Den Krieg fort­füh­ren oder die Revo­lu­ti­on voll­enden?

Poli­ti­sche und sozia­le Bewe­gun­gen in Mann­heim zu Beginn der Wei­ma­rer Repu­blik

Mia Lin­de­mann

In dem fol­gen­den Arti­kel geht es einer­seits um die betrieb­li­chen Kämp­fe in Mann­heim und ande­rer­seits um die Aus­ein­an­der­set­zung mit den Rech­ten in den Jah­ren 1919 und 1920. Außer­dem wird die Ein­füh­rung des Betriebs­rä­te­ge­set­zes vom 4. Febru­ar 1920 beleuch­tet. Zuvor hat­ten sich die ganz über­wie­gend mehr­heits­so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Räte selbst ent­mach­tet. Die gegen­re­vo­lu­tio­nä­re Reichs­re­gie­rung, die von der Mehr­heits­so­zi­al­de­mo­kra­tie (MSPD) geführt wur­de, hat­te zudem die revo­lu­tio­nä­ren Räte­re­pu­bli­ken in Bre­men und Mün­chen sowie die bedeu­ten­den Sozia­li­sie­rungs­be­we­gun­gen blu­tig unter­drückt.

Revolutionäre Demonstration in Mannheim, November 1918 (Foto: Gemeinfrei)

Revo­lu­tio­nä­re Demons­tra­ti­on in Mann­heim, Novem­ber 1918 (Foto: Gemein­frei)

1. Die Ver­la­ge­rung der revo­lu­tio­nä­ren Kämp­fe in die Betrie­be
Die Arbeits­kämp­fe hat­ten sich in der ers­ten Hälf­te des Jah­res 1919 radi­ka­li­siert. Deut­lich war zu spü­ren, dass gro­ße Tei­le der arbei­ten­den Klas­se nach der Erobe­rung der poli­ti­schen Macht im Novem­ber 1918 wei­ter­ge­hen woll­te. Für sie stan­den nun die Erobe­rung der Betrie­be, min­des­tens aber die vol­le Mit­be­stim­mung in allen Fra­gen auf der Tages­ord­nung.

In den Kampf­for­men zeig­te sich der Ein­fluss der Syn­di­ka­lis­ten. Häu­fig wur­de vom Mit­tel der pas­si­ven „Resis­tenz“ (des pas­si­ven Wider­stands) Gebrauch gemacht. Das heißt: Die Arbei­ter und Arbei­te­rin­nen blie­ben im Betrieb ohne zu arbei­ten. „Da der Ver­band sie nicht unter­stützt“ habe, argu­men­tier­ten sie, blei­be man im Betrieb, dann müs­se die Direk­ti­on sie bezah­len.

Aber es kam auch zu akti­ven Betriebs­be­set­zun­gen und direk­ten Aktio­nen – zum Bei­spiel in den Hom­mel­wer­ken und der AG für Seil­in­dus­trie, vor­mals Fer­di­nand Wolff, oder bei BBC. Die Arbei­ter erzwan­gen dort 10 % Lohn­er­hö­hung, ohne ihre Gewerk­schaft zu fra­gen.

Der­weil berei­te­te die USPD (Unab­hän­gi­ge Sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei) den Auf­bau einer revo­lu­tio­nä­ren Betriebs­rä­te­or­ga­ni­sa­ti­on vor. Schon seit März war das ein The­ma in der Tri­bü­ne, der Zei­tung der „Unab­hän­gi­gen“ in Mann­heim.

Der uns so geläu­fi­ge Begriff „Betriebs­rä­te“ hat­te 1919 noch kei­ne fest­ge­leg­te Bedeu­tung. Mit dem Stin­nes-Legi­en-Abkom­men im Novem­ber 1918 waren die bis­he­ri­gen Arbei­ter­aus­schüs­se neu defi­niert wor­den. Sie soll­ten die Ein­hal­tung von Tarif­ver­trä­gen im Betrieb über­wa­chen.

Im Juli 1919 ver­ab­schie­de­te der Nürn­ber­ger Gewerk­schafts­kon­gress Grund­li­ni­en des künf­ti­gen Betriebs­rä­te­ge­set­zes, wie es am 19. Janu­ar 1920 im Reichs­tag ver­ab­schie­det wor­den und am 4. Febru­ar 1920 in Kraft getre­ten war. Dem­nach hat­ten die Betriebs­rä­te eine Dop­pel­funk­ti­on als Inter­es­sen­ver­tre­tung der Beschäf­tig­ten einer­seits, ande­rer­seits soll­ten sie den Unter­neh­mer in der Erfül­lung der Betriebs­zwe­cke unter­stüt­zen.

