Helmut Dahmer
Mit der von den knapp 12 Millionen Wählern der NSDAP, der damals stärksten Partei1, jubelnd gefeierten Ernennung Hitlers zum Reichskanzler durch den Präsidenten Hindenburg am 30. Januar 1933 begann die Wandlung der deutschen Gesellschaft der Zwischenkriegszeit zu einer triumphalistischen Räuber- und Mörder-Gemeinschaft.

Demo gegen AfD in Mannheim, 7. Juni 2024. (Foto: Helmut Roos.)
Diese war bestrebt – und bald auch in der Lage –, um ihres Traums von einem „arischen“ Großreich zwischen Atlantik und Ural willen alles auszurotten, was sich dem nicht fügte. Handele es sich dabei um viele Millionen Menschen oder um die kulturelle Überlieferung. Als dieser Traum zum Albtraum wurde und die Überlebenden zwischen Leichenfeldern und Ruinen ihrer eigenen Ohnmacht innewurden, flüchtete sich deren Mehrheit, von Angst und Schuld getrieben, ins große Vergessen.
Fortan versuchten sie und ihre Nachkommen, so zu leben, als hätte es die zwölf Jahre Hitlerdiktatur, als hätte es Krieg und Holocaust nie gegeben. An dieser kollektiven Amnesie krankt die deutsche Gesellschaft seit 1945. Was Menschen aber überwältigt, und was sie darum vergessen, was also ihrem Bewusstsein fernbleibt, kehrt unversehens, in verwandelter Gestalt, zurück.
Das Grauen, das der deutsche Faschismus (im Verein mit seinen Ablegern und Nachahmern) in die Welt brachte, übt, dem Wiederholungszwang folgend, auf nachfolgende Generationen eine unheimliche Faszination aus, selbst in Ländern, die den Nazis zum Opfer fielen. Und so treten immer wieder neue NS-Imitatoren, „Nachfolge-“ und „Wiederbetätigungs“-Organisationen, Attentäter und Wiedergänger (wie die Zwickauer NSU-Gruppe) auf, die unseren Zeitgenossen den alten Schrecken noch einmal vorspielen, von dem sie noch immer nichts wissen wollen und den sie darum auch nicht als solchen erkennen, geschweige denn bekämpfen können.
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Um zu verstehen, was 1933/34 geschah, muss man auf die Jahre 1918/19 zurückgehen, in denen die Weichen für Gründung und Untergang der Weimarer Republik gestellt wurden. Damals wurde der Erste Weltkrieg durch revoltierende Soldaten (Arbeiter, Angestellte, Bauern, Intellektuelle) beendet. Ihr Ziel war nicht nur – wie es der Mehrheits-Sozialdemokratie vorschwebte – die Ablösung der Monarchie durch eine parlamentarische Demokratie, sondern deren Fundierung durch die Demokratisierung der Wirtschaft, also durch Beseitigung der privaten Gutswirtschaft auf dem Lande und durch die öffentliche Kontrolle der Banken und der industriellen Produktion. Gegen eine solche radikale Demokratisierung von Wirtschaft und Gesellschaft verbündeten sich noch im Augenblick der Revolution die Führung des kaiserlichen Heeres und die Mehrheits-Sozialdemokraten. Großkapitalisten finanzierten faschistische Stoßtrupps („Freikorps“), die im Verein mit der Armee (einem „Staat im Staat“) in einem mehrjährigen Bürgerkrieg gegen immer neue sozialistische Aufstandsversuche die Oberhand behielten.
Die prekäre parlamentarische Demokratie auf kapitalistischer Basis wurde dann – im Gefolge der großen Wirtschaftskrise von 1929 – auf wechselnde Präsidial-Diktaturen reduziert, deren letzte vom Reichspräsidenten und den bürgerlichen Parteien dem gescheiterten Putschisten Hitler anvertraut wurde. Dieser verfügte mit der SA über eine Privatarmee und ließ binnen weniger Monate die Arbeiterorganisationen sowie seine Gegner und Konkurrenten liquidieren.
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Vergleiche gegenwärtiger mit historischen Situationen und Prozessen sind für das Verständnis von Vergangenheit und Gegenwart – vor allem für die Erkenntnis der in der Gegenwart fort- wirkenden Vergangenheiten – unentbehrlich. Sie ermöglichen das Lernen aus früheren Situationen, in denen Krisen sich zu Katastrophen auswuchsen oder, seltener, die damals lebenden denkenden und leidenden Menschen rechtzeitig einen Ausweg fanden.
Der Wunsch, die vieldeutige Gegenwart (und unsere Gefährdungen und Möglichkeiten darin) zu begreifen, leitet die Suche nach früheren, mehr oder weniger der unseren „entsprechenden“ Situationen der Lebens- und Sozialgeschichte. Erst im Vergleich werden auch die Unterschiede kenntlich, auf die es für das Verständnis der heutigen Verhältnisse und für das Handeln unter diesen Umständen ankommt.
