Sozi­al­part­ner­schaft statt Klassenkampf?

Zum IGBCE-Kon­gress 2025

 

J. J.

Vom 19. bis 24. Okto­ber 2025 tag­te in Han­no­ver der 8. Ordent­li­che Gewerk­schafts­kon­gress der IGBCE. Unter dem Mot­to „Das Rich­ti­ge tun! Klar. Stark. Soli­da­risch.“ haben 400 Dele­gier­te 500 Anträ­ge abge­stimmt und eine neue Füh­rung gewählt.

IGBCE-Aktive in Mannheim, 1. Mai. 2023. (Foto: Avanti².)

IGBCE-Akti­ve in Mann­heim, 1. Mai. 2023. (Foto: Avanti².)

Doch was bedeu­tet „Das Rich­ti­ge tun!“ in Zei­ten von Auf­rüs­tung, Kli­ma­zer­stö­rung, Angrif­fen auf „Sozi­al­staat“ und Arbeits­be­din­gun­gen, Ver­nich­tung von Arbeits- und Aus­bil­dungs­plät­zen und dem Auf­schwung auto­ri­tä­rer und faschis­ti­scher Parteien.

Für den IGBCE-Haupt­vor­stand und den Vor­sit­zen­den Micha­el Vas­si­lia­dis ist die Ant­wort klar: die Fort­set­zung der „Sozi­al­part­ner­schaft“ als „Erfolgs­mo­dell“. Die­sem Kurs sind die Dele­gier­ten mit über­wäl­ti­gen­der Mehr­heit poli­tisch und per­so­nell gefolgt.

So gab es kei­ne Gegen­an­trä­ge zu den Leit­an­trä­gen des Haupt­vor­stan­des, der zudem ohne Gegen­kan­di­da­tu­ren mit hoher Zustim­mung gewählt wur­de. Der Vor­sit­zen­de Vas­si­lia­dis mit 95,1 Pro­zent der Stim­men bereits zum fünf­ten (!) Mal.

Unan­ge­foch­te­ne Führung?
Dies ver­wun­dert nicht. Seit Jahr­zehn­ten ist die „Sozi­al­part­ner­schaft“ die stra­te­gi­sche Ach­se der IGBCE. Sie bestimmt Inhalt und Pra­xis der Tarif-, Betriebs- und Gesell­schafts­po­li­tik. Sie bestimmt die Bil­dungs­ar­beit und die Publi­ka­tio­nen. Kapi­ta­lis­mus­kri­tik ist kaum zu fin­den. Dies alles hat das Klas­sen­be­wusst­sein der Mit­glied­schaft wei­ter geschwächt und den Gewerk­schafts­ap­pa­rat poli­tisch und per­so­nell geschwächt.

Wäh­rend­des­sen erfah­ren die Che­mie­be­schäf­tig­ten tag­täg­lich den Wider­spruch zwi­schen „Sozi­al­part­ner­schaft“ und betrieb­li­cher Rea­li­tät. Die dabei ent­ste­hen­de Unzu­frie­den­heit macht sie emp­fäng­li­cher für die einen neu­en Faschis­mus vor­be­rei­ten­de Poli­tik von AfD & Co.

Gemein­sam gegen AfD?
Vie­le Anträ­ge bezie­hen ein­deu­tig Stel­lung gegen die AfD. Das ist posi­tiv. Lei­der blei­ben die vor­ge­schla­ge­nen Gegen­ak­ti­vi­tä­ten un- kon­kret. Nicht zuletzt feh­len der Aus­schluss von AfD-Mit­glie­dern, die anti­fa­schis­ti­sche Mobi­li­sie­rung im Betrieb und auf der Stra­ße sowie Bünd­nis­se mit anti­fa­schis­ti­schen Initiativen.

