Helmut Dahmer

Helmut Dahmer in Mannheim, 07. November 2017 (Foto: Kamillus Wolf)
In der Alltagspraxis behandeln wir Dinge, Tiere, Pflanzen, uns selbst und andere Menschen, als wären sie mit sich, als wären wir mit uns „identisch“, blieben also, unabhängig von der Zeit, stets dieselben. Dem ist natürlich nicht so, weil, wie wir nur allzu gut wissen, Menschen und Dinge sich unablässig ändern, auch wenn wir das nicht bemerken oder nicht wahrhaben wollen.
Auf die Menschen, auf uns selbst und auf die Dinge, mit denen wir umgehen, auf die Waren und ihren Wert wollen wir uns verlassen, wir wollen mit ihnen rechnen können. Darum behandeln wir sie, als wären sie der permanenten Veränderung, dem Wandel entzogen, als blieben sie für immer sich selbst gleich. Identität ist, näher besehen, das Resultat eines Identifizierungsprozesses, der der Wahrnehmung von Veränderungen entgegenarbeitet, sie nicht aufzuheben vermag, sie aber zu ignorieren sucht. Im Strom der Zeit bleibt nichts mit sich identisch, aber in unserer Praxis tun wir notgedrungen so, als ob es Identitäten gäbe.1 So fingieren wir uns selbst als „identisch“ im Wandel und leben in einer Welt von lauter „Tatsachen“, indem wir von den (im Verborgenen ablaufenden) „Tathandlungen“ absehen, die deren „Feststellung“ erst hervorbringen.
Verwenden wir Identität, Nicht-Identität, Andersheit und Widerspruch als logische Termini, vergessen wir leicht, dass diese Kategorien immer auch gesellschaftliche Verhältnisse bezeichnen, ja, eigentlich Ausdruck solcher Verhältnisse, nämlich deren Begriffe sind. Sind wir uns dessen bewusst, erscheint es plausibel, dass mit vermeintlichen Identitäten auch Politik gemacht werden kann. „Identität“ ist das prekäre Resultat verzweifelter Selbstbehauptung auf Kosten all’ dessen, was ihr im Subjekt selbst widerstrebt, und all’ dessen, was dem Kollektivsubjekt (mit dem „verunsicherte“ Individuen sich angstvoll identifizieren) als von ihm ausgeschlossenes und befehdetes Anderes („Fremdes“) gegenübersteht. Identität ist das Resultat einer Identifizierung, einer Gleichsetzung von Ungleichartigem, Besonderem, mit einem ihm übergeordneten Allge- meinen, also des einzelnen Falls mit der Kategorie, unter die er fallen soll. Solche Gleichsetzung ist repressiv.2 Indem sie die Suche nach dem, was ihr „Objekt“ „an sich selbst“ – jenseits vorschneller Subsumtion – sein mag, abbricht, verfehlt sie es, um es berechnen und manipulieren zu können. Und so zeigt sich, wenig überraschend, dass das Hauptproblem der Erkenntnistheorie mit demjenigen der Klassenherrschaft „identisch“ ist.
