30 Jah­re „Mau­er­fall“ und die Fol­gen

U. D.

Das The­ma unse­res ISO-Dis­kus­si­ons­abends am 27.09.2019 lau­te­te: „1989 – Auf­stand ohne Ziel? Das Ende der DDR“. Unser Refe­rent schlug einen his­to­ri­schen Bogen und ord­ne­te den „Mau­er­fall“ in die Geschich­te der arbei­ten­den Klas­se in Deutsch­land ein.

Unvoll­ende­te Sie­ge und*verheerende Nie­der­la­gen
Die Tei­lung Deutsch­lands hat­te meh­re­re geschicht­li­che Vor­aus­set­zun­gen. Zuerst der mör­de­ri­sche Ver­rat der Sozi­al­de­mo­kra­tie an der deut­schen Novem­ber­re­vo­lu­ti­on vom 09. Novem­ber 1918. Sodann die bru­ta­le poli­ti­sche Kon­ter­re­vo­lu­ti­on Sta­lins. Sie ertränk­te die rus­si­sche Okto­ber­re­vo­lu­ti­on in Blut, wan­del­te Sowjet­ruß­land in eine büro­kra­ti­sche Dik­ta­tur und die ursprüng­lich revo­lu­tio­nä­re Kom­mu­nis­ti­sche Inter­na­tio­na­le in ein außen­po­li­ti­sches Werk­zeug des Sta­li­nis­mus um.

Marx-Denkmal in Chemnitz, 26. Februar 2017 (Foto: Avanti²)

Marx-Denk­mal in Chem­nitz, 26. Febru­ar 2017 (Foto: Avan­ti²)

Auf­grund ihrer unsäg­li­chen Unter­schät­zung der faschis­ti­schen Gefahr ver­hin­der­ten die Füh­run­gen von KPD, SPD und Gewerk­schaf­ten die Bil­dung einer Ein­heits­front. Die „Macht­er­grei­fung“ der NSDAP im Janu­ar 1933 ist vor allem des­halb mög­lich gewor­den.

Damit war der Weg frei für den Nazi-Ter­ror, die Ermor­dung der poli­ti­schen Füh­rung der arbei­ten­den Klas­se, der mil­lio­nen­fa­chen Ver­nich­tung ins­be­son­de­re der Men­schen jüdi­schen Glau­bens und den Gräu­eln des II. Welt­krie­ges.

Am 08. Mai 1945 kapi­tu­lier­te Nazi-Deutsch- land. Die Befrei­ung war kein Erfolg des Wider­stands, son­dern eine mili­tä­ri­sche Nie­der­la­ge. Daher ent­schie­den die Sie­ger- mäch­te (USA, UDSSR, Groß­bri­tan­ni­en und Frank­reich) über die wei­te­re Zukunft und teil­ten Deutsch­land in vier Besat­zungs­zo­nen auf.

Schließ­lich wur­de auf dem Gebiet der West-Zonen am 8. Mai 1949 mit der Ver­ab­schie­dung des Grund­ge­set­zes die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land gegrün­det. Am 7. Okto­ber 1949 folg­te auf dem Gebiet der Sowje­ti­schen Besat­zungs­zo­ne die Grün­dung der DDR. Damit war die Tei­lung Deutsch­lands voll­zo­gen.

Die DDR war nicht sozia­lis­tisch
Die DDR wur­de nach dem „Vor­bild“ der sta­li­nis­ti­schen Dik­ta­tur in der Sowjet­uni­on auf­ge­baut:
• Die poli­ti­sche „Füh­rung“ hat­te der SED-Appa­rat.
• Es gab kei­ne direk­te (Räte-)Demokratie,
• Groß­be­trie­be und Groß­grund­be­sitz wur­den ver­staat­licht. Aber es gab kei­ne demo­kra­ti­sche Plan­wirt­schaft, son­dern eine büro­kra­tisch-zen­tra­lis­ti­sche Kom­man­do­wirt­schaft.
• Repres­si­ons­in­stru­men­te wie Mili­tär, Sta­si und Kampf­grup­pen wur­den auf- und aus­ge­baut.
• Die DDR war eine auto­ri­tä­re „Gesin­nungs­dik­ta­tur“. Wer sich beson­ders par­tei- und lini­en­treu ver­hielt, konn­te in Par­tei und Gesell­schaft auf­stei­gen und sich Pri­vi­le­gi­en sowie einen bes­se­ren Lebens­stan­dard „erdie­nen“.

