Zu Trotz­kis Ana­ly­se des Faschismus*

 

Ernest Man­del

Der Sta­li­nis­mus als Sieg der poli­ti­schen Kon­ter­re­vo­lu­ti­on in Ruß­land war im Wesent­li­chen das Ergeb­nis einer Teil­nie­der­la­ge der Welt­re­vo­lu­ti­on in der Zeit von 1918 bis 1923. Die­se Nie­der­la­ge las­te­te als schwe­re Bür­de auf den gro­ßen Klas­sen­kämp­fen von 1923 bis 1940 und beein­fluss­te deren Aus­gang. In gro­ßen Tei­len der Welt war die Bilanz die­ser Kämp­fe ver­nich­tend. Der Faschis­mus oder Mili­tär­dik­ta­tu­ren glei­chen Typs wur­den fast in der gan­zen nörd­li­chen Hemi­sphä­re errich­tet, mit der ent­schei­den­den Aus­nah­me der USA, Kana­das, Groß­bri­tan­ni­ens und Mexi­kos. Die Ermor­dung Trotz­kis im August 1940 in Mexi­ko durch einen Agen­ten der GPU war sym­bo­li­scher Aus­druck einer reak­tio­nä­ren Ent­wick­lung glo­ba­len Aus­ma­ßes, die in der Bar­ba­rei des Zwei­ten Welt­kriegs ihren Höhe­punkt fand.

E. Mandel bei einer Tagung zu Antikrisentheorien, 29. März 1982. (Foto: Gemeinfrei)

E. Man­del bei einer Tagung zu Anti­kri­sen­theo­rien, 29. März 1982. (Foto: Gemeinfrei)

Der Faschis­mus als Sieg der poli­ti­schen Kon­ter­re­vo­lu­ti­on in den impe­ria­lis­ti­schen Län­dern war für das zeit­ge­nös­si­sche gesell­schafts­po­li­ti­sche Den­ken − ein­schließ­lich des mar­xis­ti­schen − eben­so schwie­rig in eine Kon­zep­ti­on ein­zu­ord­nen wie der Sta­li­nis­mus. Und wie­der ein­mal hat Trotz­ki sei­ne Zeit­ge­nos­sen bei der Erklä­rung die­ses Phä­no­mens um Haup­tes­län­ge über­ragt. Kein ande­rer Den­ker hat die Natur des Faschis­mus so klar erfasst und die Gefahr, die er für die Arbei­ter­klas­se und für die mensch­li­che Zivi­li­sa­ti­on dar­stell­te, so klar erkannt. Nie­mand außer ihm hat die Arbei­ter­klas­se bei­zei­ten so klar gewarnt und dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es not­wen­dig sei, sich gegen die­se Gefahr zu stem­men, wobei er zugleich die für die­sen Wider­stand gebo­te­ne Tak­tik vor­schlug. Man kann ohne Über­trei­bung sagen, dass es viel­leicht mit Aus­nah­me von Marx’ Die Klas­sen­kämp­fe in Frank­reich 1848 bis 1850 [1850] und Der acht­zehn­te Bru­mai­re des Lou­is Bona­par­te [1852] kei­ne mar­xis­ti­sche Ana­ly­se zeit­ge­nös­si­scher poli­ti­scher Fra­gen gibt, die hin­sicht­lich Tie­fe und Klar­heit mit Trotz­kis Schrif­ten über das Deutsch­land von 1929 bis 1933 ver­gli­chen wer­den könnte.

Bei sei­nem Her­an­ge­hen an das Phä­no­men des Faschis­mus kam Trotz­ki ein­mal mehr sein tie­fes Ver­ständ­nis des Geset­zes der unglei­chen und kom­bi­nier­ten Ent­wick­lung zu Hil­fe, die auf die Klas­sen­ge­sell­schaft ange­wand­te Syn­the­se der mate­ria­lis­ti­schen Dia­lek­tik. Wie eini­ge ande­re mar­xis­ti­sche Autoren (z. B. Ernst Bloch und Kurt Tuchol­sky) hat Trotz­ki die par­ti­el­le Ungleich­läu­fig­keit der sozio­öko­no­mi­schen und ideo­lo­gi­schen For­men ver­stan­den, d. h. die Tat­sa­che, dass sehr star­ke Ideen, Gefüh­le und irra­tio­na­le Vor­stel­lun­gen vor­ka­pi­ta­lis­ti­scher Epo­chen in gro­ßen Tei­len der bür­ger­li­chen Gesell­schaft fort­be­stehen (vor allem in der von der Ver­ar­mung bedroh­ten Mit­tel­klas­se, aber auch zum Teil in den Rei­hen des Bür­ger­tums, der deklas­sier­ten Intel­lek­tu­el­len und sogar inner­halb gewis­ser Schich­ten der Arbei­ter­klas­se). Bes­ser als irgend­ein an- derer hat er fol­gen­de gesell­schaft­li­che und poli­ti­sche Schluss­fol­ge­run­gen gezo­gen: Unter den Bedin­gun­gen des wach­sen­den Drucks der zuneh­mend unüber­wind­li­chen sozio­öko­no­mi­schen Klas­sen­ge­gen­sät­ze könn­ten sich bedeu­ten­de Tei­le der Mit­tel­klas­se und ande­re oben erwähn­te sozia­le Schich­ten − mensch­li­cher Treib­sand, wie Trotz­ki sie tref­fend bezeich­ne­te − zu einer mäch­ti­gen Mas­sen­be­we­gung ver­schmel­zen, die, hyp­no­ti­siert von einem cha­ris­ma­ti­schen Füh­rer und von Tei­len der Bour­geoi­sie und deren Staats­ap­pa­rat bewaff­net, als Ramm­bock die­nen könn­te, um die Arbei­ter­be­we­gung durch Ein­schüch­te­rung und blu­ti­gen Ter­ror zu zerbrechen.