Einige Protagonisten der gegenwärtig wieder erstarkten xenophob-autoritären Strömung, die sich im Gefolge der Finanzkrise von 2008 und des Ausbruchs der Corona-Pandemie im Jahr 2020 gegen die als „Elite“ bezeichneten Partei- politiker der parlamentarischen Demokratien richtet – und gegen deren Hintermänner, die „Oligarchen“, die freilich als Finanziers der Autoritären dringend benötigt werden –, und die Demagogen hervorbringt, die dem kollektiven Narzissmus Futter geben, bezeichnen sich selbst als „Identitäre“.3 Das sind Leute, die ihren Wähler-Gefolgschaften individuell wie kollektiv Autarkie versprechen, eine Autarkie, die sie nichts kosten soll, weil dafür andere zur Kasse gebeten werden. So versprach der Totengräber der parlamentarischen US-Demokratie, der Präsident Trump, seinen Wählern, sie gegen unliebsame Migranten-Konkurrenten aus Mexiko durch eine 3.000 Kilometer lange Grenzmauer abzuschirmen; die Kosten für dies monströse Bauwerk würden dann von Mexiko eingetrieben …
Die nationalistischen Demagogen versichern ihren Anhängern, dass sie so, wie sie nun einmal geworden sind, auch immer schon ganz in Ordnung sind, dass ihre Lebensweise die einzig wahre ist, dass sie sich keineswegs mit anderen vergleichen oder sich gar, anderen zuliebe, irgendwie ändern müssen. Sie vereidigen sie auf den Status quo. Soziale Position, Geschlechts-, Alters- Familien- und Berufsrolle sollen eindeutig und ein für alle Mal fixiert, nämlich naturalisiert werden. Den vielen desorientierten und verängstigten Habe- nichtsen wird weisgemacht, sie hätten doch auch etwas zu eigen, nämlich sich selbst, eben ihre „Identität“. Dass sie, die berühmten „hart arbeitenden, ganz normalen Deutschen“ Abhängige sind, beständig sich selbst verkaufen oder „entselbsten“ müssen, um auch nur am Leben zu bleiben, fällt dabei unter den Tisch. Im Beharren auf ihrer „Jemeinigkeit“ (Heidegger) glauben sie, inmitten von „Uneigentlichkeit“ Halt zu finden. So wird die Identität, in die einer hineingeboren und die ihm von Anderen stets wieder zugesprochen und aufgenötigt wird, vom Kostüm zur Prothese.
Die „Identitären“ klammern sich an (von ihnen idealisierte) Verhältnisse und Institutionen, die infolge der absehbaren gesellschaftlichen Entwicklung dem Untergang geweiht sind, von denen sie aber wünschen, sie würden „ewig“ fortbestehen.4 Das sind vor allem die traditionelle Familien-Gemeinschaft (allzu oft noch eine Brutstätte häuslicher Gewalt und autoritärer Charaktere) und die durch Massendeportationen homogenisierte Großfamilie (oder „Volksgemeinschaft“) der Nation. Im Weiteren geht es um die Geschichtslegende, um die glorreiche Galerie der Ahnen, all’ der Weltkriegs-Helden und Pogromisten, umwabert vom Stammes-Mythos einer „von der Vorsehung auserwählten“ Nation, die es gilt, koste es, was es wolle, „rein“ zu erhalten … Und weil nicht nur das „Stadtbild“ (so jüngst der deutsche Kanzler Friedrich Merz) für ihn und seinesgleichen von Fremden gesäubert werden muss, soll auch das Wald- und Landschaftsbild in natura das bleiben, als was es vor 200 Jahren gemalt wurde – ein idyllisches, nebliges Reservat für Wanderer und Jäger. Die AfD-Kanzlerkandidatin Alice Weidel hat es ihren Wählern im Januar 2025 auf dem Programm-Parteitag in Riesa versprochen: Am Tag nach der Machtergreifung der „Alternativen“ werden spät geborene Don Quichottes in den Kampf ziehen, um den heimischen „Grimm’schen Märchenwald“ (in dem, was Frau Weidel nicht weiß, immer schon das Grauen wohnte) von stromerzeugenden Windmühlen-Riesen, die ihn verschandeln, zu befreien …
Die „Identitären“ fürchten die relative Freiheit, die die kapitalistische Moderne mit sich brachte: die Möglichkeit der Vielen, sich von Ort und Herkunft, Praxis und Tradition der Altvordern loszusagen, von einer „Identität“ zu einer anderen und zu einer dritten zu wechseln und sich doch keiner zu verschreiben. Menschen, die sich an die ihnen zugeschriebene Identität klammern, fürchten just das, was ihre Chance wäre, nämlich vom Pfahl- zum Weltbürger, also zum Menschen zu werden.5
