Mil­lio­nen Coro­na-Tote – Resul­tat einer Klas­sen­po­li­tik von oben“

#Zero­Co­vid – Soli­da­ri­tät in Zei­ten der Pandemie?

 

Am 18. März führ­te Zero­Co­vid Rhein-Neckar einen span­nen­den vir­tu­el­len Info­abend mit Win­fried Wolf durch. Wolf ist poli­ti­scher Akti­vist, Wis­sen­schaft­ler, Ko-Autor von Coro­na, Kapi­tal, Kri­se, Mit­in­itia­tor des Zero­Co­vid-Auf­rufs und Her­aus­ge­ber der Zero­Co­vid-Zei­tung. Wir konn­ten mit ihm nach der Ver­an­stal­tung sprechen.*

War­um #Zero­Co­vid?
Ja, es ist eigent­lich inter­es­sant und irri­tie­rend, dass die radi­ka­le Lin­ke sich heu­te in der Pflicht sieht, eine Initia­ti­ve und – nach Mög­lich­keit eine Kam­pa­gne – zu einem gesund­heit­lich-medi­zi­ni­schen The­ma zu star­ten. Wäre eine lin­ke Kam­pa­gne zu Mala­ria oder zur Tuber­ku­lo­se vor­stell­bar? Gab es eine sol­che zu HIV / Aids? Eher nicht. Oder auch: War­um hat die Kom­in­tern nach dem Ers­ten Welt­krieg kei­ne Kam­pa­gne zum The­ma Spa­ni­sche Grip­pe gestar­tet? Da gab es gut zehn Mal mehr Epi­de­mie-Tote als heu­te im Fall COVID-19. Doch es war weder gesell­schaft­lich noch für die Lin­ke ein The­ma. In dem lin­ken Klas­si­ker von Jür­gen Kuc­zyn­ski Die Lage der Arbei­ter­klas­se von 1917/18 bis 1932/33 tau­chen auf den 300 Sei­ten unter ande­rem auf die Real­löh­ne, die Kurz­ar­bei­ter­gel­der, natür­lich die Arbeits­lo­sen, die Zahl der Gewerk­schafts­mit­glie­der, die Kran­ken­ta­ge pro Mit­glied, die Unfäl­le am Arbeits­platz, die Fehl­ge­bur­ten, die Tot­ge­bur­ten … aber nicht die gewal­ti­ge Pan­de­mie Spa­ni­sche Grip­pe.1 Das scheint damals für lin­ke Poli­tik kein The­ma gewe­sen zu sein. Wobei ich jetzt nicht weiß, ob es kom­mu­nis­ti­sche Epi­de­mio­lo­gen gab, die das even­tu­ell in der jun­gen Sowjet­re­pu­blik auf­grif­fen, aber in der west­li­chen Welt weit­ge­hend uner­hört blieben.

War­um das so war, kann ich nicht über­zeu­gend beant­wor­ten – wohl weil der Tod damals, am Ende des Ers­ten Kriegs, mil­lio­nen­fach Nor­ma­li­tät war. Ande­rer­seits star­ben wesent­lich mehr Men­schen an der Spa­ni­schen Grip­pe als im gesam­ten Ers­ten Welt­krieg. Die­se Fra­ge zu unter­su­chen, wäre eine span­nen­de, wis­sen­schaft­li­che Aufgabe.

