Wir alle haben Grund, die Fäus­te zu ballen.“

Eine etwas ande­re Rede zum 1. Mai 2026 in Weinheim

 

Nico­le Mayer-Ahuja*

Eine geball­te Faust auf den Pla­ka­ten des DGB für den Ers­ten Mai! Das hat man lan­ge nicht gese­hen – aber es wur­de ja auch höchs­te Zeit. Mal ehr­lich, wer von uns hat kei­ne geball­te Faust in der Tasche ange­sichts der Ent­wick­lun­gen, die wir zur­zeit erle­ben: im Betrieb, in der Gesell­schaft, in der Politik?

Nicole Mayer-Ahuja in Weinheim, 1. Mai 2026. (Foto: IGBCE OG Weinheim.)

Nico­le May­er-Ahu­ja in Wein­heim, 1. Mai 2026. (Foto: IGBCE OG Weinheim.)

Die Zei­ten wer­den här­ter, Kon­flik­te spit­zen sich zu – und wenn wir nicht län­ger wie die Kanin­chen vor der Schlan­ge sit­zen wol­len, wenn wir nicht län­ger alles mit uns machen las­sen wol­len, müs­sen wir uns end­lich weh­ren. Mehr noch: Wir müs­sen in die Offen­si­ve kom­men, müs­sen unse­re Inter­es­sen mit Nach­druck ver­tre­ten! Also die Fäus­te bal­len, gera­de auch als Gewerk­schaf­ter und Gewerk­schaf­te­rin­nen – recht so!

Erst unse­re Jobs – dann eure Profite!“

Das ist das Mot­to für unse­re Kund­ge­bung heu­te. Klingt doch erst­mal sehr ver­nünf­tig. Trotz­dem gibt es sie­ben Punk­te, die mich zum Nach­den­ken brin­gen, was dar­an viel­leicht doch nicht so ganz stimmt.

Ers­tens: Unse­re Jobs müs­sen vor­ge­hen – aber meis­tens sieht die Sache anders aus. Erin­nert Ihr Euch noch an den Schreck, als Volks­wa­gen Ende 2024 gleich meh­re­re Ver­ein­ba­run­gen mit der Beleg­schaft ein­sei­tig und ohne Vor­war­nung gekün­digt hat? Erst war von 35.000 Arbeits­plät­zen die Rede, inzwi­schen sind es 50.000 Arbeits­plät­ze, die in Deutsch­land abge­baut wer­den sol­len – und war­um? Weil die Eigen­tü­mer von Volks­wa­gen fin­den, dass ein Gewinn von 6,5 Pro­zent nicht reicht, dass ihre Pro­fi­te noch deut­lich höher sein müss­ten. Das ist der Grund, war­um Zehn­tau­sen­de Beschäf­tig­te um ihre Arbeit gebracht wer­den – dafür wer­den Lebens­pla­nun­gen und Träu­me zer­schla­gen; dafür wird Eltern klar­ge­macht, dass sie ihre Kin­der wohl nicht bei VW oder auch beim Daim­ler unter­brin­gen kön­nen. Dafür wer­den Men­schen in die Arbeits­lo­sig­keit getrie­ben und mit immer neu­en Sank­tio­nen der Job­cen­ter trak­tiert. Ja, unse­re Jobs müs­sen vor­ge­hen – sie dür­fen nicht geop­fert wer­den, weil ande­re damit immer noch nicht genug „ver­die­nen“!

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Zwei­tes Pro­blem: Wie ist das eigent­lich: Sind uns wirk­lich alle Jobs recht? Momen­tan machen vor allem Rüs­tungs­fir­men spek­ta­ku­lä­re Pro­fi­te. Immer öfter bie­ten sie an, sie könn­ten Auto­mo­bil­fir­men oder ihre Zulie­fe­rer über­neh­men: Ist das okay, solan­ge sie nur Arbeits­plät­ze sichern? Teil­wei­se hört man ja aus der Gewerk­schaft, da fän­de doch letzt­lich eine „Trans­for­ma­ti­on von guter Arbeit in gute Arbeit“ statt, weil es bei Rhein­me­tall ja immer­hin einen Tarif­ver­trag gibt. Aber ist das in unse­rem Inter­es­se? Ich ver­ste­he voll­kom­men, dass Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, die jetzt vor der Alter­na­ti­ve ste­hen, gar kei­nen Job mehr zu haben, oder eben statt Autos künf­tig Pan­zer und Droh­nen zu bau­en, ernst­haft in die Bre­douil­le kom­men. Ist doch klar – wir alle sind Lohn­ab­hän­gi­ge, wir alle müs­sen unse­re Arbeits­kraft ver­kau­fen, um unse­ren Wochen­ein­kauf und die Mie­te zu bezah­len – und des­halb haben wir alle ein Rie­sen­pro­blem, wenn wir unse­re Jobs ver­lie­ren. Aber genau­so rich­tig ist: Für uns als Lohn­ab­hän­gi­ge, als abhän­gig Beschäf­tig­te, ist die Mili­ta­ri­sie­rung von Wirt­schaft und Gesell­schaft eine Kata­stro­phe! Wir Arbei­ten­de haben dabei nichts, abso­lut gar nichts zu gewinnen!
• Mil­li­ar­den für Rüs­tung heißt: Nicht genug Geld für Kin­der gär­ten und Schu­len, für Hoch­schu­len und Kran­ken­häu­ser, für Pfle­ge­hei­me und öffent­li­chen Personenverkehr.
• Rüs­tungs­pro­duk­ti­on heißt: ein­ge­schränk­tes Streikrecht.
• Mili­ta­ri­sie­rung der Gesell­schaft ein­schließ­lich Wehr­pflicht für unse­re Jugend heißt: Befehl, Gehor­sam, Drill statt demo kra­ti­scher Entscheidungsprozesse.
• Und Krieg? Krieg heißt, wie Rosa Luxem­burg 1916 völ­lig zu recht geschrie­ben hat: „Die Divi­den­den stei­gen, die Pro­le­ta rier fal­len“. Denn die Akti­en­kur­se der Rüs­tungs­fir­men gehen durch die Decken, wäh­rend wir, die arbei­ten­den Men­schen an den Fron­ten ster­ben – und zwar auf allen Seiten!

