Mitgliederbonus statt Konfliktbereitschaft
H. S.
Im Sommer 2024 hat die Gewerkschaft IGBCE die Durchsetzung eines Mitgliederbonus gefeiert. Erstmals sei es gelungen, im Flächentarifvertrag der Chemie- und Pharmaindustrie einen Mitgliederbonus für Gewerkschaftsmitglieder durchzusetzen. Dieser Bonus beinhaltet einen zusätzlichen Urlaubstag pro Jahr, sowie einen weiteren freien Tag, wenn Mitglieder 10, 25, 40 und 50 Jahre in der Gewerkschaft sind.
Die Vorteilsregelung für Gewerkschaftsmitglieder soll aus Sicht der Gewerkschaft die „Trittbrettfahrerei“ einschränken und bewirken, dass aufgrund des anhaltenden Mitgliederschwundes wieder mehr Beschäftigte in die Gewerkschaft eintreten.
Der Hintergrund ist: Obwohl sie nicht gewerkschaftlich organisiert sind, profitieren die Unorganisierten dennoch bisher im gleichen Umfang von den Tarifverträgen wie IGBCE-Mitglieder. Die tarifgebundenen Unternehmen wenden nämlich die Tarifverträge nicht nur auf die Gewerkschaftsmitglieder an, sondern auf die gesamte Belegschaft.
Zu denken gibt allerdings das Lob der Kapitalseite. Sie bezeichnet den Bonus als ein Zeichen der Wertschätzung, mit dem das ehrenamtliche Engagement der Gewerkschafter:innen in deren Freizeit belohnen werde (so Matthias Bürk, Verhandlungsführer des Bundesarbeitgeberverbands Chemie, im Spiegel vom 26. Juni 2024).
Dieses Lob der Gegenseite für gewerkschaftliches Engagement ist vergiftet. Es bezieht sich darauf, dass die Gewerkschaft bislang ihre seltenen Tarifaktionen − von Streiks kann schon gar keine Rede sein − im Wesentlichen während der Freizeit der Beschäftigten durchgeführt und damit finanziellen Druck auf die Firmen durch Aktionen während der Arbeitszeit vermieden hat.
Eben dieses Verhalten der Gewerkschaft soll aufrechterhalten werden und mit dem Mitgliederbonus belohnt werden.
Das kapitalfreundliche Handelsblatt bringt in seiner Ausgabe vom 26.06.2024 auf den Punkt, um was es tatsächlich geht: „Davon [vom Mitgliederbonus, Red.] profitieren im Übrigen auch die Arbeitgeber. Denn sonst könnte die traditionell zahme Chemiegewerkschaft versucht sein, mehr auf Arbeitskämpfe als Instrument der Mitgliedergewinnung zu setzen.“ Und weiter: „Der zusätzliche Urlaubstag ist also der Preis dafür, die auf Ausgleich bedachte Sozialpartnerschaft in der Chemiebranche zu erhalten. Und nur weil dort der Kompromiss seit jeher höher geschätzt wird als der Krawall, war eine solche Einigung überhaupt möglich.“
Der Mitgliederbonus ist offensichtlich der Judaslohn für den Verzicht auf wirksame Arbeitskampfmaßnahmen.