Was die aktu­el­le Situa­ti­on betrifft, ist mei­ne Ant­wort drei­fach: Lin­ke sind nicht zuletzt auch Huma­nis­tin­nen und Huma­nis­ten. Das mensch­li­che Leben und die Gesund­heit im umfas­sen­den Sinn sind ein sehr hoher Wert. Im Ganz-Gro­ßen dann: Das Über­le­ben der mensch­li­chen Spe­zi­es ist heu­te eine wich­ti­ge Ziel­set­zung, wo der Kapi­ta­lis­mus logi­scher­wei­se ver­sagt und wes­we­gen die Kli­ma­fra­ge auch eine Klas­sen­fra­ge ist. Zwei­tens – im Fall COVID-19 erle­ben wir ein grund­sätz­li­ches Ver­sa­gen der bür­ger­li­chen Poli­tik und zwar NICHT aus sach­li­chen-objek­ti­ven Grün­den, son­dern als Resul­tat von Klas­sen­po­li­tik. Dar­auf kom­me ich zurück. Drit­tens: Die­se Pan­de­mie kann erfolg­reich bekämpft wer­den und die Mit­tel, die dabei ent­schei­dend sind, haben auch viel mit lin­ker Poli­tik – also erneut mit Klas­sen­po­li­tik – zu tun. Da geht es um Soli­da­ri­tät, Gemein­sinn, kol­lek­ti­ve Akti­on und um die Ein­be­zie­hung des Hei­li­gen Gral im Kapi­ta­lis­mus: der Mehr­wert­pro­duk­ti­on, der kapi­ta­lis­ti­schen Aus­beu­tung in Betrie­ben und Büros in die Pandemiebekämpfung.

Was ist der Unter­schied zu NoCovid?
Der ten­diert gegen Null­kom­ma­fünf. Bei­de Initia­ti­ven sagen: Solan­ge es kei­ne Her­denim­mu­ni­tät in Fol­ge von Infek­tio­nen und Imp­fen gibt, muss man das Virus nahe Null brin­gen. Wir – Zero­Co­vid – sagen dabei laut und deut­lich: Dabei muss man logi­scher­wei­se die Wirt­schaft – das Arbei­ten in Betrie­ben, Büros, auf dem Bau, in Logis­tik­zen­tren usw. in einen Shut­down mit ein­be­zie­hen. Die NoCo­vid-Leu­te sagen das eher lei­se oder gar nicht. Sie den­ken aber eigent­lich wie wir.

Gegen #Zero­Co­vid wird viel und aus unter­schied­li­chen poli­ti­schen Ecken pole­mi­siert. Was sind die Haupt­kri­ti­ken? Und was ant­wor­test Du darauf?
Gegen die­se Initia­ti­ve – also gegen Zero­Co­vid, weit­ge­hend aber auch gegen NoCo­vid – wer­den im Wesent­li­chen drei Argu­men­te vor­ge­bracht: Ers­tens heißt es, „Zero“ sei unrea­lis­tisch. Dar­auf ant­wor­ten wir: Das ist eine poli­ti­sche Zahl. Wie wir sie anders­wo auch ver­wen­den. Wir for­dern auch eine „Null-CO2-Wirt­schaft“. Die offi­zi­el­le Poli­tik in Schwe­den in Sachen Stra­ßen­ver­kehr lau­tet: „Null Stra­ßen­ver­kehrs­to­te“. Rea­lis­tisch? Eher nicht. Aber poli­tisch rich­tig. Zwei­tens wird argu­men­tiert: Das „Zero­Co­vid“ euro­pa­weit zu errei­chen, sei unrea­lis­tisch. Ant­wort: Der genann­te Raum ist weit rea­lis­ti­scher ein­zu­gren­zen und bie­tet den Men­schen in die­sem Raum auch bei einer Umset­zung die­ser Zero­Co­vid-Zie­le weit mehr Frei­hei­ten und weit eher ein rela­tiv nor­ma­les Leben als dies z. B. in Neu­see­land oder auch im Raum Aus­tra­li­en der Fall ist. Wobei natür­lich das Ver­sa­gen auf EU-Ebe­ne noch kras­ser als das­je­ni­ge auf natio­nal­staat­li­cher Ebe­ne ist. Inso­fern bin ich mir aktu­ell unsi­cher, ob man nicht mit Blick auf die drit­te Wel­le, wor­auf wir sicher noch zu spre­chen kom­men, Maß­nah­men für einen enge­ren Raum vor­schla­gen muss. Drit­tens wird gegen uns argu­men­tiert, die Raum­be­gren­zung auf Euro­pa sei „euro­zen­tris­tisch“. Ant­wort: Natür­lich wäre die For­de­rung, die Pan­de­mie-Bekämp­fung durch einen WELT-Shut­down anzu­ge­hen, abs­trakt gese­hen nicht falsch – aber doch noch­mals deut­lich weni­ger „rea­lis­tisch“ als der Ansatz „Euro­pa“. Zumal es in ande­ren Regio­nen ja längst die Poli­tik „Zero­Co­vid“ gibt. Für 1,8 Mil­li­ar­den Men­schen gilt (als erklär­tes Poli­tik-Ziel und weit­ge­hend als gesell­schaft­li­che Wirk­lich­keit) „Zero­Co­vid“. Auch wenn wir grund­sätz­lich der EU gegen­über kri­tisch ein­ge­stellt sind, so for­dern wir natür­lich dort, wo es prak­ti­scher­wei­se Sinn macht, EU-wei­te Stan­dards zum Bei­spiel in Sachen Gen-Tech­nik (also ein Gen-Tech­nik-Ver­bot). Ich fän­de die For­de­rung nach einer EU-wei­ten 30-Stun­den-Woche und einem EU-wei­ten Min­dest­lohn sinn­voll. Und natür­lich ist die For­de­rung nach einer west­eu­ro­pa­wei­ten (also EU plus Nor­we­gen, Schweiz und Groß­bri­tan­ni­en) Auf­nah­me von Geflüch­te­ten rich­tig. Umge­kehrt ist die aktu­el­le Situa­ti­on, dass jedes Land eine eige­ne (flücht­lings­feind­li­che) Poli­tik betreibt und man euro­pa­weit – Stich­wort: Fron­tex – die flüch­ten­den Men­schen abwehrt und Tau­sen­de von ihnen im Mit­tel­meer ertrin­ken lässt, ein Ver­bre­chen gegen die Menschheit.²