Dage­gen wand­ten sich mit Ent­schie­den­heit die „Unab­hän­gi­gen“ und der von ihnen beherrsch­te Deut­sche Metall­ar­bei­ter­ver­band (DMV), der Vor­läu­fer der IG Metall. Am 2. Sep­tem­ber 1919 schrieb die Tri­bü­ne, die Zei­tung der USPD in Mann­heim: „Es ist die Auf­ga­be der revo­lu­tio­nä­ren Betriebs­rä­te, die wirt­schaft­li­che Macht zu erobern und die Macht­stel­lung des Unter­neh­mer­tums in der Fabrik und im Pro­duk­ti­ons­pro­zeß im ste­ten Kampf zu zer­trüm­mern, um sodann die errun­ge­ne wirt­schaft­li­che Macht in poli­ti­sche umzu­set­zen.“

Ähn­li­ches war in der Roten Fah­ne, der ört­li­chen Zei­tung der KPD, am 17. Janu­ar 1920 zu lesen: „Wir for­dern das vol­le Kon­troll­recht über die Betriebs­füh­rung. […] Es gilt den Kampf für die revo­lu­tio­nä­ren Betriebs­rä­te in allen Betrie­ben vor­an­zu­trei­ben.“

Am 04. Dezem­ber 1919 berich­te­te die Tri­bü­ne aus dem Pro­to­koll des damals abge­hal­te­nen Par­tei­tags der USPD über geplan­te Mit­be­stim­mungs­re­geln des Betriebs­rä­te­ge­set­zes. Danach soll­ten in Groß­be­trie­ben ein bis zwei Arbei­ter in Auf­sichts­rä­te ent­sandt wer­den kön­nen und in Groß­be­trie­ben mit min­des­tens 500 Arbei­tern oder 100 Ange­stell­ten Bilan­zen sowie Gewinn- und Ver­lust­rech­nung vor­ge­legt wer­den müs­sen. Die Tri­bü­ne hier­zu: „Die Arbei­ter­schaft wird sich für die­se Ver­hun­zung ihres Bestre­bens nach Gleich­be­rech­ti­gung bedan­ken.”

Mit der Schein­de­mo­kra­ti­sie­rung der Betrie­be woll­ten sich also die Lin­ken nicht abfin­den.

Die Abstim­mung über das Betriebs­rä­te­ge­setz im Reichs­tag war beglei­tet von außer­par­la­men­ta­ri­schen Pro­tes­ten. Erneut gab es einen blu­ti­gen Ein­satz des Mili­tärs gegen eine Demons­tra­ti­on von Ber­li­ner Arbei­te­rin­nen und Arbei­tern. 30 bis 40 Demons­trie­ren­de ver­lo­ren dadurch ihr Leben.

Die Mann­hei­mer USPD und KPD hat­ten am Jah­res­tag der Ermor­dung Karl Lieb­knechts und Rosa Luxem­burgs, dem 15. Janu­ar 1920, ab 12 Uhr zu Pro­tes­ten auf­ge­ru­fen. Dage­gen appel­lier­te zwi­schen dem 13. und dem 15. Janu­ar die Volks­stim­me, die Zei­tung der Mehr­heits­so­zi­al­de­mo­kra­ten, nicht weni­ger als vier Mal an ihre Anhän­ger, sich weder an Demons­tra­tio­nen noch Streiks zu betei­li­gen.

Den­noch fei­er­ten die bei­den Zei­tun­gen von KPD und USPD, Rote Fah­ne und Tri­bü­ne, einen Erfolg: Sie ver­kün­de­ten, dass 18.000 Arbei­ter ihrem Auf­ruf gefolgt sei­en. Die Volks­stim­me zwei­fel­te die­se Zahl aller­dings stark an, sie sprach von 3.500 Demons­trie­ren­den.

Die Wut gegen das neue Betriebs­rä­te­ge­setz und über den Ein­satz des Mili­tärs in Ber­lin bei einer doch rein „wirt­schaft­li­chen“ Demons­tra­ti­on ver­band sich also mit der Kla­ge über die Ermor­dung Lieb­knechts und Luxem­burgs.