Genau des­halb haben die Ein­peit­scher der Agen­da 2010 eben nicht recht mit ihrer Behaup­tung, jeder Job wäre bes­ser als kei­ner. Es gibt Jobs, die soll­te es nicht geben, weil sie unse­re Gesell­schaft ver­gif­ten und uns, wenn es hart auf hart kommt, das Leben kos­ten. Wir brau­chen nütz­li­che Jobs, die uns Men­schen und der Umwelt nut­zen! Dar­um nein zu Krieg und Auf­rüs­tung – und hoch die inter­na­tio­na­le Solidarität!

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Das steht aber nicht auf unse­ren Mai-Pla­ka­ten. Dort steht: „Erst unse­re Jobs – dann eure Pro­fi­te“. Ich glau­be, mit der Losung gibt es noch ein drit­tes Pro­blem. Wie ist das denn eigent­lich mit dem Zusam­men­hang zwi­schen Jobs und Pro­fi­ten? Oder anders for­mu­liert: Sind unse­re Jobs ein Kos­ten­fak­tor, der die Pro­fi­te von Unter­neh­men bedroht? Da müss­ten wir dann doch ein paar Din­ge gera­de­rü­cken. Denn woher kom­men die­se Pro­fi­te, wer erar­bei­tet sie jeden Tag – in Fabri­ken, in Büros, in Kli­ni­ken, in Logis­tik­zen­tren, im Super­markt und in vie­len ande­ren Betrie­ben? Das sind doch wir! Unse­re Arbeit ist doch die Grund­la­ge dafür, dass die Unter­neh­men, für die wir arbei­ten, über­haupt Gewin­ne machen können.

Und wenn das stimmt, ist es dann rich­tig zu sagen: Gebt uns doch bit­te Jobs, dann könnt Ihr auch belie­big Pro­fi­te machen? Oder müs­sen wir nicht viel­mehr dar­über nach­den­ken, wel­che Gewinn­erwar­tun­gen, wel­che Pro­fi­te über­haupt gerecht­fer­tigt sind? Alle reden über die Kos­ten­ex­plo­si­on im Gesund­heits­we­sen. Vor­ges­tern hat die Regie­rung ver­kün­det, wie sie sich die „Reform“ der Kran­ken­ver­si­che­rung vor­stellt: Leis­tungs­kür­zun­gen, höhe­re Zuzah­lun­gen für uns – aber kein Wort über die astro­no­mi­schen Pro­fi­te der Phar­ma­in­dus­trie. Und was ist mit den Pro­fi­ten von Mine­ral­öl­kon­zer­nen, für die wir der­zeit an den Tank­stel­len so teu­er bezah­len? Müs­sen wir die akzep­tie­ren – oder ist das doch ein Fall für das Kar­tell­amt, weil hier offen­sicht­lich Preis­ab­spra­chen getrof­fen wer­den? Ist es nicht höchs­te Zeit für eine Über­ge­winn­steu­er? Den Vor­schlag hat Lars Kling­beil gemacht, dann ist die Sache still­schwei­gend im San­de ver­lau­fen. Nicht durch­setz­bar, heißt es – und war­um nicht? Weil nie­mand sich mit den Unter­neh­men anle­gen will. Weil „Ange­bots­po­li­tik“ seit Jahr­zehn­ten als Aus­druck von gesun­dem Men­schen­ver­stand gilt. „Ange­bots­po­li­tik“ – dahin­ter steht die Annah­me, dass man Unter­neh­men am bes­ten gar nicht besteu­ert, dass man ihnen gol­de­ne Brü­cken bau­en muss, damit sie im Land blei­ben und Arbeits­plät­ze schaf­fen. Aber hat das eigent­lich funk­tio­niert? Bekom­men wir für die­se Leis­tung irgend­ei­ne Gegen­leis­tung? Kön­nen wir uns dar­auf ver­las­sen, dass unse­re Jobs sicher sind, wenn wir nur akzep­tie­ren, dass Unter­neh­men Rekord­ge­win­ne ein­fah­ren? Die Erfah­run­gen, die Fak­ten spre­chen dage­gen. Es stimmt nicht, dass Unter­neh­men mehr inves­tie­ren, wenn sie nur genug Gewinn machen. Tat­sa­che ist: Seit fast fünf Jahr­zehn­ten wer­den sie sys­te­ma­tisch von der Poli­tik ent­las­tet – und seit drei Jahr­zehn­ten sinkt der Anteil der Investitionen!

Wir brau­chen eine ande­re Poli­tik, weil die bis­he­ri­ge nicht funk­tio­niert! Unter­neh­men, Rei­che müs­sen end­lich wie­der ihren Teil zur Finan­zie­rung von Staat und Gesell­schaft bei­tra­gen. Es gibt eine Ver­mö­gens­steu­er in Deutsch­land – sie wird nur seit 1997 nicht mehr erho­ben. Das kön­nen wir uns nicht mehr leis­ten! Und dann gibt es Berei­che, mit denen Unter­neh­men über­haupt kei­ne Pro­fi­te machen soll­ten: Schlüs­sel­in­dus­trien zum Bei­spiel. Aber wer redet noch über ihre Ver­staat­li­chung? Wer setzt ein ange­mes­se­nes Gesund­heits­we­sen durch, das Kran­ke gesund macht und das Pfle­ge­kräf­te nicht län­ger krank macht? Das soll­te auf unse­ren Pla­ka­ten ste­hen: Über­ge­winn­steu­er, Ver­mö­gens­steu­er – jetzt! Schluss mit der Pri­va­ti­sie­rung von Unter­neh­men, die wir, die gera­de Lohn­ab­hän­gi­ge brau­chen, um in die­sem Land gut leben zu kön­nen – statt­des­sen: staat­li­chen Ein­fluss, demo­kra­ti­sche Kon­trol­le aus­wei­ten, denn Gesund­heit, Bil­dung, Ver­kehr sind kei­ne Ware!