Die Trumps aller Länder wollen ihren Wählern weismachen, dass ihre nationalen Wirtschaften eigentlich auch ohne den Weltmarkt existieren könnten. Man müsse sie nur endlich wieder „groß“ machen, soll heißen: sie den starken, groß gewordenen kleinen Männern, ihrem Clan und ihrem Racket anvertrauen und Territorium und Einflusszone kriegerisch erweitern. Sie suggerieren den Wählerinnen und Wählern, die das nur allzu gern hören, man könne die Migration von Millionen Mitmenschen, die verzweifelt bessere Lebensverhältnisse suchen, ignorieren oder aufhalten, und man könne sich auf Dauer um die längst überfällige Umverteilung des Weltreichtums herumdrücken. Sie nutzen die aufgestaute Unzufriedenheit mit der bestehenden Ungleichheit und mit dem sich beschleunigenden gesellschaftlichen Wandel, der die meisten überfordert, um mit Hilfe der vielen Frustrierten selbst an die politische Macht zu kommen. Sie richten den Groll der zerstreuten Wählermasse gegen die etablierten großen Parteien, die die Ungleichheit der Lebensverhältnisse zwischen Mehrheit und Minderheit, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Hunger und Luxus, Ohnmacht und Macht im nationalen und im internationalen Rahmen nur verwalten und beschönigen, statt diese Verhältnisse zu verändern. Sie werden gehört und für sie wird gestimmt, weil sie inmitten allgemeiner Alternativlosigkeit eine fatale, wenn auch gewaltträchtige Alternative anbieten: Die Homogenisierung der eigenen Nation durch das Aussperren und die Vertreibung von Millionen „Fremden“6 und aller Gegnerinnen und Gegner eines solchen „nation-building“, die Schließung der Grenzen, die Privilegierung der gesäuberten „ethnokulturellen“ Volksgemeinschaft und eine Politik, die diese zu neuer „Größe“ führt. „Größe“ heißt in Putins Russland wie in Trumps Amerika: Tilgung aller nationalen Schandtaten und Behauptung ruhmreicher Überlegenheit in Krieg und Frieden, also direkte und indirekte Herrschaft über kleinere Schuldner-Nationen und Minderheiten.
Dieser Ausweg aus einer wirtschaftlichen und mentalen Krisensituation ist in Europa, vor allem in Deutschland und Österreich, unter dem Namen „Faschismus“ fatal bekannt. Tatsächlich sind die neuen völkisch-nationalistischen Strömungen allesamt Erben des historischen Faschismus, der erst vor wenigen Generationen, nachdem die Arbeiterbewegung mit ihrem Projekt, Wirtschaft und Staat grundlegend umzugestalten, gescheitert war, deren Organisationen zerschlug und dann die autoritär disponierten Massen zuerst gegen die „alten Führungs-Eliten“ und die als „Volksfeinde“ gebrandmarkten Gegner des neuen, totalitären Regimes mobilisierte, um sie schließlich in den zum Scheitern verurteilten Vernichtungskrieg zur Beherrschung Europas zu hetzen. Die Nachfolge-Gruppen und Parteien der NSDAP werben für ein Programm, das als „Faschismus light“ zureichend charakterisiert ist. Es handelt sich um einen geläuterten oder Vermeidungs-Faschismus, dessen Ideologen von „Euthanasie“ und „Holocaust“ nichts wissen wollen, dessen Adepten allerlei Ersatzbegriffe und -Zeichen (Odalsrune, Lambda und „Wolfsgruß“) verwenden und in dessen Schrifttum nicht mehr von „Rassen“, sondern vornehm von „ethnokulturellen Identitäten“ die Rede ist. Andersartigen Ethnokulturen wird nicht mehr Unterjochung und Ausrottung angedroht, sondern friedliche Koexistenz verheißen, sofern sie nur bleiben, wo sie sind, nämlich in den Hunger- und Armutszonen unseres Planeten. Würde diese Vision eines ethnokulturellen Pluralismus gewaltsam verwirklicht, entstünde eine Welt der Lager und Apartheid-Staaten, unterteilt durch chinesische Mauern und gespickt mit Slum-Ghettos.
