Zur Gründung der Mannheimer Gruppe der IV. Internationale 1956 (II)*
H. N.
1956 führten die Bemühungen Willy Boepples, eine Mannheimer Gruppe der IV. Internationale aufzubauen, zum Erfolg.

Veranstaltung zum Metallerstreik 1963 in Mannheim, 3.12.2019. (Foto Avanti².)
Zu dieser Zeit galt Hermann Weber, der später als Kommunismusforscher berühmt wurde, als „Sympathisant”. Um Einzelne mit den Ideen des revolutionären Marxismus vertraut zu machen und – nicht zuletzt – um neue Mitglieder zu gewinnen, gründete die Gruppe wie in anderen Städten einen „Marxistischen Arbeitskreis” (MAK).
Am Mannheimer MAK beteiligten sich Mitglieder der SPD-Betriebsgruppe von Daimler-Benz, hauptamtliche Gewerkschaftsfunktionäre, Jusos, im SDS Aktive und Studierende des Seminars für Sozialberufe. Oft auf der Grundlage von Texten aus der theoretischen Zeitschrift die internationale diskutierten sie über aktuelle politische Probleme oder führten Schulungen über prinzipielle Fragen der marxistischen Analyse durch.
Die seit 1954 herausgegebene Zeitschrift Sozialistische Politik (SOPO) stieß im Umfeld der Sektion auf eine positive Resonanz und unterstützte die politische Aktivität in der SPD und in den Gewerkschaften. Auf dem Höhepunkt der „entristischen“ Arbeit der Mannheimer Gruppe Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre konnten allein beim „Benz“ auf dem Waldhof etwa 90 Zeitungen im Monat verkauft werden.
Aktiv in Betrieb und Gewerkschaft
Ab 1957/58 bestimmte die Mannheimer Gruppe im Wesentlichen die Politik der SPD-Betriebsgruppe bei Daimler-Benz und gab eine Betriebszeitung heraus.
Neben den monatlichen Treffen der Mitglieder der IV. Internationale und den Zusammenkünften des MAK konnten bis Ende 1961 regelmäßig Betriebsgruppensitzungen organisiert werden. Daran nahmen bis zu 30 Genossinnen und Genossen teil.
Sie diskutierten über Themen wie Remilitarisierung, Anti-Atomtod, Ostermärsche, Wahlkampfpolitik der SPD und Solidarität mit der algerischen Revolution, aber auch über Tarifpolitik, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Reform der Krankenversicherung, Preissteigerungen, Mietfreigabe, Unternehmenskonzentration. Nicht zuletzt setzten sie sich mit konkreten Fragen wie Arbeitssicherheit, Lohn und Akkord, Arbeitstempo und Frühinvalidität auseinander und versuchten, auch über die Lage in anderen Betrieben zu informieren.
Diese Diskussionen dienten nicht nur zur inhaltlichen Vorbereitung der Betriebszeitung, sondern auch von Diskussionsbeiträgen und Anträgen für Konferenzen und Versammlungen sowie von Parolen und Transparenten für Kundgebungen und Demonstrationen der Gewerkschaften und der SPD.
Der Schwerpunkt der praktischen Arbeit lag auf der Auseinandersetzung mit innerbetrieblichen und innergewerkschaftlichen Problemen. So bereitete die Betriebsgruppe Betriebsver- sammlungen, Vertrauensleutetreffen und Delegiertenkonferenzen der IG Metall vor.
Zum großen Teil waren die Zusammenkünfte der SPD-Betriebsgruppe bei Daimler-Benz durch Absprachen der Ortsgruppe vorbereitet. Es war üblich, Referenten auch von außerhalb des Betriebs einzuladen – Mitglieder der IV. Internationale oder des MAK.
Demokratie von unten
Durch die Initiative der bei Daimler-Benz arbeitenden Genoss:innen der IV. Internationale konnte die Aufstellung der IG Metall-Liste für die Betriebsratswahlen demokratischer gestaltet werden. Gegen den Willen der hauptamtlichen IGM-Funktionäre und vieler Betriebsräte setzten die Vertrauensleute das Recht durch, die Kandidatenliste aufzustellen. Diese mehrjährige Auseinandersetzung stärkte die Stellung der „Trotzkisten” im Vertrauenskörper erheblich. Damals gehörten der Mannheimer Ortsgruppe drei Vertrauensleute und vier Betriebsräte vom „Benz” an – darunter der spätere Gesamtbetriebsratsvorsitzende Karl Feuerstein.
Auch im Metallerstreik 1963 machte sich ihr Einfluss spürbar. Sie mobilisierten eine Protestdelegation aus Mannheimer Metallbetrieben zum Frankfurter Vorstand der IG Metall um Otto Brenner und forderten massiv den Beginn des Arbeitskampfes. Praktisch alle wichtigen Losungen und Aktivitäten während dieser Tarifauseinandersetzung gingen in Mannheim auf die Initiative der Ortsgruppe zurück und wurden gegen den Widerstand des hauptamtlichen IGM-Apparats durchgesetzt.
Trotz aller politischen und organisatorischer Brüche in den Zeiten danach – die Mannheimer Gruppe der IV. Internationale kämpft auch 70 Jahre nach ihrer Gründung unverzagt für die Verwirklichung des Traums von der Roten Republik.
* [Teil I erschien in Avanti², Nr. 139. Alle Zitate nach: W. Alles (Hg.), Gegen den Strom, Texte von Willy Boepple (1911-1992), Köln 1997.]
