08. Mai 1945: Befrei­ung vom Faschis­mus, nicht vom Kapi­ta­lis­mus

H. N.

Noch vor Kriegs­en­de schlug für die Häft­lin­ge des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers (KZ) Buchen­wald am 11. April 1945 die Stun­de der Befrei­ung (vgl. hier­zu www.buchenwald.de/473/). Unter den Über­le­ben­den befan­den sich auch Mit­glie­der der IV. Inter­na­tio­na­le.

Kurz zuvor hat­te die Zel­le unse­rer Genos­sen eine von der SS ange­ord­ne­te Ver­samm­lung der jüdi­schen Häft­lin­ge ver­hin­dert, denn sie hät­te zwei­fels­oh­ne deren Ermor­dung zur Fol­ge gehabt. Die­se muti­ge Akti­on gelang ihnen dadurch, dass „Poli­ti­sche“ ihre roten „Win­kel“ (Stoff­drei­ecke) an die Juden wei­ter­ga­ben und die­se von den Nazi-Scher­gen nicht mehr iden­ti­fi­ziert wer­den konn­ten.

 

Am 20. April 1945 for­der­ten unse­re Genos­sen in ihrer „Erklä­rung der Buchen­wal­der Inter­na­tio­na­lis­ti­schen Kom­mu­nis­ten“ die Errich­tung eines „Räte­deutsch­land in einem Räte­eu­ro­pa“.

Der pro­gram­ma­ti­sche Text war von einem Redak­ti­ons­ko­mi­tee aus­ge­ar­bei­tet wor­den. Es bestand aus dem Fran­zo­sen Mar­cel Beauf­re­re, dem Bel­gi­er Flo­rent Gal­loy (bei­de Mit­glie­der der Vier­ten Inter­na­tio­na­le) sowie den bei­den öster­rei­chi­schen Revo­lu­tio­nä­ren Ernst Federn und Karl Fischer.

Mit dem aus­zugs­wei­sen Abdruck ihrer Erklä­rung hal­ten wir die Erin­ne­rung an die Ver­fas­ser und an alle dort ermor­de­ten Genos­sen wach. Sie muss­ten sich nicht nur des mör­de­ri­schen SS-Lager­sys­tems, son­dern auch gleich­zei­tig der sta­li­nis­ti­schen Ver­fol­gun­gen in Buchen­wald erweh­ren (vgl. https://www.inprekorr.de/284-buchenwald.htm).

Der revo­lu­tio­nä­re Opti­mis­mus des Tex­tes wur­de durch die Ent­wick­lung bald wider­legt. Die IV. Inter­na­tio­na­le muß­te ein­ge­ste­hen, dass sie ver­schie­de­ne Fak­to­ren, die für die Lage in Deutsch­land bestim­mend waren, unter­schätzt hat­te: das Aus­maß der Kriegs­zer­stö­run­gen ins­be­son­de­re in den Arbei­ter­wohn­ge­bie­ten, den reak­tio­nä­ren Cha­rak­ter der sowje­ti­schen und west­li­chen Besat­zung und die extre­me Ato­mi­sie­rung der deut­schen Arbei­ter­klas­se durch den Faschis­mus.


 

ERKLÄRUNG DER BUCHENWALDER INTERNATIONALISTISCHEN KOMMUNISTEN*

[…] In der bevor­ste­hen­den vor­re­vo­lu­tio­nä­ren Peri­ode gilt es, die werk­tä­ti­gen Mas­sen im Kampf gegen die Bour­geoi­sie zu mobi­li­sie­ren und den Auf­bau einer neu­en revo­lu­tio­nä­ren Inter­na­tio­na­le vor­zu­be­rei­ten, die die Ein­heit der Arbei­ter­klas­se in der revo­lu­tio­nä­ren Akti­on ver­wirk­li­chen wird.