In Soli­da­ri­tät mit den ermor­de­ten demons­trie­ren­den Arbei­tern Ber­lins setz­te der Arbei­ter­aus­schuss bei Benz auf dem Wald­hof am 15. Janu­ar 1920 mor­gens um 10 Uhr eine Betriebs­ver­samm­lung an. Dort beschloss die Beleg­schaft die pas­si­ve Resis­tenz. Man war sich einig, dass es um das Natur­recht der sozia­lis­ti­schen Arbei­ter­schaft gehe. Die Beleg­schaft for­der­te die gesam­te Arbei­ter­schaft Mann­heims auf, sich eben­falls soli­da­risch zu erklä­ren. Auch die Beleg­schaft von Bopp & Reu­ther trat in pas­si­ve Resis­tenz.

Die revo­lu­tio­nä­ren Arbei­ter ver­lo­ren aller­dings auch die­se Aus­ein­an­der­set­zung um das Betriebs­rä­te­ge­setz. Sie schei­ter­ten mit ihrem Ziel, die Arbei­ter­kon­trol­le durch­zu­set­zen.

Mia Lindemann bei der Veranstaltung „Die Novemberrervolution vor 100 Jahren“ in Mannheim, 09. November 2018 (Foto: KIM)

Mia Lin­de­mann bei der Ver­an­stal­tung „Die Novem­ber­rer­vo­lu­ti­on vor 100 Jah­ren“ in Mann­heim, 09. Novem­ber 2018 (Foto: KIM)

2. Die Arbei­ter­par­tei­en
Der Aus­gang der damals durch­ge­führ­ten Wah­len – von der Gemein­de­rats­wahl im Mai 1919 über die Reichs­tags­wahl im Juni 1920 bis zur Land­tags­wahl 1921 – spie­gel­te trotz der Nie­der­la­gen unzwei­fel­haft eine Ver­ste­ti­gung und Orga­ni­sie­rung lin­ken Pro­tests wider. Den­noch kam es nie zu einer völ­li­gen Abwen­dung von der MSPD. Sie behielt immer eine kom­for­ta­ble Mehr­heit in Mann­heim.

Die KPD war von ihrer Grün­dung bis zum Hei­del­ber­ger Par­tei­tag im Okto­ber 1919 (der geheim auch in Mann­heim, Wein­heim und auf dem Dils­berg abge­hal­ten wur­de) ein illus­trer Hau­fen von Links­ra­di­ka­len, Intel­lek­tu­el­len und Syn­di­ka­lis­ten. Die Rote Fah­ne Mann­heim, die ab Febru­ar 1919 erschien, warb für den Ein­tritt in die Freie Ver­ei­ni­gung, eine syn­di­ka­lis­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on. Ab Okto­ber durf­ten sol­che Auf­ru­fe nicht mehr erschei­nen. Die Links­ra­di­ka­len wur­den aus­ge­schlos­sen. Mit die­ser umstrit­te­nen Poli­tik des KPD-Füh­rers Paul Levi, der wenig spä­ter selbst aus der KPD aus­ge­schlos­sen wur­de, berei­te­te sich die Par­tei auf die Ver­ei­ni­gung mit der Mas­sen­par­tei USPD vor. Im Okto­ber 1920, ent­schied sich der grö­ße­re Teil der „Unab­hän­gi­gen“ für den Zusam­men­schluss mit der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei.

Schon bei den Gemein­de­rats­wah­len im April 1919 schnitt die USPD in Mann­heim sehr viel bes­ser ab als im Janu­ar 1919. Sie kam auf 16,4 %, wur­de aber über­flü­gelt vom katho­li­schen Zen­trum mit 16,9 %, der DDP (Deut­sche Demo­kra­ti­sche Par­tei) mit 18,5 % und den Mehr­heits­so­zi­al­de­mo­kra­ten mit 36,4 %.

Bei der Reichs­tags­wahl im Juni 1920 fiel die Mann­hei­mer MSPD von 56 %, die sie im Janu­ar 1919 erreicht hat­te, zurück auf nur noch 30 %.