Auch wenn die­se Anträ­ge zum Teil den Zusam­men­hang der jahr­zehn­te­lan­gen neo­li­be­ral-kapi­ta­lis­ti­schen Angrif­fe mit dem Auf­stieg der extre­men Rech­ten benann­ten, wur­den Kapi­ta­lis­mus und Regie­rungs­po­li­tik nicht grund­sätz­lich kri­ti­siert. Eben­so wenig gab es (Selbst-)Kritik am fort­ge­setz­ten sozi­al­part­ner­schaft­li­chen Kurs der IGBCE.

Ant­wor­ten auf die Krise?
Die deut­sche Che­mie­in­dus­trie hat seit Beginn des rus­si­schen Über­falls auf die Ukrai­ne einen ihrer frü­he­ren Pro­fit­vor­tei­le, güns­ti­ges rus­si­sches Gas, ver­lo­ren. Die Inves­to­ren wol­len aber wei­ter­hin ihre Ren­di­te. Vor die­sem Hin­ter­grund wer­den Stand­or­te „über­prüft“, umstruk­tu­riert, ver­kauft oder geschlos­sen, Arbeits­plät­ze ver­nich­tet und Pro­duk­tio­nen ins Aus­land verlagert.

Dies ist nichts Neu­es, son­dern fin­det seit Jahr­zehn­ten statt. Aber ein gewerk­schaft­li­cher Abwehr­kampf wur­de von der IGBCE nicht orga­ni­siert. Statt­des­sen gab es erfolg­lo­se „sozi­al­part­ner­schaft­li­che“ Appel­le, „run­de Tische“ und ver­trau­ens­vol­le Abspra­chen mit den Chemiekapitalisten.

Und was pas­siert aktu­ell? Erneut setzt die IGBCE-Füh­rung auf Gesprä­che mit Che­mie­bos­sen und Regie­rung. Vas­si­lia­dis for­dert ein Umden­ken in der deut­schen Indus­trie­po­li­tik, nied­ri­ge­re Indus­trie­strom­prei­se, weni­ger Regu­la­ri­en, nied­ri­ge­re CO2-Kos­ten und eine „ver­nünf­ti­ge“ Umwelt­po­li­tik. Mit die­ser Poli­tik will Vas­si­lia­dis die Che­mie-Pro­fi­te sichern, in der Hoff­nung, dass dann das Che­mie­ka­pi­tal und die Che­mie-Arbeits­plät­ze in Deutsch­land blei­ben. Den dafür not­wen­di­gen Preis zah­len die Beschäf­tig­ten und die Steuerzahler.

Doch am Ende ist dem Che­mie­ka­pi­tal Pro­fit­ma­xi­mie­rung wich­ti­ger als die „Sozi­al­part­ner­schaft“. Des­halb wird es auf Dau­er kei­ne Garan­tien für Arbeits- und Aus­bil­dungs­plät­ze geben.

Für eine kämp­fe­ri­sche Gewerkschaftspolitik
Der IGBCE-Kon­gress 2025 steht für die Fort­set­zung einer Poli­tik, die die Che­mie­be­schäf­tig­ten in den Betrie­ben wehr­los macht und deren Klas­sen­be­wusst­sein wei­ter zer­stört. Eine Poli­tik, die kei­ne wirk­sa­men Ant­wor­ten auf den dro­hen­den Sozi­al­ab­bau und die lau­fen­den Angrif­fe auf die Lebens- und Arbeits­be­din­gun­gen ihrer Mit­glie­der hat.

Ange­sichts des­sen wird eine radi­ka­le Umori­en­tie­rung der IGBCE immer drän­gen­der: Klas­sen­kampf und gewerk­schaft­li­che Gegen­macht statt „Sozi­al­part­ner­schaft“, inter­na­tio­na­le Soli­da­ri­tät statt Stand­ort­na­tio­na­lis­mus. Doch die Kräf­te für eine sol­che Neu­ori­en­tie­rung sind der­zeit nicht in Sicht. Dazu müs­sen erst die Che­mie­be­schäf­tig­ten selbst wider­stän­di­ger und kämp­fe­ri­scher wer­den. Tra­gen wir unse­ren Teil dazu bei!

Aus Avan­ti² Rhein-Neckar Janu­ar 2026
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