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Nicht jeder Job ist bes­ser als kei­ner, habe ich gera­de gesagt. Und wenn wir uns anschau­en, wie sich die Arbeits­welt ver­än­dert hat, dann kom­men wir kaum an der Erkennt­nis vor­bei, dass vie­le Jobs deut­lich schlech­ter gewor­den sind – und zwar nicht zuletzt des­halb, weil vie­le Unter­neh­men vor allem dar­auf set­zen, Pro­fi­te zu machen – und weil staat­li­che Poli­tik ihnen dabei zur Hand geht. „Erst unse­re Jobs“, steht auf dem Pla­kat. Der Begriff ist mein vier­tes Pro­blem mit dem Mot­to. Was wir wol­len, sind doch kei­ne „Jobs“ – kein Tage­lohn, kei­ne spon­ta­nen Arbeits­ein­sät­ze hier und da. Was wir wol­len und brau­chen, sind dau­er­haf­te Arbeits­plät­ze, von denen man leben kann. Frü­her hieß das mal „Nor­mal­ar­beits­ver­hält­nis“ – doch seit Mit­te der 1980er Jah­re lädt die Poli­tik Unter­neh­men ein, ande­re Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se zu nut­zen, die weit hin­ter die­sen Stan­dards zurück­blei­ben: Der Start­schuss war das Beschäf­ti­gungs- för­de­rungs­ge­setz von 1985. Damit wur­den die recht­li­chen Spiel­räu­me für Befris­tun­gen und Leih­ar­beit erwei­tert. Seit­dem wer­den auch die Ver­dienst­gren­zen für „Mini­jobs“ immer wei­ter erhöht – immer mehr Beschäf­tig­te (vor allem Frau­en) ver­lie­ren dadurch den Zugang zur Sozi­al­ver­si­che­rung. Zugleich machen die Arbeits­agen­tu­ren Druck auf Arbeits­lo­se, sol­che Stel­len anzu­neh­men oder sich womög­lich am bes­ten selb­stän­dig zu machen (auch ohne Plan, auch ohne Start­ka­pi­tal) – auf jeden Fall raus aus dem Bezug von Arbeits­lo­sen­un­ter­stüt­zung. Fir­men neh­men die­ses Ange­bot dan­kend an – sie hal­ten zwar oft ihre Stamm­be­leg­schaf­ten sta­bil, aber drum­her­um wer­den pre­kä­re Rand­be­leg­schaf­ten auf­ge­baut. Unter­neh­men lagern aus. Öffent­li­che Diens­te wer­den pri­va­ti­siert. Unter die­sen Bedin­gun­gen ist der Nied­rig­lohn­sek­tor mas­siv gewach­sen. Unter­neh­men spa­ren „Lohn­kos­ten“, der Staat muss Armuts­löh­ne sub- ven­tio­nie­ren – weil Beschäf­tig­te, die davon nicht leben kön­nen, bei der Arbeits­agen­tur auf­sto­cken müs­sen. Geht nicht anders? Geht wohl anders! Nach Ein­füh­rung des gesetz­li­chen Min­dest­lohns im Jahr 2015 ist der Nied­rig­lohn­sek­tor ein­ge­bro­chen. Von fast 25 auf 16 Pro­zent der abhän­gig Beschäf­tig­ten. Was ler­nen wir dar­aus: der Nied­rig­lohn­sek­tor ist von der Poli­tik geschaf­fen wor­den – und er kann von der Poli­tik auch wie­der abge­schafft wer­den. War­um hän­gen dann immer noch 16 Pro­zent von uns dort fest? Die Ant­wort ist klar – weil an die­sen Jobs zu vie­le Unter­neh­men viel zu gut „ver­die­nen“!

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Nicole Mayer-Ahuja in Mannheim, 10. März 2026.   (Foto: Solikomitee.)

Nico­le May­er-Ahu­ja in Mann­heim, 10. März 2026. (Foto: Solikomitee.)

Fünf­ter Punkt: Was wir wol­len, sind nicht irgend­wel­che „Jobs“ – wir wol­len Arbeit, bei der wir unse­re Qua­li­fi­ka­tio­nen und Kom­pe­ten­zen ein­brin­gen kön­nen, um gute Pro­duk­te her­zu­stel­len, gute Dienst­leis­tun­gen zu erbrin­gen. Wir sind die Exper­tin­nen und Exper­ten – wir wis­sen am bes­ten, wie man unse­re Arbeit machen muss, was man dafür kön­nen muss, wie viel Zeit, wie viel Per­so­nal man dafür braucht! Doch die Rea­li­tät sind oft anders aus. Da, wo Pro­duk­te und Dienst­leis­tun­gen mög­lichst bil­lig sein sol­len, kon­kur­rie­ren Unter­neh­men vor allem über den Preis, nicht über Qua­li­tät. Und dort, wo man stolz ist auf hohe Qua­li­täts­stan­dards, hat das Manage­ment oft vor allem das Wohl der Aktio­nä­re im Blick, die mög­lichst hohe Aus­schüt­tun­gen erwar­ten. Was heißt das für uns Beschäf­tig­te? Über Betrie­be, Bran­chen, Qua­li­fi­ka­ti­ons­stu­fen hin­weg machen wir die Erfah­rung, dass wir „gute Arbeit“, gute Qua­li­tät, die Ein­hal­tung unse­rer beruf­li­chen, pro­fes­sio­nel­len Stan­dards gegen Unter­neh­men ver­tei­di­gen müs­sen, die nicht bereit sind, dafür genug Zeit, Per­so­nal und Mate­ri­al zur Ver­fü­gung zu stel­len. Die Fol­ge: Kol­le­gin­nen im Rei­ni­gungs­dienst hof­fen jeden Abend, dass sie die Nut­zer und Nut­ze­rin­nen der Gebäu­de nicht auf die „run­den Ecken“ anspre­chen, die sie not­ge­drun­gen hin­ter­las­sen, weil die Leis­tungs­vor­ga­ben ein­fach nicht zu schaf­fen sind. Inge­nieu­re und Inge­nieu­rin­nen berich­ten, dass sie Werk­stof­fe zu früh frei­ge­ben müs­sen. Arbei­ter und Arbei­te­rin­nen auf Bau­stel­len schä­men sich für den Pfusch, den sie teil­wei­se hin­ter­las­sen müs­sen. Und Pfle­ge­kräf­te in Kran­ken­häu­sern machen schon lan­ge die Erfah­rung, dass es an Zeit und Leu­ten fehlt, um kran­ke Men­schen ange­mes­sen zu ver­sor­gen und zu pfle­gen. Sie – wir alle haben Grund die Fäus­te zu bal­len! Manch­mal pas­siert das tat­säch­lich: Die Kran­ken­haus­be­we­gung hat es vor­ge­macht – aus­ge­rech­net Beschäf­tig­te, von denen es immer hieß, sie wür­den auf kei­nen Fall strei­ken, um die eige­nen Löh­ne und Arbeits­be­din­gun­gen zu ver­bes­sern, weil sie sich für die Kran­ken auf­op­fern. Sie strei­ken aber doch – weil es nicht mehr anders geht. „Mehr von uns ist bes­ser für alle“ – mit die­ser Losung set­zen Beschäf­tig­te an immer mehr Kli­ni­ken tarif­li­che Stan­dards für Per­so­nal­be­mes­sung durch, um über­haupt wie­der in der Lage zu sein, Kran­ke ange­mes­sen zu ver­sor­gen. „Leis­tung muss sich wie­der loh­nen“ – mit die­ser For­de­rung wird seit lan­gem eine Poli­tik begrün­det, die Rei­che immer rei­cher und uns Arbei­ten­de immer ärmer macht. Aber es ist ja rich­tig: Leis­tung muss sich loh­nen – unser Wis­sen, unse­re Anstren­gung, unse­re Ideen, unser Enga­ge­ment müs­sen sich in ange­mes­se­nen Löh­nen, sta­bi­len Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­sen, Auf­stiegs­mög­lich­kei­ten und vor allem auch in Mit­spra­che über unse­re eige­ne Arbeit nie­der­schla­gen. Wir wol­len „gute Arbeit“ machen – und dafür wol­len wir eine ange­mes­se­ne Gegenleistung!