Den alten Faschismus und seine aktuellen Derivate eint die Entschlossenheit, mit den traditionellen „Eliten“, Parteien und Gewerkschaften „aufzuräumen“, eint die Frontstellung gegen die aufklärerisch gesinnten Intellektuellen, die liberale Presse und die „Ideen von 1789“, die nun „Ideen von 1968“ heißen. Gestern wie heute geht es um die Verteidigung des bestehenden Wirtschaftssystems durch Einschränkung oder Beseitigung der Repräsentativdemokratie und der Gewaltenteilung und um die exklusive Privilegierung der Angehörigen der je „eigenen“ ethnokulturellen Gemeinschaft. Dies Kollektiv ist eine Fata Morgana, ein gefährlicher Wunschtraum, der nicht nur das Ringen sozialer Klassen um ihren Anteil am Mehrprodukt propagandistisch ignoriert – bevor er es gewaltsam zu unterdrücken sucht –, sondern auch die bald latente, bald offene Feindschaft der vergesellschafteten Individuen gegenüber einer „Kultur“, die ihnen mehr abverlangt, als sie ihnen gibt. Das Ignorieren zieht das Reprimieren nach sich. Und nicht nur die Geschichte des Faschismus lehrt, dass Millionen Menschen bereit sind, für die Verwirklichung von Illusionen (wie der Herrschaft der deutschen Herrenrasse über Europa) zu sterben und Millionen anderer Menschen umzubringen, die der Etablierung und Expansion einer arischen „Ethnokultur“ im Wege sind.
Die Neofaschisten, die sich als solche deklarieren, und ihre Brüder im Ungeist, die als geläuterte Autoritäre auftreten, sind Identitätsfetischisten. Als solche haben sie allen Grund, sich gegen die Tradition der Aufklärung zu stellen. Inmitten der ständisch gegliederten, mittelalterlichen Feudalgesellschaft bildeten sich seit Beginn des zweiten Jahrtausends unserer Zeitrechnung in Europa (und nur in Europa) Gewerbe- und Handelsstädte mit einem wehrhaften Bürgertum als Keimzellen einer neuartigen Sozietät heraus. Direkte, bodenvermittelte Herrschaftsverhältnisse wurden im Laufe einiger Jahrhunderte von indirekten, marktvermittelten abgelöst. Individuen, vereinzelte Einzelne, wurden durch die Auflösung feudaler Gefolgschaften freigesetzt und konnten auch ohne Stammes- und Sippenrückhalt als freie Lohnarbeiter in Heeren und Manufakturen überleben. An die Stelle von ererbten, zugeschriebenen Identitäten (Positionen, Berufe) traten allmählich individuell erworbene. Die Menschenrechte, die großen Gruppen noch immer vorenthalten werden, und die Autonomie-Ideale, von denen sich heutzutage die meisten überfordert fühlen, wurden im ausgehenden 18. und im frühen 19. Jahrhundert in den fortgeschrittenen europäischen Staaten (und ihren amerikanischen Kolonien) formuliert. Als in dem Jahrhundert zwischen 1820 und 1920 die große Mehrheit der Bevölkerung der kapitalistischen Gesellschaften ihre Selbständigkeit einbüßte und sich in ein Heer von abhängig Beschäftigten verwandelte, begann die Ära der massenfeindlichen Massenbewegungen, die Sigmund Freud 1920 als erster analysiert hat.7 In ihnen rotten sich die Lohnabhängigen zusammen, die keine Chance mehr sehen, sich und ihre Familien aus eigener Kraft zu erhalten und vielleicht auch ein Stück vom guten Leben zu ergattern, und bilden unter Preisgabe von Autonomie und Eigensinn neuartige Gefolgschaften, die bereit sind, um der Realisierung einer gemeinsamen Phantasie von „kollektiver Größe“ willen ihren Führern nicht nur nach Stalingrad oder El-Alamein zu folgen, sondern auch in deren Menschenschlachthäusern Dienst zu tun. Solche künstlichen Massen, die sich im Rahmen und auf der Grundlage von modernen, marktförmigen, also geldvermittelten Sozialverhältnissen formieren, lassen sich gegen jederlei innergesellschaftliche Opposition und gegen jedweden äußeren Feind (seien es die angelsächsischen „Plutokratien“ oder die „jüdisch-bolschewistische“ Sowjetunion) einsetzen.