Die „Unab­hän­gi­gen“ erran­gen 20,6 % der Stim­men, die KPD ledig­lich 2,9 %. Der Wald­hof und die Neckar­stadt mit ihren vie­len Metall­ar­bei­ter­fa­mi­li­en waren die Hoch­bur­gen der „Unab­hän­gi­gen“.
Die Bevöl­ke­rung der als Arbei­ter­stadt­tei­le bekann­ten Gegen­den von Mann­heim gaben zu etwa 80 % ihre Stim­men den drei Arbei­ter­par­tei­en bei einer immer noch rela­tiv hohen Wahl­be­tei­li­gung von knapp 80 %.

Bei den bür­ger­li­chen Par­tei­en kam die DDP bei den Reichs­tags­wah­len 1920 nur noch auf 9 %, wäh­rend die noch rech­te­ren bür­ger­li­chen Par­tei­en wuch­sen. Die DVP (Deut­sche Volks­par­tei) errang 13 % und die DNVP (Deutsch­na­tio­na­le Volks­par­tei) fast 8 %.1 Ein deut­li­cher Rechts­ruck im bür­ger­li­chen Lager.

3. Den Krieg fort­füh­ren …
Unab­läs­sig trom­mel­te der Gene­ral­an­zei­ger, Mann­heims größ­te Zei­tung, gegen die „Bedro­hung“ Deutsch­lands durch die „Bol­sche­wis­ten“ und „Spar­ta­kis­ten“, gegen die Här­te der Waf­fen­still­stands­be­din­gun­gen, gegen den „Schmach­frie­den“ von Ver­sailles und für die Ver­tei­di­gung des Vater­lan­des.

Mit Pla­ka­ten und Zei­tungs­an­non­cen wur­den ehe­ma­li­ge Offi­zie­re und Sol­da­ten für den „Schutz der Ost­gren­ze“ gewor­ben. Tat­säch­lich ging es um die Bekämp­fung des „Bol­sche­wis­mus“, inner­halb und außer­halb der Repu­blik.

Man unter­lief damit die Auf­la­ge der Alli­ier­ten, das Heer auf 100.000 Sol­da­ten zu ver­rin­gern. Gene­ral Lütt­witz stell­te sich offen gegen die­se Auf­la­ge der Alli­ier­ten.

Im Osten des Reichs, im Bal­ti­kum, sam­mel­ten sich kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re Trup­pen gegen die Repu­blik. Groß­in­dus­tri­el­le unter­stütz­ten finan­zi­ell die Frei­korps, mili­tä­ri­sche Ver­bän­de, in denen sich beson­ders vie­le rechts­ra­di­ka­le ehe­ma­li­ge Offi­zie­re der Reichs­wehr wie­der­fan­den.

Am 20. Sep­tem­ber 1919 zitier­te die Tri­bü­ne einen Vor­wärts-Arti­kel, in dem ein Sozi­al­de­mo­krat berich­te­te, „in der Schreib­stu­be des Kapi­tän Stö­wer in Kur­land prang­ten gro­ße Pla­ka­te, die besag­ten, dass man kämp­fe für das Kai­ser­reich, gegen die Demo­kra­tie, dass man Noske mit sei­nen Sol­da­ten nie­der­kämp­fen wer­de. Man wer­de die ver­damm­te demo­kra­ti­sche Regie­rung mit all ihren Juden ver­ja­gen und für die nöti­gen Pogro­me sor­gen. Das Kai­ser­reich wer­de wie­der auf­ge­rich­tet und dann sol­len die Sozi­al­de­mo­kra­ten sehen, wie die Deut­schen Ord­nung machen.“

Dass dies kei­ne Ein­tags­flie­ge war, son­dern tat­säch­lich den Plä­nen rechts­ge­rich­te­ter Mili­tärs – ins­be­son­de­re den Vor­stel­lun­gen des Gene­rals Luden­dorff – ent­sprach, wuss­te man damals nur in den ent­spre­chen­den Krei­sen, aber in der Tri­bü­ne – und sicher­lich eben­so ande­ren Zei­tun­gen der „Unab­hän­gi­gen“ – wur­de bestän­dig davor gewarnt.

4. Wer pro­pa­gier­te Mili­ta­ris­mus und Natio­na lis­mus in Mann­heim?
In Mann­heim hat­ten sich gleich nach der Revo­lu­ti­on die ver­schie­de­nen libe­ra­len Par­tei­en (Fort­schritt­li­che Volks­par­tei und Natio­nal­li­be­ra­le Par­tei) des Kai­ser­reichs in der DDP ver­ei­nigt, aber bald schon scher­te die Deut­sche Libe­ra­le Volks­par­tei nach rechts aus (die frü­he­ren Natio­nal­li­be­ra­len um Julie Bas­ser­mann), noch wei­ter rechts grün­de­ten sich Orts­ver­bän­de der DVP und DNVP (Land­ge­richts­di­rek­tor Alfred Hane­mann).