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Und wir wol­len noch mehr – das ist mein sechs­ter Punkt. Kei­ne Jobs auf Abruf, son­dern Arbeits­plät­ze, die es uns mög­lich machen, Erwerbs­le­ben und Pri­vat­le­ben gut mit­ein­an­der zu ver­ein­ba­ren. Arbeits­zeit spielt dabei eine ganz zen­tra­le Rol­le. Aber die aller­meis­ten von uns haben inzwi­schen Arbeits­zei­ten, die eben gera­de nicht zum Leben pas­sen – und die aktu- ellen Dis­kus­sio­nen las­sen befürch­ten, dass das Pro­blem wei­ter ver­schärft wird. „Wir müs­sen wie­der mehr und effi­zi­en­ter arbei­ten“, meint Bun­des­kanz­ler Fried­rich Merz. Aber Voll­zeit­be­schäf­tig­te arbei­ten in Deutsch­land schon jetzt im Schnitt (jawohl: im Schnitt) jede Woche fünf Stun­den län­ger als in ihrem Ver­trag steht. Ins­ge­samt haben wir im Jahr 2024 etwa 1,2 Mrd. Über­stun­den geleis­tet – davon 638 Mio. unbe­zahlt. Dazu kom­men noch die Über­stun­den, die in kei­ner Sta­tis­tik auf­tau­chen, weil sie im Rah­men von Ver­trau­ens­ar­beits­zeit über­haupt nicht auf­ge­schrie­ben wer­den. Also: Kei­ne Doku­men­ta­ti­on, kei­ne Bezah­lung, kei­ne Kon­trol­le von Über­stun­den durch den Betriebs- oder Per­so­nal­rat, und selbst­ver­ständ­lich kei­ne Über­stun­den­zu­schlä­ge. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof hat 2019 ent­schie­den, dass damit Schluss sein muss: Jede Minu­te Arbeits­zeit muss doku­men­tiert und bezahlt wer­den. Das ist sechs Jah­re her – aber in Deutsch­land ist die­se Vor­ga­be immer noch nicht umge­setzt. Und was steht dazu im Koali­ti­ons­ver­trag von Uni­on und SPD? „Wir wer­den die Pflicht zur elek­tro­ni­schen Erfas­sung von Arbeits­zei­ten unbü­ro­kra­tisch regeln“ – heißt so viel wie: Wir wer­den wei­ter nichts unter­neh­men, um die­sen Raub­bau an mensch­li­cher Arbeits­kraft zu been­den. Ganz im Gegen­teil: Künf­tig sol­len Unter­neh­men sogar noch fle­xi­bler auf unse­re Zeit zugrei­fen kön­nen. Dar­um geht es beim Angriff auf den Acht-Stun­den-Tag, den wir gera­de erle­ben. Die Ruhe­zeit von 11 Stun­den zwi­schen zwei Arbeits­ta­gen soll fal­len – und statt einer täg­li­chen Arbeits­zeit soll eine wöchent­li­che Arbeits­zeit fest­ge­schrie­ben wer­den. Was soll das – wer braucht das? Na, zum Bei­spiel Unter­neh­men, die ihre Just-in-Time Pro­duk­ti­on so weit getrie­ben haben, dass der Arbeits­pro­zess immer wie­der ins Sto­cken kommt, weil Tei­le feh­len – und wenn sie da sind, muss dann aber ganz schnell auf­ge­holt wer­den, not­falls auch abends oder am Wochen­en­de. Jedes Mal Über­stun­den bean­tra­gen? Eine Zumu­tung! Oder den­ken wir an Pro­jekt­ar­beit: Vor­ge­setz­te sagen: Arbei­tet wann und wie lang ihr wollt, solan­ge ihr das Pro­jekt bis zum Abga­be­ter­min abschließt. Aber die meis­ten Pro­jek­te sind zu knapp kal­ku­liert – des­halb arbei­ten Beschäf­tig­te in der Regel zu lang und zu unmög­li­chen Zei­ten, um es irgend­wie doch noch hin­zu­krie­gen. Aus die­sem Grund ist die Ruhe­zeit im Arbeits­zeit­ge­setz vie­len Unter­neh­men ein Dorn im Auge. Ein Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler hat mir mal gesagt, die­se Ruhe­zeit-Rege­lung wür­de bedeu­ten, dass jun­ge Väter abends ihre Kin­der nicht mehr ins Bett brin­gen kön­nen, weil sie sonst mit dem Arbeits­zeit­ge­setz in Kon­flikt kom­men, wenn sie sich abends um 21 Uhr noch­mal an den Lap­top set­zen. Der eigent­li­che Skan­dal ist, dass die­se jun­gen Män­ner und auch Frau­en nach der Gute-Nacht-Geschich­te kei­nen Fei­er­abend machen kön­nen, weil sie sonst ihre Arbeit nicht schaf­fen! Unter­neh­men spa­ren an Arbeits­zeit, an Per­so­nal, sie kal­ku­lie­ren ihre Abläu­fe über­haupt nicht oder viel zu knapp, (Stich­wort: „eure Pro­fi­te“) – und wir zah­len dafür mit unse­rer Lebens­kraft, mit unse­rer Lebens­zeit. Das geht so nicht wei­ter! Am 1. Mai 1890 wur­de in vie­len Län­dern zum ers­ten Mal der Tag der Arbeit gefei­ert. Die Haupt­for­de­rung war: der Acht-Stun­den-Tag. Wir haben ihn in lan­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen erkämpft – und wenn dem­nächst das Arbeits­mi­nis­te­ri­um tat­säch­lich beschließt, die­sen Acht-Stun­den-Tag in Fra­ge zu stel­len, dann müs­sen wir ihn verteidigen!