Das wür­de den Weg frei machen für eine kurz­fris­ti­ge kapi­ta­lis­ti­sche „Lösung“ der gro­ßen Kri­se der bür­ger­li­chen Gesell­schaft, eine auf der Über­aus­beu­tung der Arbei­ter­klas­se beru- hen­de Lösung, die sich mit dem Auf­stieg der Arbei­ter­be­we­gung als unmög­lich erwie­sen hat­te. Aber auf lan­ge Sicht kön­ne in einem ein­zel­nen Land ein Zustand sta­bi­ler kapi­ta­lis­ti­scher Ver­hält­nis­se mit sol­chen Mit­teln nicht wie­der­her­ge­stellt wer­den. Sobald die Arbei­ter­klas­se nie­der­ge­schla­gen und eine durch Gewalt zusam­men­ge­hal­te­ne bür­ger­li­che Gesell­schaft eta­bliert ist, wer­de der Faschis­mus sei­ne ter­ro­ris­ti­sche Dyna­mik nach außen wen­den und ver­su­chen, neue Kolo­nien zu erobern, gan­ze Völ­ker in die Skla­ve­rei zu füh­ren, sei­ne impe­ria­lis­ti­schen Kon­kur­ren­ten zu unter­wer­fen, die Sowjet­uni­on zu zer­schla­gen und die Welt­herr­schaft zu erringen.

Die­se tief­schür­fen­de Ana­ly­se des Faschis­mus ver­eint und kom­bi­niert ver­schie­de­ne ana­ly­ti­sche Ele­men­te. Jedes die­ser Ele­men­te bewahrt sich eine rela­ti­ve Auto­no­mie, die den beson­de­ren Aspek­ten der poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Wirk­lich­keit der impe­ria­lis­ti­schen Län­der in der Zeit tief­ge­hen­der sozio­öko­no­mi­scher Kri­sen ent­spricht. Dabei wird ihre Kom­bi­na­ti­on − im Unter­schied zu einem ein­fa­chen Anein­an­der­rei­hen − zu einem Instru­ment, des­sen Anwen­dung es ermög­licht, die Tota­li­tät des Phä­no­mens − Auf­stieg des Faschis­mus − zu verstehen.

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Die faschis­ti­sche Ideo­lo­gie und faschis­ti­sche (oder faschis­to­ide) poli­ti­sche Grup­pie­run­gen haben sich unab­hän­gig von unmit­tel­ba­ren Bedürf­nis­sen der kapi­ta­lis­ti­schen Klas­se von dem Zeit­punkt an ent­wi­ckelt, wo die von der Macht der kapi­ta­lis­ti­schen Mono­po­le und der Macht der Gewerk­schaf­ten erdrück­ten Mit­tel­klas­sen der Ver­bit­te­rung und der Hoff­nungs­lo­sig­keit anheim­ge­fal­len waren. (Die rela­ti­ve Unab­hän­gig­keit ihrer Ideo­lo­gie ist eine ande­re Sache. Der Ras­sis­mus ist in der für die ko- loni­al­im­pe­ria­lis­ti­sche Epo­che typi­schen bür­ger­li­chen Ideo­lo­gie tief ver­wur­zelt, wenn­gleich er mit Res­ten vor­bür­ger­li­cher Vor­stel­lun­gen ver­mischt ist.) Wäh­rend einer gewis­sen Anfangs­pha­se gibt es meh­re­re sol­cher Grup­pie­run­gen, so dass es zwi- schen den riva­li­sie­ren­den „Führer“-Kandidaten zu hef­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen kommt. Nur eine bestimm­te Kom­bi­na­ti­on von Umstän­den kann das Mono­pol­ka­pi­tal dazu ver­an­las­sen, den Faschis­mus tat­säch­lich groß­zü­gig zu unter­stüt­zen. Die­se Umstän­de sind bei einer Ver­tie­fung der wirt­schaft­li­chen Kri­se gege­ben, wenn das Groß­ka­pi­tal ein zwin­gen­des Bedürf­nis hat, wesent­li­che Ele­men­te der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie preis­zu­ge­ben, wenn das objek­ti­ve Bedürf­nis grö­ße­rer Kon­zen­tra­ti­on der poli­ti­schen Macht besteht, um eine gewis­se Anzahl von drän­gen­den wirt­schaft­li­chen Zie­len zu errei­chen, und wenn für min­des­tes einen der Dik­ta­tor-Kan­di­da­ten ein gewis­ses Maß an öffent­li­cher Unter­stüt­zung vor­han­den ist.

Vom Stand­punkt der all­ge­mei­nen, lang­fris­ti­gen Inter­es­sen der kapi­ta­lis­ti­schen Klas­se und der rela­ti­ven Sta­bi­li­tät der bür­ger­li­chen Gesell­schaft ist das bür­ger­lich-par­la­men­ta­ri­sche Regime jeder Form von Dik­ta­tur vor­zu­zie­hen, von der faschis­ti­schen gar nicht zu reden. Die Vor­herr­schaft der bür­ger­li­chen Klas­se beruht auf einer spe­zi­fi­schen Ver­qui­ckung von Repres­si­ons- und Inte­gra­ti­ons­me­cha­nis­men. Je gerin­ger das Gewicht der letz­te­ren ist, des­to grö­ßer ist auf lan­ge Sicht die gesell­schaft­li­che Insta­bi­li­tät. Der Faschis­mus und ande­re extre­me For­men der bür­ger­li­chen Dik­ta­tur stel­len einen dau­ern­den Bela­ge­rungs­zu­stand oder sogar eine Situa­ti­on per­ma­nen­ten Bür­ger­kriegs dar (eine beson­de­re Form des Bür­ger­kriegs aller­dings, in dem das eine Lager dau­ernd ent­waff­net und der Macht des ande­ren Lagers aus­ge­lie­fert ist). Die­se Regie­rungs­for­men sind für das Bür­ger­tum viel gefähr­li­cher, denn sie ten­die­ren dahin, die sozia­len Span­nun­gen zu erhö­hen und in einer Zeit ver­schärf­ter Kri­sen zu einem explo­si­ven Punkt zu trei­ben, ohne dass es irgend­wel­che Mecha­nis­men der Klas­sen­ver­söh­nung gibt.

In der Tat fan­den bis jetzt alle sieg­rei­chen sozia­lis­ti­schen Revo­lu­tio­nen in Län­dern statt, wo ein dik­ta­to­ri­sches Regime die­ser oder jener Art wäh­rend län­ge­rer Zeit exis­tiert hat­te (der Zaris­mus; im besetz­ten Jugo­sla­wi­en nach einer mon­ar­chis­ti­schen Dik­ta­tur eine faschis­ti­sche; die Dik­ta­tur Chiang Kai-sheks; die Dik­ta­tur von Batis­ta; von Bao-Dai, von Diem und Thieu in Süd­viet­nam usw.).

