Klat­schen reicht nicht …“

Inter­view mit einer gewerk­schaft­lich orga­ni­sier­ten Altenpflegerin

 

In Deutsch­land leben rund 3,5 Mil­lio­nen Pfle­ge­be­dürf­ti­ge. Über 600.000 Alten­pfle­ge­rIn­nen und Alten­pfle­ge­hel­fe­rIn­nen arbei­ten offi­zi­ell in rund 14.500 sta­tio­nä­ren Pfle­ge­hei­men und bei über 14.000 ambu­lan­ten Pfle­ge­diens­ten. Durch COVID-19 ist ihre gesell­schaft­li­che Bedeu­tung deut­li­cher gewor­den. Wir haben mit einer Alten­pfle­ge­rin gesprochen.

Kundgebung am 1. Mai auf dem Marktplatz in Mannheim (Foto: Barbara Straube)

Kund­ge­bung am 1. Mai auf dem Markt­platz in Mann­heim (Foto: Bar­ba­ra Straube)

Freust Du Dich über den aktu­el­len Bei­fall und die ver­ba­le Aner­ken­nung für die in der Pfle­ge täti­gen KollegInnen?
Ganz ehr­lich? Ich sehe die­ses Klat­schen der Men­schen einer­seits als Dank, aber mehr noch als Durch­hal­te­pa­ro­le. So nach dem Mot­to „Ihr seid gut, wei­ter so, wir könn­ten Euch brau­chen“. Und wenn Poli­ti­ke­rIn­nen auf­ste­hen, klat­schen und loben­de Wor­te für uns haben, da wird es mir übel.

Wie sind die Arbeits­be­din­gun­gen in der Altenpflege?
In sehr vie­len Häu­sern, über­haupt denen der pri­va­ten Ket­ten, sehr schlecht. Es fehlt an Per­so­nal, auch an qua­li­fi­zier­ten Kol­le­gIn­nen. Es man­gelt an Hilfs­mit­teln (etwa Auf­steh­hil­fen) und an Mate­ri­al (Inkon­ti­nenz­pro­duk­ten, Bett­wä­sche, Hand­tü­chern …). Es gibt kei­nen ver­läss­li­chen Dienst­plan. Gewerk­schaf­te­rIn­nen sind nicht ger­ne gese­hen. Es gibt meist kei­ne Betriebs­rä­te, Gewerk­schafts­mit­glie­der wer­den nicht sel­ten gemobbt.

Ich höre immer wie­der von Kol­le­gIn­nen, die allei­ne im Nacht­dienst 50 bis 60 Men­schen zu ver­sor­gen haben.

Machen sol­che Belas­tun­gen krank?
Vie­le mei­ner Kol­le­gIn­nen sind sowohl psy­chisch als auch phy­sisch „kaputt“. Bur­nout ist sehr häu­fig anzu­tref­fen. Ich selbst arbei­te in einem kom­mu­na­len Haus und habe rela­tiv gute Arbeits­be­din­gun­gen. Trotz­dem bin ich durch die Arbeit 50 % schwer­be­hin­dert. Es geht eben auf die Kno­chen, in die Gelen­ke, trotz aller mecha­ni­schen Hil­fen. Die gibt es eben nicht für alle Maßnahmen.

Ist es mög­lich, gesund in Ren­te zu gehen?
Nein. Jeden­falls nicht, wenn Du am Bett stehst.

Ist die Bezah­lung ausreichend?
Es kommt dar­auf an, wo Du arbei­test und ob Du nach Tarif­ver­trag für den öffent­li­chen Dienst (TVöD) bezahlt wirst. Nicht weni­ge Kol­le­gIn­nen gehen mit 2.500 Euro brut­to nach Hause.

Mit wel­cher Ren­te kannst Du dann rechnen?
Ich wer­de rund 1.400 Euro brut­to bekom­men, aber nur weil ich auch noch ein paar Euro aus der Zusatz­ver­sor­gungs­kas­se erhal­te und nach TVöD bezahlt werde.