Die Ablösung direkter, also konkreter, personaler Herr-Knecht-Beziehungen durch Formen indirekter Herrschaft (die mit Hilfe von Geld oder Kapital ausgeübt wird) forderte den Generationen, die diesem Prozess unterlagen, enorme Abstraktionsleistungen ab. Herrschaft wurde in der modernen Gesellschaft entpersonalisiert, also versachlicht. Wurde die Über- windung der traditionalen Gesellschaft in einer langen Reihe von Handwerker-, Plebejer und Bauernaufständen sowie politischen Revolutionen erkämpft, so hat die Durchsetzung der modernen Gesellschaft, die sich als eine Kette von Katastrophen präsentiert – und deren Realisierung weder national, noch international abgeschlossen ist –, nicht nur Bewegungen provoziert, die über die Lohnsklaverei hinauskommen wollen, sondern auch eine lange Reihe von Gegenbewegungen, die, wie die faschistischen, hinter sie zurückgehen wollen. Kapitalistische Modernisierung besagt, dass gemeinschaftliche (traditionale) Lebensformen durch gesellschaftliche aufgelöst und abgelöst werden. Und Menschen, „die von Abstrakta beherrscht werden“ (Marx) – nämlich von „der Wirtschaft“, „den Märkten“, „der Politik“ – entwickeln einen unstillbaren, regressiven Hunger nach der Ersetzung solcher Abstrakta durch Konkreta. Dieser Hunger wird von den autoritären und faschistischen Strömungen gestillt. An die Stelle abstrakter, darum unverständlicher Wahl-, Gesetzgebungs- und Rechtsprechungsverfahren tritt dann ein Sonder-„Recht“, das nur „dem „eigenen Volke „dient“; anstelle von Imperialismus und Kapitalismus treten Wallstreet und Kreml – oder kurz: „der Jude“. Anstelle des „Bösen“, das nach christlicher Lehre allen Menschen innewohnt, erscheint der „Volksfeind“, und der ungeliebte „eigene“ Gott und seine Religion werden in Gestalt des „fremden“ Gottes und der ihm zukommenden Riten bekämpft.
Die Technik der Demagogen besteht wesentlich in „Personalisierung“ (oder Komplexitätsreduktion): Abstrakte Begriffe werden durch pseudokonkrete ersetzt, die feindliche und unverständliche Welt wird versimpelt, verbiedert und auf diese Weise (scheinbar) angreifbar gemacht. Der Gefolgschaftsmensch glaubt zu wissen, wie das Weltgeschehen funktioniert und wer dafür verantwortlich ist. Und er will sich für alle erfahrene Unbill endlich einmal an denen rächen, die er für die „wahren Schuldigen“ hält.
