Fetisch „Iden­ti­tät“

 

Hel­mut Dahmer

Helmut Dahmer in Mannheim, 07. November 2017 (Foto: Kamillus Wolf)

Hel­mut Dah­mer in Mann­heim, 07. Novem­ber 2017 (Foto: Kamil­lus Wolf)

In der All­tags­pra­xis behan­deln wir Din­ge, Tie­re, Pflan­zen, uns selbst und ande­re Men­schen, als wären sie mit sich, als wären wir mit uns „iden­tisch“, blie­ben also, unab­hän­gig von der Zeit, stets die­sel­ben. Dem ist natür­lich nicht so, weil, wie wir nur all­zu gut wis­sen, Men­schen und Din­ge sich unab­läs­sig ändern, auch wenn wir das nicht bemer­ken oder nicht wahr­ha­ben wollen.

Auf die Men­schen, auf uns selbst und auf die Din­ge, mit denen wir umge­hen, auf die Waren und ihren Wert wol­len wir uns ver­las­sen, wir wol­len mit ihnen rech­nen kön­nen. Dar­um behan­deln wir sie, als wären sie der per­ma­nen­ten Ver­än­de­rung, dem Wan­del ent­zo­gen, als blie­ben sie für immer sich selbst gleich. Iden­ti­tät ist, näher bese­hen, das Resul­tat eines Iden­ti­fi­zie­rungs­pro­zes­ses, der der Wahr­neh­mung von Ver­än­de­run­gen ent­ge­gen­ar­bei­tet, sie nicht auf­zu­he­ben ver­mag, sie aber zu igno­rie­ren sucht. Im Strom der Zeit bleibt nichts mit sich iden­tisch, aber in unse­rer Pra­xis tun wir not­ge­drun­gen so, als ob es Iden­ti­tä­ten gäbe.1 So fin­gie­ren wir uns selbst als „iden­tisch“ im Wan­del und leben in einer Welt von lau­ter „Tat­sa­chen“, indem wir von den (im Ver­bor­ge­nen ablau­fen­den) „Tat­hand­lun­gen“ abse­hen, die deren „Fest­stel­lung“ erst hervorbringen.

Ver­wen­den wir Iden­ti­tät, Nicht-Iden­ti­tät, Anders­heit und Wider­spruch als logi­sche Ter­mi­ni, ver­ges­sen wir leicht, dass die­se Kate­go­rien immer auch gesell­schaft­li­che Ver­hält­nis­se bezeich­nen, ja, eigent­lich Aus­druck sol­cher Ver­hält­nis­se, näm­lich deren Begrif­fe sind. Sind wir uns des­sen bewusst, erscheint es plau­si­bel, dass mit ver­meint­li­chen Iden­ti­tä­ten auch Poli­tik gemacht wer­den kann. „Iden­ti­tät“ ist das pre­kä­re Resul­tat ver­zwei­fel­ter Selbst­be­haup­tung auf Kos­ten all’ des­sen, was ihr im Sub­jekt selbst wider­strebt, und all’ des­sen, was dem Kol­lek­tiv­sub­jekt (mit dem „ver­un­si­cher­te“ Indi­vi­du­en sich angst­voll iden­ti­fi­zie­ren) als von ihm aus­ge­schlos­se­nes und befeh­de­tes Ande­res („Frem­des“) gegen­über­steht. Iden­ti­tät ist das Resul­tat einer Iden­ti­fi­zie­rung, einer Gleich­set­zung von Ungleich­ar­ti­gem, Beson­de­rem, mit einem ihm über­ge­ord­ne­ten All­ge- mei­nen, also des ein­zel­nen Falls mit der Kate­go­rie, unter die er fal­len soll. Sol­che Gleich­set­zung ist repres­siv.2 Indem sie die Suche nach dem, was ihr „Objekt“ „an sich selbst“ – jen­seits vor­schnel­ler Sub­sum­ti­on – sein mag, abbricht, ver­fehlt sie es, um es berech­nen und mani­pu­lie­ren zu kön­nen. Und so zeigt sich, wenig über­ra­schend, dass das Haupt­pro­blem der Erkennt­nis­theo­rie mit dem­je­ni­gen der Klas­sen­herr­schaft „iden­tisch“ ist.