Vie­le Men­schen sind wegen des offen­kun­di­gen Schei­terns der Coro­na-Poli­tik der Herr­schen­den müde, zutiefst frus­triert und umfas­send geschä­digt. Kann da eine Argu­men­ta­ti­on für einen „soli­da­ri­schen Lock­down“ brei­tes Gehör finden?
Hät­te jemand vor zwei­ein­halb Jah­ren zu Gre­ta Thun­berg gesagt: „Die Leu­te haben die Schnau­ze voll von die­sem Kli­ma-Gere­de. Die gro­ße Poli­tik macht doch eh das, was oben gewünscht wird. Kann denn Dei­ne Argu­men­ta­ti­on, man müs­se jetzt welt­weit aktiv wer­den, brei­tes Gehör fin­den?“, hät­te Frau Thun­berg wohl geant­wor­tet mit: „Du hast ja recht. Wenn ich hier an jedem Frei­tag vor dem Riks­dags­hu­set auf Hel­ge­and­s­hol­men sit­ze, dann erscheint das hilf­los. Auch in mei­ner Schul­klas­se wer­de ich eher als skur­ril oder eben als ‚hoff­nungs­los idea­lis­tisch‘ ange­se­hen. Doch ich fin­de, jemand muss damit begin­nen. Wir müs­sen aufstehen.“

Immer wie­der ist die Arbeits­welt Schau­platz von mas­si­ven Coro­na-Aus­brü­chen. Ein wirk­sa­mer Infek­ti­ons­schutz ist durch das Arbeits­schutz­ge­setz und die SARS-CoV-2-Arbeits­schutz­ver­ord­nung ver­pflich­tend vor­ge­schrie­ben. Bei­des wird aber flä­chen­de­ckend igno­riert. War­um nimmt sich #Zero­Co­vid die­ses Skan­dals nicht mehr an?
Weil wir hier zu wenig Kom­pe­tenz haben. Der Arti­kel von Wolf­gang Alles in der ers­ten Aus­ga­be von Zero­Co­vid war da ein guter Anfang. Das müss­te man in der zwei­ten Aus­ga­be ver­tie­fen; vor allem um prak­ti­sche Bei­spie­le und Initia­ti­ven ergän­zen. Es ist ja auch so, dass die Lin­ke, inso­weit sie in Betrie­ben ver­an­kert ist, auf dem Gebiet so gut wie gar nicht aktiv ist. Auch die Gewerk­schaf­ten ver­sa­gen da fast kom­plett. Wobei die Stim­mung in den Betrie­ben, an der Basis der arbei­ten­den Klas­se, jetzt auch nicht gera­de so ist, dass das ein gro­ßes The­ma wäre. Es ist ja nicht allein die Mit­tel­klas­se, die in den 700 Jets, die über Ostern, im Zeit­raum 20. März bis 7. April nach Mal­lor­ca flie­gen, sitzt. Das Bewusst­sein, man müs­se „halt mit dem Virus leben“, ist in der gesam­ten Gesell­schaft ver­brei­tet. Doch die­se Hal­tung ist zutiefst dar­wi­nis­tisch, egozentrisch.