Der Glaube an Identität und die Rede von „Identitäten“ sind längst als (wie immer nützliche) Illusionen durchschaut worden. Im frühen 18. Jahrhundert hat der Skeptiker David Hume die personale Identität desubstantialisiert [entdinglicht], sie als eine gewohnheitsmäßige Selbsttäuschung erkannt.8 150 Jahre später hat der Aufklärer Freud die Ich-Instanz, die Descartes (1641) noch für den Fels in der Brandung des universalen Zweifels gehalten hatte, mit einem Clown – dem „Dummen August“ im Zirkus – verglichen, der stets nur vorgibt, das, was ihm in der Manege an Missgeschicken zustößt, habe er selbst veranstaltet.9 Noch einmal 70 Jahre später haben amerikanische und deutsche Sozialwissenschaftler (Erving Goffman, Lothar Krappmann und andere) die Ich-Identität als einen prekären Balance-Akt zwischen personaler (biographischer) und sozialer Identität beschrieben. Der vermeintliche Substanz-Begriff „Identität“ ist auf diese Weise allmählich entzaubert und zu einem Funktionsbegriff geworden. Ähnlich steht es mit den Begriffen kollektiver Identität. Längst ist die biologistische Rede von den „Volkscharakteren“ als fauler Zauber entlarvt. Und in den 1980er Jahren dämmerte es Soziologen und Historikern im Zeichen der Drittwelt- und Balkankriege, dass auch die Nationen nur Funktionsbegriffe sind, es sich dabei also um „erfundene“ (Benedict Anderson), imaginäre Gemeinschaften handelt. Als Feinde der Aufklärung sperren sich die „Identitären“ von heute gegen solche Reflexionen. Sie glauben an die Substanz ihrer nationalen oder auch europäischen „Ethnokultur“, so wie andere Glaubensgemeinschaften an die „unbefleckte Empfängnis“, die heilige Wandlung oder an die Auferstehung des Fleisches glauben. Je fragwürdiger eine Doktrin ist, desto fanatischer wird sie von ihren Nutznießern verteidigt.
Der Vergleich unserer Situation mit der der späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts ist lehrreich. Die aktuellen Ideologien der heutigen autoritären Parteien und Gruppierungen sind alter, sauer gewordener faschistischer Wein in neuen Schläuchen. Siebzig Jahre nach dem Holocaust sind die Juden als bevorzugtes Hassobjekt durch muslimische Immigranten ergänzt worden, und auch diese werden beschuldigt, demnächst die Herrschaft in Europa übernehmen zu wollen. Der ethnokulturelle Volkskörper bedarf, wie im Frankfurt, Berlin und Wien der dreißiger Jahre, einer „Reinigung“, damit er erwache, sich aufrichte und zu seiner wahren „Größe“ zurückfinde. So wenig Russland 1917 die „Weltrevolution“ brauchte – wie jüngst einer von Putins Ideologen schrieb –, so wenig braucht nach Meinung der Neonazis die deutsche Nation heute die Nichteuropäer. Sie muss sie sich vom Leibe halten.
Im Unterschied zur Gegenwart gab es bis 1933 in Deutschland und bis 1934 in Österreich noch Millionen Menschen umfassende revolutionäre und reformistische Arbeiterorganisationen, die sowohl für die bürgerlichen Kräfte als auch für die Nazis ein Risiko darstellten. Eine solche innergesellschaftliche Opposition gibt es gegenwärtig nicht. Das ist eine Langzeit-Folge zum einen des Massenterrors der totalitären Regime, zum andern des „Kalten Krieges“ in den Jahrzehnten nach 1945.
Anstelle von Massenorganisationen, die sich nicht nur gegen den Strom richten, sondern ihn umzulenken suchen, gibt es heute nur eine wache Minderheit kritischer Intellektueller und politischer Kleingruppen, die (mehr oder weniger) in der Lage ist, zu verstehen, was vorgeht. Diese Minderheit hat eine Überlebenschance nur dann, wenn sie es versteht, den politischen Dialog mit der desorientierten, zerstreuten Masse aufzunehmen und sie gegen die Sirenengesänge der Trumps und Putins, der Erdogans, Orbáns und ihrer Gefolgsleute zu immunisieren.
(Wien, 30. 11. 2025)
Fußnoten
1 „Das Ziel des praktischen Denkens ist die Identität […].“ Freud, Sigmund [1895], Entwurf einer Psychologie, Gesammelte Werke, Nachtragsband, Frankfurt (1987), S. 468.
