„Wider­stand, Rebel­li­on, unbe­grenz­te Solidarität“*

 

Ernest Man­del


Redak­tio­nel­le Vorbemerkung

Unser Genos­se Ernest Man­del wur­de am 5. April 1923 in Frank­furt am Main gebo­ren. Sei­ne Eltern, deut­sche Emi­gran­ten jüdi­scher Her­kunft, leb­ten damals bereits im bel­gi­schen Ant­wer­pen. Dort wuchs Ernest auch auf.

Sei­ne Jugend wur­de über­schat­tet vom poli­ti­schen Ver­sa­gen von Sozi­al­de­mo­kra­tie und Sta­li­nis­mus im Kampf gegen den deut­schen Faschis­mus. 1933 ermög­lich­te die Errich­tung der Nazi-Dik­ta­tur die Zer­schla­gung der bedeu­tends­ten Arbei­ter­be­we­gung der dama­li­gen kapi­ta­lis­ti­schen Welt. Die ver­hee­ren­den Fol­gen die­ser his­to­ri­schen Nie­der­la­ge wir­ken bis heu­te nach.

Ernest Man­dels links­op­po­si­tio­nel­le Fami­li­en­tra­di­ti­on, der Kon­takt mit klas­sen­be­wuss­ten Ant­wer­pe­ner Arbei­tern und mit deut­schen „trotz­kis­ti­schen“ Flücht­lin­gen, die die Wider­stands­zei­tung Unser Wort her­aus­ga­ben, erleich­ter­ten ihm die poli­ti­sche Orientierung.

Mit 17 Jah­ren trat Ernest Man­del der Revo­lu­tio­när Sozia­lis­ti­schen Par­tei (bel­gi­sche Sek­ti­on der IV. Inter­na­tio­na­le) bei und enga­gier­te sich in der Résis­tance gegen die faschis­ti­sche Besat­zung Bel­gi­ens. Meh­re­re Male wur­de er von der Gesta­po fest­ge­nom­men, schließ­lich vor ein deut­sches Mili­tär­tri­bu­nal gestellt und 1944 ins „Reich“ depor­tiert. Zu sei­nem Glück stuf­ten ihn die Faschis­ten als „Poli­ti­schen“ und nicht als Juden ein. lm April 1945 konn­te er aus einem Lager für Zwangs­ar­bei­ter bei Köln zurück nach Bel­gi­en fliehen.

Noch wäh­rend des Krie­ges unter­stütz­te er die Arbeit des im Unter­grund gebil­de­ten Euro­päi­schen Sekre­ta­ri­ats der IV. Inter­na­tio­na­le. Ab 1946 bis zu sei­nem Tod wur­de er immer wie­der in die inter­na­tio­na­le Lei­tung unse­rer Orga­ni­sa­ti­on gewählt.

Von 1954 bis 1962 arbei­te­te Ernest Man­del als Sach­ver­stän­di­ger in der wirt­schaft­li­chen Stu­di­en­kom­mis­si­on des bel­gi­schen Gewerk­schafts­ver­ban­des FTGB. Er war einer der Haupt­be­ra­ter des stell­ver­tre­ten­den Gene­ral­se­kre­tärs des FTGB und Füh­rers der Gewerk­schafts­lin­ken, André Renard.

Neben sei­ner gewerk­schaft­li­chen Tätig­keit betei­lig­te sich Ernest Man­del an der Grün­dung der links­so­zia­lis­ti­schen Zei­tung La Gau­che und wur­de deren Chef­re­dak­teur. Für die inter­na­tio­na­le sozia­lis­ti­sche Pres­se schrieb er unge­zähl­te Arti­kel – so auch für deut­sche Zeit­schrif­ten wie Pro und Con­tra oder Sozia­lis­ti­sche Politik.

Ernest Man­del war ein wis­sen­schaft­li­cher Kopf von Welt­rang, der Ver­tre­ter eines „offe­nen Mar­xis­mus“. Die Regie­ren­den in der BRD und West­ber­lin ver­hin­der­ten in den 1970er Jah­ren mehr­fach sei­ne Beru­fung an Lehr­stüh­le deut­scher Uni­ver­si­tä­ten und ver­bo­ten ihm die Ein­rei­se. Seit 1982 unter­rich­te­te er als Pro­fes­sor für Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten an der Frei­en Uni­ver­si­tät in Brüssel.

Ernest Man­dels Leben ist Zeug­nis sei­nes bedin­gungs­lo­sen Ein­sat­zes für den revo­lu­tio­nä­ren Sozia­lis­mus, für die IV. Inter­na­tio­na­le – „mei­ner abso­lu­ten Prio­ri­tät“, wie er in sei­nem Tes­ta­ment schrieb. Ein Leben, das geprägt war aus sei­nen eige­nen poli­ti­schen Erfah­run­gen seit sei­ner Jugend. Ein Leben, das gespeist wur­de aus der Tra­di­ti­on eines unver­fälsch­ten Mar­xis­mus, der von dem aus­geht, was ist.

Der nach­fol­gen­de Text beruht auf einem Vor­trag vom Herbst 1994, den Ernest Man­del im Rah­men eines Kol­lo­qui­ums im Züri­cher Kul­tur­zen­trum Rote Fabrik hielt. Wir geben ihn unver­än­dert wie­der, haben aber offen­sicht­li­che Feh­ler kor­ri­giert und Zwi­schen­über­schrif­ten eingefügt.

Erst­mals ver­öf­fent­licht wur­de Man­dels Rede unter der Über­schrift „Nichts gegen jun­ge Bank­an­ge­stell­te …“ in: IG Rote Fabrik/Zürich (Hg.), Kri­se – wel­che Kri­se?, Res Streh­le, Ernest Man­del, Robert Kurz, Maria Mies, Karl Heinz Roth, Ber­lin – Ams­ter­dam (Mai) 1995 (S. 23-35).