Der objek­ti­ve Wider­spruch vom Stand­punkt der bür­ger­li­chen Klas­sen­in­ter­es­sen besteht jedoch in der Tat­sa­che, dass, wäh­rend der lang­fris­ti­ge sozia­le und poli­ti­sche Preis der repres­si­ven Dik­ta­tu­ren hoch und gefähr­lich ist**, der öko­no­mi­sche Preis für die bür­ger­li­che Demo­kra­tie auf kür­ze­re oder mitt­le­re Frist unter gewis­sen Umstän­den zu hoch wer­den kann. In den indus­tri­ell ent­wi­ckel­ten Län­dern schließt die bür­ger­li­che Demo­kra­tie eine ent­wi­ckel­te Arbei­ter­be­we­gung (in ers­ter Linie gewerk­schaft­lich orga­ni­sier­ter Mas­sen) ein. Das hat zur Fol­ge, dass die Ware Arbeits­kraft nicht indi­vi­du­ell, son­dern kol­lek­tiv ver­kauft wird. Unter sol­chen Bedin­gun­gen ist der Preis die­ser Ware viel höher als dort, wo die Arbei­ter­klas­se ato­mi­siert ist. Zu die­sem höhe­ren Preis kom­men noch wei­te­re Kos­ten für das Kapi­tal, wie soge­nann­te Sozi­al­aus­ga­ben, die den Mehr­wert­an­teil am Net­to­pro­dukt ver­min­dern. Wenn die Gesamt­heit des pro­du­zier­ten Mehr­wer­tes sta­gniert oder gar zu fal­len beginnt als Fol­ge einer ungüns­ti­gen Ver­än­de­rung der inner­im­pe­ria­lis­ti­schen Kon­kur­renz­ver­hält­nis­se nach einem ver­lo­re­nen Krieg, wegen einer erns­ten Wirt­schafts­kri­se oder infol­ge einer Kom­bi­na­ti­on all die­ser Fak­to­ren, dann kann die mate­ri­el­le Mög­lich­keit, die­sen Preis zu zah­len, schwin­den. Das Bür­ger­tum hat dann kei­ne ande­re Wahl, als zu ver­su­chen, sich der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie zu entledigen.

Wir fügen hin­zu, dass die Klas­se der Kapi­ta­lis­ten oft, wenn nicht immer, in die­ser Fra­ge geteil­ter Mei­nung ist. Man kann die The­se auf­stel­len, dass jene Sek­to­ren, die direkt für den Mas­sen­kon­sum pro­du­zie­ren, zurück­hal­ten­der sind, wenn es dar­um geht, eine offe­ne Wen­dung zur Finan­zie­rung und Unter­stüt­zung einer faschis­ti­schen Macht­er­grei­fung zu voll­zie­hen, wäh­rend die Groß- und Schwer­indus­trie, die Pro­duk­ti­ons- und Rüs­tungs­gü­ter her­stellt, aus nahe­lie­gen­den Grün­den eher geneigt ist, eine sol­che Unter­stüt­zung ins Auge zu fas­sen.1

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Ernest Mandel wahrscheinlich bei einer Veranstaltung Ende der 1960er Jahre. (Foto: www.ernestmandel.org.)

Ernest Man­del wahr­schein­lich bei einer Ver­an­stal­tung Ende der 1960er Jah­re. (Foto: www.ernestmandel.org.)

Wir sag­ten, das Bür­ger­tum könn­te ver­su­chen, sich der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie zu ent­le­di­gen. Aber die Errich­tung eines faschis­ti­schen Regimes hängt nicht nur davon ab, was inner­halb des Klein­bür­ger­tums und inner­halb der kapi­ta­lis­ti­schen Klas­se vor sich geht bzw. von der Art und Wei­se, wie die­se Din­ge zwi­schen ihnen gere­gelt wer­den. Sie hängt weit­ge­hend auch davon ab, was im Lager der Arbei­ter­klas­se geschieht, d. h. von der Reak­ti­on der orga­ni­sier­ten Arbeiterbewegung.

Im Gegen­satz zu dem „mensch­li­chen Treib­sand“, den gewis­se Füh­rer-Kan­di­da­ten in nicht zu unter­schät­zen­den Men­gen auf ihre Sei­te brin­gen kön­nen, ver­fügt die moder­ne Arbei­ter­klas­se aller indus­tri­ell ent­wi­ckel­ten Län­der über ein enor­mes Poten­ti­al gesell­schaft­li­cher, wirt­schaft­li­cher und poli­ti­scher Macht. Alle schöp­fe­ri­schen und pro­duk­ti­ven Funk­tio­nen der Gesell­schaft sind bei ihr direkt oder bei immer enger mit ihr ver­bun­de­nen sozia­len Schich­ten kon­zen­triert. In den meis­ten die­ser Län­der waren die kul­tu­rel­len und poli­ti­schen Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen der Arbei­ter­klas­se sehr aktiv, teils bis Ende der zwan­zi­ger oder anfangs der drei­ßi­ger Jah­re [des letz­ten Jahr­hun­derts, d. Red.]. Sie ver­ein­ten Hun­dert­tau­sen­de, wenn nicht Mil­lio­nen von Men­schen, die fähig waren, mit Enthu­si­as­mus und Hin­ga­be für die gemein­sa­men Inter­es­sen der Klas­se zu kämp­fen. Und in all die­sen Län­dern gab es eine gro­ße und mäch­ti­ge Gewerk­schafts­be­we­gung, die imstan­de war, die kapi­ta­lis­ti­sche Wirt­schaft zu blo­ckie­ren, und die poten­ti­el­le Kraft besaß, den kapi­ta­lis­ti­schen Staat selbst zu paralysieren.