Ihr gemein­sa­mes Sprach­rohr war der Gene­ral­an­zei­ger. Die Fort­dau­er des Mili­ta­ris­mus war offen­kun­dig.

Die bür­ger­lich-sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Regie­rung Badens warb wie alle deut­schen Lan­des­re­gie­run­gen für die Auf­stel­lung von „Ein­woh­ner­weh­ren“, offen­sicht­lich mit dem Ziel der inne­ren Auf­stands­be­kämp­fung. Das sorg­te bei den „Unab­hän­gi­gen“ für gro­ße Unru­he, zumal ihnen gemein­sam mit den Kom­mu­nis­ten der Zutritt ver­wehrt wur­de.

5. Kriegs­schuld und Ver­sail­ler Ver­trag
Am 24. April 1919 fand im Nibe­lun­gen­saal des Rosen­gar­tens eine Ver­an­stal­tung mit dem evan­ge­li­schen Pre­di­ger Hart­wich aus Bre­men statt, der die Schuld Deutsch­lands am Krieg leug­ne­te. Zu sei­ner Erzäh­lung gehör­te auch, dass die Sol­da­ten sieg­reich auf dem Schlacht­feld gewe­sen waren, aber die Hei­mat ihnen in den Rücken gefal­len sei (Dolch­stoß­le­gen­de).

Auch die­ses The­ma war nicht neu, son­dern gehör­te zum Pro­pa­gan­da­re­per­toire der Mili­tärs und der Rech­ten in Deutsch­land seit Ende des Krie­ges.

Ein wei­te­res The­ma nach dem Waf­fen­still­stand im Novem­ber 1918 war in der Spra­che der Rech­ten und auch in der des Gene­ral­an­zei­gers der dro­hen­de „Schmach­frie­den“ und die „Ver­ge­wal­ti­gung Deutsch­lands“. Es gab dort kei­ne Erin­ne­rung an das viel här­te­re Frie­dens­dik­tat, das Deutsch­land 1918 in Brest-Litowsk der rus­si­schen Revo­lu­ti­ons­re­gie­rung auf­ge­zwun­gen hat­te, oder an die har­ten Frie­dens­be­din­gun­gen, die Deutsch­land Frank­reich 1871 auf­er­legt hat­te.

Nach Bekannt­wer­den der Bedin­gun­gen des Frie­dens­ver­trags von Ver­sailles explo­dier­te die­se Stim­mung. Quer durch alle Par­tei­en sprach man von „Gewalt­frie­den“.

Selbst die MSPD-Füh­rung woll­te auf kei­nen Fall die­sem Frie­dens­ver­trag zustim­men. Am lau­tes­ten tön­te so Phil­ipp Schei­de­mann. In Baden ver­trat die­se Rich­tung Adam Rem­me­le, badi­scher Innen­mi­nis­ter und ehe­ma­li­ger Redak­teur der Mann­hei­mer Volks­stim­me. Auf einer mehr­heits­so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Ver­an­stal­tung argu­men­tier­te er am 17. Mai im Rosen­gar­ten vor 2.500 Anwe­sen­den dem­entspre­chend.

Eine bür­ger­li­che Kund­ge­bung gegen die „uner­hört grau­sa­men Bedin­gun­gen des gegen uns beab­sich­tig­ten Gewalt­frie­dens“ wur­de für den 20. Mai ange­setzt. Hier nah­men 5.000 Men­schen teil. Der Gene­ral­an­zei­ger for­der­te: Kein Frie­den ohne Kolo­nien!

Es war eine völ­lig nutz­lo­se Hys­te­rie, weil der Frie­dens­ver­trag unter­schrie­ben wer­den muss­te, es gab kei­ne deut­sche Armee mehr, die sich den Alli­ier­ten hät­te ent­ge­gen­stel­len kön­nen. Aber die gro­ße Pro­test­kam­pa­gne gegen den Ver­sail­ler Ver­trag, die der Außen­mi­nis­ter Graf von Brock­dorff-Rant­zau hat­te füh­ren las­sen, hat­te sicher­lich eine Ziel­rich­tung – das Schü­ren natio­na­ler Res­sen­ti­ments bis weit in die Arbei­ter­be­we­gung hin­ein.