Im Vor­wort die­ses Sam­mel­ban­des ist zu lesen: „Ernest Man­del, der uner­müd­li­che Akti­vist der vier­ten Inter­na­tio­na­len, schickt sei­nem Refe­rat ein erhei­tern­des »die­ses Mal irre ich mich nicht« vor­aus und erklärt ein wei­te­res Mal in aktua­li­sier­ter Form sein Modell der »lan­gen Wel­len« der kapi­ta­lis­ti­schen Ent­wick­lung. Das ent­schei­den­de Pro­blem der der­zei­ti­gen Wirt­schafts­po­li­tik sei, daß eine staat­li­che Kon­trol­le über den unge­heu­ren Umfang frei­schwe­ben­der Gel­der prak­tisch unmög­lich sei und eine Sanie­rung des Sys­tems einen sehr hohen Preis ver­lan­ge, so daß die »lan­ge Wel­le« der kapi­ta­lis­ti­schen Depres­si­on anhal­ten werde.“

Nach Ernest Man­dels Tod am 20. Juli 1995 erschie­nen wenig spä­ter ein aus­führ­li­cher Nach­ruf (www.intersoz.org/ernest-mandel-1923-1995/) und sein Züri­cher Vor­trag in einer Son­der­num­mer von Avan­ti – die inter­na­tio­na­le, Zei­tung des Revo­lu­tio­när Sozia­lis­ti­schen Bun­des (RSB)/IV. Internationale.

H. N., 27.03.2023


E. M. bei niederländischer Tagung zu Antikrisentheorien, 29. März 1982. (Foto: Gemeinfrei.)

E. M. bei nie­der­län­di­scher Tagung zu Anti­kri­sen­theo­rien, 29. März 1982. (Foto: Gemeinfrei.)

Seit 1973 befin­det sich die kapi­ta­lis­ti­sche Welt­wirt­schaft in einer lan­gen Depres­si­on, die das, was man im Eng­li­schen „soft landing“ nennt, in abseh­ba­rer Zeit aus­schließt. Inner­halb der lan­gen Depres­si­on, der lan­gen Wel­len, wie das in mei­nem Jar­gon heißt, gibt es den nor­ma­len Kon­junk­tur­zy­klus, also die Auf- und Abbe­we­gun­gen der Pro­duk­ti­on und des Pro­fits. Aber, und das ist das Kenn­zei­chen die­ser lan­gen Wel­le, es kommt beim Kon­junk­tur­auf­schwung nicht zu einem Abbau der Erwerbs­lo­sig­keit. Die­se steigt unun­ter­bro­chen, nicht nur in der Drit­ten Welt, wo sie hor­ren­de For­men ange­nom­men hat, nicht nur in den nach­sta­li­nis­ti­schen Gesell­schaf­ten im Ost­block und der ehe­ma­li­gen UdSSR. Sie steigt auch im Westen.

Um es auf einen ein­fa­chen Punkt zu brin­gen: Die offi­zi­el­len Zah­len sind gefälscht. Vie­le der tat­säch­li­chen Erwerbs­lo­sen – Frau­en, Jugend­li­che und nicht­qua­li­fi­zier­te männ­li­che Arbei­ter – kom­men in der Sta­tis­tik nicht vor, weil, wie es in der zyni­schen Spra­che der bür­ger­li­chen Öko­nom­In­nen so schön heißt, die­se Leu­te vom Arbeits­markt ver­schwun­den sind, sie davon aus­ge­schlos­sen wur­den. Die Haupt­ur­sa­che die­ser Mas­sen­er­werbs­lo­sig­keit ist ein­fach zu erklä­ren, bei­na­he schon eine arith­me­thi­sche Fra­ge. Die drit­te tech­no­lo­gi­sche Revo­lu­ti­on mit der Halb­au­to­ma­ti­sie­rung, Minia­tu­ri­sie­rung und der Stei­ge­rung der mate­ri­el­len Pro­duk­tiv­kräf­te wirkt wei­ter. Ein Bei­spiel aus Bel­gi­en: Einer der klas­si­schen bel­gi­schen Indus­trie- zwei­ge war die Papier­her­stel­lung und alles, was damit zusam­men­hing. Heu­te gibt es in Bel­gi­en eine ein­zi­ge Papier­her­stel­lungs­ma­schi­ne, die täg­lich mehr Papier pro­du­ziert als in ganz Bel­gi­en und Hol­land ver­kauft wer­den kann. Dies nur als Bei­spiel, ich könn­te eine gan­ze Rei­he von ande­ren Bei­spie­len anfüh­ren, die in die­sel­be Rich­tung gehen.

Wel­ches ist die empi­ri­sche Bestä­ti­gung der lan­gen Wel­len − liegt sie allein in der Mas­sen­er­werbs­lo­sig­keit? An und für sich ist das nicht unwe­sent­lich, aber die Ursa­che liegt nicht allein dar­in. Sie hat ihre Ursa­che vor allem in der Repri­va­ti­sie­rung des Gel­des, oder, wie es die land­läu­fi­ge For­mel umschreibt, in der wach­sen­den Glo­ba­li­sie­rung der Welt­wirt­schaft, der wach­sen­den Inter­na­tio­na­li­sie­rung des Kapi­tals, wel­che letz­ten Endes durch die immer stär­ker her­vor­tre­ten­de Stei­ge­rung der Pro­duk­tiv­kräf­te begrün­det ist.

Die Spe­ku­la­ti­on auf den Devi­sen­märk­ten in der Welt wird von den Groß­ban­ken und von einem nicht unbe­deu­ten­den Teil der Groß­in­dus­trie, d. h. vom Kern der kapi­ta­lis­ti­schen Klas­se, getragen.