Eini­ge Prot­ago­nis­ten der gegen­wär­tig wie­der erstark­ten xeno­phob-auto­ri­tä­ren Strö­mung, die sich im Gefol­ge der Finanz­kri­se von 2008 und des Aus­bruchs der Coro­na-Pan­de­mie im Jahr 2020 gegen die als „Eli­te“ bezeich­ne­ten Par­tei- poli­ti­ker der par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tien rich­tet – und gegen deren Hin­ter­män­ner, die „Olig­ar­chen“, die frei­lich als Finan­ziers der Auto­ri­tä­ren drin­gend benö­tigt wer­den –, und die Dem­ago­gen her­vor­bringt, die dem kol­lek­ti­ven Nar­ziss­mus Fut­ter geben, bezeich­nen sich selbst als „Iden­ti­tä­re“.3 Das sind Leu­te, die ihren Wäh­ler-Gefolg­schaf­ten indi­vi­du­ell wie kol­lek­tiv Aut­ar­kie ver­spre­chen, eine Aut­ar­kie, die sie nichts kos­ten soll, weil dafür ande­re zur Kas­se gebe­ten wer­den. So ver­sprach der Toten­grä­ber der par­la­men­ta­ri­schen US-Demo­kra­tie, der Prä­si­dent Trump, sei­nen Wäh­lern, sie gegen unlieb­sa­me Migran­ten-Kon­kur­ren­ten aus Mexi­ko durch eine 3.000 Kilo­me­ter lan­ge Grenz­mau­er abzu­schir­men; die Kos­ten für dies mons­trö­se Bau­werk wür­den dann von Mexi­ko eingetrieben …

Die natio­na­lis­ti­schen Dem­ago­gen ver­si­chern ihren Anhän­gern, dass sie so, wie sie nun ein­mal gewor­den sind, auch immer schon ganz in Ord­nung sind, dass ihre Lebens­wei­se die ein­zig wah­re ist, dass sie sich kei­nes­wegs mit ande­ren ver­glei­chen oder sich gar, ande­ren zulie­be, irgend­wie ändern müs­sen. Sie ver­ei­di­gen sie auf den Sta­tus quo. Sozia­le Posi­ti­on, Geschlechts-, Alters- Fami­li­en- und Berufs­rol­le sol­len ein­deu­tig und ein für alle Mal fixiert, näm­lich natu­ra­li­siert wer­den. Den vie­len des­ori­en­tier­ten und ver­ängs­tig­ten Habe- nicht­sen wird weis­ge­macht, sie hät­ten doch auch etwas zu eigen, näm­lich sich selbst, eben ihre „Iden­ti­tät“. Dass sie, die berühm­ten „hart arbei­ten­den, ganz nor­ma­len Deut­schen“ Abhän­gi­ge sind, bestän­dig sich selbst ver­kau­fen oder „ent­selbst­en“ müs­sen, um auch nur am Leben zu blei­ben, fällt dabei unter den Tisch. Im Behar­ren auf ihrer „Jemei­nig­keit“ (Heid­eg­ger) glau­ben sie, inmit­ten von „Unei­gent­lich­keit“ Halt zu fin­den. So wird die Iden­ti­tät, in die einer hin­ein­ge­bo­ren und die ihm von Ande­ren stets wie­der zuge­spro­chen und auf­ge­nö­tigt wird, vom Kos­tüm zur Prothese.

Die „Iden­ti­tä­ren“ klam­mern sich an (von ihnen idea­li­sier­te) Ver­hält­nis­se und Insti­tu­tio­nen, die infol­ge der abseh­ba­ren gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung dem Unter­gang geweiht sind, von denen sie aber wün­schen, sie wür­den „ewig“ fort­be­stehen.4 Das sind vor allem die tra­di­tio­nel­le Fami­li­en-Gemein­schaft (all­zu oft noch eine Brut­stät­te häus­li­cher Gewalt und auto­ri­tä­rer Cha­rak­te­re) und die durch Mas­sen­de­por­ta­tio­nen homo­ge­ni­sier­te Groß­fa­mi­lie (oder „Volks­ge­mein­schaft“) der Nati­on. Im Wei­te­ren geht es um die Geschichts­le­gen­de, um die glor­rei­che Gale­rie der Ahnen, all’ der Welt­kriegs-Hel­den und Pogro­mis­ten, umwa­bert vom Stam­mes-Mythos einer „von der Vor­se­hung aus­er­wähl­ten“ Nati­on, die es gilt, kos­te es, was es wol­le, „rein“ zu erhal­ten … Und weil nicht nur das „Stadt­bild“ (so jüngst der deut­sche Kanz­ler Fried­rich Merz) für ihn und sei­nes­glei­chen von Frem­den gesäu­bert wer­den muss, soll auch das Wald- und Land­schafts­bild in natu­ra das blei­ben, als was es vor 200 Jah­ren gemalt wur­de – ein idyl­li­sches, neb­li­ges Reser­vat für Wan­de­rer und Jäger. Die AfD-Kanz­ler­kan­di­da­tin Ali­ce Wei­del hat es ihren Wäh­lern im Janu­ar 2025 auf dem Pro­gramm-Par­tei­tag in Rie­sa ver­spro­chen: Am Tag nach der Macht­er­grei­fung der „Alter­na­ti­ven“ wer­den spät gebo­re­ne Don Qui­chot­tes in den Kampf zie­hen, um den hei­mi­schen „Grimm’schen Mär­chen­wald“ (in dem, was Frau Wei­del nicht weiß, immer schon das Grau­en wohn­te) von strom­erzeu­gen­den Wind­müh­len-Rie­sen, die ihn ver­schan­deln, zu befreien …

