8-Stun­den­tag verteidigen

Taten statt Worte!

 

J. J.

Die Merz-Kling­beil-Regie­rung, Kapi­tal­ver­bän­de, unter­neh­mens­ori­en­tier­te Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler und media­le Scharf­ma­cher wol­len den 8-Stun­den­tag abschaf­fen. Damit grei­fen sie eine his­to­ri­sche Errun­gen­schaft der Arbei­ter­be­we­gung an. Dabei geht es um die Fra­ge, was wich­ti­ger ist: Ihre Pro­fi­te oder unser Leben.

Ostermarsch in Mannheim, 4. April 2026. (Foto: Helmut Roos.)

Oster­marsch in Mann­heim, 4. April 2026. (Foto: Hel­mut Roos.)

Bereits 1817 for­der­te der Unter­neh­mer und Früh­so­zia­list Robert Owen den 8-Stun­den­tag. Sein Mot­to war „8-Stun­den Arbeit, 8 Stun­den Erho­lung, 8 Stun­den Schlaf“.

In Deutsch­land dau­er­te es noch hun­dert Jah­re bis der 8-Stun­den­tag all­ge­mein­ver­bind­lich war. Denn erst mit der Novem­ber­re­vo­lu­ti­on vom 9. Novem­ber 1918 konn­te die Arbei­ter­klas­se den 8-Stun­den­tag durchsetzen.

Aber von Anfang an bekämpf­te das Kapi­tal den 8-Stun­den­tag. Bereits im Dezem­ber 1923 gelang es ihm, den 10-Stun­den­tag wie­der durch­zu­set­zen. Heu­te schreibt das gül­ti­ge Arbeits­zeit­ge­setz zwar den 8-Stun­den­tag vor, lässt aber zahl­rei­che Aus­nah­men zu. So sind unter Beach­tung von Aus­gleichs­zeit­räu­men immer noch 10-Stun­den­ta­ge möglich.

Fle­xi­bel für Profite
Dau­er und Lage der Arbeits­zeit sind zen­tra­le Aspek­te bei der Aus­beu­tung mensch­li­cher Arbeits­kraft. Das Kapi­tal möch­te dar­über allei­ne und ohne gesetz­li­che Gren­zen ent­schei­den. Jahr­zehn­te­lang wur­de das durch Geset­ze, Tarif­ver­trä­ge und Betriebs­ver- ein­ba­run­gen ver­hin­dert. Doch inzwi­schen kön­nen weni­ger als 50 % der Beschäf­tig­ten einen Tarif­ver­trag in Anspruch neh­men. Ten­denz wei­ter sinkend.

Hin­zu kommt die Digi­ta­li­sie­rung. Mit ihr wur­den „neue“, noch pro­fi­ta­ble­re Arbeits­pro­zes­se mög­lich. Jetzt woll­te das Kapi­tal die Pro­duk­ti­on zeit- und bedarfs­ge­nau, „just-in-time“, pla­nen. Dazu muss­ten auch Arbeits­ver­hält­nis­se und Arbeits­zei­ten fle­xi­bi­li­siert wer­den. Gelun­gen ist das unter ande­rem mit Leih­ar­beit, Out­sour­cing, Befris­tun­gen, Schicht­ar­beit, Über­stun­den, Zeit­kon­ten, Arbeits­zeit­kor­ri­do­ren und „Home­of­fice“. Statt dage­gen die Gegen­wehr zur orga­ni­sie­ren, hat die Mehr­heit der Gewerk­schaf­ten und Betriebs­rä­te die­se Fle­xi­bi­li­sie­rung „stand­ort­po­li­tisch“ akzep­tiert und „gere­gelt“.

Lan­ge Arbeits­zei­ten machen krank
Black­Rock-Kanz­ler Merz wie­der­holt bei jeder Gele­gen­heit, „die Deut­schen“ müss­ten wie­der mehr und län­ger arbei­ten. Was er dabei bewusst verschweigt: 
• 2024 wur­den rund 1,2 Mrd. Über­stun­den gear­bei­tet, mehr als die Hälf­te unbe­zahlt. Vie­le Über­stun­den wer­den nicht erfasst.
• Auf Gleit­zeit- und Kurz­zeit­kon­ten ste­hen rund 500 Mio. Stunden.
• 5 Mio. Men­schen haben einen Neben­job, vie­le davon, um über die Run­den zu kommen.
• Rund 4 Mrd. Stun­den gesell­schaft­lich not­wen­di­ger Arbeit wer­den ehren­amt­lich geleistet. 
• 117 Mil­li­ar­den Stun­den „pri­va­ter“ Sor­ge­ar­beit wer­den unbe­zahlt geleis­tet, allein 72 Mil­li­ar­den von Frauen.

Fremd­be­stimm­te, fle­xi­ble und lan­ge Arbeits­zei­ten bezah­len Beschäf­tig­te mit ihrer Gesund­heit. Bereits ab 45 Stun­den pro Woche erhöht sich das Risi­ko, an einem Schlag­an­fall zu ster­ben, um 35 %. Welt­weit ster­ben jähr­lich Hun­dert­tau­sen­de an den Fol­gen von Über­ar­bei­tung. Täg­li­che Arbeits­zei­ten über 8 Stun­den las­sen das Unfall­ri­si­ko mas­siv ansteigen.

Schicht­ge­bun­de­ne Arbeits­zei­ten erhö­hen das Risi­ko, an Depres­si­on und Burn-Out zu erkran­ken. Sie füh­ren unter ande­rem zu Schlafstörungen.
Die zuneh­men­de Ent­gren­zung von Frei­zeit und Arbeits­zeit ver­hin­dert aus­rei­chen­de Ruhe­pha­sen und erhöht die Gefahr psy­chi­scher Erkrankungen.

Taten statt Worte!
Die aktu­el­len Angrif­fe auf den 8-Stun­den­tag von Regie­rung und Kapi­tal fin­den auf allen gesell­schaft­li­chen Ebe­nen statt. Um dage­gen zu hal­ten, sind sofort kon­se­quen­te und ent­schlos­se­ne gewerk­schaft­li­che Aktio­nen not­wen­dig. Doch die Gewerk­schafts­füh­run­gen reagie­ren bis­her nur mit Wor­ten und set­zen auf Ver­hand­lun­gen. Sie haben zwar Wider­stand ange­kün­digt, aber außer einer kraft­lo­sen Kam­pa­gne „Mit Macht für die 8!“ ist bis­lang nichts passiert.

Es bleibt kei­ne Zeit, auf die Gewerk­schafts­spit­zen zu war­ten. Beschäf­tig­te, Ver­trau­ens­leu­te und Betriebs­rä­te müs­sen jetzt aktiv wer­den und Aktio­nen durchführen. 
In den Gewerk­schaf­ten muss ver­sucht wer­den, Mehr­hei­ten für sofor­ti­ge Gegen­wehr und Streiks zu gewin­nen. Nur wenn den Wor­ten Taten fol­gen, kann der Angriff auf den 8-Stun­den­tag erfolg­reich abge­wehrt wer­den. War­ten wir nicht ab, son­dern neh­men wir es selbst in die Hand.

Aus Avan­ti² Rhein-Neckar Juni 2026
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