Um einen solch star­ken Geg­ner anzu­grei­fen, müs­sen die bewuss­ten füh­ren­den Schich­ten der Bour­geoi­sie nicht nur in einer aus oben ange­führ­ten Grün­den aus­weg­lo­sen Lage sein, son­dern sie müs­sen auch die Über­zeu­gung haben, dass sie zumin­dest eine Chan­ce haben, am Ende nicht Kopf und Kra­gen zu ver­lie­ren – als Resul­tat der gewal­ti­gen Kraft­pro­be, ohne die die Zer­stö­rung der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie unmög­lich erscheint. Jeder Irr­tum bei die­sen Über­le­gun­gen, jede Fehl­ein­schät­zung des Kräf­te­ver­hält­nis­ses, wür­de für die kapi­ta­lis­ti­sche Klas­se ver­hee­ren­de Fol­gen haben. Sie könn­ten vom indi­vi­du­el­len wie vom gesell­schaft­li­chen Stand­punkt einem Selbst­mord gleich­kom­men. Bar­ce­lo­na, Madrid, Valen­cia und Mála­ga lie­fer­ten im Juli 1936 dies­be­züg­lich ein Lehr­bei­spiel.2

In einer Zeit zuneh­men­der faschis­ti­scher Gefahr, aber noch vor der Macht­er­grei­fung, wid­men die bedeu­tends­ten Köp­fe des Groß­bür­ger­tums allen Vor­gän­gen inner­halb der Arbei­ter­klas­se und in der orga­ni­sier­ten Arbei­ter­be­we­gung, die mit der faschis­ti­schen Gefahr in Zusam­men­hang ste­hen, die größ­te Auf­merk­sam­keit. Tat­säch­lich kommt ihre Ana­ly­se der im Gang befind­li­chen Ver­än­de­rung des Kräf­te­ver­hält­nis­ses jener der revo­lu­tio­nä­ren Mar­xis­ten aus gleich­lau­fen­den, wenn auch ent­ge­gen­ge­setz­ten Grün­den recht nahe.

Jedes Anzei­chen von gemein­sa­mem und star­kem Wider­stand, das im Lager der Arbei­ter­klas­se sicht­bar wird, jeder Hin­weis auf eine ent­schie­de­ne Ori­en­tie­rung auf mas­sen­haf­te be- waff­ne­te Selbst­ver­tei­di­gung, jedes Zei­chen wach­sen­der Kampf­be­reit­schaft und ent­schlos­se­nen Wil­lens, sich der faschis­ti­schen Bes­tie um jeden Preis zu erweh­ren, ver­mehrt das Zögern und die Zwei­fel des Groß­ka­pi­tals, ob es der Weis­heit letz­ter Schluss sei, eine Poli­tik der ent­schei­den­den Kraft­pro­be zu verfolgen.

Umge­kehrt wer­den jede Ent­wick­lung zur Spal­tung, zur Pas­si­vi­tät oder Resi­gna­ti­on der Arbei­ter­be­we­gung, jeder bedeu­ten­de tak­ti­sche Erfolg der Faschis­ten, der nicht auf ent­schie- denen Wider­stand gesto­ßen ist oder kei­nen Gegen­an­griff aus­löst, jedes Anzei­chen dafür, dass die Füh­rer der Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen trotz ihrer Phra­seo­lo­gie am Ende vor dem Faschis- mus kapi­tu­lie­ren und die Mas­sen nicht imstan­de sein wer­den, eine spon­ta­ne Gegen­of­fen­si­ve gegen den faschis­ti­schen Angriff zu füh­ren, wer­den all die­se Sym­pto­me das Groß­ka­pi­tal zu der Über­zeu­gung gelan­gen las­sen, dass der Preis für den Wech­sel des Regimes gerin­ger ist, als es befürch­tet hat­te. Sol­che Anzei­chen der Schwä­che beschleu­ni­gen den Pro­zess der Macht­über­ga­be an den Faschis­mus, weil sie zei­gen, dass der Bür­ger- krieg eine ein­sei­ti­ge Sache und die Nie­der­la­ge der Arbei­ter­klas­se schwer und dau­er­haft sein wird.3

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Von daher ergibt sich die abso­lu­te Not­wen­dig­keit, sich der Ent­fal­tung des Faschis­mus von Anbe­ginn an gemein­sam, ent­schlos­sen und ener­gisch ent­ge­gen­zu­stel­len − durch den Kampf zur Ver­tei­di­gung der frei­en Orga­ni­sa­tio­nen der Arbei­ter­klas­se (die­ser „Keim­zel­len der pro­le­ta­ri­schen Demo­kra­tie inner­halb der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie“, wie Trotz­ki sie zu Recht nann­te), des Streik­rechts und aller ande­ren grund­le­gen­den demo­kra­ti­schen Frei­hei­ten, ohne die die Arbei­ter­klas­se für eine ganz his­to­ri­sche Zeit­span­ne ent­schei­dend geschwächt sein (und bedeut­sa­me wirt­schaft­li­che Nach­tei­le erlei­den) würde.

Eine ein­heit­li­che, ent­schlos­se­ne und ener­gi­sche Ant­wort löst eine Ket­ten­re­ak­ti­on aus, die das gesam­te poli­ti­sche Kli­ma des Lan­des ver­än­dert. Es lässt beim Klein­bür­ger­tum Zwei­fel über die rea­len Sie­ges­aus­sich­ten der Faschis­ten auf­kom­men, schwächt somit deren Mas­sen­ba­sis und ver­bes­sert die Chan­ce, nicht uner­heb­li­che Tei­le der Mit­tel­klas­sen zu neu­tra­li­sie­ren, wenn nicht gar für die Sache der Arbei­ter­be­we­gung und des Sozia­lis­mus zu gewin­nen. Um das zu errei­chen, muss man aller­dings ein kor­rek­tes, auf die­se gesell­schaft­li­chen Sek­to­ren aus­ge­rich­te­tes Pro­gramm ent­wi­ckeln. Das Klein­bür­ger­tum muss das Gefühl haben, dass es der Arbei­ter­klas­se ernst ist mit ihrem Ent­schluss, gegen die faschis­ti­sche Lösung des Pro­blems der poli­ti­schen Macht eine Alter­na­ti­ve zu bieten.

Die Kapi­ta­lis­ten wer­den durch trau­ri­ge Erfah­run­gen erken­nen, dass das in die faschis­ti­schen Ban­den inves­tier­te Kapi­tal eine zumin­dest unge­wis­se Ren­di­te hat, dass es even­tu­ell ganz ver­lo­ren ist und wei­te­re schwe­re Ver­lus­te auf die­sem Gebiet nach­fol­gen wer­den. Folg­lich wer­den sie eine „zurück­hal­ten­de Tak­tik“ anwen­den, und ihr Wil­le, die Faschis­ten zu unter­stüt­zen, tritt in den Hin­ter­grund und ist nicht län­ger Haupt­ele­ment ihrer poli­ti­schen Orientierung.

