„Fest und klar und heiter sein, ja heiter trotz alledem“*
W. A.
Liebe Bärbel,
nes 90. Geburtstag einige Worte an Dich richten zu dürfen.

Barbara Schulz am 6. Juni 2026 in Hamburg. (Foto: M.L.)
Nur wenigen Menschen ist es vergönnt, auf neun Jahrzehnte eines so engagierten wie erfüllten Lebens zurückblicken und zudem weiterhin selbständig im Hier und Jetzt sein zu können.
An einem Tag wie dem heutigen mischen sich vielleicht noch mehr als sonst zahllose Erinnerungen an das scheinbar Vergangene mit dem konkreten Erleben der von kleinen wie großen Umbrüchen geprägten Gegenwart und den − noch nicht erfüllten − Hoffnungen für die Zukunft.
Als Du am 20. Mai 1936 in Niederschlesien das Licht der Welt erblickst und den Namen Barbara Meusel erhältst, marschiert diese Welt in Richtung der „Mitternacht des [20.] Jahrhunderts“. Drei Jahre zuvor ließ sich die größte, am besten organisierte − aber gespaltene − Arbeiterbewegung der Welt vom Hitler-Faschismus weitestgehend widerstandlos zerschlagen. Der Weg zur Entfesselung des Zweiten Weltkriegs, zur Organisation des Holocaust und zu weiteren ungeheuren Verbrechen war frei.
Anfang 1945 wirst Du als junges Mädchen mit Deiner Familie evakuiert. Das in Thüringen gelegene Städtchen Bad Frankenhausen wird Euer Zufluchtsort. Im Schatten des schiefen Kirchturms und unweit des blutigen Schlachtfelds des großen Bauernaufstands von 1525 besuchst Du das Gymnasium – und lernst erste Schritte der Widerständigkeit in der sich festigenden stalinistischen Diktatur der DDR.
Nach der Flucht in den Westen studierst Du zunächst in Göttingen Deutsch und Geschichte. 1956 zieht es Dich für ein Semester an die Universität Hamburg. Du sympathisiert mit dem SDS und engagierst Dich für dessen Ziele. Auf einer politischen Veranstaltung triffst Du zufällig den führenden SDS-Aktivisten Hans-Jürgen Schulz. Aber dies bleibt keine Zufallsbekanntschaft. Gemeinsam beteiligt Ihr Euch an einem Austausch von Studentinnen und Studenten der Universitäten Hamburg und Leipzig. Nachdem Hans-Jürgen sein Volkswirt- schaftsstudium mit dem Diplom abgeschlossen hat, heiratet ihr am 21. Dezember 1959.
Eure Partnerschaft ist für Hans-Jürgen Zeit seines Lebens eine Quelle der Kraft, der kritischen Ermutigung und der Solidarität. 1961 wird Euer Sohn Jörn geboren, dem ihr viele Freiheiten für eine eigenständige Entwicklung lasst.
Nach dem Abschluss Deines eigenen Studiums arbeitest Du, liebe Bärbel, lange Jahre als Gymnasiallehrerin in Hamburg. Deine Motivation ist es, jungen Menschen Wissen für das Leben beizubringen. „Frau Schuhulz“ wird sowohl von ihrem Kollegium als auch ihren Klassen sehr geschätzt. In der GEW engagierst Du Dich für die Belange der Lehrerschaft.
Natürlich wirst Du ebenso wie Hans-Jürgen von der 68er Rebellion beeinflusst. Nicht nur der Kampf gegen Militarismus, Faschismus, Reaktion und soziale Ungleichheit sind für Dich wichtig, sondern auch der Einsatz für die Befreiung der Frauen und die internationale Solidarität sind sehr wesentliche Bezugspunkte.
Neben Deiner langjährigen Unterstützung der NSSP in Sri Lanka ist insbesondere Dein Einsatz für die „Solidarität mit Solidarnosc“ hervorzuheben. Du selbst berichtest eindrucksvoll über die Besuche in Polen nach der Verhängung des Kriegsrechts. Gemeinsam mit Hans-Jürgen verbreitest Du illegal die im Kleinstformat in Montreuil gedruckte polnische Inprekorr bei Gewerkschaftskontakten.
Im November 1982 wird ein von Euch organisierter Transport mit Hilfsgütern von den DDR-Grenzern akribisch durchsucht – und sie werden fündig bei der Suche nach „trotzkistischer“ Konterbande. Eine 18-tägige Haft im Knast der „Staatssicherheit“ und die persönliche „Fürsorge“ von Stasi-Boss Mielke waren die Folge. Erst eine internationale Solidaritätskampagne führt zu Eurer Freilassung.
Dein Engagement für die Befreiung der Frauen ist ungebrochen. Deine zahlreichen Artikel und Kurzmeldungen behandeln eine große Bandbreite von Aspekten der Frauenunterdrückung – sei es die Ungleichheit bei Löhnen, sei es die Gewalt gegen Frauen als Mittel der Kriegsführung. Sie alle sind auch heute noch – trotz aller Zeitbedingtheit – sehr lesenswert. Aber Du befasst Dich noch mit viel mehr als mit dem Kampf gegen diese und andere Verbrechen. Du erinnerst an Kämpferinnen wie Flora Tristan, Clara Zetkin oder Anna Walentynowicz. Du berichtest über Gewerkschaftskundgebungen oder über die Betriebsbesetzung bei Strike Bike. Und natürlich setzt Du Dich auch mit der grundlegenden Frage „Sozialismus und Frauen- befreiung“ auseinander.
Seit den Anfängen des RSB 1994 bist Du in unserer damaligen Organisation sehr aktiv. Du streitest für Gerechtigkeit in kleinen organisationsinternen wie in großen gesellschaftlichen Fragen. Ein „Recht des Stärkeren“ ist für Dich unakzeptabel. Keine Frage ist, dass Du auch bei der Gründung der ISO dabei bist und Dich kritisch einbringst.
Deine Beharrlichkeit, Bescheidenheit, Freundlichkeit und Offenheit zeichnen Dich aus. Es wäre zu platt, wenn wir uns jetzt auf Brechts Worte beziehen würden: „Aber die Stärksten kämpfen Ihr Leben lang. Diese sind unentbehrlich.“
Viel bedenkenswerter sind deshalb auch heute noch Rosa Luxemburgs am 28. Dezember 1916 im Gefängnis verfasste Zeilen an ihre Freundin Mathilde Wurm: „Mensch sein ist vor allem die Hauptsache. Und das heißt: fest und klar und heiter sein, ja heiter trotz alledem und alledem.“