Die „Iden­ti­tä­ren“ fürch­ten die rela­ti­ve Frei­heit, die die kapi­ta­lis­ti­sche Moder­ne mit sich brach­te: die Mög­lich­keit der Vie­len, sich von Ort und Her­kunft, Pra­xis und Tra­di­ti­on der Alt­vor­dern los­zu­sa­gen, von einer „Iden­ti­tät“ zu einer ande­ren und zu einer drit­ten zu wech­seln und sich doch kei­ner zu ver­schrei­ben. Men­schen, die sich an die ihnen zuge­schrie­be­ne Iden­ti­tät klam­mern, fürch­ten just das, was ihre Chan­ce wäre, näm­lich vom Pfahl- zum Welt­bür­ger, also zum Men­schen zu wer­den.5

Die Trumps aller Län­der wol­len ihren Wäh­lern weis­ma­chen, dass ihre natio­na­len Wirt­schaf­ten eigent­lich auch ohne den Welt­markt exis­tie­ren könn­ten. Man müs­se sie nur end­lich wie­der „groß“ machen, soll hei­ßen: sie den star­ken, groß gewor­de­nen klei­nen Män­nern, ihrem Clan und ihrem Racket anver­trau­en und Ter­ri­to­ri­um und Ein­fluss­zo­ne krie­ge­risch erwei­tern. Sie sug­ge­rie­ren den Wäh­le­rin­nen und Wäh­lern, die das nur all­zu gern hören, man kön­ne die Migra­ti­on von Mil­lio­nen Mit­men­schen, die ver­zwei­felt bes­se­re Lebens­ver­hält­nis­se suchen, igno­rie­ren oder auf­hal­ten, und man kön­ne sich auf Dau­er um die längst über­fäl­li­ge Umver­tei­lung des Welt­reich­tums her­um­drü­cken. Sie nut­zen die auf­ge­stau­te Unzu­frie­den­heit mit der bestehen­den Ungleich­heit und mit dem sich beschleu­ni­gen­den gesell­schaft­li­chen Wan­del, der die meis­ten über­for­dert, um mit Hil­fe der vie­len Frus­trier­ten selbst an die poli­ti­sche Macht zu kom­men. Sie rich­ten den Groll der zer­streu­ten Wäh­ler­mas­se gegen die eta­blier­ten gro­ßen Par­tei­en, die die Ungleich­heit der Lebens­ver­hält­nis­se zwi­schen Mehr­heit und Min­der­heit, die wach­sen­de Kluft zwi­schen Arm und Reich, zwi­schen Hun­ger und Luxus, Ohn­macht und Macht im natio­na­len und im inter­na­tio­na­len Rah­men nur ver­wal­ten und beschö­ni­gen, statt die­se Ver­hält­nis­se zu ver­än­dern. Sie wer­den gehört und für sie wird gestimmt, weil sie inmit­ten all­ge­mei­ner Alter­na­tiv­lo­sig­keit eine fata­le, wenn auch gewalt­träch­ti­ge Alter­na­ti­ve anbie­ten: Die Homo­ge­ni­sie­rung der eige­nen Nati­on durch das Aus­sper­ren und die Ver­trei­bung von Mil­lio­nen „Frem­den“6 und aller Geg­ne­rin­nen und Geg­ner eines sol­chen „nati­on-buil­ding“, die Schlie­ßung der Gren­zen, die Pri­vi­le­gie­rung der gesäu­ber­ten „eth­no­kul­tu­rel­len“ Volks­ge­mein­schaft und eine Poli­tik, die die­se zu neu­er „Grö­ße“ führt. „Grö­ße“ heißt in Putins Russ­land wie in Trumps Ame­ri­ka: Til­gung aller natio­na­len Schand­ta­ten und Behaup­tung ruhm­rei­cher Über­le­gen­heit in Krieg und Frie­den, also direk­te und indi­rek­te Herr­schaft über klei­ne­re Schuld­ner-Natio­nen und Minderheiten.