An die­sem Tat­be­stand läßt sich wenig ändern. Das hat etwas zu tun mit der Glo­ba­li­sie­rung der Welt­wirt­schaft, aber auch mit der tech­no­lo­gi­schen Revo­lu­ti­on im Geld­han­del (das ist nicht genau der rich­ti­ge Aus­druck dafür, aber das ist hier nicht das The­ma). Durch die Anwen­dung der elek­tro­ni­schen Ver­fah­ren auf den Devi­sen­märk­ten kann man in Sekun­den Mil­li­ar­den von Dol­lar von einem Land ins ande­re, von einem Kon­ti­nent in den ande­ren trans­fe­rie­ren. Und die­ser Pro­zeß ent­zieht sich jeg­li­cher Kon­trol­le, auch der­je­ni­gen der Natio­nal­ban­ken. Eine der Fol­gen die­ses rie­si­gen Wachs­tums der Ban­ken­ak­ti­vi­tät ist, daß das durch­schnitt­li­che Niveau der Qua­li­fi­zie­rung der Bank­an­ge­stell­ten kata­stro­phal gesun­ken ist. Es gibt Groß­ban­ken, wel­che die Ver­wal­tung von Mil­li­ar­den von Dol­lar in die Hän­de von ein­zel­nen jun­gen Bank­an­ge­stell­ten (ich habe nichts gegen jun­ge Bank­an­ge­stell­te) legen, die ohne jeg­li­che Erfah­rung sind. Sie ver­wal­ten von einem Tag auf den ande­ren Mil­li­ar­den von Dol­lar und haben sich dabei offen­sicht­lich meh­re­re Male ihre und die Fin­ger ihrer Bank ver­brannt. Das gilt für die Schweiz genau­so wie für die USA, Groß­bri­tan­ni­en und etwas abge­schwäch­ter auch für Frank­reich und Bel­gi­en, wo die Ban­ken­kon­trol­le para­do­xer­wei­se dank der grö­ße­ren Ver­staat­li­chung der Ban­ken seriö­ser ist und es zu weni­ger Skan­da­len kommt.

E. M. bei Veranstaltung zu 50 Jahre IV. Internationale, Mexico-City 1988. (Foto: www.ernestmandel.org.)

E. M. bei Ver­an­stal­tung zu 50 Jah­re IV. Inter­na­tio­na­le, Mexi­co-City 1988. (Foto: www.ernestmandel.org.)

Es gibt Ver­su­che, im Namen der Ren­ta­bi­li­tät soge­nann­te kos­ten­spa­ren­de Ein­grif­fe etwa bei den Unter­richts­aus­ga­ben oder den Aus­ga­ben für die sozia­le Sicher­heit durch­zu­füh­ren. Die­se Logik ist bru­tal und zynisch. Je län­ger die Depres­si­on dau­ert und die Erwerbs­lo­sig­keit steigt, um so geschwäch­ter ist die orga­ni­sier­te Arbei­terln­nen­be­we­gung bzw. -klasse.

Ich mei­ne das im wei­tes­ten Sinn des Wor­tes, nach der Defi­ni­ti­on wie sie Ple­cha­now und Lenin im ers­ten Pro­gramm der rus­si­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie for­mu­liert haben. Die Lohn­ar­bei­terlnn­nen­klas­se besteht aus den­je­ni­gen, die unter dem öko­no­mi­schen Zwang ste­hen, ihre Arbeits­kraft zu ver­kau­fen. Es sind also nicht nur Indus­trie­ar­bei­ter und vor allem nicht nur männ­li­che Indus­trie­ar­bei­ter. Dazu gehö­ren auch die Lohn­ab­hän­gi­gen im öffent­li­chen Dienst, im Dienst­leis­tungs­sek­tor, in allen Bereichen.

Gefähr­li­che Illu­sio­nen des Kapitals
Hin­ter die­ser Offen­si­ve des Kapi­tals, einer neo­kon­ser­va­ti­ven Offen­si­ve im Welt­maß­stab, liegt eine für das Kapi­tal selbst gefähr­li­che – ich wür­de bei­na­he sagen schwach­sin­ni­ge – Illu­si­on: daß die Fol­gen des Sozi­al­staat­ab­baus kei­ne nega­ti­ve Aus­wir­kung auf die bür­ger­li­che Klas­se selbst hät­ten. Das ist grob gesagt Unsinn. Es gibt dafür einen his­to­ri­schen Prä­ze­denz­fall. Der Anfang der moder­nen, öffent­li­chen Hygie­ne (so simp­le Sachen wie die Kana­li­sa­ti­on) lag in der Tat­sa­che begrün­det, daß in der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts armuts­be­ding­te Seu­chen, ich den­ke in ers­ter Linie an die Cho­le­ra, auch in den rei­chen Vier­teln der kapi­ta­lis­ti­schen Groß­städ­te aus­bra­chen. Das Bür­ger­tum fing an, sich dar­um zu sor­gen, nicht aus sozia­lem Gewis­sen, das war nur die nach­träg­li­che Ratio­na­li­sie­rung, son­dern aus Angst. Und heu­te ist das Groß­bür­ger­tum im Welt­maß­stab, ein­schließ­lich der reichs­ten Län­der des Wes­tens, mit einer ähn­li­chen Pro­ble­ma­tik kon­fron­tiert, ohne sich dar­über jedoch Rechen­schaft abzu­le­gen. Armuts­be­ding­te Seu­chen wie Tuber­ko­lo­se und Cho­le­ra grei­fen unver­meid­lich von der Drit­ten Welt in die reichs­ten Län­der des Wes­tens über, und die Illu­si­on, daß die rei­chen Vier­tel davon ver­schont wer­den, ist Irr­sinn. Wie im 19. Jahr­hun­dert wird es schon wegen des Selbst­er­hal­tungs­triebs zu einer Reak­ti­on kom­men, mit Ver­spä­tung, aber mit ver­hee­ren­den Fol­gen für die gesam­te Bevöl­ke­rung der rei­che­ren west­li­chen Länder.
Was die neo­kon­ser­va­ti­ve Ideo­lo­gie kenn­zeich­net, ist eine wie­der­um bei­na­he schwach­sin­ni­ge Unter­schät­zung der Gefah­ren, wel­che die gan­ze Welt­be­völ­ke­rung bedro­hen. Die vier Rei­ter der Apo­ka­lyp­se sind bereits unter­wegs, und wir spü­ren ihren Atem bereits im Nacken. Atom­ener­gie, Krieg und Hun­ger in der Drit­ten Welt wer­den poli­ti­sche Fol­gen haben, wel­che die Demo­kra­tie bedro­hen werden.

