Anfän­ge in schwe­rer Zeit

Zur Grün­dung der Mann­hei­mer Grup­pe der IV. Inter­na­tio­na­le 1956 (I)*

 

H. N.

1956 war ein beson­de­res Jahr. Vor allem wegen des blu­tig unter­drück­ten Räte­auf­stan­des der unga­ri­schen Werk­tä­ti­gen. Sicher auch wegen des XX. Par­tei­ta­ges der KPdSU und Chruscht­schows „Geheim­re­de” zu Sta­lins Verbrechen.

Wie konn­te es aber dazu kom­men, dass damals, in der Hoch­pha­se des „Kal­ten Krie­ges”, die Mann­hei­mer Orts­grup­pe der IV. Inter­na­tio­na­le gegrün­det wur­de? Um die Beant­wor­tung die­ser Fra­ge zu ermög­li­chen, müs­sen wir zunächst noch eini­ge Jah­re wei­ter zurückblicken.

Vor­ge­schich­te

Anfang 1948 kam es in Ber­lin zum Eklat zwi­schen dem Ver­tre­ter des Par­tei­be­zirks Nord­ba­den und dem Ver­tre­ter Sta­lins im gemein­sa­men Par­tei­vor­stand von KPD und SED. Der eine, Wil­ly Boepp­le, hat­te es erneut gewagt, sich kri­tisch mit der Deutsch­land­po­li­tik des Kreml und ihren ver­hee­ren­den Fol­gen für die KPD aus­ein­an­der zu set­zen. Der ande­re, Wal­ter Ulb­richt, hat­te „sich [dar­auf­hin] ver­färbt, mit der Faust auf den Tisch gehau­en und … [W. Boepp­le] ange­brüllt: Wenn der Genos­se Sta­lin sagt, die Oder-Nei­ße-Linie ist gül­tig und die Deut­schen müs­sen da raus, dann ist sie gül­tig, und die Deut­schen müs­sen raus.”

Im April 1948 zog Wil­ly die Kon­se­quenz aus sei­nen Dif­fe­ren­zen mit der Par­tei­spit­ze. Er leg­te sein Land­tags­man­dat sowie sämt­li­che Par­tei­äm­ter nie­der, und im März 1949 trat er nach hef­ti­gen Debat­ten aus der KPD aus.

Vor dem Hin­ter­grund des Ost-West-Kon­flik­tes gelang es den Herr­schen­den in der BRD, eine repres­si­ve Atmo­sphä­re zu schaf- fen. Schon lan­ge vor dem KPD-Ver­bot 1956 konn­ten wie­der Haft­stra­fen und Berufs­ver­bo­te für Kommunist:innen ver­hängt wer­den. In die­ser Zeit der poli­ti­schen Reak­ti­on muss­te sich die deut­sche Sek­ti­on der IV. Inter­na­tio­na­le, die Inter­na­tio­na­len Kom­mu­nis­ten Deutsch­lands (IKD), behaupten.

Ab Som­mer 1950 betei­lig­te sich Wil­ly Boepp­le wie ande­re ehe­ma­li­ge KPD-Funk­tio­nä­re an den Vor­be­rei­tungs­ar­bei­ten zur Grün­dung der Unab­hän­gi­gen Arbei­ter­par­tei (UAP), die an Titos Jugo­sla­wi­en ori­en­tiert war. Wil­ly lern­te dadurch die IV. Inter­na­tio­na­le und ihre Posi­tio­nen ken­nen. Vor allem Trotz­kis Ver­ra­te­ne Revo­lu­ti­on ver­mit­tel­te ihm „kla­re Ein­sich­ten … über das Pro­blem der Büro­kra­tie und des Stalinismus”.

Eine lan­ge Dis­kus­si­on mit Ernest Man­del in Mann­heim gab für Wil­ly den letz­ten Anstoß, Ende April 1951 der IV. Inter­na­tio­na­le bei­zu­tre­ten. Ernest erin­ner­te sich dar­an 1994 wie folgt: „Zum ers­ten Mal seit Ende des 2. Welt­kriegs trat ein ZK-Mit­glied einer KP zu uns über… [Der] Bruch mit einer Par­tei, … die …, trotz ihrer Schwä­che, noch bedeut­sa­me Mög­lich­kei­ten poli­ti­schen Han­delns und nicht unbe­deu­ten­de mate­ri­el­le Vor­tei­le im Ost­block bot, [war] zwei­fels­oh­ne ein Opfer und ein Risi­ko. Wir waren noch viel klei­ner. Wir hat­ten kei­ne … Mas­sen­ba­sis. Zu uns kam man nicht, um Kar­rie­re zu machen oder mate­ri­el­le Vor­tei­le zu erlan­gen. Zu uns kam man nur aus Überzeugung.”

Sehr bald gewann Wil­ly Boepp­le in der Sek­ti­on, die damals in der BRD kaum mehr als 30 Mit­glie­der zähl­te, poli­ti­schen Ein­fluss. Als gewähl­tes Lei­tungs­mit­glied spiel­te er gemein­sam mit Georg Jung­clas, dem Sekre­tär der Orga­ni­sa­ti­on, bis in die 1960er Jah­re eine füh­ren­de Rolle.

Nach dem Schei­tern der UAP tra­ten die deut­schen Mit­glie­der der IV. Inter­na­tio­na­le 1953 ein­zeln der SPD bei, hiel­ten aber ihre inter­nen Grup­pen­struk­tu­ren auf­recht. Sie hoff­ten, dass sich eine poli­ti­sche Radi­ka­li­sie­rung vor allem in der SPD als tra­di­tio­nel­ler Arbei­ter­mas­sen­par­tei aus­wir­ken wür­de. Ziel ihres „Ent­ris­mus” war es, den lin­ken SPD-Flü­gel zu stär­ken und so eine Grund­la­ge für eine revo­lu­tio­nä­re Arbei­ter­par­tei schaf­fen zu können.

In damals offen­bar von Wil­ly ver­fass­ten The­sen heißt es: „Die revo­lu­tio­nä­re Klas­sen­par­tei kann nicht will­kür­lich ‚geschaf­fen’ … wer­den. Sie kann nur orga­nisch aus dem … Rei­fe­pro­zeß der fort­ge­schrit­te­nen Arbei­ter, gestützt auf ihre poli­ti­sche und gewerk­schaft­li­che Kampf­erfah­rung, erwach­sen. Sie ent­steht in dem Augen­blick, wo ein bedeu­ten­der Teil der tat­säch­li­chen Füh­rer der Arbei­ter­klas­se in Betrieb und Gewerk­schaf­ten und allen Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen sich der Not­wen­dig­keit eines Zusam­men­schlus­ses zum Beschrei­ten eines revo­lu­tio­nä­ren Weges … bewußt ist. Aber die­ser … Rei­fungs­pro­zeß wird … erst ermög­licht …, wenn er befruch­tet wird durch das bewuß­te Ein­grei­fen eines orga­ni­sier­ten Kaders, der in sei­nem Pro­gramm … Weg und Ziel der Revo­lu­ti­on nie­der­ge­legt hat und mit sei­ner Akti­vi­tät die Vor­aus­set­zun­gen schafft, um die Vor­hut der Arbei­ter­klas­se von der Rich­tig­keit die­ses Pro­gramms zu überzeugen.”

* [Teil II folgt in Avan­ti², Nr. 140.]

Aus Avan­ti² Rhein-Neckar März 2026
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