Was die Arbei­ter­klas­se betrifft, so wird jeder tak­ti­sche Erfolg im Kampf gegen die Faschis­ten die Ein­heit in ihren Rei­hen fes­ti­gen, ihre Kampf­be­reit­schaft und ihre Ent­schlos­sen­heit stär­ken. Ihr Ver­trau­en in ihr eige­nes Schick­sal und in eine sozia­lis­ti­sche Alter­na­tiv­lö­sung der gesell­schaft­li­chen Kri­se, die das Land erschüt­tert, wird wei­ter wach­sen. Auf die­se Wei­se wird der Boden berei­tet für eine mäch­ti­ge sozia­le und poli­ti­sche Gegen­of­fen­si­ve, die die sozia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on sehr rasch auf die Tages­ord­nung set­zen kann.

All die­se Chan­cen und Mög­lich­kei­ten hän­gen von der Ein­heit und Unab­hän­gig­keit der Arbei­ter­klas­se ab. Wenn die Klas­se poli­tisch gespal­ten bleibt, wenn die Sozi­al­de­mo­kra­ten und Kom­mu­nis­ten (Sta­li­nis­ten) sich gegen­sei­tig bekämp­fen, anstatt ihre Rei­hen im Kampf gegen den Faschis­mus zu schlie­ßen, wenn die Kom­mu­nis­ten (Sta­li­nis­ten) glau­ben, dass sie erst die Sozi­al­de­mo­kra­ten schla­gen müs­sen, bevor sie sich mit Erfolg gegen die Faschis­ten wen­den, wenn die Sozi­al­de­mo­kra­ten mei­nen, dass es unmög­lich sei, die „faschis­ti­sche Gewalt“ zu neu­tra­li­sie­ren, solan­ge sich die „kom­mu­nis­ti­sche Gewalt“ ent­wi­ckelt, wenn also der ein­heit­li­che Ein­satz der Klas­se in die­sem his­to­ri­schen Kampf im Namen abs­trak­ter und sek­tie­re­ri­scher „Prin­zi­pi­en“ ver­säumt wird, wird die Chan­ce immer gerin­ger, einen ange­mes­se­nen, ent­schie­de­nen und sieg­rei­chen Wider­stand gegen den wach­sen­den faschis­ti­schen Ter­ror (der vom bür­ger­li­chen Staats­ap­pa­rat ermu­tigt und immer mehr vom Groß­ka­pi­tal unter­stützt wird) zu leis­ten. Man wird im Gegen­teil erle­ben, wie eine Ket­ten­re­ak­ti­on von Zau­dern, Des­ori­en­tie­rung und Demo­ra­li­sie­rung schließ­lich in die Nie­der­la­ge führt. So gesche­hen in Deutsch­land trotz der zahl­rei­chen War­nun­gen Trotz­kis, die auch über die „trotz­kis­ti­schen“ Krei­se hin­aus ein Echo in ande­ren oppo­si­tio­nel­len kom­mu­nis­ti­schen Strö­mun­gen fan­den, wie in der KPO unter Füh­rung von Brand­ler und Thal­hei­mer, sowie in der SAP, einer lin­ken Abspal­tung der Sozialdemokraten.

Die deut­sche Kata­stro­phe − die kampf­lo­se Kapi­tu­la­ti­on der größ­ten Arbei­ter­mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen der Welt − war ein schwe­rer Schlag gegen das Selbst­ver­trau­en und das Klas­sen­be­wußt­sein der deut­schen und inter­na­tio­na­len Arbei­ter­klas­se. Die nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen die­ser Nie­der­la­ge waren viel schlim­mer als die unmit­tel­ba­ren wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Fol­gen: Die Mensch­heit muss­te einen schreck­li­chen Preis bezah­len für den Irr­sinn eines Otto Wels und eines Sta­lin (Thäl­mann war in die­sem Fal­le nur ein unglück­se­li­ges Werk­zeug Sta­lins). Sie wei­ger­ten sich, eine von der Spit­ze bis zur Basis rei­chen­de mili­tan­te und bewaff­ne­te Ein­heits­front der deut- schen Arbei­ter­be­we­gung zu schaf­fen, obwohl dies sogar nach dem 30. Janu­ar 1933 noch abso­lut mög­lich und von gro­ßer Wir­kung gewe­sen wäre.4 Nie­mals zuvor wur­de die ent­schei­den­de Rol­le der Füh­rung − und ver­rä­te­ri­scher Füh­run­gen − im Klas­sen­kampf, des berühm­ten „sub­jek­ti­ven Fak­tors“ in der Geschich­te, für Mar­xis­ten kla­rer demons­triert als von 1919 bis 1933 in Deutschland.

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Demo gegen AfD in Mannheim, 7. Juni 2024. (Foto: Helmut Roos.)

Demo gegen AfD in Mann­heim, 7. Juni 2024. (Foto: Hel­mut Roos.)

Aber die poli­ti­sche Unab­hän­gig­keit der Klas­se ist eine eben­so wich­ti­ge Bedin­gung für einen sieg­rei­chen Wider­stand gegen den Faschis­mus wie die Arbei­ter­ein­heits­front. Wäh­rend im Fal­le Deutsch­lands die ver­hee­ren­den Fol­gen der Spal­tung im Vor­der­grund ste­hen, tre­ten im Fal­le Frank­reichs und Spa­ni­ens in den Jah­ren 1934 bis 1938 die Fol­gen der feh­len­den poli­ti­schen Unab­hän­gig­keit der Klas­se kras­ser zuta­ge. Trotz­ki hat auch die­se Erfah­run­gen einer ins Ein­zel­ne gehen­den Ana­ly­se unterzogen.