2 „[…] das Identitätsdenken sagt, worunter etwas fällt, wovon es Exemplar ist oder Repräsentant, was es also nicht selbst ist.“ Theodor W. Adorno (1966), Negative Dialektik, Frankfurt (Suhrkamp), S. 150.
3 Vgl. dazu Decker, Oliver, et al. (2010), Die Mitte in der Krise, Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland, Berlin. – Kuschel, Sebastian (2013), „Nicht links, nicht rechts – identitär“?, Eine Analyse der ‚Identitären Bewegung‘ in Deutschland, München. – Bruns, Julian, et al. (2016), Die Identitären, Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa, Münster.
4 Und sie wissen, dass auch dieser Wahn, falls er die Massen ergreift, zu einer destruktiven materiellen Gewalt werden kann …
5 „Hat ein Volk […] sehr viel Festes, so ist dies ein Beweis, dass es versteinern will, und ganz und gar Monument werden möchte […]. Der also, welcher den Deutschen wohl will, mag für seinen Theil zusehen, wie er immer mehr aus dem, was deutsch ist, hinauswachse.“ Nietzsche, Friedrich (1886), Menschliches, Allzumenschliches, Ein Buch für freie Geister, II. Band, Aph. 323, Sämtliche Werke (Krit. Studienausgabe), München 1980, Bd. 2, S. 512.
6 Das Kenn- oder Kainszeichen der totalitären Regime Hitlers und Stalins war der Wahn, man müsse zehn oder mehr Prozent der Bevölkerung, die einer Verwirklichung der utopischen Groß-Projekte (des „Aufbaus des Sozialismus in einem Lande“ bzw. der Beherrschung Europas vom Atlantik bis zum Ural durch die deutsche „Volksgemeinschaft“) im Wege stünden (weil sie Gegner oder für das Vorhaben untauglich seien), deportieren, in Lager sperren oder umbringen. Die „Alternative für Deutschland“ gesellt sich mit ihrem Projekt, Millionen von Menschen, die nicht deutscher Herkunft sind (Zuwanderer, Flüchtlinge und Eingebürgerte) aus Deutschland zu deportieren, zu jenen totalitären Bewegungen. Ihr Vorgänger, die Hitlerpartei, sah in den jüdischen Minderheiten Europas die „Ursache“ allen „Unglücks“ der Deutschen; die AfD glaubt, die Ursache aller gegenwärtigen deutschen Übel seien die Migrantinnen und Migranten aus den Kriegs-, Hunger- und Elendsgebieten unserer Welt. Die Nazis erhofften sich ihr „Heil“ vom Massenmord an den europäischen Juden, und je aussichtsloser der Krieg für sie wurde, desto verzweifelter wurde ihr alltäglicher Sehnsuchtsschrei nach dem „Heil“… Heutzutage schreien sich bald in dieser, bald in jener Stadt Hunderte neofaschistischer Demonstranten unter Polizeischutz die Kehlen heiser mit ihrem Brunftschrei „Re-mi-gra-tion!“, „Re-mi-gra-tion!“ – und nur die Polizisten, die sie begleiten, können oder wollen nicht verstehen, was sie da rufen, sonst müssten sie ja dem Geröhre ein Ende machen, denn „Remigration“ heißt Deportation (oder „Ausländer raus!“) und die Aufforderung zum „Abschieben“ von Millionen ist Volksverhetzung …
7 Freud, Sigmund (1921), Massenpsychologie und Ich-Analyse, Gesammelte Werke (GW), Band XIII, Frankfurt (Fischer) 1963, S. 71-161.
8 Hume, D. (1739), A Treatise of Human Nature, Buch I, Section VI, „Of personal identity“, New York (HarperCollins) 1970, S. 300-312.
9 Freud, Sigmund (1914), „Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung“, GW, Band X, a. a. O., S. 97.
