Kämpferische IGM-Vorhut aus Untertürkeim
H. N.
Die aktuelle Positionierung von IGM-Betriebsräten und Vertrauensleuten des Mercedes-Benz-Werks Untertürkheim steht in scharfem Kontrast zu den bis vor kurzem sowohl von der Stuttgarter Bezirksleitung als auch der Gewerkschaftsspitze in Frankfurt noch offen gehegten Träumen von der „Sozialpartnerschaft mit dem Kapital“.

DGB-Demo in Stuttgart, 26. September 2026. (Foto: Helmut Roos.)
Besonders kooperativ zeigte sich die Erste Vorsitzende der IG Metall, Benner, als sie im Sommer einer vertieften Zusammenarbeit mit dem Kapital zur „Sicherung des Standorts Deutschland“ das Wort redete.
Aufbruch mit dem Kapital?
Ihren gemeinsam mit dem BDI-Präsidenten Leibinger und dem Vorsitzenden der IGBCE, Vassiliadis, verfassten Gastkommentar veröffentlichte das Handelsblatt am 29. Juni 2026. Unter der Überschrift „Deutschland braucht Haltungsänderung – Kein Wohlstand ohne Aufbruch“ sind sehr bezeichnende Sätze zu lesen. Sie könnten direkt aus den Propaganda-Versatzstücken der „Arbeitgeber“ kopiert sein.
Beispiele gefällig? Bitte sehr: „Wir müssen mehr wollen und leisten, indem wir die interne Organisationslogik von Parteien, Wirtschaftsverbänden, Gewerkschaften und NGOs überwinden. Wir müssen heraus aus diesen Rollenspielen – um unseres Landes willen und um derjenigen willen, die weiterhin auf ein starkes Deutschland angewiesen sind. Industrieverbände und Industriegewerkschaften sind gemeinsam bereit für eine Agenda für ein zukunftsfähiges Deutschland – die Kosten senkt, auch die vom Staat verursachten, und Arbeitsvolumen und Produktivität erhöht.“ [Hervorhebungen von H. N.]
Zurückweichen oder kämpfen?
Die Reaktion aus Untertürkheim ließ nicht sehr lange auf sich warten. Am 3. August 2026 wandten sich die Kolleg:innen in einem Offenen Brief an den Vorstand, die Bezirksleitungen und die Geschäftsstellen der IG Metall.
Darin äußern sie ihre Empörung über den oben erwähnten Gastkommentar: „Mit dem Kapital gemeinsam die Feder zu schwingen und gleichzeitig uns Mitgliedern die Kampfbereitschaft zu predigen [,] hat mit Authentizität nichts zu tun. […] Damit spricht unsere Vorsitzende weder in unserem Namen noch im Namen der vielen Tausend aktiven betrieblichen Kolleginnen und Kollegen, die hinter uns stehen.“
Und weiter: „Die Unternehmerverbände, die Bundesregierung und wir Beschäftigten verfolgen gegenwärtig offensichtlich sehr unterschiedliche Interessen. Sie wollen auf unseren Kosten ihre Krise überwinden und ihre Profite sichern oder ausweiten. Wir dagegen wollen gute Arbeitsstandards erhalten, soziale Sicherheit, bezahlbaren Wohnraum, gute Bildung, Gesundheit und Frieden. […] Deshalb raten wir unserer IG Metall dringend zu Folgendem: Kein Zurückweichen in der kommenden Tarifrunde. Wir wollen und müssen kämpfen.“
Verschärfter Klassenkampf von oben
Die berechtigte Kritik an dem Schulterschluss von Benner (und Vassiliadis) mit dem „milliardenschweren BDI-Präsidenten“ Leibinger kam dem Vernehmen nach im Büro der Ersten Vorsitzenden der IG Metall gar nicht gut an.
Knapp ein Vierteljahr später ist der Generalangriff von Regierung & Kapital auf die arbeitende Klasse und die Gewerkschaften nicht nur nicht beendet, sondern sogar noch verschärft worden.
Das unverschämte „Angebot“ der Metall-Kapitalisten beim 2. Verhandlungstermin in der laufenden Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie spricht Bände. Es bedeutet – ganz im Sinne der im Handelsblatt eingeforderten „Kostensenkung“ – einen, angesichts der ständig steigenden Lebenshaltungskosten, massiven weiteren Reallohnabbau.
„Gegenwehr jetzt!“
Nun geht es für die IG Metall noch mehr als zuvor um „Gegenwehr jetzt!“. So heißt auch der Aufruf, der auf Initiative und mit Unterstützung des Überbetrieblichen Solidaritätskomitees Rhein-Neckar von IGM-Betriebsräten und Vertrauensleuten aus Untertürkheim verbreitet worden ist. Er fordert: „Wir müssen dem Klassenkampf von oben unseren entschlossenen gemeinsamen gewerkschaftlichen Widerstand entgegensetzen!“.
Widerstand bedeutet in der heutigen Situation, nicht nur die ab dem 1. November geplanten Warnstreiks durchzuführen. Widerstand erfordert auch mehr als die danach möglicherweise stattfindenden 24-Stundenstreiks. Widerstand heißt, den Klassenkampf der Kapitalseite mit dem Erzwingungsstreik zu beantworten.
* [Teil I wurde in der September-Ausgabe von Avanti² veröffentlicht.]