Aber noch­mal zurück zur For­de­rung von Merz, wir alle müss­ten künf­tig mehr arbei­ten. Wen meint der Mann eigent­lich? Die Voll­zeit­be­schäf­tig­ten nicht – die kön­nen unmög­lich noch län­ger arbei­ten. Blie­ben die Teil­zeit­be­schäf­tig­ten, die „Mini­job­be­rin­nen“, von denen es in Deutsch­land beson­ders vie­le gibt – das ist übri­gens der Grund, war­um hier­zu­lan­de weni­ger Arbeits­stun­den geleis­tet wer­den als etwa in Grie­chen­land. Will Merz also ernst­haft sagen, dass Frau­en in Teil­zeit und „Mini­job“ län­ger arbei­ten sol­len? Man wüss­te gern, was die CSU von die­ser Idee hält! Wenn Ihr mich fragt: Ich fin­de, Frau­en haben recht, wenn sie län­ger arbei­ten wol­len, um von ihrem eige­nen Ver­dienst leben zu kön­nen und sel­te­ner in Alters­ar­mut zu lan­den. Und „Mini­jobs“ gehö­ren sowie­so ver­bo­ten! Aber wenn Frau­en wirk­lich län­ger arbei­ten sol­len, brau­chen wir mehr und bes­se­re staat­li­che Kin­der­be­treu­ung und Alten­pfle­ge – aber die will die Regie­rung nicht bezah­len. Gera­de dort, wo vor allem mit „Mini­jobs“ gear­bei­tet wird, müss­te Arbeit ganz anders orga­ni­siert wer­den: In Rei­ni­gungs­fir­men zum Bei­spiel sind die Flä­chen­vor­ga­ben immer wei­ter ver­grö­ßert wor­den. Ein paar weni­ge Stun­den am Tag kann man so dran­klot­zen, dass man das irgend­wie schafft. Aber über län­ge­re Zeit wäre die­ses Tem­po über­haupt nicht durch­zu­hal­ten. Län­ger arbei­ten hie­ße also: Mehr Per­so­nal und höhe­re Kos­ten – gera­de auch für öffent­li­che Auf­trag­ge­ber. Das passt nicht zur Schul­den­brem­se. Außer­dem: Wenn alle noch mehr arbei­ten, sich aber sonst nichts ändern soll, stellt sich die Fra­ge: Wann sol­len wir uns erho­len? Wann sol­len wir uns um unse­re Kin­der, um unse­re Eltern küm­mern? Wann sol­len wir uns wei­ter­bil­den, wann haben wir Zeit für Hob­bies, für Freund­schaf­ten, für Poli­tik, für die Gewerk­schaft? „Arbei­ten ohne Ende“ ist das Pro­blem – nicht die Lösung! Wir brau­chen etwas ganz Ande­res. Aber wie könn­te das aussehen?

Ich den­ke, wir soll­ten über eine „Kur­ze Voll­zeit für alle“ nach­den­ken – über eine neue „Nor­mal­ar­beits­zeit“ von 25 oder 30 Stun­den pro Woche. Was heißt das? Die Teil­zeit­be­schäf­tig­ten und „Mini­job­be­rin­nen“ sol­len mehr arbei­ten kön­nen – auch wenn das Geld kos­tet. Vie­le von ihnen sagen in Umfra­gen, dass sie das wol­len. Gleich­zei­tig müss­ten die Voll­zeit­be­schäf­tig­ten mit ihren exzes­si­ven Über­stun­den weni­ger arbei­ten kön­nen – und auch der Wunsch ist weit ver­brei­tet, des­halb die vie­len Dis­kus­sio­nen über die 4-Tage-Woche. Bei den Voll­zeit­be­schäf­tig­ten müs­sen wir also über Arbeits­zeit­ver­kür­zung reden. Und da gilt wie 1984, bei den Streiks für die 35-Stun­den-Woche: Arbeits­zeit­ver­kür­zung muss mit Lohn­aus­gleich ein­her­ge­hen – sonst kann sich das nie­mand leis­ten. Sie muss mit Per­so­nal­aus­gleich ein­her­ge­hen – sonst müs­sen wir in weni­ger Stun­den noch mehr arbei­ten, die Arbeits­ver­dich­tung wür­de explo­die­ren. Und genau das inter­es­siert mich an der „Kur­zen Voll­zeit“: Die­se For­de­rung bringt ganz unter­schied­li­che Beschäf­tig­te zusam­men – dafür kön­nen wir die IT-ler mit 60-Stun­den-Woche, die Lok­füh­re­rin und den Kas­sie­rer im Super­markt gewin­nen – und dafür kön­nen wir über Gewerk­schafts­gren­zen hin­weg gemein­sam mobi­li­sie­ren! „Kur­ze Voll­zeit für alle“ heißt aber auch: end­lich wie­der über ein paar grund­sätz­li­che Fra­gen reden. Was wol­len wir: Exis­tenz­si­chern­de Arbeit für Frau­en und eine bedarfs­de­cken­de Ver­sor­gung mit öffent­li­chen Diens­ten – oder eine künst­li­che Stran­gu­lie­rung der Staats­haus­hal­te durch die Schul­den­brem­se, wäh­rend Mil­li­ar­den in Waf­fen gepumpt wer­den? Wir wol­len Auf­wer­tung von Arbeit – nicht Auf­rüs­tung. Und wir wol­len Arbeits­zeit­ver­kür­zung, gera­de weil sie der Logik des Sys­tems zuwi­der­läuft. Lohn­aus­gleich bedeu­tet näm­lich: Umver­tei­lung von Gewin­nen und Reich­tum. Per­so­nalaus- gleich bedeu­tet: Mit­be­stim­mung über Per­so­nal­ein­satz, über Leis­tungs­stan­dards in Unter­neh­men, über die Fra­ge, wer über das Was, Wie und Wofür der Pro­duk­ti­on oder Dienst­leis­tung bestimmt. Die grund­sätz­li­che Fra­ge ist: Wem gehört die Zeit? Die Zeit gehört uns! Holen wir sie uns zurück!