#Zero­Co­vid hat einen erfreu­li­chen Medi­en­wi­der­hall. Über 108.667 Men­schen haben bis­her den Auf­ruf unter­schrie­ben (Stand 27.03.2021). Die ers­te Num­mer der ZC-Zei­tung ist bun­des­weit ver­brei­tet wor­den. Also alles im grü­nen Bereich?
Nein. Im „grü­nen Bereich“ sind wir abso­lut nicht. Zunächst ein­mal: Die Unter­schrif­ten­zahl ist ein Erfolg, klar. Die ers­te Aus­ga­be der Zei­tung lag der taz bei und wur­de dar­über hin­aus bis­lang mit deut­lich mehr als 40.000 Exem­pla­ren auf Rech­nung bestellt und ver­trie­ben. Das ist ganz pas­sa­bel. Doch es gibt eine Rei­he erns­ter Pro­ble­me. Zunächst gibt es kei­ne Kon­ti­nui­tät lin­ker Poli­tik in die­ser Ange­le­gen­heit. Ich habe ja im April 2020 bereits eine Zei­tung zu COVID-19 gegrün­det. Der Titel war FaktenCheck:CORONA. Das knüpf­te an eine gewis­se Tra­di­ti­on eines ver­gleich­ba­ren lin­ken, radi­ka­len Enga­ge­ments an.³ Da erschie­nen zwei Aus­ga­ben, eine ers­te, wie erwähnt, im April, und die zwei­te im Juli 2020. Die ers­te Aus­ga­be wur­de immer­hin mit 35.000 Exem­pla­ren ver­trie­ben. Die zwei­te erreich­te nur noch knapp 15.000 Exem­pla­re. Da kam hin­zu, dass im Juli ver­gan­ge­nen Jah­res alle dach­ten: Die Pan­de­mie ist so gut wie vor­bei. Vere­na Krei­lin­ger, Chris­ti­an Zel­ler und ich ver­öf­fent­lich­ten dann zwar im Sep­tem­ber noch unser Buch Coro­na, Kapi­tal, Kri­se. Doch es gab damals kei­ne brei­te­re lin­ke Initia­ti­ve mehr zu dem The­ma. Als wir am Jah­res­en­de 2020 neu die Initia­ti­ve ergrif­fen – und hier war vor allem Chris­ti­an Zel­ler aktiv – stie­ßen wir zwar mit dem Pro­jekt „Zero­Co­vid“ in eine Lücke. Doch es gab auch die­se fata­le Lücke in der lin­ken Poli­tik. FaktenCheck:CORONA war gestrandet.