Die gegen die Nazis erlit­te­ne Nie­der­la­ge der deut­schen Arbei­ter­klas­se, die schänd­li­che kampf­lo­se Kapi­tu­la­ti­on der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen, sta­li­nis­ti­schen und gewerk­schaft­li­chen Füh­run­gen übte eine trau­ma­ti­sche Wir­kung auf die inter­na­tio­na­le Arbei­ter­be­we­gung aus. Trotz­ki hat­te das rich­tig vor­aus­ge­se­hen, und seit dem Früh­jahr 1933 ver­such­te er ver­zwei­felt, sei­ne klei­ne Grup­pe von Anhän­gern in die­se Ent­wick­lung einzuschalten.

Das ers­te Ergeb­nis die­ses Schocks war ein unwi­der­steh­li­cher Drang nach der Schaf­fung einer Ein­heits­front aller Arbei­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen gegen die faschis­ti­sche Gefahr oder jede ande­re Form einer reak­tio­nä­ren Dik­ta­tur. Die von der Rech­ten vor­ge­tra­ge­ne Offen­si­ve vom 6. Febru­ar 1934 in Frank­reich hat in der Tat zur Bil­dung einer Ein­heits­front der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen und der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei geführt, die für die Dau­er von min­des­tens drei Jah­ren das Kräf­te­ver­hält­nis und die Dyna­mik der fran­zö­si­schen Gesell­schaft total umge­kehrt hat. Die Kraft der Arbei­ter­klas­se hat­te sich sprung­haft erhöht. Schließ­lich führ­ten der Gene­ral­streik vom Juni 1936 und die Fabrik­be­set­zun­gen Frank­reich an die Schwel­le einer sozia­lis­ti­schen Revolution.

In Spa­ni­en hat­te die reak­tio­nä­re Offen­si­ve von 1934, die ein rech­tes, sich auf den Kle­rus und halb­fa­schis­ti­sche Kräf­te stüt­zen­des Regime in den Sat­tel hob, einen mäch­ti­gen ein­heit­li­chen Gegen­schlag der Arbei­ter­klas­se aus­ge­löst. Er fand zunächst sei­nen Aus­druck in der geschei­ter­ten Erhe­bung vom Okto­ber 1934 mit nach­fol­gen­dem unun­ter­bro­che­nem Anstei­gen der Mas­sen­kämp­fe in der ers­ten Jah­res­hälf­te 1936. Er erreich­te schließ­lich sei­nen Höhe­punkt mit dem Beginn der sozia­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on, die in fast allen gro­ßen Städ­ten und in wich­ti­gen Tei­len des Lan­des als Ant­wort auf den mili­tä­risch-faschis­ti­schen Staats­streich vom Juli 1936 ausbrach.

Aber sowohl in Frank­reich wie in Spa­ni­en wur­de das enor­me Poten­ti­al die­ses ein­heit­li­chen Vor­sto­ßes der Arbei­ter­klas­se in Kanä­le abge­lei­tet, die mit der Auf­recht­erhal­tung des Pri­vat­ei­gen­tums und des bür­ger­li­chen Staa­tes durch­aus zu ver­ein­ba­ren waren. Es han­del­te sich hier in der Tat um eine von den sozi­al­de­mo­kra­ti­schen, sta­li­nis­ti­schen und gewerk­schaft­li­chen Büro­kra­ten (und in Spa­ni­en von bedeu­ten­den Füh­rern der star­ken anar­chis­ti­schen Bewe­gung) bewusst ver­folg­te Poli­tik der Klassenzusammenarbeit.

Ab 1935 hat­te die Kom­mu­nis­ti­sche Inter­na­tio­na­le unter der Füh­rung Sta­lins die alte men­sche­wis­tisch-sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Stra­te­gie des klei­ne­ren Übels auf­ge­grif­fen, die Poli­tik des Blocks mit dem „libe­ra­len“ gegen das „reak­tio­nä­re“ Bür­ger­tum. Die­se soge­nann­te Volks­front­po­li­tik, die mit einer tief­ge­hen­den struk­tu­rel­len Kri­se der kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaft und der gesam­ten bür­ger­li­chen Demo­kra­tie ein­her­ging − einer Kri­se, die durch kei­ner­lei Refor­men gemil­dert wer­den konn­te −, hat­te nicht nur zur Fol­ge, dass eine wei­te­re his­to­ri­sche Chan­ce der Macht­er­obe­rung durch die Arbei­ter ver­lo­ren­ging. Dies­mal tru­gen die Sta­li­nis­ten die Schuld, wie 1918-23 die Sozi­al­de­mo­kra­ten (die glei­che Erfah­rung wie­der­hol­te sich ein drit­tes Mal 1944-48 in Frank­reich, in Ita­li­en und in Grie­chen­land, und die Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en sind dabei, eine wei­te­re Wie­der­ho­lung in Süd­west­eu­ro­pa vor­zu­be­rei­ten). Die Poli­tik der Volks­front bedeu­tet auch, dass der Zusam­men­bruch der Arbei­ter­be­we­gung unter den Schlä­gen der Reak­ti­on und des Faschis­mus nur auf­ge­scho­ben, aber nicht auf­ge­ho­ben war. 
In Spa­ni­en hat­ten die Faschis­ten den Bür­ger­krieg erfolg­reich fort­füh­ren kön­nen, nach­dem Sta­li­nis­ten und Refor­mis­ten die sozia­le Revo­lu­ti­on im repu­bli­ka­ni­schen Lager erstickt hat­ten. In Frank­reich hat­te die enor­me Kraft­ent­fal­tung der Arbei­ter­klas­se sich zer­setzt durch die Kapi­tu­la­ti­on der auf­ein­an­der­fol­gen­den Volks­front­re­gie­run­gen vor dem Groß­ka­pi­tal und durch die dadurch ver­ur­sach­te Ent­täu­schung und Ent­mu­ti­gung der Arbei­ter. Kaum zwei Jah­re nach dem gran­dio­sen Gene­ral­streik vom Juni 1936 kam es zu der Nie­der­la­ge des Gene­ral­streiks von 1938, zur Unter­drü­ckung der von den Arbei­tern errun­ge­nen Frei­hei­ten, zur Ille­ga­li­sie­rung der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei, zur Para­ly­sie­rung der Gewerk­schaf­ten und zur schänd­li­chen Selbst­li­qui­die­rung der IV. Repu­blik, als das seni­le bona­par­tis­ti­sche Regime des Mar­schalls Pétain ohne jede Reak­ti­on der Arbei­ter an die Macht kam.