Dazu ein fürch­ter­li­ches Bei­spiel. Jedes Jahr ster­ben in der Drit­ten Welt 26 Mil­lio­nen Kin­der aus Hun­ger und auf­grund von leicht heil­ba­ren Seu­chen. Das ist die schreck­li­che Rea­li­tät des Welt­ka­pi­ta­lis­mus heu­te. Wer das nicht sieht, wer davor die Augen ver­schließt und glaubt, das sei unver­meid­lich und nor­mal, ist ein Mensch, der nicht mit den Füßen in der Wirk­lich­keit steht. Es gibt ein altes berühm­tes Wort von Rosa Luxem­burg. Die Mensch­heit hat die Wahl: Sozia­lis­mus oder Bar­ba­rei. Heu­te kön­nen wir mit vol­ler Ver­ant­wor­tung und aus Kennt­nis der Welt­wirk­lich­keit mehr Rea­lis­mus als die Neo­kon­ser­va­ti­ven an den Tag legen und sagen, die Mensch­heit hat die Wahl: Sozia­lis­mus oder phy­si­sche Ver­nich­tung. Nicht nur die der Mensch­heit, son­dern wahr­schein­lich jeg­li­chen Lebens auf die­ser Erde. Zu die­ser The­se fol­gen­des Bei­spiel: Jeder­mann kennt die Fol­gen des Atom­kriegs. Wor­an man nicht oder kaum denkt, ist die Tat­sa­che, daß sich die heu­ti­gen Atom­kraft­wer­ke mit der soge­nann­ten fried­li­chen Nut­zung der Atom­ener­gie, durch den Gebrauch von klas­si­schen Waf­fen nicht nur zu einem, son­dern zu Hun­der­ten von Hiro­shi­mas ent­wi­ckeln könn­ten. Wenn man die­se Atom­kraft­wer­ke mit klas­si­schen Waf­fen beschießt, wer­den sie zu Atom­bom­ben mit all den ver­hee­ren­den, men­schen­ver­nich­ten­den Fol­gen. Und wir haben erlebt, daß sich die­se Fol­gen kei­nes­wegs auf die in unmit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft leben­de Bevöl­ke­rung beschrän­ken. Nach dem Reak­tor­un­fall in Tscher­no­byl war nicht nur die Ukrai­ne ver­strahlt, betrof­fen waren auch Lapp­land und weit öst­lich und west­lich der Ukrai­ne lie­gen­de Länder.

E. M. im Gespräch mit Hugo Blanco u. a. vermutlich Mitte der 1970er Jahre. (Foto: www.ernestmandel.org.)

E. M. im Gespräch mit Hugo Blan­co u. a. ver­mut­lich Mit­te der 1970er Jah­re. (Foto: www.ernestmandel.org.)

Der Kampf für die Abschaf­fung der Atom­kraft­wer­ke ist ein rea­lis­ti­sches Ziel, viel rea­lis­ti­scher als all die beschränk­ten Maß­nah­men, die von inter­na­tio­na­len Instan­zen vor­ge­schla­gen wer­den. Wenn die­ser Unfug nicht ver­schwin­det, droht die Mensch­heit zu verschwinden.
Die Mas­se der Lohn­ab­hän­gi­gen, so wie ich sie vor­her geschil­dert habe, reagiert, und sie reagiert viel stär­ker, als man das noch vor fünf Jah­ren geglaubt hat. Der Umfang die­ser Reak­ti­on kann sehr breit sein. Er wird von einer bewußt­seins­mä­ßi­gen Frech­heit, auf Fran­zö­sisch sagt man „inso­lence“, getra­gen, die alles über­steigt, was aus der Ver­gan­gen­heit bekannt ist.

Als der Obers­te Gerichts­hof der Ver­ei­nig­ten Staa­ten über ein bei­na­he tota­les Abtrei­bungs­ver­bot abstimm­te, sind eine Mil­li­on ame­ri­ka­ni­sche Frau­en auf die Stra­ße gegan­gen und haben gesagt: Wir sche­ren uns einen Dreck um die Gerich­te, wir bestim­men unser Schick­sal selbst. Als vor eini­gen Wochen das ita­lie­ni­sche Par­la­ment unter dem ziem­lich inkom­pe­ten­ten neu­en Pre­mier­mi­nis­ter Ber­lus­co­ni einen Angriff auf die Alters­ren­ten und eini­ge ande­re Sozi­al­ein­rich­tun­gen ver­kün­de­te, sind drei Mil­lio­nen ita­lie­ni­sche Lohn­ab­hän­gi­ge auf die Stra­ße gegan­gen und haben eben­falls gesagt: Wir sche­ren uns einen Dreck, was die­ses Par­la­ment und was die­ser Pre­mier­mi­nis­ter beschlie­ßen, wir bestim­men unser Schick­sal selbst. Es fehlt also nicht an Mas­sen­re­ak­ti­on, in einem Land mehr, in einem ande­ren weniger.

Ein drit­tes Bei­spiel, wor­auf ich beson­ders stolz bin, weil da die Genos­sIn­nen mei­ner Kapel­le doch eine ent­schei­den­de Rol­le gespielt haben: Als der ehe­ma­li­ge bra­si­lia­ni­sche Staats­prä­si­dent, eine total kor­rup­te Figur, sich an die Macht klam­mer­te, sind über eine Mil­li­on Men­schen, geführt durch die PT (die Arbei­terln­nen­par­tei), auf die Stra­ße gegan­gen und haben gefor­dert, die­ses „kor­rup­te Schwein“ muß weg, und sie erreich­ten sei­nen Rück­tritt. Es ist also nicht das Pro­blem, daß es kei­ne Mas­sen­re­ak­tio­nen gibt, aber die­se Mas­sen­re­ak­tio­nen spie­len sich in einem welt­wei­ten Kli­ma der tie­fen Glaub­wür­dig­keits­kri­se des Sozia­lis­mus ab. In den Augen der Mehr­heit der Lohn­ab­hän­gi­gen, männ­li­cher und weib­li­cher, haben der Sta­li­nis­mus und der Nach­sta­li­nis­mus total ver­sagt, eben­so die Sozi­al­de­mo­kra­tie. Für sie gibt es kei­ne glaub­wür­di­ge Alter­na­ti­ve links von die­sen zwei tra­di­tio­nel­len Strö­mun­gen der Arbei­te­rin­nen­be­we­gung und -klas­se. Wir, ich mei­ne damit sämt- liche Kräf­te links vom Neo­sta­li­nis­mus und der Sozi­al­de­mo­kra­tie, wer­den nicht als eine auf abseh­ba­re Zeit rele­van­te, fähi­ge Alter­na­ti­ve ange­se­hen. Man sym­pa­thi­siert mit uns, hält uns für ehr­li­che Leu­te, wir sind kei­ne kor­rup­ten Schwind­ler-Innen, aber man traut uns nicht zu, daß wir uns im Rah­men der von uns befür­wor­te­ten demo­kra­ti­schen Ver­fas­sung durch­set­zen werden.