Mehr noch: Die meis­ten lin­ken Grup­pen grif­fen das The­ma erst gar nicht auf. Oder sie grif­fen nur sei­ne sozia­le, aber nicht die epi­de­mio­lo­gi­sche (und klas­sen­po­li­tisch durch­aus rele­van­te) Sei­te auf. Die Par­tei DIE LINKE hat bei dem The­ma weit­ge­hend ver­sagt: Sie hat kei­ne erkenn­ba­re Linie. Eini­ge Pro­mi­nen­te in der Par­tei, wie Sah­ra Wagen­knecht, rela­ti­vie­ren die epi­de­mio­lo­gi­sche Bedeu­tung der Pan­de­mie, sie igno­rie­ren die zuneh­mend rechts­ex­tre­me Ein­fär­bung der Coro­na-Leug­ner-Demos und sie ori­en­tie­ren ver­ein­fa­chend auf eine Kri­tik an den „Coro­na-Pro­fi­teu­ren“ wie „Big Phar­ma“ und Tech-Konzerne.⁴ Die Fol­ge ist, dass die LINKE trotz des his­to­ri­schen Tiefs der SPD bei 7 Pro­zent ver­harrt, bei den Land­tags­wah­len in Baden-Würt­tem­berg und Rhein­land-Pfalz bei 3,5 und 2,5 % lan­de­te und sich hüten muss, im Sep­tem­ber 2021 nicht in die Nähe der 5-Pro­zent-Mar­ke zu rut­schen. Schließ­lich sind wir auch des­halb nicht im „grü­nen Bereich“, weil es, im Gegen­satz zu uns, auf Sei­ten der radi­ka­len Lin­ken, eine gut orga­ni­sier­te Struk­tur der Coro­na-Leug­ner gibt, an deren Spit­ze sich teil­wei­se Ex-Lin­ke befin­den und die nach ganz rechts – zur faschis­ti­schen Rech­ten – offen ist. Ange­sichts des dra­ma­ti­schen Vaku­ums, das sich gera­de als Resul­tat der Mas­ken-Skan­da­le und des Ein­bruchs der CDU-CSU-Stim­men auf­tut, ist das hoch­ge­fähr­lich. Nach der Bun­des­tags­wahl kön­nen wir eine extrem labi­le poli­ti­sche Lage bekom­men, in der Angrif­fe durch flä­chen­de­cken­den Sozi­al­ab­bau plus Abbau demo­kra­ti­scher Rech­te im Zusam­men­hang mit ehe­ma­li­gen Pan­de­mie-Geset­zen plus dem Bun­des­wehr­ein­satz im Inne­ren, den es jetzt tag­täg­lich gibt, plus neue Poli­zei­ge­set­ze, für die die LINKE z. B. in Ber­lin mit­ver­ant­wort­lich ist, plus mög­li­cher­wei­se ein Plat­zen der aktu­el­len spe­ku­la­ti­ven Booms an den Bör­sen im Zen­trum stehen.

Die drit­te Wel­le der Pan­de­mie hat längst begon­nen. Den­noch ist kein Ende des Sys­tem­ver­sa­gens in Sicht. Was soll­ten wir dage­gen tun?
Die­se drit­te Wel­le wur­de von uns – aber auch von unab­hän­gi­gen Fach­leu­ten aus den Berei­chen Viro­lo­gie und Epi­de­mio­lo­gie – vor­her­ge­sagt. Die Regie­run­gen in Ber­lin und in den Län­dern sind ver­ant­wort­lich für das Aus­maß die­ser drit­ten Wel­le. Sie haben Öff­nun­gen vor­ge­nom­men mit­ten in die­se drit­te Wel­le hin­ein – das ist krass ver­ant­wor­tungs­los. Sie sind damit ver­ant­wort­lich für den unnö­ti­gen Tod von meh­re­ren Zehn­tau­send Menschen.⁵ Das muss so in aller Deut­lich­keit gesagt wer­den. In die­ser Situa­ti­on gilt erneut unse­re zen­tra­le The­se: Die­se Pan­de­mie kann und muss in ers­ter Linie – natür­lich ergänzt um die anlau­fen­de Impf­kam­pa­gne – mit den klas­si­schen Mit­teln aus dem vor­letz­ten Jahr­hun­dert bekämpft wer­den: mit einem Shut­down, der die gesam­te Gesell­schaft erfasst, und mit dem Ziel, die Infek­tio­nen nahe null zu bekom­men, gleich­zei­tig die Zahl der Beschäf­tig­ten in den Gesund­heits­äm­tern durch kom­pe­ten­tes Per­so­nal auf­zu­sto­cken, um so die Infek­ti­ons­ket­ten prä­zi­se ver­fol­gen und mit Maß­nah­men von Qua­ran­tä­ne, Iso­la­ti­on und Pfle­ge von Erkrank­ten das Leben von Tau­sen­den Men­schen ret­ten zu können.