Der Unter­gang der DDR
Nach der Nie­der­schla­gung des Arbei­ter­auf­stands vom 17. Juni 1953 „ver­lie­ßen“ bis Ende 1960 mehr als 2 Mil­lio­nen Men­schen die DDR. Die SED-Füh­rung unter Ulb­richt reagier­te auf die­sen Exo­dus mit büro­kra­ti­schen Metho­den und ließ am 13. August 1961 die Mau­er errich­ten.

Im Ver­lauf der 1980er Jah­re begann es in der DDR poli­tisch zu gären. Grün­de waren die sich ver­schlech­tern­de wirt­schaft­li­che Lage und aus­blei­ben­de poli­ti­sche Refor­men. Die­ser Gärungs­pro­zess wur­de im Lauf des Jah­res 1989 so stark, dass er gro­ße Tei­le der Gesell­schaft erfass­te und die Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen im Herbst 1989 zum Kol­laps der büro­kra­ti­schen SED-Herr­schaft führ­ten.

Am 09. Novem­ber 1989 voll­ende­te der „Mau­er­fall“ den Unter­gang der DDR. Dies war zwar der Erfolg einer gro­ßen Mas­sen­be­we­gung, aber kein Sieg einer anti­bü­ro­kra­ti­schen Revo­lu­ti­on für die Umwand­lung der DDR in eine sozia­lis­ti­sche Demo­kra­tie.

Die Fol­gen der „Wie­der­ver­ei­ni­gung“
30 Jah­re nach dem „Mau­er­fall“ sind die Fol­gen der „Wie­der­ver­ei­ni­gung“ unter kapi­ta­lis­ti­schen Vor­zei­chen über­deut­lich:
• Eine erfolg­rei­che Offen­si­ve der neo­li­be­ra­len Ideo­lo­gie und des deut­schen Kapi­tals nach innen und nach außen.
• Die fort­ge­setz­te Aus­höh­lung der sozia­len Siche­rungs­sys­te­me.
• Wei­te­re Ver­schlech­te­run­gen der Arbeits­ge­set­ze.
• Die poli­ti­sche und orga­ni­sa­to­ri­sche Schwä­chung der arbei­ten­den Klas­se und der Gewerk­schaf­ten.
• Mas­si­ve sozia­le Ver­wer­fun­gen und das Ent­ste­hen eines gesell­schaft­li­chen Nähr­bo­dens für den Auf­schwung reak­tio­nä­rer und faschis­ti­scher Kräf­te nicht nur in Ost-Deutsch­land.

Der lan­ge Schat­ten der durch den Sta­li­nis­mus ver­ur­sach­ten Ver­wüs­tun­gen und Ver­bre­chen ist immer noch eine schwe­re poli­ti­sche Hypo­thek für die Ent­wick­lung eines lin­ken, anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Wider­stands.

Auch des­halb ist es so wich­tig, die Geschich­te zu ver­ste­hen. Nur mit einem kla­ren Ver­ständ­nis der Ver­gan­gen­heit und der Gegen­wart kann die Vor­stel­lung einer soli­da­ri­schen Gesell­schaft jen­seits des Kapi­ta­lis­mus wie­der Glaub­wür­dig­keit und Popu­la­ri­tät erlan­gen – eines Sozia­lis­mus, der auf direk­ter Demo­kra­tie und einer demo­kra­tisch geplan­ten bedürf­nis­ori­en­tier­ten und öko­lo­gi­schen Wirt­schaft beruht.

Aus Avan­ti² Rhein-Neckar Dezem­ber 2019
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