Wer nur nach Min­dest­lohn ver­gü­tet wird, wie sehr vie­le mei­ner Kol­le­gIn­nen, müss­te bei einer 35-Stun­den­wo­che 53 Jah­re lang arbei­ten, um eine Ren­te in Höhe der Grund­si­che­rung zu bekom­men. Aktu­ell sind das 814 Euro.

Wie soll­te gesell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung für die in der Alten­pfle­ge Täti­gen aussehen?
Die poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen müs­sen Schluss machen mit dem Pri­va­ti­sie­ren und Pri­va­ti­sier­tes zurück in öffent­li­che Hän­de geben.

Unse­re ver­ant­wor­tungs­vol­le Arbeit muss finan­zi­ell aner­kannt wer­den – auch in Hin­blick auf die Ren­te. Dann wer­den mehr Men­schen unse­ren Beruf erler­nen wol­len. Mit mehr Per­so­nal kön­nen auch die Arbeits­be­din­gun­gen ver­bes­sert werden.

Die Ver­ant­wor­tung hier­für darf nicht an Pfle­ge­kam­mern abge­ben wer­den, die wir bezah­len, die uns noch mehr kon­trol­lie­ren und sank­tio­nie­ren. Dadurch wer­den unse­re Arbeits­be­din­gun­gen ver­schlech­tert statt verbessert.

Dies führt dazu, dass noch mehr Beschäf­tig­te den „Pfle­xit“ neh­men. Ande­re, so wie ich, wer­den den neh­men, sobald die Kam­mer auch in Baden-Würt­tem­berg von der Grün-Schwar­zen Lan­des­re­gie­rung eta­bliert wird.

Gute Pfle­ge (das gesam­te Gesund­heits­sys­tem) ist aus Steu­er­mit­teln zu bezah­len. Davon hät­ten wir alle was.

Und für die zu Pflegenden?
Nur mit genü­gend Per­so­nal kann eine ganz­heit­li­che Pfle­ge durch­ge­führt wer­den. Aktu­ell kön­nen in vie­len Hei­men wich­ti­ge Pro­phy­la­xen wegen Zeit­man­gels nicht durch­ge­führt wer­den: zum Bei­spiel regel­mä­ßi­ger Lie­ge­po­si­ti­ons­wech­sel zur Deku­bi­tus­pro­phy­la­xe – also Ver­hin­de­rung des „Wund­lie­gens“.

Es könn­te über­all akti­vie­ren­de Pfle­ge durch­ge­führt wer­den. Das heißt, die zu Pfle­gen­den wer­den ermu­tigt, so viel als mög­lich eigen­stän­dig zu tun. So wer­den Gesund­heit und Selb­stän­dig­keit erhal­ten oder sogar geför­dert. Aber das kos­tet viel Zeit. Und die gibt es in vie­len Häu­sern und bei den mobi­len Diens­ten nicht. Alles ist nach Minu­ten getak­tet, und zudem erfor­dert der immer mehr wer­den­de Papier­kram viel Zeit, die dann für die Men­schen fehlt.

Mit wem kön­nen die Ver­hält­nis­se in der Alten­pfle­ge grund­le­gend ver­bes­sert wer­den?
Mit der Gewerk­schaft, nur müss­ten sich da mehr Kol­le­gIn­nen orga­ni­sie­ren. Vie­le sind nicht orga­ni­siert, weil sie auf jeden Cent schau­en müssen.

Und natür­lich mit einer Regie­rung, die nicht dar­auf hört, was Lob­by­is­ten ihr ein­flüs­tern. Einer Regie­rung, die also den Mensch und nicht den Pro­fit in den Mit­tel­punkt stellt.

Zum Schluss möch­te ich noch sagen, dass ich bun­des­weit mit vie­len Kol­le­gIn­nen ver­knüpft bin. Dadurch bekom­me ich sehr viel mit von deren Arbeits­be­din­gun­gen. Ich fra­ge mich bei vie­len – auch bei mei­nen Kol­le­gIn­nen im Kran­ken­haus –, wie sie das alles schaffen …

[Die Fra­gen stell­te W.A.]

Aus Avan­ti² Rhein-Neckar Juni 2020
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