen: Eine von Abzü­gen wegen feh­len­der Bei­trags­jah­re abschlags­freie Ren­te gibt es in Frank­reich erst ab 67!

Die Aus­spra­che im Par­la­ment war zum Erlie­gen gekom­men, weil Tau­sen­de von Ände­rungs­an­trä­gen zuvor hat­ten behan­delt wer­den müs­sen. Ins­ge­samt waren 20.500 Ände­rungs­an­trä­ge ein­ge­reicht wor­den, unter ihnen gut 18.000 allein von dem Bünd­nis meh­re­rer Links­frak­tio­nen, der NUPES.

Damit wie­der­hol­te die Links­op­po­si­ti­on die par­la­men­ta­ri­sche Ver­zö­ge­rungs- und Behin­de­rungs­tak­tik, die im Jahr 2004 mit eini­gem Publi­kums­er­folg u. a. durch Par­la­men­ta­ri­er der KP gegen die damals zur Abstim­mung gestell­te Pri­va­ti­sie­rung des fran­zö­si­schen Strom­ver­sor­gers EDF ange­wandt wor­den war.

Auch wenn der par­la­men­ta­ri­sche Zir­kus von 2004 gewiss kei­ne Tra­gö­die dar­stell­te, son­dern eher eine Art von Wider- stands­hand­lung, so lie­ßen sich die Abläu­fe im Jahr 2023 nicht mit ver­gleich­ba­ren Ergeb­nis­sen wiederholen.

Zum Ers­ten, weil die bür­ger­li­che Regie­rungs­mehr­heit die­ses Mal nicht über­rascht war, son­dern sich längst argu­men- tativ dar­auf ein­ge­stellt hat­te. Bei ihren Auf­trit­ten in Medi­en warn­ten Ver­tre­ter des Regie­rungs­la­gers, aber auch ande­rer Oppo­si­ti­ons­par­tei­en schon vor­beu­gend vor einer zu erwar­ten­den „Cha­os-Stra­te­gie“.

Und zum Zwei­ten, weil die Par­la­ments­de­bat­te die­ses Mal von vorn­her­ein zeit­lich beschränkt war, denn das Regie­rungs­la­ger hat­te den „Reform­ent­wurf“ als Haus­halts­ge­setz (d. h. als Nach­trags­haus­halt) dekla­riert. Bei Haus­halts­de­bat­ten gibt es nur jeweils eine Lesung in der Natio­nal­ver­samm­lung (und im Senat, der ande­ren Par­la­ments­kam­mer) statt sonst drei Lesun- gen. Wird die Debat­te nicht nach fünf­zig Tagen abge­schlos­sen, darf die Exe­ku­ti­ve den frag­li­chen Text auf dem Ver­ord­nungs­weg verabschieden.

Gren­zen par­la­men­ta­ri­scher Tak­ti­ken
Die Tak­tik des „Chao­ti­sie­rens“ lief sich dar­um ein Stück tot. Zudem zeig­te sich auch das Links­bünd­nis NUPES tief gespal­ten. Selbst deren zah­len­mä­ßig stärks­te Ein­zel­frak­ti­on, die links­so­zi­al­de­mo­kra- tisch bis links­na­tio­na­lis­tisch schil­lern­de Wahl­platt­form LFI („Das unbeug­sa­me Frank­reich“) war sich sehr uneinig.

Ein Teil ihrer Abge­ord­ne­ten hät­te es ger­ne den übri­gen Links­frak­tio­nen gleich getan und die Debat­te bis zum beson­ders strit­ti­gen Arti­kel 7 vor­rü­cken las­sen, da von ihrer Ein­zel­frak­ti­on noch immer 13.000 Ände­rungs­an­trä­ge im Raum standen.

Doch der fak­ti­sche Chef der ohne Par­tei­struk­tu­ren aus­kom­men­den Wahl­platt­form, der frü­he­re Prä­si­dent­schafts­kan­di- dat Jean-Luc Mélen­chon, hielt dage­gen. Er wies öffent­lich den Chef der Fran­zö­si­schen KP, Fabi­en Rous­sel, zurecht: Sei­ne Posi­ti­on zuguns­ten eines Rück­zugs zahl­rei­cher Ände­rungs­an­trä­ge sei falsch. Ihr zu fol­gen, wäre ein ver­häng­nis­vol­ler Fehler;.

Übri­gens waren auch Tei­le der sozia­len Bewe­gun­gen (im Unter­schied zu den Struk­tu­ren von CGT und CFDT) der Über­zeu­gung, dass es even­tu­ell demo­bi­li­sie­rend wäre, wenn der Arti­kel 7 debat­tiert und beschlos­sen wür­de. Dann, so die Befürch­tung, kön­ne das Argu­ment der „demo­kra­ti­schen Legi­ti­ma­ti­on“ greifen.

Letzt­end­lich setz­te sich fak­tisch die Posi­ti­on der Nicht­be­fas­sung durch, wozu auch das Regie­rungs­la­ger bei­trug. Es ver­schlepp­te selbst die Debat­ten. Ihm ging es dar­um, zu ver­hin­dern, dass ihre Abge­ord­ne­ten zum Arti­kel 7 Far­be beken­nen muss­ten, da zumin­dest man­che zu zögern schie­nen. Über­dies hat­ten die Gewerk­schaf­ten unter­des­sen alle Abge­ord­ne­ten (mit Aus­nah­me des rechts­extre­men RN, wel­chen sie absicht­lich aus­klam­mer­ten) schrift­lich auf­ge­for­dert, ihre Posi­tio­nie­rung zur „Ren­ten­re­form“ bekannt zu machen. Was fak­tisch bedeu­te­te, ihnen die spä­te­re Nicht-Wie­der­wahl anzudrohen.

Jetzt steht auf jeden Fall die Vor­be­rei­tung der Streiks und Mas­sen­pro­tes­te ab dem 7. März 2023 im Vor­der­grund, die nach dem Wil­len der Gewerk­schaf­ten Frank­reich lahm­le­gen sollen.

Aus Avan­ti² Rhein-Neckar März 2023
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