Wie reagier­ten die Mann­hei­mer Arbei­te­rin­nen und Arbei­ter?

Der „Akti­ons­aus­schuss zur Eini­gung des Pro­le­ta­ri­ats“, in dem sich für kur­ze Zeit alle drei Arbei­ter­par­tei­en unter dem Vor­sitz des Mehr­heits­so­zi­al­de­mo­kra­ten Georg Kreis zusam­men­ge­fun­den hat­ten, reagier­te mit größt­mög­li­cher poli­ti­scher Ver­nunft: „Es darf im Inter­es­se der Mensch­lich­keit nur eines geben: den Ver­trag um des Frie­dens wil­len trotz sei­ner unge­heu­ren Här­ten zu unter­zeich­nen! Die Waf­fen nie­der!“

Der Akti­ons­aus­schuss hat­te zu einer Mas­sen­kund­ge­bung am 21. Juni 1919 auf­ge­ru­fen. Lei­der wis­sen wir nicht, wie groß die­se Mas­sen­kund­ge­bung gewor­den wäre, weil infol­ge der Lebens­mit­tel­un­ru­hen am glei­chen Tag die Ver­an­stal­tung nicht statt­fin­den durf­te. Aber der Akti­ons­aus­schuss hat­te schon am 1. Mai 50.000 Men­schen auf die Stra­ße gebracht, ver­mut­lich wären es wie­der vie­le Tau­send gewor­den.

Mia Lindemann bei der Veranstaltung „Die Novemberrervolution vor 100 Jahren“ in Mannheim, 09. November 2018 (Foto: KIM)

Mia Lin­de­mann bei der Ver­an­stal­tung „Die Novem­ber­rer­vo­lu­ti­on vor 100 Jah­ren“ in Mann­heim, 09. Novem­ber 2018 (Foto: KIM)

6. Gene­ral­streik und Betriebs­be­set­zun­gen gegen Rechts­putsch
Als im Janu­ar 1920 der Ver­sail­ler Frie­dens­ver­trag in Kraft trat, ver­lang­ten die Alli­ier­ten die Auf­lö­sung der Frei­korps und bestimm­ter Trup­pen­ver­bän­de. Dar­auf­hin putsch­ten am 13. März 1920 rechts­ra­di­ka­le Krei­se zusam­men mit Mili­tärs wie den Gene­rä­len Lütt­witz und Luden­dorff gegen die Reichs­re­gie­rung.

Aber das Mili­tär war nicht ins­ge­samt auf der Sei­te der Put­schis­ten und wei­te Tei­le der Minis­te­ri­al­bü­ro­kra­tie eben­falls nicht. Die Gewerk­schaf­ten rie­fen zum Gene­ral­streik auf, und der Putsch brach am 17. März zusam­men.

Als der Putsch in Mann­heim bekannt wur­de, schrieb die Volks­stim­me der MSPD, „lie­ßen sich die Arbei­ter­mas­sen in den gro­ßen Betrie­ben nicht mehr hal­ten“.

Im Rosen­gar­ten fand eine Ver­samm­lung statt, in wel­cher die Red­ner der links­ste­hen­den Par­tei­en zu ener­gi­schen Gegen­maß­nah­men auf­for­der­ten. Adolf Schwarz von den „Unab­hän­gi­gen“ führ­te die Gescheh­nis­se auf die Ver­trau­ens­se­lig­keit der bis­he­ri­gen Regie­rung und eines gro­ßen Tei­les der Arbei­ter­schaft zurück. Der Gene­ral­streik sei eine stump­fe Waf­fe, die Arbei­ter müss­ten in die Betrie­be zurück­keh­ren. Es gel­te die Macht­er­grei­fung des revo­lu­tio­nä­ren Pro­le­ta­ri­ats vor­zu­be­rei­ten.

Der DMV schrieb: „Eine sozia­lis­ti­sche Repu­blik! Das ist unser Ziel!“ Tat­säch­lich ging es um die Kon­trol­le der Pro­duk­ti­on in den Betrie­ben.