Die­ser Aus­weg aus einer wirt­schaft­li­chen und men­ta­len Kri­sen­si­tua­ti­on ist in Euro­pa, vor allem in Deutsch­land und Öster­reich, unter dem Namen „Faschis­mus“ fatal bekannt. Tat­säch­lich sind die neu­en völ­kisch-natio­na­lis­ti­schen Strö­mun­gen alle­samt Erben des his­to­ri­schen Faschis­mus, der erst vor weni­gen Gene­ra­tio­nen, nach­dem die Arbei­ter­be­we­gung mit ihrem Pro­jekt, Wirt­schaft und Staat grund­le­gend umzu­ge­stal­ten, geschei­tert war, deren Orga­ni­sa­tio­nen zer­schlug und dann die auto­ri­tär dis­po­nier­ten Mas­sen zuerst gegen die „alten Füh­rungs-Eli­ten“ und die als „Volks­fein­de“ gebrand­mark­ten Geg­ner des neu­en, tota­li­tä­ren Regimes mobi­li­sier­te, um sie schließ­lich in den zum Schei­tern ver­ur­teil­ten Ver­nich­tungs­krieg zur Beherr­schung Euro­pas zu het­zen. Die Nach­fol­ge-Grup­pen und Par­tei­en der NSDAP wer­ben für ein Pro­gramm, das als „Faschis­mus light“ zurei­chend cha­rak­te­ri­siert ist. Es han­delt sich um einen geläu­ter­ten oder Ver­mei­dungs-Faschis­mus, des­sen Ideo­lo­gen von „Eutha­na­sie“ und „Holo­caust“ nichts wis­sen wol­len, des­sen Adep­ten aller­lei Ersatz­be­grif­fe und -Zei­chen (Odals­ru­ne, Lamb­da und „Wolfs­gruß“) ver­wen­den und in des­sen Schrift­tum nicht mehr von „Ras­sen“, son­dern vor­nehm von „eth­no­kul­tu­rel­len Iden­ti­tä­ten“ die Rede ist. Anders­ar­ti­gen Eth­no­kul­tu­ren wird nicht mehr Unter­jo­chung und Aus­rot­tung ange­droht, son­dern fried­li­che Koexis­tenz ver­hei­ßen, sofern sie nur blei­ben, wo sie sind, näm­lich in den Hun­ger- und Armuts­zo­nen unse­res Pla­ne­ten. Wür­de die­se Visi­on eines eth­no­kul­tu­rel­len Plu­ra­lis­mus gewalt­sam ver­wirk­licht, ent­stün­de eine Welt der Lager und Apart­heid-Staa­ten, unter­teilt durch chi­ne­si­sche Mau­ern und gespickt mit Slum-Ghettos.

Den alten Faschis­mus und sei­ne aktu­el­len Deri­va­te eint die Ent­schlos­sen­heit, mit den tra­di­tio­nel­len „Eli­ten“, Par­tei­en und Gewerk­schaf­ten „auf­zu­räu­men“, eint die Front­stel­lung gegen die auf­klä­re­risch gesinn­ten Intel­lek­tu­el­len, die libe­ra­le Pres­se und die „Ideen von 1789“, die nun „Ideen von 1968“ hei­ßen. Ges­tern wie heu­te geht es um die Ver­tei­di­gung des bestehen­den Wirt­schafts­sys­tems durch Ein­schrän­kung oder Besei­ti­gung der Reprä­sen­ta­tiv­de­mo­kra­tie und der Gewal­ten­tei­lung und um die exklu­si­ve Pri­vi­le­gie­rung der Ange­hö­ri­gen der je „eige­nen“ eth­no­kul­tu­rel­len Gemein­schaft. Dies Kol­lek­tiv ist eine Fata Mor­ga­na, ein gefähr­li­cher Wunsch­traum, der nicht nur das Rin­gen sozia­ler Klas­sen um ihren Anteil am Mehr­pro­dukt pro­pa­gan­dis­tisch igno­riert – bevor er es gewalt­sam zu unter­drü­cken sucht –, son­dern auch die bald laten­te, bald offe­ne Feind­schaft der ver­ge­sell­schaf­te­ten Indi­vi­du­en gegen­über einer „Kul­tur“, die ihnen mehr abver­langt, als sie ihnen gibt. Das Igno­rie­ren zieht das Repri­mie­ren nach sich. Und nicht nur die Geschich­te des Faschis­mus lehrt, dass Mil­lio­nen Men­schen bereit sind, für die Ver­wirk­li­chung von Illu­sio­nen (wie der Herr­schaft der deut­schen Her­ren­ras­se über Euro­pa) zu ster­ben und Mil­lio­nen ande­rer Men­schen umzu­brin­gen, die der Eta­blie­rung und Expan­si­on einer ari­schen „Eth­no­kul­tur“ im Wege sind.