Ernest Mandel wahrscheinlich Anfang der 1950er Jahre. (Foto: www.ernestmandel.org.)

Ernest Man­del wahr­schein­lich Anfang der 1950er Jah­re. (Foto: www.ernestmandel.org.)

Grün­de für vor­sich­ti­gen Optimismus
Unser Sozia­lis­mus­pro­jekt muß von der Selbst­ver­wal­tung getra­gen wer­den, das heißt von der akti­ven Betei­li­gung der gro-ßen Mehr­heit der Bevöl­ke­rung. Das kann nicht gesche­hen, wenn man nicht dar­an glaubt. Das führt zu einem grund­le­gen­den Wider­spruch. Die gro­ßen Mas­sen­be­we­gun­gen, die ich auf­ge­zählt habe, sind frag­men­tiert und dis­kon­ti­nu­ier­lich und kön­nen des­halb in unmit­tel­ba­rer Zukunft noch von der bestehen­den Ord­nung, in ers­ter Linie von den staats­tra­gen­den Par­tei­en inklu­si­ve der Sozi­al­de­mo­kra­tie und den neo­so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Euro­komu­nistln­nen, reinte­griert werden.

Die­ses Pro­blem kann man nicht theo­re­tisch, son­dern nur in der Pra­xis lösen. Es muß etwas Ähn­li­ches (ich sage das jetzt ganz ver­kürzt, his­to­ri­sche Ana­lo­gien sind nie rich­tig, immer hypo­the­tisch) gesche­hen wie die Rus­si­sche, Deut­sche oder Spa­ni­sche Revo­lu­ti­on, wel­che die Men­schen durch ihren Inhalt und ihre prak­ti­sche Wir­kung über­zeugt. Wann das gesche­hen wird, weiß kein Mensch, viel­leicht wird es zehn Jah­re dau­ern, viel­leicht zwan­zig, viel­leicht drei­ßig. Aber eines kann ich mit gro­ßer Selbst­si­cher­heit sagen: Was noch vor fünf Jah­ren als unver­meid­lich erschien, der welt­wei­te Tri­umph des Neo­kon­ser­va­ti­vis­mus, das wird in den kom­men­den Jah­ren als völ­lig illu­so­risch erschei­nen. Die Welt wird in fünf Jah­ren ganz anders aus­se­hen als heu­te. Ich möch­te zwei Grün­de für die­sen vor­sich­ti­gen Opti­mis­mus ange­ben. Den einen Grund hat der gro­ße eng­li­sche Revo­lu­tio­när Shel­ley in einem kur­zen Satz zusam­men­ge­faßt: We are many, they are few. Wir haben die Macht der gro­ßen Zah­len hin­ter uns. Ich möch­te das mit einer Zahl, die Sie wahr­schein­lich erschre­cken wird, bestä­ti­gen: Im Welt­maß­stab ist die Klas­se der Lohn­ab­hän­gi­gen auf min­des­tens eine Mil­li­ar­de Men­schen gestie­gen, und sie steigt ununterbrochen.

Ich möch­te zwei Zah­len nen­nen: In Indi­en gibt es über 100 Mil­lio­nen Lohn­ar­bei­terlnn­nen, ohne das, was man im Marx­schen Sin­ne als Halb­pro­le­ta­ri­at bezeich­net, mit­zu­rech­nen, das heißt die armen Bau­ern und Bäue­rin­nen, die einen Teil des Jah­res gezwun­gen sind, als Lohn­ar­bei­terln­nen zu arbei­ten, weil sie sonst nicht genug zu essen haben. In Chi­na gibt es über 300 Mil­lio­nen Lohn­ar­bei­terln­nen, das Halb­pro­le­ta­ri­at aus den Dör­fern nicht mit­ge­zählt. Sie kön­nen jeden Tag in nicht­mar­xis­ti­schen, seriö­sen Tages­zei­tun­gen lesen, daß durch eine Rei­he von Wirt­schafts­pro­zes­sen, die ich jetzt hier nicht im Ein­zel­nen beschrei­ben will, Dut­zen­de Mil­lio­nen armer Bau­ern und Bäue­rin­nen in die Städ­te wan­dern, um zu ver­su­chen, sich als Arbeits­kraft zu ver­din­gen, weil sie auf dem Dorf ver­hun­gern, und daß die Regie­rung eine rie­si­ge Angst vor den poli­ti­schen Fol­gen die­ser Mas­sen­flucht hat. Das ist eine der gro­ßen his­to­ri­schen Vor­aus­sa­gen von Karl Marx, die Wirk­lich­keit gewor­den ist, und die ihn nicht zu einem Kapi­ta­lis­mus­kri­ti­ker des 19. Jahr­hun­derts macht, son­dern zu einem genia­len Pro­phe­ten des 21. Jahrhunderts.

Zu der Zeit, als Marx die­se The­se auf­stell­te, wider­setz­ten sich die Lohn­ar­bei­te­rin­nen gegen die unmit­tel­ba­ren Fol­gen der kapi­ta­lis­ti­schen Aus­beu­tung und Unter­drü­ckung. Meist ende­ten die­se Kämp­fe mit Nie­der­la­gen. Aber eines lern­ten die lohn­ab­hän­gi­gen Klas­sen aus die­sen Nie­der­la­gen: die Not­wen­dig­keit, sich zu orga­ni­sie­ren. Als Marx das schrieb, gab es in der gan­zen Welt wahr­schein­lich nicht mehr als hun­dert- oder hun­dert­fünf­zig­tau­send orga­ni­sier­te Lohn­ab­hän­gi­ge. Heu­te gibt es kein Land, kei­ne Insel, kei­ne auch so abge­le­ge­ne Gesell­schaft, wo es nicht eine orga­ni­sier­te Lohn­ar­bei­terln­nen­schaft gibt. Die­ser Trend wird sich verstärken.