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Es ist kein Zufall, dass die vor Hit­lers Macht­er­grei­fung geüb­te schar­fe Kri­tik Trotz­kis an der Spal­tungs­po­li­tik der Sozi­al­de­mo­kra­ten und Sta­li­nis­ten heu­te in brei­tes­ten Krei­sen Zustim­mung und Bewun­de­rung fin­det.5 Dage­gen sto­ßen sei­ne nicht weni­ger über­zeu­gen­den Dar­le­gun­gen der ver­hee­ren­den Fol­gen der Volks­front viel­fach auf Unver­ständ­nis und wer­den von den meis­ten His­to­ri­kern und Kri­ti­kern, sei­en sie Trotz­ki freund­lich oder feind­lich geson­nen, bestrit­ten.6 Der Faschis­mus stellt bekannt­lich eine phy­si­sche Gefahr nicht nur für das Über­le­ben von revo­lu­tio­nä­ren Orga­ni­sa­tio­nen dar, son­dern auch für die gemä­ßigts­ten sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen. Er wird nicht nur von der Vor­hut der Arbei­ter­klas­se, son­dern auch von einem gro­ßen Teil der klein­bür­ger­li­chen Intel­li­genz und von der gesam­ten Arbei­ter­bü­ro­kra­tie als bar­ba­ri­sche Bedro­hung ange­se­hen. Dies ist ja gera­de die mate­ri­el­le Grund­la­ge einer Ein­heits­front­po­li­tik von der Spit­ze bis zur Basis.

Die Volks­front dage­gen ist nichts ande­res als eine Vari­an­te der Poli­tik der Klas­sen­ver­söh­nung und Klas­sen­zu­sam­men­ar­beit, wie sie von den refor­mis­ti­schen Füh­rern und von der Arbei­ter­bü­ro­kra­tie seit Beginn die­ses [des 20., d. Red.] Jahr­hun­derts betrie­ben wird. Sie hat auch all­ge­mein die Zustim­mung der meis­ten lin­ken Intel­lek­tu­el­len gefun­den. Für sie wür­de die Aner­ken­nung der von Trotz­ki geüb­ten Kri­tik nicht nur bedeu­ten, dass sie ihrer eige­nen Ver­gan­gen­heit und Tra­di­ti­on abschwö­ren müss­ten, son­dern in vie­len Fäl­len auch, dass sie sich direkt gegen ihre eige­nen mate­ri­el­len Inter­es­sen wen­den wür­den. Wie dem auch sei, für die Mar­xis­ten und für die fort­ge­schrit­te­nen Arbei­ter ist es heu­te ent­schei­dend zu ver­ste­hen, dass ein logi­scher Zusam­men­hang zwi­schen Trotz­kis Kampf für die Ein­heits­front in Deutsch­land 1929-33 und sei­nem Kampf gegen die Volks­front in Frank­reich und Spa­ni­en 1935-38 besteht. Der Auf­stieg des Faschis­mus zu einer unmit­tel­ba­ren Gefahr für die orga­ni­sier­te Arbei­ter­be­we­gung fällt zeit­lich mit einer tief­ge­hen­den struk­tu­rel­len Kri­se der bür­ger­lich-par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie zusam­men, die mit einer schwe­ren struk­tu­rel­len Kri­se der kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaft und der bür­ger- lichen Gesell­schaft in ihrer Gesamt­heit ver­bun­den ist. Wer unter sol­chen Umstän­den den Wider­stand gegen die faschis­ti­sche Gefahr um jeden Preis mit der Ver­tei­di­gung der bür­ger­lich-par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie ver­bin­det, setzt alles auf das Über­le­ben von Insti­tu­tio­nen, die sich bereits im Todes­kampf befin­den. Wie­wohl es rich­tig ist, alle poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Errun­gen­schaf­ten der Arbei­ter­klas­se, ein­schließ- lich des all­ge­mei­nen Wahl­rechts, gegen die Reak­ti­on zu ver­tei­di­gen, ist es selbst­mör­de­risch, das Ziel die­ser Ver­tei­di­gung im engen Rah­men der in Zer­set­zung begrif­fe­nen Insti­tu­tio­nen des bür­ger­lich-demo­kra­ti­schen Staa­tes zu halten.

Wenn die in der sieg­rei­chen Ver­tei­di­gung der Arbei­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen und der demo­kra­ti­schen Frei­hei­ten zusam­men­ge­fass­te Kraft nicht als Kata­pult für eine revo­lu­tio­nä­re, sozia­lis­ti­sche Lösung der Kri­se der bür­ger­li­chen Demo­kra­tie und Gesell­schaft genutzt wird, dann wird die­se Kraft rasch schwin­den und sich zer­set­zen. Nach einem zeit­wei­li­gen Rück­zug wird die faschis­ti­sche oder halb­fa­schis­ti­sche Reak­ti­on eine neue Offen­si­ve gegen die wegen des Aus­blei­bens posi­ti­ver Ergeb­nis­se ihrer gewal­ti­gen kämp­fe­ri­schen Anstren­gun­gen ent­mu­tig­te Arbei­ter­klas­se begin­nen. Es gibt kei­ne Zukunft für die bür­ger­li­che Demo­kra­tie in Situa­tio­nen schwers­ter Kri­se des Kapi­ta­lis­mus, die die Kapi­tal­ver­wer­tung an den Rand der Para­ly­se bringt. Sie wird ent­we­der durch die pro­le­ta­ri­sche Demo­kra­tie ersetzt oder unter einer Dik­ta­tur von rechts zusam­men­bre­chen. Die Wei­ge­rung, die­se Leh­re zu beher­zi­gen, hat in Spa­ni­en (und spä­ter in Chi­le) zu Nie­der­la­gen geführt, die nicht min­der tra­gisch, blu­tig und dau­er­haft waren als jene, die in Ita­li­en und Deutsch­land durch die Spal­tung der Arbei­ter­klas­se ver­ur­sacht wurden.