Die Neo­fa­schis­ten, die sich als sol­che dekla­rie­ren, und ihre Brü­der im Ungeist, die als geläu­ter­te Auto­ri­tä­re auf­tre­ten, sind Iden­ti­täts­fe­ti­schis­ten. Als sol­che haben sie allen Grund, sich gegen die Tra­di­ti­on der Auf­klä­rung zu stel­len. Inmit­ten der stän­disch geglie­der­ten, mit­tel­al­ter­li­chen Feu­dal­ge­sell­schaft bil­de­ten sich seit Beginn des zwei­ten Jahr­tau­sends unse­rer Zeit­rech­nung in Euro­pa (und nur in Euro­pa) Gewer­be- und Han­dels­städ­te mit einem wehr­haf­ten Bür­ger­tum als Keim­zel­len einer neu­ar­ti­gen Sozie­tät her­aus. Direk­te, boden­ver­mit­tel­te Herr­schafts­ver­hält­nis­se wur­den im Lau­fe eini­ger Jahr­hun­der­te von indi­rek­ten, markt­ver­mit­tel­ten abge­löst. Indi­vi­du­en, ver­ein­zel­te Ein­zel­ne, wur­den durch die Auf­lö­sung feu­da­ler Gefolg­schaf­ten frei­ge­setzt und konn­ten auch ohne Stam­mes- und Sip­pen­rück­halt als freie Lohn­ar­bei­ter in Hee­ren und Manu­fak­tu­ren über­le­ben. An die Stel­le von ererb­ten, zuge­schrie­be­nen Iden­ti­tä­ten (Posi­tio­nen, Beru­fe) tra­ten all­mäh­lich indi­vi­du­ell erwor­be­ne. Die Men­schen­rech­te, die gro­ßen Grup­pen noch immer vor­ent­hal­ten wer­den, und die Auto­no­mie-Idea­le, von denen sich heut­zu­ta­ge die meis­ten über­for­dert füh­len, wur­den im aus­ge­hen­den 18. und im frü­hen 19. Jahr­hun­dert in den fort­ge­schrit­te­nen euro­päi­schen Staa­ten (und ihren ame­ri­ka­ni­schen Kolo­nien) for­mu­liert. Als in dem Jahr­hun­dert zwi­schen 1820 und 1920 die gro­ße Mehr­heit der Bevöl­ke­rung der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaf­ten ihre Selb­stän­dig­keit ein­büß­te und sich in ein Heer von abhän­gig Beschäf­tig­ten ver­wan­del­te, begann die Ära der mas­sen­feind­li­chen Mas­sen­be­we­gun­gen, die Sig­mund Freud 1920 als ers­ter ana­ly­siert hat.7 In ihnen rot­ten sich die Lohn­ab­hän­gi­gen zusam­men, die kei­ne Chan­ce mehr sehen, sich und ihre Fami­li­en aus eige­ner Kraft zu erhal­ten und viel­leicht auch ein Stück vom guten Leben zu ergat­tern, und bil­den unter Preis­ga­be von Auto­no­mie und Eigen­sinn neu­ar­ti­ge Gefolg­schaf­ten, die bereit sind, um der Rea­li­sie­rung einer gemein­sa­men Phan­ta­sie von „kol­lek­ti­ver Grö­ße“ wil­len ihren Füh­rern nicht nur nach Sta­lin­grad oder El-Alam­ein zu fol­gen, son­dern auch in deren Men­schen­schlacht­häu­sern Dienst zu tun. Sol­che künst­li­chen Mas­sen, die sich im Rah­men und auf der Grund­la­ge von moder­nen, markt­för­mi­gen, also geld­ver­mit­tel­ten Sozi­al­ver­hält­nis­sen for­mie­ren, las­sen sich gegen jeder­lei inner­ge­sell­schaft­li­che Oppo­si­ti­on und gegen jed­we­den äuße­ren Feind (sei­en es die angel­säch­si­schen „Plu­to­kra­tien“ oder die „jüdisch-bol­sche­wis­ti­sche“ Sowjet­uni­on) einsetzen.