Es wur­den in 43 Mann­hei­mer Betrie­ben revo­lu­tio­nä­re Betriebs­rä­te gewählt, ein revo­lu­tio­nä­rer Arbei­ter­rat sowie ein Akti­ons­aus­schuss der revo­lu­tio­nä­ren Betriebs­rä­te aus USPD, KPD und FAU (Freie Arbei­ter­uni­on - Syn­di­ka­lis­ten) gebil­det.

Ent­spre­chen­des geschah auch in vie­len ande­ren Städ­ten des Reichs. Im Ruhr­ge­biet wur­de sogar eine Rote Armee auf­ge­stellt. Jedoch wand­te sich die nach Ber­lin zurück­ge­kehr­te bür­ger­lich-sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Regie­rung schnell der Auf­ga­be zu, die Auf­stän­de von links mit den soeben durch den Putsch dis­kre­di­tier­ten Trup­pen zu unter­drü­cken.

In Mann­heim wur­den fünf Groß­be­trie­be der Metall­in­dus­trie besetzt, dar­un­ter Benz und Bopp & Reu­ther. Die For­de­rung lau­te­te auf Aner­ken­nung der Revo­lu­tio­nä­ren Betriebs­rä­te – gemeint war damit: gleich­be­rech­tig­te Mit­wir­kung in allen Fra­gen des Ein- und Ver­kaufs, der Pro­duk­ti­on, der Ein­stel­lung und Ent­las­sung von Arbeits­kräf­ten sowie Gewinn­be­tei­li­gung. Zudem for­der­ten sie die Bezah­lung der Streik­ta­ge. Die Kapi­tal­sei­te blieb jedoch hart und reagier­te mit Aus­sper­rung und der Ent­las­sung sämt­li­cher Arbei­ter und Arbei­te­rin­nen. Die Beleg­schaf­ten ver­schaff­ten sich trotz­dem Zugang zu den Betrie­ben und arbei­te­ten wei­ter. Sie for­der­ten die Füh­rungs­kräf­te auf, eben­falls ihre Pflicht zu tun. Iro­nisch schrieb der revo­lu­tio­nä­re Betriebs­rat von Benz: „Wenn Sie gewillt sind, als gleich­be­rech­tig­te Män­ner mit uns zu wir­ken, nicht für den Geld­beu­tel Ein­zel­ner, son­dern für das Wohl der All­ge­mein­heit, – wir sind bereit! Ihre pas­si­ve Resis­tenz soll bezahlt wer­den!“

Doch fehl­te die Unter­stüt­zung sei­tens der mehr­heits­so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Arbei­ter, es gab auch von außen kei­ne Unter­stüt­zung und kei­ne Aus­sicht auf Erfolg. So brach auch die­se vor­erst letz­te revo­lu­tio­nä­re Erhe­bung in Mann­heim zusam­men.

In Ver­hand­lun­gen zwi­schen den Gewerk­schaf­ten und dem Arbeit­ge­ber­ver­band wur­de erreicht, dass „nur“ 50 der Akti­ven ihre Arbeits­plät­ze ver­lo­ren. Bit­ter genug!

Aus­drück­lich ver­lang­ten die Unter­neh­mer, dass Betriebs­ver­samm­lun­gen nur noch mit ihrer Geneh­mi­gung und nicht zu poli­ti­schen Zwe­cken abge­hal­ten wer­den durf­ten.

Den­noch blieb Mann­heim eine „rote Hoch­burg“.

* [Der hier vor­lie­gen­de Auf­satz ist die gekürz­te und über­ar­bei­te­te Fas­sung eines Vor­trags, den unse­re Autorin am 20. Novem­ber 2019 im Mar­chi­vum, dem Mann­hei­mer Stadt­ar­chiv, gehal­ten hat.
Ein wei­te­rer Arti­kel Mia Lin­de­manns über die poli­ti­schen und sozia­len Bewe­gun­gen der dama­li­gen Zeit wur­de unter dem Titel „100 Jah­re Novem­ber­re­vo­lu­ti­on 1918“ in der Bei­la­ge zu Avan­ti², Nr. 52 von Dezem­ber 2018 (iso-4-rhein-neckar.de/no), ver­öf­fent­licht.]
1 Chris­toph Popp, „Die Wei­ma­rer Repu­blik“; in: Niess/Caroli, Geschich­te der Stadt Mann­heim, Bd. III, 2009, S. 61.
Theo­rie­bei­la­ge der Avan­ti² Rhein-Neckar Janu­ar 2020
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