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Und damit kom­me ich zu mei­ner sieb­ten Irri­ta­ti­on mit dem Mot­to „erst unse­re Jobs“: Wir brau­chen nicht irgend­wel­che Jobs, son­dern Arbeit, die mit sozia­ler Absi­che­rung ver­knüpft ist – und zwar zuver­läs­sig. Doch auch da ste­hen die Zei­chen auf Ver­tei­lungs­kon­flikt. „Wir kön­nen uns den Sozi­al­staat nicht mehr leis­ten“, heißt es aus der Regie­rung, „wir haben zu lan­ge über unse­re Ver­hält­nis­se gelebt“. 8,6 Mil­li­ar­den Euro sol­len im Sozi­al­be­reich „ein­ge­spart“ wer­den. Tja, ich fürch­te, da liegt noch ein Pro­blem mit der Losung: „Erst unse­re Jobs – dann Eure Pro­fi­te“. Was machen wir denn in der jet­zi­gen Situa­ti­on, wenn Unter­neh­men laut­hals kla­gen, unse­re Arbeits­kraft wäre ein­fach zu teu­er – die „Lohn­kos­ten“ wären zu hoch, und beson­ders die stei­gen­den „Lohn­ne­ben­kos­ten“ könn­ten sie sich nicht mehr leis­ten? Man kann das machen, was die Regie­rung gera­de tut: Man kann dafür sor­gen, dass die Bei­trä­ge zur Sozi­al­ver­si­che­rung sin­ken oder wenigs­tens nicht wei­ter stei­gen – die­se Bei­trä­ge wer­den ja meist zur Hälf­te von Unter­neh­men gezahlt. Kon­kret heißt das zum Bei­spiel in der Ren­ten­ver­si­che­rung: Ren­ten­ni­veau run­ter, Ren­ten­al­ter rauf, und am bes­ten gesetz­li­che Ren­te über­haupt „allen­falls noch als Basis­si­che­rung“, wie der Bun­des­kanz­ler meint.

Plakat zur Veranstaltung mit Nicole Mayer-Ahuja. (Foto: Solikomitee.)

Pla­kat zur Ver­an­stal­tung mit Nico­le May­er-Ahu­ja. (Foto: Solikomitee.)

Man kann die Sache aller­dings auch anders sehen: Bei­trä­ge zur Sozi­al­ver­si­che­rung sind kei­ne „Lohn­ne­ben­kos­ten“ – das sind Lohn­kos­ten, sind Kos­ten für die Repro­duk­ti­on, also die Wie­der­her­stel­lung und Bewah­rung von Arbeits­kraft. Unter­neh­men nut­zen die­se Arbeits­kraft, sie ver­nut­zen sie auch – und ent­spre­chend müs­sen sie ihren Bei­trag dazu leis­ten, dass die­se Arbeits­kraft auf Dau­er erhal­ten wird! Wären wir also wie­der bei der Fra­ge, wie das ist mit den „legi­ti­men“ Pro­fi­ten, wenn man sich die Alters­si­che­rung anschaut. Da gibt es Unter­neh­men, zum Bei­spiel man­che Super­märk­te, die arbei­ten vor­wie­gend mit „Mini­jobs“ – also: null Bei­trä­ge zur Sozi­al­ver­si­che­rung, enor­me Kos­ten­er­spar­nis. Da gibt es Unter­neh­men, die stel­len gar kei­ne Leu­te ein, son­dern ver­ge­ben Auf­trä­ge an selb­stän­di­ge Sub­un­ter­neh­mer – die fah­ren dann etwa mit dem eige­nen Lie­fer­wa­gen für einen Logis­tik­kon­zern Pake­te und Päck­chen aus. Also: Kein Arbeits­ver­trag – kei­ne Sozi­al­ver­si­che­rung. Es gibt Unter­neh­men, die so gerin­ge Löh­ne und Ren­ten­bei­trä­ge zah­len, dass Beschäf­tig­te nach Jahr­zehn­ten Lohn­ar­beit von ihrer Ren­te nicht leben kön­nen. Im Jahr 2024 lag die durch­schnitt­li­che Alters­ren­te für Män­ner bei 1.408 Euro, für Frau­en bei 955 Euro – im Nied­rig­lohn­sek­tor bekommt man deut­lich weni­ger. Kein Pro­blem, heißt es, es gibt doch neben der gesetz­li­chen Ren­te auch noch Betriebs­ren­ten und pri­va­te Vor­sor­ge. Aber eine betrieb­li­che Alters­ver­sor­gung hat nur etwa die Hälf­te aller sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig Beschäf­tig­ten, vor allem in Groß­un­ter­neh- men und im öffent­li­chen Dienst. Und im Jahr 2024 bezog ein Vier­tel der Beschäf­tig­ten ein Brut­to­ein­kom­men von bis zu 3.000 Euro – brut­to! Wie soll man davon ange­sichts stei­gen­der Miet-, Lebens­mit­tel- und Ener­gie­kos­ten bit­te schön ein Pols­ter für das Alter anle­gen? Vor zwan­zig Jah­ren habe ich in Eng­land gelebt – in dem Land, wo Mar­gret That­cher beson­ders früh eine neo­li­be­ra­le Arbeits­markt- und Sozi­al­po­li­tik gegen die Gewerk­schaf­ten durch­ge­setzt hat. Dort habe ich John, den Dach­de­cker, ken­nen­ge­lernt, der mit Mit­te Acht­zig (nach lebens­lan­ger Arbeit mit Asbest) kaum noch die Lei­ter hoch­kam. Im Super­markt saßen Frau­en in Johns Alter hin­ter der Kas­se, und das Lokal­blatt hat einem 90jährigen gra­tu­liert, der sein zwan­zig­jäh­ri­ges Dienst­ju­bi­lä­um in einem Gar­ten­cen­ter gefei­ert hat. Er hat gesagt, er wol­le nun doch bald auf­hö­ren, um sei­nen Lebens­abend zu genie­ßen. Das wären dann also in Zukunft „unse­re Jobs“. Man kann das „Aktiv­ren­te“ nen­nen – oder: obs­zö­ne Alters­ar­mut infol­ge einer Klas­sen­po­li­tik von oben, die „ihre Pro­fi­te“ vermehrt!