Die Ablö­sung direk­ter, also kon­kre­ter, per­so­na­ler Herr-Knecht-Bezie­hun­gen durch For­men indi­rek­ter Herr­schaft (die mit Hil­fe von Geld oder Kapi­tal aus­ge­übt wird) for­der­te den Gene­ra­tio­nen, die die­sem Pro­zess unter­la­gen, enor­me Abs­trak­ti­ons­leis­tun­gen ab. Herr­schaft wur­de in der moder­nen Gesell­schaft ent­per­so­na­li­siert, also ver­sach­licht. Wur­de die Über- win­dung der tra­di­tio­na­len Gesell­schaft in einer lan­gen Rei­he von Hand­wer­ker-, Ple­be­jer und Bau­ern­auf­stän­den sowie poli­ti­schen Revo­lu­tio­nen erkämpft, so hat die Durch­set­zung der moder­nen Gesell­schaft, die sich als eine Ket­te von Kata­stro­phen prä­sen­tiert – und deren Rea­li­sie­rung weder natio­nal, noch inter­na­tio­nal abge­schlos­sen ist –, nicht nur Bewe­gun­gen pro­vo­ziert, die über die Lohn­skla­ve­rei hin­aus­kom­men wol­len, son­dern auch eine lan­ge Rei­he von Gegen­be­we­gun­gen, die, wie die faschis­ti­schen, hin­ter sie zurück­ge­hen wol­len. Kapi­ta­lis­ti­sche Moder­ni­sie­rung besagt, dass gemein­schaft­li­che (tra­di­tio­na­le) Lebens­for­men durch gesell­schaft­li­che auf­ge­löst und abge­löst wer­den. Und Men­schen, „die von Abs­trak­ta beherrscht wer­den“ (Marx) – näm­lich von „der Wirt­schaft“, „den Märk­ten“, „der Poli­tik“ – ent­wi­ckeln einen unstill­ba­ren, regres­si­ven Hun­ger nach der Erset­zung sol­cher Abs­trak­ta durch Kon­kre­ta. Die­ser Hun­ger wird von den auto­ri­tä­ren und faschis­ti­schen Strö­mun­gen gestillt. An die Stel­le abs­trak­ter, dar­um unver­ständ­li­cher Wahl-, Gesetz­ge­bungs- und Recht­spre­chungs­ver­fah­ren tritt dann ein Sonder-„Recht“, das nur „dem „eige­nen Vol­ke „dient“; anstel­le von Impe­ria­lis­mus und Kapi­ta­lis­mus tre­ten Wall­street und Kreml – oder kurz: „der Jude“. Anstel­le des „Bösen“, das nach christ­li­cher Leh­re allen Men­schen inne­wohnt, erscheint der „Volks­feind“, und der unge­lieb­te „eige­ne“ Gott und sei­ne Reli­gi­on wer­den in Gestalt des „frem­den“ Got­tes und der ihm zukom­men­den Riten bekämpft.

Die Tech­nik der Dem­ago­gen besteht wesent­lich in „Per­so­na­li­sie­rung“ (oder Kom­ple­xi­täts­re­duk­ti­on): Abs­trak­te Begrif­fe wer­den durch pseu­do­kon­kre­te ersetzt, die feind­li­che und unver­ständ­li­che Welt wird ver­sim­pelt, ver­bie­dert und auf die­se Wei­se (schein­bar) angreif­bar gemacht. Der Gefolg­schafts­mensch glaubt zu wis­sen, wie das Welt­ge­sche­hen funk­tio­niert und wer dafür ver­ant­wort­lich ist. Und er will sich für alle erfah­re­ne Unbill end­lich ein­mal an denen rächen, die er für die „wah­ren Schul­di­gen“ hält.

Der Glau­be an Iden­ti­tät und die Rede von „Iden­ti­tä­ten“ sind längst als (wie immer nütz­li­che) Illu­sio­nen durch­schaut wor­den. Im frü­hen 18. Jahr­hun­dert hat der Skep­ti­ker David Hume die per­so­na­le Iden­ti­tät desub­stan­tia­li­siert [ent­ding­licht], sie als eine gewohn­heits­mä­ßi­ge Selbst­täu­schung erkannt.8 150 Jah­re spä­ter hat der Auf­klä­rer Freud die Ich-Instanz, die Des­car­tes (1641) noch für den Fels in der Bran­dung des uni­ver­sa­len Zwei­fels gehal­ten hat­te, mit einem Clown – dem „Dum­men August“ im Zir­kus – ver­gli­chen, der stets nur vor­gibt, das, was ihm in der Mane­ge an Miss­ge­schi­cken zustößt, habe er selbst ver­an­stal­tet.9 Noch ein­mal 70 Jah­re spä­ter haben ame­ri­ka­ni­sche und deut­sche Sozi­al­wis­sen­schaft­ler (Erving Goff­man, Lothar Krapp­mann und ande­re) die Ich-Iden­ti­tät als einen pre­kä­ren Balan­ce-Akt zwi­schen per­so­na­ler (bio­gra­phi­scher) und sozia­ler Iden­ti­tät beschrie­ben. Der ver­meint­li­che Sub­stanz-Begriff „Iden­ti­tät“ ist auf die­se Wei­se all­mäh­lich ent­zau­bert und zu einem Funk­ti­ons­be­griff gewor­den. Ähn­lich steht es mit den Begrif­fen kol­lek­ti­ver Iden­ti­tät. Längst ist die bio­lo­gis­ti­sche Rede von den „Volks­cha­rak­te­ren“ als fau­ler Zau­ber ent­larvt. Und in den 1980er Jah­ren däm­mer­te es Sozio­lo­gen und His­to­ri­kern im Zei­chen der Dritt­welt- und Bal­kan­krie­ge, dass auch die Natio­nen nur Funk­ti­ons­be­grif­fe sind, es sich dabei also um „erfun­de­ne“ (Bene­dict Ander­son), ima­gi­nä­re Gemein­schaf­ten han­delt. Als Fein­de der Auf­klä­rung sper­ren sich die „Iden­ti­tä­ren“ von heu­te gegen sol­che Refle­xio­nen. Sie glau­ben an die Sub­stanz ihrer natio­na­len oder auch euro­päi­schen „Eth­no­kul­tur“, so wie ande­re Glau­bens­ge­mein­schaf­ten an die „unbe­fleck­te Emp­fäng­nis“, die hei­li­ge Wand­lung oder an die Auf­er­ste­hung des Flei­sches glau­ben. Je frag­wür­di­ger eine Dok­trin ist, des­to fana­ti­scher wird sie von ihren Nutz­nie­ßern verteidigt.