Es ist doch krass, dass es in einem rei­chen Land wie Deutsch­land 25mal mehr Coro­na-Tote gibt als in dem armen Land Kuba.⁶ Dass wir Impf­stoff-Knapp­heit haben, und dass in Kuba inzwi­schen drei Impf­stof­fe gegen Coro­na ent­wi­ckelt wur­den und einer bereits expor­tiert wird. Zusätz­lich haben die Kuba­ner ein Medi­ka­ment ent­wi­ckelt, mit dem die Fol­gen der Erkran­kung an Coro­na deut­lich redu­ziert wer­den können.

Wel­che kon­kre­ten Akti­vi­tä­ten plant #Zero­Co­vid für die kom­men­den Wochen und wie kön­nen sie unter­stützt werden?
Wir wer­den Mit­te April eine zwei­te Aus­ga­be von Zero­Co­vid machen. Die­se muss auf den Ers­ten Mai ori­en­tie­ren. Der im Übri­gen auf dem bru­ta­len Höhe­punkt die­ser drit­ten Wel­le statt­fin­det wird. Es gibt Ansät­ze für loka­le Grup­pen, die auf unse­rer Platt­form arbei­ten. Es wur­de damit begon­nen, Akti­ons­ta­ge zu orga­ni­sie­ren – so ein sol­cher am 10. April. Wir wer­den unse­re Auf­klä­rungs­ar­beit über den Cha­rak­ter der Pan­de­mie, die eben kein „Natur­er­eig­nis“, son­dern die wesent­lich kapi­tal-bedingt ist (Stich­wort: Zoo­no­se), wei­ter kon­kre­ti­sie­ren müs­sen. Und auch unse­re Grund­aus­sa­ge, wonach der Coro­na-Tod von inzwi­schen mehr als 2,68 Mil­lio­nen Men­schen welt­weit zum aller­größ­ten Teil hät­te ver­hin­dert wer­den kön­nen, wonach der größ­te Teil die­ser Men­schen starb, weil die Regie­ren­den unfä­hig sind und weil sie unter dem Dik­tat einer Wirt­schafts­wei­se ste­hen, für die gilt: „Pro­fit geht über Leichen“.

Wir ler­nen im Augen­blick für eine nicht ganz so hel­le Zukunft. Die Kli­ma­kri­se könn­te dann, wenn die ers­ten Kip­punk­te erreicht wer­den, zu einem auto­ri­tä­ren Lock­down von oben und zu einer gesell­schaft­li­chen Panik füh­ren. Im Übri­gen gilt auch: Nach der Pan­de­mie ist vor der Pandemie.

*[Die Fra­gen stell­te W. A.]


