Aus­beu­tung 4.0 (Teil II)*

Chan­ce oder Risi­ko?

S. T.

Was sind die kon­kre­ten Fol­gen der Digi­ta­li­sie­rung für uns? Wie fast bei jedem The­ma gibt es auch beim tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt posi­ti­ve und nega­ti­ve Aspek­te. Dabei gilt: Je grö­ßer die Chan­cen, des­to grö­ßer sind die Risi­ken.

Beim aktu­el­len tech­no­lo­gi­schen Stand ist es heu­te schon mög­lich, sehr vie­le Tätig­kei­ten von Maschi­nen oder Sys­te­men durch­füh­ren zu las­sen. Im Moment steht dem vor allem noch die rein betriebs­wirt­schaft­li­che Kos­ten-Nut­zen-Rech­nung ent­ge­gen. Das heißt, oft ist mensch­li­che Arbeits­kraft bil­li­ger als ein Robo­ter.

Mega­trends der Digi­ta­li­sie­rung

Die Mega­trends der Digi­ta­li­sie­rung in der Arbeits­welt sind die Ver­än­de­rung von:
- Arbeits­in­hal­ten, Arbeits­auf­ga­ben und Anfor­de­run­gen
- Ver­nich­tung von Arbeits­plät­zen (z.B. durch Digi­ta­li­sie­rung von ursprüng­lich manu­ell aus­ge­führ­ten Tätig­kei­ten)
- Zer­glie­de­rung von Arbeits­pro­zes­sen (z.B. durch Aus­la­ge­rung von klein­tei­li­gen IT-Zuar­bei­ten an über­aus­ge­beu­te­te „Click Worker“)
- Digi­ta­li­sie­rung von Ent­schei­dungs­pro­zes­sen (durch künst­li­che Intel­li­genz)
- Ent­gren­zung von Arbeits­zeit
- orts­un­ab­hän­gi­gen Arbei­ten, die über das Inter­net oder ein Fir­menin­tra­net orga­ni­siert und zusam­men­ge­führt wer­den.
- Mas­sen­da­ten und deren sys­te­ma­ti­sche Nut­zung durch sta­tis tische Metho­den („Big Data“ und „Data Mining“)

KollegInnen des Uni-Klinikums bei der DGB-Demo am 1. mai 2019 in Mannheim (Foto: Avanti²)

Kol­le­gIn­nen des Uni-Kli­ni­kums bei der DGB-Demo am 1. mai 2019 in Mann­heim (Foto: Avan­ti²)

Nut­zen für wen?

Im Prin­zip soll­te eine Tech­no­lo­gie oder eine Wis­sen­schaft immer dem Woh­le der Men­schen die­nen. Doch im Kapi­ta­lis­mus geht es um Pro­fit­ma­xi­mie­rung und nicht um das Wohl der Mensch­heit.

Was bedeu­tet das für uns? Die meis­ten von uns müs­sen ihre Arbeits­kraft als Ware ver­kau­fen, um im Tausch gegen Geld (mehr oder weniger)„menschenwürdig“ leben zu kön­nen.

Zwei Sze­na­ri­en

Wie wird sich die kapi­ta­lis­ti­sche Klas­sen­ge­sell­schaft ent­wi­ckeln, wenn auf lan­ge Sicht kaum noch Arbeit von Men­schen erle­digt wer­den muss?

Sze­na­rio 1:
Es besteht dann die Mög­lich­keit, dass wir ab die­sem Zeit­punkt völ­lig frei und selbst­be­stimmt leben kön­nen. Geld wäre in die­sem Sze­na­rio über­flüs­sig. Alles wäre gleich­mä­ßig ver­teilt. Es gäbe kei­ne Aus­beu­tung und kei­ne Kor­rup­ti­on mehr. Ein wun­der­schö­ner Traum. Doch er wird ohne die Über­win­dung des Kapi­ta­lis­mus nicht Wirk­lich­keit wer­den.

Sze­na­rio 2:
Die Herr­schen­den haben die tota­le Kon­trol­le über die arbei­ten­den Sys­te­me und über alle Res­sour­cen unse­res Pla­ne­ten. Das ist ein Sze­na­rio, das höchst­wahr­schein­lich mit Gewalt durch­ge­setzt wer­den müss­te. Ten­den­zen der aktu­el­len gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Ent­wick­lung las­sen dies als nicht völ­lig unwahr­schein­lich erschei­nen. Der Kapi­ta­lis­mus wür­de sich in eine digi­ta­le Dik­ta­tur ver­wan­deln, um die Aus­beu­tung unter neu­en Bedin­gun­gen zu sichern.

Doch was pas­siert dann mit uns allen, die wir vom Ver­kauf unse­rer Arbeits­kraft leben? Die gro­ße Mehr­heit von uns wür­den schlicht und ergrei­fend nicht mehr gebraucht.

Wird sich der Kapi­ta­lis­mus in die­se Rich­tung ent­wi­ckeln und noch extre­mer wer­den? Aktu­ell ist er welt­weit mehr denn je auf mensch­li­che Arbeit ange­wie­sen und auf per­ma­nen­tes Kon­sum­wachs­tum aus­ge­rich­tet. Des­halb braucht er immer neue Absatz­märk­te für sei­en Waren und damit mehr Kon­sum.

Die Lösung

Es ist kaum mög­lich, den tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt auf­zu­hal­ten. Er soll aber der gesam­ten Mensch­heit und nicht nur den herr­schen­den 1 % die­nen.

Die Gewerk­schaf­ten und die poli­ti­sche Lin­ke sind hier in beson­de­rem Maße gefor­dert. Kurz­fris­tig wäre das der­zeit größ­te Pro­blem – mas­si­ver Arbeits­platz­ab­bau infol­ge der Digi­ta­li­sie­rung – noch rela­tiv ein­fach zu bewäl­ti­gen. Und zwar mit der Durch­set­zung einer radi­kal ver­kürz­ten Wochen­ar­beits­zeit bei vol­lem Lohn- und Per­so­nal­aus­gleich.

Die­se For­de­rung ist recht leicht ver­mit­tel­bar, zumal sie der Über­las­tung der Arbei­ten­den, allen Arten von pre­kä­ren Jobs und der Arbeits­lo­sig­keit ent­ge­gen­wir­ken wür­de. Die Kol­le­gIn­nen wüss­ten, für was sie sich ein­set­zen. Über gemein­sa­me Aktio­nen könn­te Soli­da­ri­tät spür­bar und gleich­zei­tig gewerk­schaft­li­che und lin­ke poli­ti­sche Gegen­macht gestärkt wer­den.

Auf lan­ge Sicht kann aller­dings die Digi­ta­li­sie­rung nur dann ein Segen für die Mensch­heit wer­den, wenn der Kapi­ta­lis­mus über­wun­den und durch eine men­schen- und umwelt­freund­li­che Wirt­schafts- und Gesell­schafts­ord­nung abge­löst wird.

* [Teil I erschien in Avan­ti², Nr. 57 von Mai 2019.]

Aus Avan­ti² Rhein-Neckar Juni 2019
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