„Faschismus“ dient als nationalistisch-fremdenfeindliche Ideologie und als politische Bewegung zur politischen „Säuberung“ und Homogenisierung der Bevölkerung von Nationalstaaten. Seine Funktion war und ist die Verteidigung der kapitalistischen Profit-Wirtschaft durch Beseitigung der parlamentarischen Demokratie (mit Verfassung, Gewalten-Teilung, Menschenrechts-Garantien und Parteien-Konkurrenz). An deren Stelle soll ein „autoritäres“ Regime (mit Ein-Partei-Diktatur und Gleichschaltung der drei Gewalten) treten, das zur oligopolistischen Wirtschaftsstruktur nicht in Gegensatz steht, sondern ihr entspricht.
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Ähnlich wie in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts mutieren gegenwärtig – im Gefolge der globalen Finanzkrise von 2008 – mehr und mehr parlamentarische Demokratien zu solchen autoritären Regimen. Das bedeutendste Beispiel dafür bieten die USA, die mächtigste Wirtschafts- und Militärmacht der Gegenwart, deren politischer Überbau sich vor unseren Augen in eine „plebiszitäre Führerdemokratie“ verwandelt (wie Max Weber sie beschrieb). Wie in Deutschland vor 90 Jahren setzt sich die vordemokratische Struktur der international operierenden Banken und Konzerne gegenüber dem demokratischen Überbau durch und schaltet ihn gleich. CEOs werden zu Präsidenten oder soufflieren ihnen im Küchenkabinett, was zu tun ist: Künftig soll der Staat „effizient“ wie ein Konzern arbeiten und ein Aufsichtsrat das Parlament ersetzen …
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Die 2013, im Gefolge der großen Finanzkrise, gegründete „Alternative für Deutschland“ hat sich in wenigen Jahren zu einer „rechtsextremen“, also faschistischen Partei entwickelt, die gegenwärtig etwa 50.000 Mitglieder zählt und in den jüngsten Wahlen zur zweitstärksten Partei (hinter der CDU/CSU) geworden ist. 10 Millionen Menschen (und 20 Prozent der Erstwählenden) haben 2025 für deren „Kanzlerkandidatin“ Alice Weigel gestimmt.
Sie hatte ihren jubelnden Anhängern auf dem Parteitag in Riesa (im Januar 2025) für den Fall eines Wahlsiegs mit geballter Faust zwei Sofortmaßnahmen versprochen, die zweifellos deutsche Menschen „glücklich“ machen und ihre Probleme lösen würden. Zum einen sollen sämtliche (29.000) Windkraftanlagen zerstört werden, die „ihr“ Heimatland verschandeln, zum andern werden Millionen Menschen, die nicht zu „uns“ passen, weil sie keine deutschen Großväter haben und mangelhaft „integriert“ sind, des Landes verwiesen, zur „Re-Migration“ gezwungen werden …
In Deutschland müsste das Drehbuch des Aufstiegs einer faschistischen Partei – mit Unterstützung durch Finanz- und Industriekapitalisten und mit Rückendeckung der Armee – sowie dasjenige des Ausbaus ihrer Terrorherrschaft wohlbekannt sein. Es wird aber angestrengt vergessen, und Interessenten sprechen sich dezidiert dagegen aus, aus dieser fatalen Geschichte Lehren für die Gegenwart zu ziehen. Die Faschisten aber tun eben das – freilich auf ihre Weise. Sie wissen, dass ihre Stunde kommt, wenn die Instanzen und Verteidiger der parlamentarischen Demokratie bei der Krisenbewältigung versagen.
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Weder Sozialdemokraten, noch Gewerkschafter rechnen derzeit mit einem möglichen Kollaps der parlamentarischen Demokratie oder mit der Möglichkeit ihrer Transformation nach amerikanischem (oder ungarischem) Muster. Keiner von ihnen hat bisher eine Demokratisierung der Wirtschaft zwecks Stabilisierung von deren demokratischem Überbau vorgeschlagen.
Einzig die Millionen Menschen, die in zwei Wellen 2024 und 2025 spontan auf den Straßen und Plätzen der größeren deutschen Städte gegen die Deportations-Vorhaben der AfD und gegen die (erste) Abstimmungs-Allianz von Christdemokraten und „Alternativen“ im Bundestag protestiert haben, taugen zur Verteidigung der Republik.
Jetzt kommt es darauf an, diese antifaschistischen Proteste nicht verpuffen zu lassen, sondern zu steigern und in einer solidarischen Front zu organisieren. „1933“ bleibt das Risiko parlamentarischer Demokratien, doch noch können wir die Wiederkehr einer solchen Katastrophe verhindern.
(Wien, 17.03.2025)