Der Ver­gleich unse­rer Situa­ti­on mit der der spä­ten zwan­zi­ger und frü­hen drei­ßi­ger Jah­re des vori­gen Jahr­hun­derts ist lehr­reich. Die aktu­el­len Ideo­lo­gien der heu­ti­gen auto­ri­tä­ren Par­tei­en und Grup­pie­run­gen sind alter, sau­er gewor­de­ner faschis­ti­scher Wein in neu­en Schläu­chen. Sieb­zig Jah­re nach dem Holo­caust sind die Juden als bevor­zug­tes Hass­ob­jekt durch mus­li­mi­sche Immi­gran­ten ergänzt wor­den, und auch die­se wer­den beschul­digt, dem­nächst die Herr­schaft in Euro­pa über­neh­men zu wol­len. Der eth­no­kul­tu­rel­le Volks­kör­per bedarf, wie im Frank­furt, Ber­lin und Wien der drei­ßi­ger Jah­re, einer „Rei­ni­gung“, damit er erwa­che, sich auf­rich­te und zu sei­ner wah­ren „Grö­ße“ zurück­fin­de. So wenig Russ­land 1917 die „Welt­re­vo­lu­ti­on“ brauch­te – wie jüngst einer von Putins Ideo­lo­gen schrieb –, so wenig braucht nach Mei­nung der Neo­na­zis die deut­sche Nati­on heu­te die Nicht­eu­ro­pä­er. Sie muss sie sich vom Lei­be halten.

Im Unter­schied zur Gegen­wart gab es bis 1933 in Deutsch­land und bis 1934 in Öster­reich noch Mil­lio­nen Men­schen umfas­sen­de revo­lu­tio­nä­re und refor­mis­ti­sche Arbei­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen, die sowohl für die bür­ger­li­chen Kräf­te als auch für die Nazis ein Risi­ko dar­stell­ten. Eine sol­che inner­ge­sell­schaft­li­che Oppo­si­ti­on gibt es gegen­wär­tig nicht. Das ist eine Lang­zeit-Fol­ge zum einen des Mas­sen­ter­rors der tota­li­tä­ren Regime, zum andern des „Kal­ten Krie­ges“ in den Jahr­zehn­ten nach 1945.

Anstel­le von Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen, die sich nicht nur gegen den Strom rich­ten, son­dern ihn umzu­len­ken suchen, gibt es heu­te nur eine wache Min­der­heit kri­ti­scher Intel­lek­tu­el­ler und poli­ti­scher Klein­grup­pen, die (mehr oder weni­ger) in der Lage ist, zu ver­ste­hen, was vor­geht. Die­se Min­der­heit hat eine Über­le­bens­chan­ce nur dann, wenn sie es ver­steht, den poli­ti­schen Dia­log mit der des­ori­en­tier­ten, zer­streu­ten Mas­se auf­zu­neh­men und sie gegen die Sire­nen­ge­sän­ge der Trumps und Putins, der Erdo­gans, Orbáns und ihrer Gefolgs­leu­te zu immunisieren.

(Wien, 30. 11. 2025)