Es gibt einen zwei­ten Grund für mei­nen vor­sich­ti­gen Opti­mis­mus. Die­sen Grund möch­te ich mit einer Anek­do­te umschrei­ben − die Geschich­te der drei Frö­sche: Drei Frö­sche sind in ein Milch­faß gefal­len. Der ers­te Frosch, der neo­kon­ser­va­ti­ve Frosch, sag­te: „Wir sind ja sowie­so ver­lo­ren, das ist nichts ande­res als die Erb­sün­de, Frö­sche sind schlecht, blei­ben schlecht, sind zum Unter­gang ver­ur­teilt“ Er blieb untä­tig und ertrank. Der zwei­te, sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Frosch, ohne Zwei­fel etwas sym­pa­thi­scher als der ers­te, mein­te: „Och, das ist alles halb so wild, wir wer­den schon eine Lösung fin­den, es wird schon noch“. Er tat nichts und ertrank eben­falls. Der drit­te Frosch, sagen wir mal der sozia­lis­ti­sche, kom­mu­nis­ti­sche Frosch, man kann ihn nen­nen wie man will, (nicht nur auf mei­ne Kapel­le bezo­gen), sag­te: „Was haben wir denn zu ver­lie­ren, wir sehen, die bei­den ande­ren Frö­sche sind ertrun­ken, laßt uns so viel zap­peln wie wir kön­nen, es kann doch nur bes­ser sein, als nichts zu tun.“ Und er zap­pel­te wie wild, und sie­he da, die Milch ward zu But­ter, der lin­ke Frosch konn­te her­aus­sprin­gen und ward geret­tet. Das ist ein Plä­doy­er für Akti­on, für Akti­vi­tät, für Tätig­keit, für Wider­stand, für Rebel­li­on, für das, was wir mit der For­mel Soli­da­ri­tät umschrei­ben − Koope­ra­ti­on in welt­wei­tem Aus­maß, ohne Dif­fe­ren­zie­rung, ohne Segre­ga­ti­on, ohne Zer­split­te­rung, ohne die Unter­ord­nung eines Teils der Aus­ge­beu­te­ten und Unter­drück­ten unter irgend­ein höhe­res Ziel. Es gibt kein höhe­res Ziel als die Eman­zi­pa­ti­on, im wei­tes­ten Sin­ne des Wortes.

Gefahr der Entsolidarisierung
Und hier kommt eine nicht zu unter­schät­zen­de Gefahr auf uns zu: Wor­auf spe­ku­liert das Groß­ka­pi­tal? Es spe­ku­liert dar­auf, daß die Ideo­lo­gie der Zer­split­te­rung, der Indi­vi­dua­li­sie­rung, der Ent­so­li­da­ri­sie­rung auf die Klas­se der Lohn­ab­hän­gi­gen selbst über­greift. Wir müs­sen uns klar sein, daß es sich um einen rea­len und selbst­mör­de­ri­schen Trend han­delt und daß die­ser ver­hee­ren­de Fol­gen haben kann, wenn es zu einer neu­en, höhe­ren Wel­le der Wirt­schafts­de­pres­si­on und der Erwerbs­lo­sig­keit kommt.

Schon Albert Ein­stein, kein Mar­xist, ein reli­giö­ser Sozia­list und ein klu­ger Mann, hat in den 30er Jah­ren die lapi­da­re For­mel auf­ge­stellt: Man kann den Faschis­mus nicht bekämp­fen, wenn man nicht die Erwerbs­lo­sig­keit radi­kal aus­schal­tet. Das ist heu­te genau­so wahr wie damals. Und die gro­ße Gefahr ist, daß, wenn es anstatt des heu­ti­gen Umfangs der Erwerbs­lo­sig­keit zu zwei- oder drei­mal mehr Erwerbs­lo­sen kommt, bei der nächs­ten Wel­le der Depres­si­on, der Rezes­si­on im Rah­men die­ser Depres­si­on, daß dann die Gefähr­dung der poli­ti­schen Demo­kra­tie, die Gefähr­dung der Men­schen­rech­te auf die Tages­ord­nung gesetzt wird. Dann ver­brei­tet sich Ras­sen­haß, Juden­haß, Haß gegen die Schwar­zen, die Asia­tIn­nen, eng­stir­ni­ger Natio­na­lis­mus welt­weit in abso­lut irra­tio­na­ler Wei­se. In Japan, wo es prak­tisch nie Juden oder Jüdin­nen gege­ben hat, wird das klas­si­sche Fäl­schungs­pro­dukt, die Pro­to­kol­le der Wei­sen von Zion, das Hit­ler in einem gro­ßen Maße ani­miert und inspi­riert hat, mas­sen­wei­se ver­brei­tet und fin­det Anklang.