Alle Theo­rien und Illu­sio­nen über einen „Volks­staat“, „Volks­de­mo­kra­tie“ haben im Ver­lau­fe der Klas­sen­kämp­fe unter der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft die Arbei­ter­klas­se in die blu­tigs­ten Nie­der­la­gen geführt. Nur der unver­söhn­li­che Kampf gegen den kapi­ta­lis­ti­schen Staat bis zu sei­ner Zer­schla­gung und die Errich­tung des Staa­tes der Arbei­ter- und Bau­ern­rä­te kann sol­che neu­en Nie­der­la­gen ver­hin­dern. Die Bour­geoi­sie und das ent­wur­zel­te Klein­bür­ger­tum haben den Faschis­mus an die Macht gebracht. Der Faschis­mus ist das Geschöpf des Kapi­ta­lis­mus. Nur die erfolg­rei­che unab­hän­gi­ge Akti­on der Arbei­ter­klas­se gegen den Kapi­ta­lis­mus ist imstan­de, das Übel des Faschis­mus samt sei­ner Wur­zel aus­zu­rei­ßen. In die­sem Kampf wird sich das zögern­de Klein­bür­ger­tum dem revo­lu­tio­när vor­stür­men­den Pro­le­ta­ri­at anschlie­ßen, wie es uns die Geschich­te der gro­ßen Revo­lu­tio­nen lehrt.

Um aus den kom­men­den Klas­sen­kämp­fen sieg­reich her­vor­zu­ge­hen, muß die deut­sche Arbei­ter­klas­se die Ver­wirk­li­chung fol­gen­der For­de­run­gen erkämp­fen:
• Orga­ni­sa­ti­ons-, Ver­samm­lungs- und Pres­se­frei­heit!
• Koali­ti­ons­frei­heit und sofor­ti­ge Wie­der­her­stel­lung aller sozia­len Errun­gen­schaf­ten von vor 1933!
• Rest­lo­se Besei­ti­gung aller faschis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen!
• Beschlag­nah­me ihrer Ver­mö­gen zuguns­ten der Opfer des Faschis­mus!
• Abur­tei­lung aller Trä­ger des faschis­ti­schen Staa­tes durch frei gewähl­te Volks­ge­rich­te!
• Auf­lö­sung der Wehr­macht und ihre Erset­zung durch Arbei­ter­mi­li­zen!
• Sofor­ti­ge freie Wahl von Arbei­ter- und Bau­ern­rä­ten in ganz Deutsch­land und Ein­be­ru­fung eines all­ge­mei­nen Räte­kon­gres­ses!
• Trotz Aus­nüt­zung aller par­la­men­ta­ri­schen Insti­tu­tio­nen der Bour­geoi­sie für die revo­lu­tio­nä­re Pro­pa­gan­da, Bei­be­hal­tung und Erwei­te­rung der Räte!
• Ent­eig­nung der Ban­ken, der Schwer­indus­trie und des Groß­grund­be­sit­zes
• Kon­trol­le der Pro­duk­ti­on durch die Gewerk­schaf­ten und die Arbei­ter­rä­te!
• Kei­nen Mann, kei­nen Pfen­nig für die Kriegs- und Repa­ra­ti­ons­schul­den der Bour­geoi­sie!
• Die Bour­geoi­sie muß zah­len!
• Für die gesamt­deut­sche sozia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on, gegen eine Zer­stü­cke­lung Deutsch­lands!
• Revo­lu­tio­nä­re Ver­brü­de­rung mit den Pro­le­ta­ri­ern der Besat­zungs­ar­me­en!
• Für ein Räte­deutsch­land in einem Räte-Euro­pa!
• Für die pro­le­ta­ri­sche Welt­re­vo­lu­ti­on!

20. April 1945
Die Inter­na­tio­na­lis­ti­schen Kom­mu­nis­ten Buchen­walds
(4. Inter­na­tio­na­le)

* [Die gesam­te Erklä­rung ist unter www.inprekorr.de/283-buchenwald.htm zu fin­den.]

Aus Avan­ti² Rhein-Neckar Juni 2020
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