Links! Links! Links! (I)*

 

Unse­re Genos­sin Bär­bel wird 90!
Am 20. Mai 2026 fei­ert unse­re Freun­din und Genos­sin Bar­ba­ra Schulz ihren 90. Geburts­tag. Wir freu­en uns sehr, aus die­sem Anlass Bär­bels Arti­kel „Links! Links! Links!“ über heu­te kaum noch bekann­te rus­si­sche Lite­ra­tur wie­der ver­öf­fent­li­chen zu können.

 

B. S.

In den beweg­ten Jah­ren der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on gab es ein viel­fäl­ti­ges Kul­tur­le­ben. Musik, Thea­ter, Male­rei und beson­ders die Lite­ra­tur waren expe­ri­men­tier­freu­dig und somit viel­fäl­tig. Die Künstler:innen hat­ten in den Zwan­zi­ger Jah­ren Kon­tak­te im und zum Aus­land. Ich möch­te Neu­gier wecken mit eini­gen Bei­spie­len aus der Lite­ra­tur, die ich per­sön­lich sehr ein­drucks­voll finde.

Barbara Schulz in Hamburg, 1. Juni 2024. (Foto: Foto: Avanti².)

Bar­ba­ra Schulz in Ham­burg, 1. Juni 2024. (Foto: Foto: Avanti².)

Wla­di­mir Majakowski
Wla­di­mir Maja­kow­ski wid­met 1918 sei­nen Text „Lin­ker Marsch“ den Matro­sen. Die vier mar­tia­li­schen Stro­phen, die sich gegen den „bri­ti­schen Löwen“, gegen die „Entente“ wen­den und die Kraft der Kom­mu­ne besin­gen, mün­den in der Auf­for­de­rung: Links! Links! Links!

Maja­kow­ski (1893 – 1930) soll schon als Fünf­zehn­jäh­ri­ger Par­tei­ar­beit geleis­tet haben. Er war, wie vie­le sei­ner kunst­be­ses­se­nen Zeit­ge­nos­sen, viel im Aus­land. Er war über­zeugt: „Ohne revo­lu­tio­nä­ren Kampf kei­ne revo­lu­tio­nä­re Kunst.“

In Ilja Ehren­burgs Auto­bio­gra­phie Men­schen Jah­re Leben wird sein Wir­ken ein­ge­hend beschrie­ben. Maja­kow­ski rezi­tier­te sei­ne Gedich­te auf der Büh­ne, beson­ders vehe­ment den Lin­ken Marsch. Er bezeich­ne­te sei­ne Schreib­wei­se selbst als „kom­mu­nis­ti­schen Futurismus.“

Maria Zwet­a­nowa sag­te von ihm: „Leb­te wie ein Mensch, starb wie ein Dich­ter“; er schoss sich 1930 „selbst ins Herz.“ Ende der Zwan­zi­ger Jah­re hat­te Maja­kow­ski die büro­kra­ti­sche Ent­wick­lung in der UdSSR kritisiert.

Isaak Babel
Von beson­de­rer Bedeu­tung ist für mich Isaak Babel (1894 - 1941). In sei­ner Samm­lung von Tex­ten beschreibt er das Leben und Kämp­fen in Bud­jon­nys Rei­ter­ar­mee. Er selbst war Teil die­ser Kosa­ken­trup­pe und hat ihre Kämp­fe und das Kriegs­ge­sche­hen in einer Art poe­ti­schem Rea­lis­mus beschrieben.

Der News­kij-Pro­spekt floß wie eine Milch­stra­ße in die Fer­ne. Pfer­de­ka­da­ver mar­kier­ten ihn wie Werst­stei­ne. Mit hoch­ge­reck­ten Bei­nen stütz­ten sie den nied­rig hän­gen­den Him­mel. Ihre auf­ge­ris­se­nen Lei­ber waren blank und glänzend.“

Gene­ral Bud­jon­ny woll­te, dass Babels Tex­te ver­brannt wer­den. Er betrach­te­te die Dar­stel­lung als dif­fa­mie­rend. Aber Maxim Gor­ki wie­gel­te ab, Bud­jon­ny habe das Buch „von der Höhe des Pfer­de­rü­ckens“ betrach­tet, nicht „von der Höhe der Kunst“.

Babel wur­de beschul­digt, sich in Paris mit Trotz­kis­ten abge­ge­ben zu haben, er ist ver­mut­lich im Gefäng­nis getö­tet wor­den, offi­zi­ell starb er 1941 im Lager. Er wur­de aber nach Sta­lins Tod beim Zwei­ten Schrift­stel­ler­kon­gress 1954 rehabilitiert.

Anna Ach­ma­towa
In mei­ner sub­jek­ti­ven Aus­wahl befin­det sich nur eine Frau: Anna Ach­ma­towa (1889 - 1966), die von Zeit­ge­nos­sen die „größ­te rus­si­sche Dich­te­rin“ genannt wur­de. Sie ist älter gewor­den als die meis­ten ihrer männ­li­chen Gefähr­ten, war drei­mal ver­hei­ra­tet, zwei ihrer Män­ner waren in Haft, der ein­zi­ge Sohn war eben­falls eingekerkert.

Es wird berich­tet, dass sie oft mit ande­ren Frau­en vor den Gefäng­nis­to­ren stand, um ein Nah­rungs­päck­chen für die Inhaf- tier­ten abzu­ge­ben. Dabei wur­de sie, die vie­le Lie­bes­ge­dich­te geschrie­ben hat, gefragt, ob sie die Situa­ti­on beschrei­ben kön­ne. Sie konnte!

Hier vier Ver­se des Epi­logs zu ihrem Requiem:
„Ich kann­te vie­le früh gewelk­te Frauen
Von Schre­cken, Furcht, Ent­set­zen ausgeglüht.
Des Lei­dens Keil­schrift sah ich eingehauen
Auf Stirn und Wan­gen, die noch kaum geblüht.“

Wie vie­le ande­re Schrei­ben­de war sie von den Repres­sa­li­en der Sta­lin­zeit betrof­fen, mit dem Aus­schluss aus dem Schrift­stel­ler­ver­band, Schreib­ver­bot und der Ver­nich­tung zwei­er Gedicht­bän­de. Des­halb arbei­te­te sie zeit­wei­lig an Übersetzungen.

Die „Tau­wet­ter­pe­ri­ode“ nach Sta­lins Tod und ihre Reha­bi­li­ta­ti­on ermög­lich­ten ihr wie­der die gewohn­te Arbeit. „Anna von ganz Russ­land“, so Mari­na Zweta­je­wa, starb 1966. Zwei Astro­nom­in­nen ver­lie­hen ihr zu Ehren dem Klein­pla­ne­ten 3067 den Namen Achmatowa!


* [Teil II folgt in Avan­ti², Nr. 142. Ursprüng­lich ist die­ser Text erschie­ne­nen in der Rhein-Neckar Bei­la­ge zur Avan­ti von Okto­ber 2017.]

Aus Avan­ti² Rhein-Neckar Mai 2026
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