Eine Umfra­ge hat erwie­sen, daß 35 Pro­zent der japa­ni­schen Bevöl­ke­rung, wel­che nie einen Juden oder eine Jüdin gese­hen haben, glau­ben, daß es eine Welt­ver­schwö­rung des inter­na­tio­na­len Juden­tums gibt, woge­gen man sich wider­set­zen müs­se. In der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on, heu­te das Land mit dem größ­ten Anti­se­mi­tis­mus, gibt es Irr­sin­ni­ge, man kann sie ja nicht anders nen­nen, die mit Hit­ler-Bil­dern auf ihren T-Shirts her­um­spa­zie­ren und behaup­ten, Hit­ler habe nur einen Feh­ler began­gen, er habe zuwe­nig Juden umge­bracht, sie wür­den es das nächs­te Mal bes­ser tun. Und das in einem Land, wo die Nazis min­des­tens 30 Mil­lio­nen Men­schen umge­bracht haben. Das ist völ­li­ger Irr­sinn, aber man kann von die­sen Leu­ten nicht ratio­na­le Argu­men­te erwar­ten, man kann sie nur in der Pra­xis besie­gen, und das bedeu­tet, wie bereits gesagt, die Erwerbs­lo­sig­keit mit einer sofor­ti­gen radi­ka­len Ver­kür­zung der Arbeits­zeit auf maxi­mal 30 Arbeits­stun­den pro Woche zu bekämp­fen. Das ist die ein­zi­ge Mög­lich­keit, die­se fürch­ter­li­che Gefahr, die da auf uns zukommt, im Welt­maß­stab zu besiegen. 
Hier muß man eines unter­strei­chen. Es gibt kei­ne beschränk­te Soli­da­ri­tät, das ist unmög­lich. Wenn der Wil­le zur Soli­da­ri­sie­rung und zur Koope­ra­ti­on bei einem ent­schei­den­den Teil der Lohn­ab­hän­gi­gen ver­schwin­det, dann fängt es mit dem eng­stir­ni­gen Natio­na­lis­mus, Land gegen Land, an. Ein klas­si­sches Bei­spiel sind die USA. Die Lohn­ab­hän­gi­gen in der Auto­mo­bil­in­dus­trie sagen: Die Japa­ner sind schuld an unse­rer wirt­schaft­li­chen Kri­se. Zusam­men mit den Unter­neh­mern set­zen sie sich für eine pro­tek­tio­nis­ti­sche Poli­tik gegen den Import von japa­ni­schen Autos ein. Das ist öko­no­misch total sinnlos.

Aber so fängt es an: Nach Land gegen Land wird es zu Pro­vinz gegen Pro­vinz, Stadt gegen Stadt, Stadt­teil gegen Stadt­teil kom­men, so weit ist es schon in einer gan­zen Rei­he von Län­dern. Soli­da­ri­tät kommt ent­we­der gene­rell unbe­schränkt und im Welt­maß­stab, ohne jeg­li­che Form der Dis­kri­mi­nie­rung zum Tra­gen, oder sie wirkt nicht und ist irrele­vant. Davon kön­nen wir aus­ge­hen, und ich hege einen mil­den, gemä­ßig­ten Opti­mis­mus. Die größ­ten Erzie­her zur gren­zen­lo­sen Soli­da­ri­tät sind ja die Mul­tis selbst. Die Mul­tis kom­men heu­te und sagen mit dro­hen­dem Zei­ge­fin­ger: „Wenn man uns kei­ne Zuge­ständ­nis­se macht, dann ver­la­gern wir den Arbeits­platz nach einem Bil­lig­lohn­land.“ Das kön­nen sie machen, es gibt immer Län­der mit nied­ri­ge­rem Lohn.

Die ein­zi­ge mög­li­che und rea­lis­ti­sche Ant­wort auf die­se Stra­te­gie ist eine welt­wei­te Soli­da­ri­tät und Koope­ra­ti­on aller Lohn­ab­hän­gi­gen unter­ein­an­der. Das ist nicht leicht durch­zu­set­zen, da mache ich mir kei­ne Illu­si­on, das kann Jah­re dau­ern. Ich habe ein­mal das Wort geprägt, es mag ein biß­chen selt­sam klin­gen: Heu­te ist die größ­te Waf­fe in den Hän­den von kämp­fe­ri­schen Gewerk­schaft­erln­nen das Adreß­buch, oder etwas moder­ner – das Fax-Gerät. Und dann der ein­fa­che Ent­schluß, sobald irgend­ei­ne Ver­la­ge­rung von Arbeits­plät­zen in einem Betrieb statt­fin­det, die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen aller Betrie­be, die in die­sem Arbeits­zweig arbei­ten, auf der gan­zen Welt zu infor­mie­ren und zu fra­gen: Was machen wir dage­gen? Anfangs wer­den sie nicht viel machen, dann mehr und mehr, und dann wer­den sie dafür sor­gen, daß gemein­sam welt­weit gehan­delt wird. Das wird Wirk­lich­keit wer­den. Wie lan­ge es dau­ern wird, weiß ich nicht, aber der Zeit­punkt wird kommen.

E. M. bei Kongress über Kapitalismus in Tilburg, 10. September 1970. (Foto: Gemeinfrei.)

E. M. bei Kon­gress über Kapi­ta­lis­mus in Til­burg, 10. Sep­tem­ber 1970. (Foto: Gemeinfrei.)

Wider­stand, Rebel­li­on, unbe­grenz­te Solidarität
Natür­lich ist es nicht ein­fach. Men­schen agie­ren nicht für etwas, wor­an sie nicht glau­ben. Ich beto­ne noch­mals: Die welt­wei­te Glaub­wür­dig­keits­kri­se des Sozia­lis­mus hat ohne Zwei­fel zu Ten­den­zen der Dif­fe­ren­zie­rung und Ent­po­li­ti­sie­rung inner­halb der Lohn­ar­bei­terln­nen­schaft geführt. Zudem gibt es ver­schie­de­ne Niveaus des Arbeits­platz­schut­zes. Es gibt die im Gro­ßen und Gan­zen noch immer voll geschütz­ten Lohn­ab­hän­gi­gen, es gibt die nur teil­wei­se geschütz­ten, ent­qua­li­fi­zier­ten, und es gibt die über­haupt nicht mehr geschützten.

Als trau­ri­ges und sym­bo­li­sches Bei­spiel möch­te ich die Situa­ti­on im Pari­ser Fau­bourg Saint-Antoine anfüh­ren, wo fünf Revo­lu­tio­nen ange­fan­gen haben. Dort gibt es einen Platz, wo jeden Mor­gen ille­ga­le Immi­gran­tIn­nen, wel­che von den Unter­neh­me­rIn­nen nach Gut­dün­ken erpreßt wer­den kön­nen, her­um­ste­hen und sich zu Hun­ger­löh­nen ver­din­gen. Die Löh­ne sind noch immer etwas höher als die Hun­ger­löh­ne, die sie in ihrer Hei­mat erhal­ten. Die Unter­neh­merln­nen kön­nen mit ihnen anfan­gen, was sie wol­len, sie erpres­sen und sie benut­zen, um den Durch­schnitts­lohn zu drü­cken, was sie selbst­re­dend auch tun. Aber jetzt möch­te ich die Gegen­sei­te der Me- dail­le zei­gen. Gleich­zei­tig hat die­se wach­sen­de Spal­tung der Lohn­ab­hän­gi­gen­klas­se zu einem von der Unter­neh­mer­schaft gänz­lich uner­war­te­ten Ergeb­nis geführt.