*

Jetzt will ich Euch aber doch noch sagen, was mir am Mot­to für den Ers­ten Mai 2026 gefällt. Ich fin­de es abso­lut rich­tig, dass dar­auf hin­ge­wie­sen wird, dass „wir“ (die Arbei­ten­den) ande­re Inter­es­sen haben als „Ihr“ (näm­lich die Unter­neh­men). Was für eine Erleich­te­rung, dass end­lich mal jemand die­se offen­sicht­li­che Tat­sa­che aus­spricht! Immer­hin wird uns seit vie­len Jahr­zehn­ten immer wie­der die irr­wit­zi­ge Vor­stel­lung prä­sen­tiert, sol­che Inter­es­sen­ge­gen­sät­ze wür­den kei­ne Rol­le mehr spie­len. Die Nazis haben die „Volks­ge­mein­schaft“ aus­ge­ru­fen, für die Unter­neh­men und Beschäf­tig­te zusam­men arbei­ten und zusam­men Krieg füh­ren soll­ten. In den 1950er Jah­ren hieß es, jetzt sei­en „wir alle“ Teil einer „nivel­lier­ten Mit­tel­stands­ge­sell­schaft“, und alle Par­tei­en müss­ten als Volks­par­tei­en Poli­tik für die­se „Mit­te“ machen. Und aktu­ell wird in Sonn­tags­re­den immer wie­der der gesell­schaft­li­che Zusam­men­halt beschwo­ren – so, als gäbe es gar kei­ne Inter­es­sen­ge­gen­sät­ze, son­dern höchs­tens Inter­es­sens­kon­flik­te, die durch ein biss­chen guten Wil­len zu über­win­den wären.

Die­ses „ganz gro­ße Wir“ gibt es aber nicht. Das wis­sen wir alle, die wir täg­lich im Betrieb erle­ben, wie die Kon­kur­renz um Arbeit zunimmt, wie sie mit Kon­kur­renz in der Arbeit ein­her­geht. Und wäh­rend Fried­rich Merz in sei­ner Neu­jahrs­an­spra­che gleich mehr­fach den gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt pre­digt, treibt die Poli­tik der Bun­des­re­gie­rung die Spal­tung zwi­schen Beschäf­tig­ten, den Kampf aller gegen alle, immer wei­ter auf die Spit­ze. Bei­spie­le gefäl­lig, wie Beschäf­tig­te gegen­ein­an­der in Stel­lung gebracht werden? 
• Ren­ten­po­li­tik: Man kann von der jun­gen Gene­ra­ti­on nicht erwar­ten, die über­zo­ge­nen Ren­ten der Alten zu bezahlen.
• Gesund­heits­po­li­tik: Wir sind ein Volk von Blau­ma­chern, mel den uns zu schnell tele­fo­nisch krank, müs­sen durch Karenz tage davon abge­hal­ten wer­den – damit wir nicht auf Kos­ten unse­rer Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen krankfeiern.
• Migra­ti­ons­po­li­tik: Da wan­dern Leu­te in unse­re Sozi­al­sys­te­me ein, und wir bekom­men kei­nen Zahn­arzt­ter­min, weil Geflüch tete die War­te­zim­mer blockieren.
• Bür­ger­geld: Sozi­al­schma­rot­zer, die nicht arbei­ten wol­len, ma chen sich einen schö­nen Lenz auf Kos­ten der hart arbei­ten den Men­schen – des­halb brau­chen wir eine neue Grund- siche­rung, weni­ger Leis­tun­gen, mehr Sanktionen.

Wie prak­tisch, wenn man die öffent­li­chen Haus­hal­te sanie­ren und Unter­neh­men immer wei­ter ent­las­ten will: Wer so argu­men­tiert, kann wun­der­bar davon ablen­ken, dass jun­ge Leu­te beson­ders oft in pre­kä­ren Jobs sind und Angst haben, im Alter arm zu sein. Sie spre­chen der älte­ren Gene­ra­ti­on nicht das Recht auf Ren­te ab – sie haben Angst, dass die­ses Recht für sie nicht mehr gilt. Der Auf­stand der jun­gen Herr­schaf­ten in der CDU zeigt vor allem eins: Bei der Ren­te geht es nicht um einen Gene­ra­tio­nen­kon­flikt, es geht um einen Klassenkonflikt!