Fuß­no­ten

1 „Das Ziel des prak­ti­schen Den­kens ist die Iden­ti­tät […].“ Freud, Sig­mund [1895], Ent­wurf einer Psy­cho­lo­gie, Gesam­mel­te Wer­ke, Nach­trags­band, Frank­furt (1987), S. 468.
2 „[…] das Iden­ti­täts­den­ken sagt, wor­un­ter etwas fällt, wovon es Exem­plar ist oder Reprä­sen­tant, was es also nicht selbst ist.“ Theo­dor W. Ador­no (1966), Nega­ti­ve Dia­lek­tik, Frank­furt (Suhr­kamp), S. 150. 
3 Vgl. dazu Decker, Oli­ver, et al. (2010), Die Mit­te in der Kri­se, Rechts­extre­me Ein­stel­lun­gen in Deutsch­land, Ber­lin. – Kuschel, Sebas­ti­an (2013), „Nicht links, nicht rechts – iden­ti­tär“?, Eine Ana­ly­se der ‚Iden­ti­tä­ren Bewe­gung‘ in Deutsch­land, Mün­chen. – Bruns, Juli­an, et al. (2016), Die Iden­ti­tä­ren, Hand­buch zur Jugend­be­we­gung der Neu­en Rech­ten in Euro­pa, Münster.
4 Und sie wis­sen, dass auch die­ser Wahn, falls er die Mas­sen ergreift, zu einer destruk­ti­ven mate­ri­el­len Gewalt wer­den kann …
5 „Hat ein Volk […] sehr viel Fes­tes, so ist dies ein Beweis, dass es ver­stei­nern will, und ganz und gar Monu­ment wer­den möch­te […]. Der also, wel­cher den Deut­schen wohl will, mag für sei­nen Theil zuse­hen, wie er immer mehr aus dem, was deutsch ist, hin­aus­wach­se.“ Nietz­sche, Fried­rich (1886), Mensch­li­ches, All­zu­mensch­li­ches, Ein Buch für freie Geis­ter, II. Band, Aph. 323, Sämt­li­che Wer­ke (Krit. Stu­di­en­aus­ga­be), Mün­chen 1980, Bd. 2, S. 512. 
6 Das Kenn- oder Kains­zei­chen der tota­li­tä­ren Regime Hit­lers und Sta­lins war der Wahn, man müs­se zehn oder mehr Pro­zent der Bevöl­ke­rung, die einer Ver­wirk­li­chung der uto­pi­schen Groß-Pro­jek­te (des „Auf­baus des Sozia­lis­mus in einem Lan­de“ bzw. der Beherr­schung Euro­pas vom Atlan­tik bis zum Ural durch die deut­sche „Volks­ge­mein­schaft“) im Wege stün­den (weil sie Geg­ner oder für das Vor­ha­ben untaug­lich sei­en), depor­tie­ren, in Lager sper­ren oder umbrin­gen. Die „Alter­na­ti­ve für Deutsch­land“ gesellt sich mit ihrem Pro­jekt, Mil­lio­nen von Men­schen, die nicht deut­scher Her­kunft sind (Zuwan­de­rer, Flücht­lin­ge und Ein­ge­bür­ger­te) aus Deutsch­land zu depor­tie­ren, zu jenen tota­li­tä­ren Bewe­gun­gen. Ihr Vor­gän­ger, die Hit­ler­par­tei, sah in den jüdi­schen Min­der­hei­ten Euro­pas die „Ursa­che“ allen „Unglücks“ der Deut­schen; die AfD glaubt, die Ursa­che aller gegen­wär­ti­gen deut­schen Übel sei­en die Migran­tin­nen und Migran­ten aus den Kriegs-, Hun­ger- und Elends­ge­bie­ten unse­rer Welt. Die Nazis erhoff­ten sich ihr „Heil“ vom Mas­sen­mord an den euro­päi­schen Juden, und je aus­sichts­lo­ser der Krieg für sie wur­de, des­to ver­zwei­fel­ter wur­de ihr all­täg­li­cher Sehn­suchts­schrei nach dem „Heil“… Heut­zu­ta­ge schrei­en sich bald in die­ser, bald in jener Stadt Hun­der­te neo­fa­schis­ti­scher Demons­tran­ten unter Poli­zei­schutz die Keh­len hei­ser mit ihrem Brunft­schrei „Re-mi-gra-tion!“, „Re-mi-gra-tion!“ – und nur die Poli­zis­ten, die sie beglei­ten, kön­nen oder wol­len nicht ver­ste­hen, was sie da rufen, sonst müss­ten sie ja dem Geröh­re ein Ende machen, denn „Remi­gra­ti­on“ heißt Depor­ta­ti­on (oder „Aus­län­der raus!“) und die Auf­for­de­rung zum „Abschie­ben“ von Mil­lio­nen ist Volksverhetzung … 
7 Freud, Sig­mund (1921), Mas­sen­psy­cho­lo­gie und Ich-Ana­ly­se, Gesam­mel­te Wer­ke (GW), Band XIII, Frank­furt (Fischer) 1963, S. 71-161.
8 Hume, D. (1739), A Trea­tise of Human Natu­re, Buch I, Sec­tion VI, „Of per­so­nal iden­ti­ty“, New York (Har­per­Coll­ins) 1970, S. 300-312. 
9 Freud, Sig­mund (1914), „Zur Geschich­te der psy­cho­ana­ly­ti­schen Bewe­gung“, GW, Band X, a. a. O., S. 97.


Aus Theo­rie­bei­la­ge Avan­ti² Rhein-Neckar Febru­ar 2026
Tagged , , , , , , , , . Bookmark the permalink.