Anmer­kun­gen:
1 Sie­he Jür­gen Kuc­zyn­ski, Die Lage der Arbei­ter­klas­se 1917-1933, Dar­stel­lung der Lage der Arbei­ter in Deutsch­land von 1917 / 18 bis 1932 / 33, Ber­lin (Aka­de­mie-Ver­lag), 1966. Zu den Unfäl­len, Gebur­ten usw. sie­he Sei­ten 187 ff.
² Ich bestehe auf die­sem Begriff. Die For­mu­lie­rung „Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit“ ist absurd, eine Ver­ball­hor­nung des eng­li­schen Begriffs „cri­mes against huma­ni­ty“. „Huma­ni­ty“ mit „Mensch­lich­keit“ zu über­set­zen, dient dazu, die­se völ­ker­recht­li­che Defi­ni­ti­on zu rela­ti­vie­ren und die ange­spro­che­nen Ver­bre­chen zu verharmlosen.
³ Ich grün­de­te im April 2015 die Zei­tung FaktenCheck:HELLAS - FCH. Die­se Zei­tung erschien auf dem Höhe­punkt der Grie­chen­land-Kri­se in fünf Aus­ga­ben, addiert mit mehr als 230.000 Exem­pla­ren, wobei die letz­ten drei Aus­ga­ben in vier Spra­chen über­setzt als Inter­net-Zei­tung und immer auch – gedruckt! – in Grie­chen­land als Teil der grie­chi­schen lin­ken Tages­zei­tung EFSYN (Zei­tung der Redak­teu­re) erschie­nen. Nach der Kapi­tu­la­ti­on von Syri­za grün­de­ten wir, die FCH-Mache­rin­nen und -Macher, die Zei­tung FaktenCheck:EUROPA - FCE, die in den Jah­ren 2016 bis 2018 in vier Aus­ga­ben erschien, und die das The­ma Euro-EU-Kri­se im Zen­trum hat­te. Damals woll­te ich damit errei­chen, dass es loka­le Ergän­zun­gen geben und FCE „nur“ den Man­tel dafür lie­fern wür­de. Das gelang nur in Wup­per­tal, wo die Grup­pe BaSo die ergän­zen­de Zei­tung Faktencheck:Wuppertal grün­de­te, die dann, in Ver­bin­dung mit FCE, zwei Mal erschien. Die FCE-Aus­ga­be zum Ers­ten Mai 2018 war dann die letz­te; lei­der hat­ten wir dann nicht den aus­rei­chend lan­gen Atem bis zum Jahr 2020. Sonst hät­te sich viel­leicht hier eine Brü­cke zur Coro­na-Kri­se gebildet.
⁴ „Nicht weni­ge Zuschau­er dürf­ten sich bei Anne Wills Coro­na-Sen­dung ver­wun­dert die Augen bezie­hungs­wei­se die Ohren gerie­ben haben. Saß dort doch die wohl noch immer pro­mi­nen­tes­te Links­po­li­ti­ke­rin Sah­ra Wagen­knecht, wenn­gleich ohne Amt, aber gewillt, wie­der in den Bun­des­tag gewählt zu wer­den. Aber so wie sie mit­un­ter sprach, konn­te man sich nicht mehr ganz sicher sein, für wel­che Par­tei sie wie­der ein­zie­hen möch­te. Ange­sichts nun­mehr eines gan­zen Jah­res vol­ler Lock­downs warn­te Wagen­knecht […] vor einem Nie­der­gang der Wirt­schaft.“ Arti­kel in: Cice­ro vom 8. Febru­ar 2021. Sie­he: www.cicero.de/innenpolitik/anne-will-corona-sahra-wagenknecht-linke-fdp/plus
⁵ Am 27.03.2021 wur­den 75.829 Coro­na-Tote in Deutsch­land gezählt. Am 31.12.2020 waren es „erst“ 33.791. Ende Mai könn­te die Zahl bei 90.000 lie­gen. Ende 2021 – trotz dann erreich­ter Her­denim­mu­ni­tät und auch nur dann, wenn sich kei­ne Mutan­ten ent­wi­ckeln, gegen die die vor­han­de­nen Vak­zi­ne nicht wir­ken – bis zu 100.000. Das heißt: 2021 gibt es mehr als dop­pelt so vie­le Coro­na-Tote wie 2020, obwohl seit Jah­res­an­fang ers­te Impf­stof­fe zur Ver­fü­gung ste­hen und obgleich ab April eine mas­sen­haf­te Impf­kam­pa­gne statt­fin­den dürfte.
⁶ Bis zum 28.02.2021 wur­den auf Kuba 322 Coro­na-Tote regis­triert, bezo­gen auf 100.000 Men­schen kamen 3,5 Coro­na-Tote. Am sel­ben Tag wur­den in der BRD 70.687 Coro­na-Tote regis­triert, was 84,6 Coro­na-Toten auf 100.000 Men­schen ent­spricht. Sie­he aus­führ­lich in: Lunapark21, Heft 53, Sei­ten 8 f. und 64 f.

Theo­rie­bei­la­ge Avan­ti² Rhein-Neckar April 2021
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