Wer die angeb­li­chen Blau­ma­cher kri­ti­siert, muss nicht zuge­ben, dass die Zunah­me von Fehl­zei­ten etwas mit Arbeits­be­din­gun­gen zu tun hat, die auf Dau­er krank machen. Wer die Hatz auf migran­ti­sche Beschäf­tig­te eröff­net oder sogar ihre „Remi­gra­ti­on“ for­dert, kann sich dar­über aus­schwei­gen, für wie vie­le Jobs wir Leu­te aus dem Aus­land brau­chen, weil kein Pfle­ge­heim, kein Logis­tik­zen­trum, kein Sicher­heits­dienst, kein Schlacht­hof und kein Spar­gel­feld ohne migran­ti­sche Arbeit aus­kommt. Und wer den Zorn auf Arbeits­lo­se schürt, kann leich­ter behaup­ten, dass das Bür­ger­geld zu hoch ist – damit nie­mand sich dar­über beschwert, dass die Löh­ne in den unters­ten Ein­kom­mens­grup­pen ein­fach viel zu nied­rig sind. Kurz und gut: Die­se Poli­tik der Ent­so­li­da­ri­sie­rung, die­ses staat­lich geför­der­te Hau­en und Ste­chen lenkt davon ab, dass wir alle, Jung und Alt, Gesun­de und Kran­ke, Ein­hei­mi­sche und Zuge­wan­der­te, Beschäf­tig­te vor und nach der Kün­di­gung Lohn­ab­hän­gi­ge sind. Wir leben und arbei­ten unter ganz unter­schied- lichen Bedin­gun­gen, wir kon­kur­rie­ren per­ma­nent mit­ein­an­der um Jobs, um Auf­stieg, um Lebens­chan­cen – aber trotz­dem sit­zen wir in einem Boot. Als Lohn­ab­hän­gi­ge, als Beschäf­tig­te haben wir gemein­sa­me Pro­ble­me und gemein­sa­me Inter­es­sen. Und wir haben kei­ne Chan­ce auf gute Arbeit, Arbeit in Wür­de, Arbeit mit sozia­ler Absi­che­rung und mit Per­spek­ti­ven für die Zukunft, solan­ge wir uns gegen­ein­an­der aus­spie­len lassen.

Aber was sol­len wir tun? Vie­le von uns füh­len sich vor allem ohn­mäch­tig. Es gibt kei­ne Alter­na­ti­ve, heißt es seit den 1980er Jah­ren – es gibt nur eine mög­li­che Poli­tik, und die muss sich eben an die Sach­zwän­ge anpas­sen. Ich kann ver­ste­hen, wenn Beschäf­tig­te sagen, sie wis­sen nicht mehr, wen sie wäh­len sol­len – weil seit lan­gem nie­mand mehr eine Poli­tik macht, die Arbeit ins Zen­trum stellt und kon­se­quent für die Inter­es­sen von uns Arbei­ten­den ein­tritt – und zwar gera­de dann, wenn wir sie gegen die Inter­es­sen von Unter­neh­men durch­set­zen müssen.

Man­che den­ken, sie hät­ten jetzt eine Alter­na­ti­ve gefun­den. Aktu­el­le Umfra­gen zei­gen: Wer den Ein­druck hat, für die eige­ne Leis­tung nicht ange­mes­sen ent­lohnt zu wer­den, kaum Mit­spra­che bei stra­te­gi­schen Ent­schei­dun­gen am Arbeits­platz hat, und nicht mehr stolz sein kann auf die eige­ne Tätig­keit, macht mit beson­ders hoher Wahr­schein­lich­keit das Kreuz bei der AfD. Aber rech­te Poli­tik – und damit mei­ne ich vor allem, aber nicht nur die AfD – treibt die zer­set­zen­de Logik von kapi­ta­lis­ti­scher Kon­kur­renz auf die Spit­ze. Sie geht von der Ungleich­heit von Men­schen aus, sie treibt den Keil der Spal­tung zwi- schen Beschäf­tig­te, und damit sorgt sie dafür, dass das Macht­ge­fäl­le zwi­schen Unter­neh­men und Arbei­ten­den immer grö­ßer wird.

Doch es geht auch anders: Was wir brau­chen, ist eine soli­da­ri­sche Poli­tik der Arbeit – eine Poli­tik, die dazu bei­trägt, das „Wir“ der Lohn­ab­hän­gi­gen zu erwei­tern, uns auf Augen­hö­he zu begeg­nen, uns auf das zu kon­zen­trie­ren, was uns ver­bin­det. Suchen wir nach Ansatz­punk­ten für eine Poli­tik der Soli­da­ri­sie­rung, die Spal­tung und Kon­kur­renz über­win­det! Neh­men wir den „Kampf um die Köp­fe“ auf – auch um die Köp­fe von denen, die momen­tan nach rechts gehen und vor allem nach unten tre­ten! Sor­gen wir für dafür, dass aus den Mög­lich­kei­ten für Soli­da­ri­sie­rung, die es trotz allem gibt, tat­säch­lich Soli­da­ri­tät wird. Das ist alles ande­re als ein­fach, und alles muss man sel­ber machen: Im Betrieb, in der Gewerk­schaft – und zwar jeden Tag.

Des­halb ist mei­ne Losung für den Ers­ten Mai – und zwar gern mit geball­ter Faust: Schluss mit dem Kampf aller gegen alle – im Betrieb und auf dem Arbeits­markt! Kämp­fen wir gemein­sam, als Arbei­ten­de, für Gleich­heit, Eman­zi­pa­ti­on, Soli­da­ri­tät! Und wie vor 81 Jah­ren gilt der Schwur von Buchen- wald: Nie wie­der Krieg – nie wie­der Faschismus!


* [Nico­le May­er-Ahu­ja ist Pro­fes­so­rin für Sozio­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen. Sie hielt bei der 1. Mai-Kund­ge­bung des DGB Wein­heim die mit sehr viel Bei­fall bedach­te Hauptrede.
Nach­zu­le­sen sind eini­ge ihrer Argu­men­te in: Nico­le May­er-Ahu­ja, Klas­sen­ge­sell­schaft akut, War­um Lohn­ar­beit spal­tet – und wie es anders gehen kann, Mün­chen (C.H. Beck) 2025. Mehr zum Lesen, Schau­en, Hören auf der Web­sei­te www.nicole-mayer-ahuja.de.]


Aus Theo­rie­bei­la­ge Avan­ti² Rhein-Neckar Juni 2026

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