Fuß­no­ten

* [Die­ser Text erschien bereits in Inpre­korr Nr. 230 von September/Oktober 1990. Die Über­schrift stammt von der Redak­ti­on. Es han­delt sich um das ach­te Kapi­tel („Der Faschis­mus“) aus Ernest Man­del, Leo Trotz­ki, Eine Ein­füh­rung in sein Den­ken, Ber­lin 1981, S. 102-115. (ursprüng­lich in eng­li­scher Spra­che erschie­nen: Ernest Man­del, Trots­ky, A Stu­dy in the Dyna­mic of His Thought, Lon­don 1979). Wir haben die­sen Text neu redi­giert, die dama­li­ge Wort­wahl bei­be­hal­ten, jedoch die Schreib­wei­se an die heu­ti­gen Regeln ange­passt und offen­sicht­li­che Feh­ler kor­ri­giert. (H. N.)]
** [Die Wor­te „wäh­rend der lang­fris­ti­ge sozia­le und poli­ti­sche Preis der repres­si­ven Dik­ta­tu­ren hoch und gefähr­lich ist“ wer­den hier nach der fran­zö­si­schen Über­set­zung (Trots­ky, Paris 1980, S. 111) ein­ge­fügt, sie feh­len in der deut­schen Ausgabe.]
1 Die­se The­se wird im Ein­zel­nen ver­tei­digt von Dani­el Gué­rin, Fascis­me et grand capi­tal, Paris 1969.
2 Die spa­ni­sche Bour­geoi­sie war einem gro­ßen Irr­tum erle­gen, als sie im Jah­re 1936 glaub­te, es hand­le sich bei dem mili­tä­risch-faschis­ti­schen Staats­streich um einen Spa­zier­gang. Die Fol­ge war, dass sie im größ­ten Teil des Lan­des im Lau­fe weni­ger Tage bei­na­he die Macht ver­lo­ren hätte.
3 Es ist inter­es­sant fest­zu­hal­ten, dass die Reichs­wehr eine abwar­ten­de Hal­tung ein­nahm, um zu sehen, wel­che Reak­ti­on die im Janu­ar 1933 orga­ni­sier­te Pro­vo­ka­ti­on der SA vor der Ber­li­ner Par­tei­zen­tra­le der KPD bei der KPD aus­lös­te, bevor sie schließ­lich grü­nes Licht für die Ernen­nung Hit­lers zum Reichs­kanz­ler gab.
Bei einem nach sei­nem erfolg­rei­chen Staats­streich gege­be­nen Inter­view sag­te Gene­ral Pino­chet, er habe nicht geglaubt, dass der Sturz der Regie­rung Allen­de kei­ner­lei Risi­ko in sich ber­ge. Die­se Mei­nung habe er sich erst zu eigen gemacht, nach­dem er die pas­si­ve Hal­tung der Arbei­ter­mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen anläss­lich des ers­ten fehl­ge­schla­ge­nen Put­sches, des soge­nann­ten Tank­a­zo, unter­sucht hatte. 
Zahl­rei­che Bele­ge für den gro­ßen Wider­stands­wil­len der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Arbei­ter und für ihren Wil­len zur Ein­heits­front mit der KPD fin­den sich u. a. in Erich Mat­thi­as, Rudolf Mor­sey (Hg.), Das Ende der Par­tei­en 1933, Düs­sel­dorf 1979, S. 151-165.
5 Nicos Pou­lant­zas (Faschis­mus und Dik­ta­tur, Mün­chen 1973) kri­ti­siert die Faschis­mus-Theo­rie von Trotz­ki in zwei Punk­ten. Ers­tens: Indem Trotz­ki den Faschis­mus als einen Staat des „Bür­ger­kriegs“ cha­rak­te­ri­sie­re, sei er dem glei­chen Irr­tum unter­le­gen wie die Kom­in­tern, die im Faschis­mus eine Ant­wort auf eine Offen­si­ve einer „auf­stän­di­schen“ Arbei­ter­klas­se sah. Es ist offen­sicht­lich, dass es sich hier um eine Ent­stel­lung der Posi­ti­on Trotz­kis han­delt. Er betrach­te­te den Faschis­mus als einen „ein­sei­ti­gen Bür­ger­krieg“, d. h. als eine Offen­si­ve des Bür­ger­tums, um die tat­säch­lich in der Defen­si­ve befind­li­che Arbei­ter­klas­se nie­der­zu­schla­gen. In sei­nem Eifer, den „Öko­no­mis­mus“ zu bekämp­fen, ver­steht Pou­lant­zas nicht den öko­no­mi­schen Zwang, der unter den gege­be­nen Bedin­gun­gen schwers­ter Gefähr­dung der Kapi­tal­ver­wer­tung zu einem sol­chen ein­sei­ti­gen Bür­ger­krieg führt. Zwei­tens wird Trotz­ki vor­ge­wor­fen, er habe die Art und Wei­se, wie sich das im Nie­der­gang begrif­fe­ne Bür­ger­tum auf den Faschis­mus stützt, wäh­rend ein gefes­tig­tes Bür­ger­tum eher die Sozi­al­de­mo­kra­tie unter­stützt, in „mecha­nis­ti­scher Wei­se“ ein­an­der gegen­über­ge­stellt. Aber in Wirk­lich­keit hat Trotz­ki sol­che für eine gan­ze geschicht­li­che Epo­che gel­ten­den Erklä­run­gen nie­mals abge­ge­ben. Er hat in zahl­rei­chen Wie­der­ho­lun­gen mit Nach­druck dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es sich um spe­zi­el­le, kon­junk­tu­rel­le Umstän­de han­delt, unter denen sich das Groß­ka­pi­tal dem Faschis­mus zuwendet.
6 Sie­he z. B. Isaac Deut­scher, Trotz­ki, Bd. III, Stutt­gart 1963, S. 262/263; Mon­ty John­stone, „Trotz­ki and World Revo­lu­ti­on“, in: Cogi­to, 1976, S. 10-14; Irving Howe, Trots­ky, Lon­don 1978, S. 130; Leo­nar­do Rapo­ne, Tro­ckij e il fascis­mo, Bari 1978, S. 350-356. Aller­dings ist anzu­mer­ken, dass Deut­scher trotz sei­ner Kri­tik an Trotz­kis Ana­ly­se der fran­zö­si­schen und spa­ni­schen Situa­ti­on die Volks­front­po­li­tik der natio­na­len Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en nicht unterstützte.

Aus Theo­rie­bei­la­ge Avan­ti² Rhein-Neckar Janu­ar 2026
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