Die ent­qua­li­fi­zier­ten Lohn­ar­bei­terln­nen sind zu einem akti­ven, selbst­be­wuß­ten Wider­stand unfä­hig, aber gleich­zei­tig fin­det ein wach­sen­des Selbst­be­wußt­sein unter den hoch­qua­li­fi­zier­ten Lohn­ab­hän­gi­gen statt. Es gibt ein geflü­gel­tes Wort, das am ers­ten Kon­greß der pol­ni­schen Soli­dar­nosc von einem Genos­sen (der jetzt Mit­glied der IV. Inter­na­tio­na­le gewor­den ist) geprägt wur­de: „die da oben, kor­rupt und inkom­pen­tent“. Das „kor­rupt“ ist nichts Neu­es, aber das „inkom­pe­tent“, das ist eine rie­si­ge Ände­rung in der Men­ta­li­tät eines Teils der Arbei­terln­nen­klas­se. Ich habe Arbei­ter­schu­lungs­kur­se und Gewerk­schafts­schu­lungs­kur­se durch­ge­führt, in den letz­ten zwan- zig, fünf­und­zwan­zig Jah­ren wahr­schein­lich vor mehr als 100.000 Gewerk­schaft­erln­nen gespro­chen. Die all­ge­mei­ne Reak­ti­on der Arbei­te­rIn­nen und Gewerk­schaft­erln­nen, die an die­sen Kur­sen teil­nah­men, war: Naja, was du da sagst, ist alles sehr schön, wir kön­nen froh sein, wenn sich das in die Tat umsetzt, aber wie kön­nen wir denn ohne Tech­ni­ker, Inge­nieu­re, Fabrik­di­rek­to­ren aus­kom­men, dazu haben wir die Fähig­keit doch gar nicht. Das hat sich jetzt geän­dert, und es heißt: Wir kön­nen es bes­ser als die Inge­nieu­re, die kön­nen es nur theo­re­tisch, wir haben die täg­li­che Pra­xis im Betrieb. Sie wer­den ihnen auf die Schul­ter klop­fen, ohne Gewalt, die ist gar nicht not­wen­dig, und sagen: Geht weg, ihr seid unnö­tig, wir brau­chen euch nicht, wir kön­nen es bes­ser als ihr. 
Das ist eine gro­ße Ände­rung in der Men­ta­li­tät. Ich gebe ger­ne zu, es han­delt sich nur um einen Bruch­teil der Lohn­ar­bei­te­rIn­nen, aber immer­hin. Wir haben hier eine prak­ti­sche Anwen­dung von dem, was ich in mei­nem Refe­rat her­vor­he­ben will, näm­lich daß der Begriff Lohn­ar­bei­terln, die Klas­se der Lohn­ab­hän­gi­gen, ein gesamt­ge­sell­schaft­li­cher Begriff ist. Wenn man ihn auf männ­li­che Arbei­ter in der klas­si­schen Groß­in­dus­trie beschränkt, dann geht die­se Zahl zurück, nicht in allen Län­dern, sie ver­la­gert sich, geht aber im Welt­maß­stab zurück. Das ist aber eine fal­sche Defi­ni­ti­on, nicht allein aus theo­re­ti­schen, son­dern aus prak­ti­schen Erwä­gun­gen. Ein Bei­spiel: Berg­ar­bei­ter, Stahl­ar­bei­ter oder Arbei­ter in der Maschi­nen­bau­in­dus­trie konn­ten auch in der bes­ten Zeit die kapi­ta­lis­ti­sche Wirt­schaft nicht völ­lig lahm­le­gen. Das haben sie nie gemacht und nie gekonnt. Aber Bank­an­ge­stell­te kön­nen das mit viel grö­ße­rer Wirk­sam­keit. Arbei­te­rIn­nen des Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­sek­tors kön­nen heu­te mit viel grö­ße­rer Wirk­sam­keit die kapi­ta­lis­ti­sche Wirt­schaft kom­plett lahm­le­gen. Nir­gends kann eine kapi­ta­lis­ti­sche Wirt­schaft ohne Ban­ken funk­tio­nie­ren, das ist unmög­lich. Nach einer Woche wür- de die Wirt­schaft zusam­men­bre­chen. Ich stel­le fest, daß in meh­re­ren Län­dern in der Welt, ich könn­te meh­re­re auf­zäh­len, inklu­si­ve Bel­gi­en, bei den Bank­an­ge­stell­ten der Grad des Selbst­be­wußt­seins und des Wil­lens zur Durch­set­zung ihrer poten­ti­el­len gesell­schaft­li­chen Macht steigt. Das sind kei­ne rosi­gen Aus­sich­ten für die bür­ger­li­che Klas­se, und sie macht sich dar­über zu Recht gro­ße Sorgen. 
Die Schluß­fol­ge­rung lau­tet also: Wider­stand, Rebel­li­on, unbe­grenz­te Soli­da­ri­tät. Die unbe­grenz­te Über­zeu­gung, daß letz­ten Endes die lohn­ab­hän­gi­gen Men­schen, die 99 Pro­zent der Welt­be­völ­ke­rung aus­ma­chen, ihr Schick­sal selbst in die Hän­de neh­men und bestim­men können.


* [Der vor­lie­gen­de Text ist in der Theo­rie­bei­la­ge zu Avan­ti² von April 2023 unter der ursprüng­li­chen Über­schrift „Nichts gegen jun­ge Bankangestellte …
Die ‚lan­gen Wel­len‘ der kapi­ta­lis­ti­schen Ent­wick­lung“ ver­öf­fent­licht wor­den. Die dama­li­ge Schreib­wei­se haben wir beibehalten.]

Aus Theo­rie­bei­la­ge Avan­ti² Rhein-Neckar Okto­ber 2026
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